Glücksspielsucht

©panthermedia.net, Sergey Mironov

Spielen macht Spaß. Gewinnen sowieso. Es sei denn, Glücksspiel wird zum unwiderstehlichen Drang und einzig wichtigen Lebensinhalt. Denn dann ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Spielsucht im Spiel, die Beruf, Familie u.a.m. in Mitleidenschaft zieht.

Spielautomaten, Casinos, Sport- und Pferdewetten, Lotterien, Brief- und Rubbellose, Online-Glücksspiele und auch Börsenspekulationen – alle befriedigen den menschlichen Spieltrieb und versprechen Nervenkitzel, die meisten auch noch die Chance, rasch reich zu werden. Für rund ein Prozent aller ÖsterreicherInnen (Quelle: erste österreichische Glücksspielpräventionsstudie) zwischen 14 und 65 Jahren ist aus Spiel aber längst Ernst geworden: Sie haben die Kontrolle bei der “Jagd aufs Glück“ verloren und gelten deshalb als spielsüchtig. Wie bei anderen Abhängigkeiten auch bleiben negative Folgen nicht aus. Die Krankheit, die deutlich mehr Männer als Frauen (v.a. Pflichtschulabsolventen, Arbeitslose, Geringverdiener, Migranten) trifft, zieht meist schlimme Folgen für das Leben, die Familie und den Beruf nach sich – oft nicht nur für den Spieler selbst.

Was bedeutet Glücksspielsucht?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert pathologisches Glücksspiel als eine (psychische) Störung, die in häufig wiederholtem episodenhaftem Glücksspiel besteht, das die Lebensführung der betroffenen Person beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt. Hauptmerkmal der Störung ist beharrliches, wiederholtes Glücksspiel, das anhält und sich oft noch trotz negativer sozialer Konsequenzen wie Verarmung, gestörten Familienbeziehungen und Zerrüttung der persönlichen Verhältnisse steigert.

Im Klartext: Spielsüchtige verspüren einen derart intensiven und unkontrollierbaren Drang zu spielen, dass sie dieser Abhängigkeit alle anderen Aspekte des Lebens unterordnen. Sie setzen damit Arbeit, Familie, soziale Kontakte und Besitz im wahrsten Sinn des Wortes aufs Spiel.

Stationen einer Spielerkarriere

Es beginnt mit gelegentlichem Spielen, das von Erfolg, d.h. Gewinnen, begleitet wird und daher mit Gewinnphantasien sowie wirklichkeitsfremdem Optimismus einhergeht. Daraufhin nimmt die Risikobereitschaft zu. Es wird öfter und mit höheren Einsätzen gespielt. Dieses positive Anfangsstadium (Gewinnphase) hält natürlich nicht ewig an, denn Verluste bleiben über kurz oder lang nicht aus.

Ihm folgt ein kritisches Gewöhnungsstadium, eine Verlustphase, in der Gewinne aufgebauscht, Verluste hingegen bagatellisiert werden. Eine Steigerung der Spielintensität soll zunehmende Misserfolge ausgleichen. Die Gedanken kreisen immer mehr ums Spielen, das – wenn möglich – auch während der Arbeitszeit stattfindet. Beruf, Familie, Freunde und Freizeitaktivitäten treten dagegen in den Hintergrund des Interesses. Heimlichtuereien und Lügen sollen das Unvermögen, dem Spielen widerstehen zu können, kaschieren. Finanziert wird die Spielsucht durch Kredite oder Ausborgen von Geld, wobei die Schuldentilgung oft nicht rechtzeitig erfolgt.

Schließlich zeigt sich die Sucht in voller Ausprägung (Verzweiflungsphase) in Form einer Unfähigkeit, mit dem Spielen (oft tagelang) aufhören und Schulden zurückzahlen zu können. Es kommt zu Persönlichkeitsveränderungen wie Reizbarkeit, Ruhelosigkeit und Rückzugstendenzen. Der steigende Geldbedarf fürs Spielen wird auch durch gesetzeswidrige Machenschaften gedeckt, die Schuld für die Misere anderen zugewiesen. Schuldgefühle und Angst regieren. Dennoch bleibt Spielen der Lebensmittelpunkt, ohne Rücksicht auf das soziale Umfeld.

Den Schluss bildet das Stadium der Hoffnungslosigkeit, in dem es zu so gravierenden Ereignissen kommen kann wie einem psychischen Zusammenbruch, einer Inhaftierung, Scheidung, Vereinsamung sowie anderen Süchten (z.B. Alkoholismus) bis hin zum Selbstmord(versuch).

Bin ich spielsüchtig?

Auch wenn Spielsüchtige lange versuchen, ihre Abhängigkeit zu verbergen, gibt es doch Anzeichen, die auf die Spielsucht hinweisen. Etwa bestimmte Verhaltensweisen oder Umgangsformen mit Geld. Die Gefährdung bzw. Wahrscheinlichkeit ist umso höher, je mehr der folgenden Fragen (Quelle: Spielsuchthilfe) bejaht werden müssen:

  • Besuche ich häufig Spiellokale oder –websites? Spiele ich dort an mehreren Automaten, Tischen etc. gleichzeitig? Spiele ich gleich mehrere Stunden lang?
    Male ich mir im Geiste immer wieder Gewinne aus?
  • Gebe ich dem Spielen Vorrang vor anderen Interessen oder organisiere ich meine Freizeit rund ums Spielen? Verschiebe oder sage ich Termine ab, nur um Zeit zum Spielen zu haben?
  • Spiele ich auch dann, wenn ich gestresst oder müde bin und mache ich beim Spielen keine Pausen?
  • Rede ich mir schön, was ich tue, wie z.B. „nur noch einmal oder „nur um einen Hunderter“?
  • Habe ich ein eigenes System beim Spielen, das ganz sicher irgendwann Erfolg bringt?
  • Glaube ich daran, dass mir bestimmte Tage, Zahlen, Gegenstände usw. Glück bringen beim Spielen?
  • Muss ich Ausreden erfinden, damit meine Familie und/oder Freunde nicht merken, dass ich spiele?
  • Habe ich schon mal Sparbücher o.ä. aufgelöst oder Geld ausgeborgt, um mein Spielen zu finanzieren? Spiele ich bei Verlusten weiter, um Geld zurückzugewinnen? Will ich mit
  • Gewinnen Rechnungen oder Schulden zahlen? Spare ich an verschiedenen Dingen, nicht aber am Glücksspiel? Stören mich z.B. die Ausgaben meiner Familie?
  • Bin ich mit unnötig viel oder sogar meinem gesamten Bargeld unterwegs? Gehe ich mit Bankomat- oder Kreditkarten spielen? Erhöhe ich die Spieleinsätze?
  • Gehe ich Problemen lieber aus dem Weg anstatt sie zu lösen bzw. zögere ich Entscheidungen hinaus?
  • Vernachlässige ich meine Familie und/oder Freunde? Fehlen mir private und berufliche Ziele?
  • Schlafe ich zu wenig, weil ich spielen muss?

Angehörige leiden mit

Die Familie bleibt kaum ungeschoren, wenn sich eines ihrer Mitglieder nicht gegen den Drang zu spielen wehren kann. Genauso wie der Spieler durchlaufen auch Angehörige mehrere Stadien im Umgang mit dem Problem. In der zuerst auftretenden Verleugnungsphase wird die Spielsucht noch bagatellisiert. In der darauffolgenden Belastungsphase gibt es zwar schon familiäre Probleme. Dennoch glauben die Angehörigen den Versprechungen des Spielers, sind aber verunsichert, haben Schuldgefühle und konfrontieren den Spieler mit Vorwürfen und Forderungen. In der Erschöpfungsphase schließlich kommt es zu Kontrollversuchen, Ohnmachtsgefühlen, Selbstzweifeln, psychosomatischen Beschwerden, oft auch zu einer Schuldenübernahme für den Spieler. Zuletzt mündet diese “Co-Abhängigkeit“ in Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Wut, Angst, schlimmstenfalls in einem psychischen Zusammenbruch, Medikamenten- und/oder Alkoholmissbrauch bis hin zum Selbstmord(versuch).

Komplexität erschwert die Behandlung

Da häufig andere Abhängigkeiten (v.a. Nikotin-, Alkohol-, Kokain-Sucht) und psychiatrische Erkrankungen (z.B. Angststörungen, Depressionen) die Glücksspielsucht begleiten, macht es meist wenig Sinn, allein die Glücksspielsucht (psycho)therapieren zu wollen. Sonst kann es zu einer Suchtverlagerung kommen, sodass der ehemalige Spieler z.B. esssüchtig wird. Unerkannte psychiatrische Leiden wiederum vereiteln oft eine erfolgreiche Behandlung der Glücksspielsucht.

Entgegen der landläufigen Meinung ist nicht in jedem Fall eine komplette Spielabstinenz ein Therapieziel, denn es gibt auch Spieler, die fähig sind, einen Stoppmechanismus zu entwickeln und so ihre Abhängigkeit zu regulieren. Andere wieder kommen nur nach dem Alles-oder-nichts-Gesetz (On/Off-System) mit der Spielsucht zurecht.

ExpertInnen von Anlaufstellen für Glücksspielsüchtige plädieren für spezielle Präventions- und Interventionsstrategien, etwa Schulungen des Personals von Glücksspieleinrichtungen, die bei Auffälligkeiten klinische PsychologInnen als professionelle Unterstützung heranziehen können sollten.

 

Weitere Informationen zum Thema:

Spielsuchthilfe

Nützliche Webseiten zum Thema Spielsucht / Österreich

 

Weitere Ratgeber zum Thema “Sucht”:

Anorexie: Dünn sein um jeden Preis

Bulimie: Völlern und darben

Binge Eating Disorder: Heißhunger als seelischer Hilferuf

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