Dysgeusie: Geschmacksstörungen haben viele Ursachen

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Der Geschmackssinn mag in unseren Breiten kaum noch überlebenswichtig sein, doch für die Lebensqualität spielt er eine enorme Rolle. Umso schlimmer, wenn er nachlässt oder gar verloren geht. Dann leidet der Genuss und damit die Seele. Die Ursachen für eine Dysgeusie sind vielfältig. Die Diagnostik gestaltet sich aufwändig und die Therapie zuweilen schwierig.

Süß, salzig, sauer, bitter und umami (fleischig-herzhaft), nach neueren Erkenntnissen anscheinend auch fettig, weiß der menschliche Geschmackssinn normalerweise (Normogeusie; griech.: geũsis  = Geschmack) zu unterscheiden. Dafür zuständig sind die sogenannten Geschmacksknospen, von denen mehrere Tausend auf Zunge und Gaumen sitzen, drei Hirnnerven, die die Informationen der Geschmacksknospen zum Gehirn weiterleiten und eine Hirnregion, die diese Informationen zu Sinneseindrücken, sprich Geschmackswahrnehmungen, verarbeitet. Wird der Geschmackssinn beeinträchtigt, ist das zwar nicht akut lebensbedrohlich, auch wenn manche Geschmacksempfindungen Warncharakter (z.B. verdorbene Lebensmittel) haben. Es mindert aber einschneidend die Lebensqualität, denn Nahrungsmittel (richtig) schmecken zu können, bedeutet vor allem Genuss. Darunter kann die Seele so sehr leiden, dass sich sogar eine Depression entwickelt.

Arten von Geschmacksstörungen

Eine Dysgeusie (Geschmacksstörung, Schmeckstörung, Geschmackssinnstörung) ist entweder qualitativer (Geschmacksreize werden anders als normal wahrgenommen) oder quantitativer (Geschmacksreize werden stärker oder schwächer als normal wahrgenommen) Natur.

Zu den qualitativen Geschmacksstörungen gehören

  • die Parageusie: Geschmacksreize werden anders erlebt als normal. Dazu gehört auch die Kakogeusie: Es besteht ein unangenehmer Geschmack im Mund, häufig als Zeichen einer Erkrankung des Verdauungskanals oder einer Stoffwechselstörung. Geschmacksreize werden durchwegs als übelschmeckend eingestuft.
  • die Phantogeusie: Es treten Geschmacksempfindungen auf, obwohl kein Geschmacksreiz wie z.B. Nahrung im Mund vorhanden ist.

Quantitative Geschmacksstörungen sind

  • die Hypergeusie: intensiveres Geschmacksempfinden als normal, Überempfindlichkeit gegenüber Geschmacksreizen.
  • die Hypogeusie: weniger starke Wahrnehmung von Geschmacksreizen als normal, entwickelt sich  physiologischerweise (Abnahme der Geschmacksrezeptorenzahl) in fortgeschrittenem Alter, wobei die Empfindung “süß“ am wenigsten nachlässt.
  • die Ageusie: entweder komplett (totaler Ausfall der Geschmackswahrnehmung), funktionell (erheblich eingeschränkte Geschmackswahrnehmung) oder partiell (fehlende Wahrnehmung eines bestimmten Geschmacksstoffs) erloschenes Geschmacksempfinden.

Geschmacksstörungen treten häufig in Kombination mit Geruchsstörungen auf, gesamt gesehen aber viel seltener als letztere. Allein vorkommende Dysgeusien sind meist qualitativer Art.

Wodurch Geschmacksstörungen entstehen

Abhängig vom Entstehungsort unterscheidet man zwischen

  • epithelialen Ursachen: durch vorübergehende oder bleibende Schädigungen der Geschmacksknospen, z.B. bei Entzündungen der Zunge oder Mundschleimhaut (z.B. Vitamin B12- oder Eisenmangel), Infekten (z.B. Grippe), Leber- und Nierenleiden, Diabetes, Autoimmunerkrankungen (z.B. Sjögren-Syndrom), einer Schilddrüsenunterfunktion, Strahlen- oder Chemotherapie, Einwirkung von Zellgiften wie Alkohol oder Nikotin, infolge von Medikamenten-Nebenwirkungen (z.B. Chlorhexidin, bestimmte Antibiotika, Pilzmittel, Blutdrucksenker, Psychopharmaka oder Zytostatika), einer mangelhaften Mundhygiene oder Sialopenie (ungenügende Speichelproduktion).
  • nervalen Ursachen: durch Schädigungen der am Geschmacksempfinden beteiligten Hirnnerven, z.B. bei entzündlichen oder degenerativen Nervenerkrankungen, Schädelbasisbrüchen, Zahnbehandlungen, chirurgischen Eingriffen im Hals-, Nasen-, Ohrenbereich wie Ohroperationen, einer Tonsillektomie (Entfernung der Gaumenmandeln) oder Neck dissection (Entfernung der Halslymphknoten).
  • zentralen Ursachen: durch Schädigungen der Schmeckbahn im Gehirn, z.B. bei Vergiftungen, Hirntumoren, Hirnstammverletzungen, Multipler Sklerose, neurodegenerativen Erkrankungen (z.B. M. Alzheimer), bestimmten Formen von Epilepsie oder im Rahmen eines posttraumatischen Anosmie-Ageusie-Syndroms (Riech- und Geschmackswahrnehmungsverlust nach Unfall oder Gewalteinwirkung).

Zudem gibt es – sehr selten – angeborene Schmeckstörungen.

Dysgeusien erkennen

Mittels Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) eruiert der Hausarzt neben Vorerkrankungen, Alkohol- und Nikotinkonsum sowie Medikamentengebrauch, um welche Art der Geschmacksstörung es sich handelt, indem er nachfrägt, ob gar nichts mehr geschmeckt wird oder der Geschmackssinn nur eingeschränkt ist bzw. die Dysgeusie lediglich einen einzelnen Geschmacksstoff betrifft. Auch ob eine Überempfindlichkeit gegenüber Geschmacksreizen (Hypergeusie) oder ein verändertes Geschmacksempfinden besteht. Außerdem seit wann die Dysgeusie auftritt, ob die Beschwerden gleich bleiben oder wechseln sowie ob es weitere Symptome neben der Geschmacksstörung gibt wie z.B. Geruchs-, Seh- oder Gefühlsstörungen (z.B. in den Armen und Beinen), Schwindel oder Kopfschmerzen.

Es folgt eine optische Begutachtung des Mund-Rachen-Raums (v.a. der Zunge) und der Nase beim Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Dann finden zur Prüfung des Schmeckvermögens Geschmackstests (klassische Gustometrie, Chemogustometrie) statt, indem eigens für diesen Zweck hergestellte Testlösungen unterschiedlicher Geschmacksrichtungen (z.B. Zuckerlösung, Kochsalzlösung, Zitronensäure, Chinin) auf die Zunge getropft oder gestrichen werden. Manche Tests messen, in welcher Konzentration ein Geschmacksstoff gerade noch wahrgenommen wird. Andere erfordern die Beurteilung der Intensität von Geschmacksproben und wieder andere sind darauf ausgelegt, bestimmte Geschmacksproben zu erkennen.

Eine weitere Methode zur Testung des Geschmackssinns ist die Elektrogustometrie, bei der per geringem, an die Zunge angelegtem Stromfluss zur Reizung der Geschmacksknospen Geschmackswahrnehmungen ausgelöst werden. Das Verfahren ermittelt, ab welcher Stromstärke eine Geschmacksempfindung auftritt (Geschmacksschwelle). Eine objektive Überprüfung von Geschmacksstörungen erlaubt die Ableitung sogenannter gustatorisch evozierter Potenziale (Messung von Hirnströmen via Elektroden auf der Kopfhaut nach Setzung von Geschmacksreizen), um zu registrieren, ob Geschmacksreize von der Zunge an das Gehirn geleitet werden.

Zur Auffindung des Auslösers einer Dysgeusie folgen meist weitere Untersuchungen wie z.B. neurologische Tests, eine Computer- oder Magnetresonanztomographie, Speicheldrüsendiagnostik u.a.m.

Geschmacksstörungen behandeln

Die Therapie einer Dysgeusie richtet sich nach ihrer Ursache, wobei qualitative Geschmacksstörungen kaum behandelbar sind, jedoch in vielen Fällen von selbst wieder verschwinden. Tritt eine Schmeckstörung als Begleitsymptom einer Krankheit auf, muss diese adäquat therapiert werden. Ist sie die Nebenwirkung einer Arznei, kann diese nach Rücksprache mit dem Arzt vielleicht abgesetzt oder durch eine andere ersetzt werden. Eine Mundtrockenheit lässt sich mit Speichelersatzstoffen lindern. Umstritten ist der Erfolg einer Gabe von Zink (Zinkgluconat) oder Alpha-Liponsäure zur Bekämpfung von nerval ausgelösten Geschmacksstörungen. Lässt sich die Ursache nicht beheben, können Mundspülungen mit einem lokalen Betäubungsmittel (z.B. Lidocain) helfen.

Vorbeugend können eine konsequente Zahnpflege und Mundspülungen Infektionen im Mund- und Rachenraum und damit eine dadurch verursachte Dysgeusie vermeiden. Ebenso der Verzicht auf Genussgifte wie Nikotin. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung verhindert Mangelerscheinungen (z.B. Vitamin B12, Eisen) und beugt der Entwicklung von Zivilisationskrankheiten wie z.B. Diabetes vor – alles potenzielle Auslöser einer Dysgeusie.