Computerspielsucht: Tests helfen beim Erkennen
©panthermedia.net, Arvind Balaraman Videogames, Spielekonsolen und v.a. das Internet machen es möglich: Spielen bis zum Umfallen, Tag und Nacht, immer und (fast) überall. Das kann zur Abhängigkeit führen. Doch wie erkennt man eine Computerspielsucht, besonders bei Kindern und Jugendlichen? Tests können helfen.
In der ständigen Verfügbarkeit und dem leichten Zugang liegen die Gefahren des Spielens. Genau deswegen werden immer mehr Menschen in Beratungsstellen vorstellig, weil sie oder ihr Nachwuchs den Spieltrieb nicht mehr kontrollieren können. Vor allem die Computerspiel-Sucht ist rapide auf dem Vormarsch, befindet sich doch in den meisten österreichischen Haushalten ein Zugang zu den virtuellen Welten des World Wide Web (Quelle: Statistik Austria). Den wissen vor allem Kinder und Jugendliche, die mit dieser modernen Technologie aufwachsen, in vielerlei Hinsicht zu nutzen. Nicht immer zu ihrem Vorteil.
Noch Spiel oder schon Sucht?
Nun bedeutet nicht jede häufigere Computernutzung gleich eine Suchterkrankung. Damit man von einer Computerspiel-Sucht sprechen kann, bedarf es bestimmter Merkmale (Quelle: Internet-ABC), die diese Form der Internetabhängigkeit begleiten:
- Einengung des Verhaltensmusters: Computerspielen wird zur wichtigsten Aktivität des Betroffenen und regiert seine Gedanken, inklusive einer verzerrten Wahrnehmung des Spielens. Auch seine Gefühlswelt kreist darum, indem sich ein unstillbares und unwiderstehliches Verlangen zu spielen einstellt. Ebenso leidet das Betragen unter der Sucht, indem etwa sozial erwünschte Verhaltensweisen vernachlässigt werden.
- Regulation von negativen Gefühlszuständen: Das Computerspielen erzeugt angenehme Erregung (Kick) oder Entspannung und dient deshalb (unbewusst) als Strategie zur Stressbewältigung.
- Toleranzentwicklung: Die ersehnte Wirkung (z.B. Kick) lässt sich nur durch immer häufigeres oder längeres Spielen, ev. auch immer extremere Spielinhalte erzielen.
- Entzugserscheinungen: Eine Einschränkung oder Verhinderung der Computerspielerei bewirkt Nervosität, Aggressionen und/oder vegetative Symptome wie z.B. Zittern, Schwitzen etc.
- Kontrollverlust: Das Spielverhalten entzieht sich jeglicher Beschränkung in Bezug auf Zeit und Umfang.
- Rückfall: Phasen mit fehlendem oder kontrolliertem Computerspielverhalten folgen Zeiten mit unbändigem Spielen.
- Schädliche Konsequenzen: Wie andere Süchte auch ruft übermäßiges Computerspielen psychische Probleme und zwischenmenschliche Konflikte hervor, die sich negativ auf Schule/Beruf, soziale Kontakte und Hobbys auswirken.
Online Nervenkitzel als vermeintlicher Stress-Abbau
Unangenehme Gefühle wie Angst, Unsicherheit oder Frustration – zu ihrer Regulierung weiß ein notorischer Computerspieler ein Patentrezept: intensives Spielen. Doch diese Methode zur Stressbewältigung ist nicht nur auf längere Sicht ineffizient. Sie leistet auch noch einem Realitätsverlust Vorschub. Denn die scheinbar entspannenden, belohnenden und dem Ego schmeichelnden Erfolge beim Spielen verhindern sowohl eine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Problemen, die die belastenden Emotionen hervorrufen als auch den Aufbau eines fundierten Selbstwertgefühls. Alles scheint einfach und schnell – quasi per Mausklick – lösbar.
Ein Teufelskreis entsteht: Die virtuelle Parallelwelt gewinnt für den Spielsüchtigen immer mehr an Attraktivität, weil er in Online-Rollenspielen “abtauchen“ kann anstatt sich den tatsächlichen Erfordernissen zu stellen. In diesem fiktiven Raum legt er sich aber eine Identität zu, die es immer weniger zulässt, sich mit den realen Anforderungen des Alltags auseinanderzusetzen, bis die Schwierigkeiten eskalieren. Die seelische und soziale Entwicklung leidet besonders darunter. Verschafft er sich – z.B. via Social Media – Zugang zu Glücksspielen mit finanziellen Einsätzen (z.B. Poker), können Geldprobleme hinzukommen. So soll Studien des kanadischen Psychologen und Erforschers jugendlicher Spielsucht Dr. Jeffrey L. Derevensky zufolge bereits rund ein Fünftel aller Jugendlichen zocken.
Alltag eines Computerspielers
Ähnlich wie andere Süchte beansprucht auch exzessives Computerspielen viel Zeit. So verbringt ein pathologischer Spieler mehr als fünf Stunden pro Tag vor dem Computer, ein Spielsüchtiger an die acht Stunden (Quelle: Studie zum Computerspielverhalten bei Jugendlichen der Sigmund Freud Privat Universität Wien). Nachteilige Begleiterscheinungen bleiben nicht aus, denn krankhafte Spieler
- ändern ihr Freizeitverhalten, sitzen vor dem Computer statt sich mit Freunden zu treffen oder Sport zu treiben usw.
- lassen in ihren schulischen oder beruflichen Leistungen nach. Ihr Denken dreht sich nur noch ums Spielen. In der Folge kommt es zu einem fortschreitenden sozialen Rückzug.
- verfügen oft nicht über die Einsicht in die Tragweite ihres Problemverhaltens. Dessen Folgen werden gerade im Kindes- und Jugendalter nicht als so belastend erkannt, wie sie tatsächlich sind. Der fehlende Leidensdruck lässt die Kids ein ev. elterlich verhängtes Computerspielverbot als willkürlich erleben.
Bin ich spielsüchtig?
Auch so mancher Erwachsene gleitet fast unmerklich ab in die Online-Spielsucht. Die Auswirkungen sind ähnlich gravierend wie im Kindes- und Jugendalter, die Konsequenzen (z.B. Arbeitsplatzverlust) muss aber meist die Familie mittragen. Wer sich nicht sicher ist, ob er in krankhafter Weise zum Spielen neigt, kann zur Orientierung einen Test machen oder besser noch sich an eine zuständige Beratungsstelle wenden.
Ist mein Kind spielsüchtig?
Viele Eltern wissen gar nicht, dass ihr Nachwuchs in übertriebener Weise dem Computerspielen frönt.
Deshalb empfehlen Experten, auf mögliche Zeichen einer Spielsucht zu achten wie auffälligen Veränderungen in Bezug auf schulische Leistungen, soziale Kontakte und Kommunikation, Freizeitaktivitäten sowie Schlaf- und Ernährungsgewohnheiten. Orientierend helfen Tests beim Erkennen einer Spielsucht bzw. etwaigen Gefährdung dafür.
Übrigens: Laut der oben angeführten Studie zum Computerspielverhalten sind Burschen doppelt so häufig spielsüchtig wie Mädchen. Mehr als die Hälfte der Befragten geben zu, auch für ihr Alter nicht freigegebene Spiele zu spielen.
Hilfe, mein Kind ist computerspielsüchtig!
Erster und wichtigster Schritt bei entsprechendem Verdacht ist, das Problem anzusprechen (warum wird gespielt, was gefällt daran…), dabei aber den Computer nicht zu “verteufeln“ und gleichzeitig andere Freizeitaktivitäten zu fördern. Fruchten offene Gespräche über das Problemverhalten nichts, empfiehlt es sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn wie Dominik Batthyány, Leiter der Therapie- und Beratungsstelle für Mediensucht an der Sigmund Freud Privat Universität (SFU) in seiner Studie aufzeigt, sind Kinder mit krankhaftem Spielverhalten mit ihrer Lebenssituation überfordert und verfügen über weniger Strategien zur Bewältigung ihres Alltags als unauffällige Altersgenossen.
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Test – Ist mein Kind „computerspielsüchtig“?
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Datum: 15. November 2013
Kategorien: Sucht