Geriatrie: Senioren ticken anders

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Senioren brauchen besondere Strategien zur Gesunderhaltung und Behandlung verschiedener Leiden. Diesem Umstand trägt die Lehre von den Krankheiten des alten Menschen (Geriatrie, Altersheilkunde, Altersmedizin) Rechnung.

In einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit vergöttert, erscheint Altern fast schon als Frevel. Dennoch bleibt es niemandem erspart. Das Schlimme daran: Mit den Jahren kommen nicht nur Falten, sondern auch Einschränkungen verschiedener Körperfunktionen, oft chronische Krankheiten, manchmal sogar Behinderungen. Damit verbunden sind meist Arztbesuche oder sogar Spitalsaufenthalte. Eine Herausforderung für die Senioren. Aber genauso für die Ärzteschaft, denn ältere Menschen stellen in puncto Diagnose und Therapie spezielle Ansprüche. Dann sind Kenntnisse in Geriatrie (Altersmedizin, Altersheilkunde) gefragt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Geriatrie als jenen Zweig der Heilkunde, der sich mit der Gesundheit im Alter sowie den präventiven, klinischen, rehabilitativen und sozialen Aspekten von Krankheiten beim älteren Menschen befasst. Diese Formulierung weist darauf hin, dass Senioren in Bezug auf Gesundheit andere Bedürfnisse aufweisen als Kinder, Jugendliche und jüngere Erwachsene. Dementsprechend beschäftigt sich die Geriatrie mit den medizinischen, aber auch psychologischen und sozialen Problemen betagter Menschen.

Was heißt “Alter“?

Aus geriatrischem Blickwinkel gilt das meist ab dem 60.– 65. Lebensjahr. Allerdings sind nicht alle Senioren körperlich und mental gleich wohlauf, weshalb man bei 60- bis 74-Jährigen von jungen Alten spricht. 75- bis 89-Jährige nennt man Betagte und Hochbetagte, 90- bis 99-Jährige Höchstbetagte und ab 100 Jahren ist die Rede von Langlebigen.

Andere Voraussetzungen….

Die zunehmende Überalterung in unserer Gesellschaft zeigt sich besonders in der Häufigkeit von Krankheiten der inneren Organe und des Bewegungsapparates wie Herz-Kreislauf-Leiden (z.B. Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzschwäche), Diabetes, COPD, Osteoporose, Gelenkproblemen und Tumoren. Denn kommt man erst einmal in die Jahre, winken so unliebsame Begleiterscheinungen wie ein Nachlassen verschiedener Sinnesfähigkeiten (z.B. Alterssichtigkeit, Altersschwerhörigkeit usw.) und häufig eine Multimorbidität (gleichzeitiges Vorhandensein mehrerer Erkrankungen). Infektionen treten öfter auf und verlaufen gern schwerer. Damit geht nicht selten die Notwendigkeit einher, Medikamente einnehmen oder auch Hilfsmittel wie Brillen, Hörgeräte, einen Gehstock u.a.m. nutzen zu müssen, um an seiner Umwelt teilnehmen und mobil bleiben zu können.

….andere Diagnoseschritte

Da mit zunehmendem Alter viele Organfunktionen abnehmen, die Häufigkeit und Dauer bestimmter Krankheiten steigt und deren Verlauf öfter mit atypischen Symptomen, Komplikationen und Folgeerkrankungen verbunden ist, sind mehr und/oder andere Methoden zur Diagnosefindung notwendig als in jüngeren Jahren. Das beginnt bereits bei der Gesundenuntersuchung, die z.B. allen Teilnehmern über 50 Jahren als Darmkrebsvorsorge eine Coloskopie (Darmspiegelung) empfiehlt.

Standardisierte Testverfahren im Rahmen des sogenannten Multidimensionalen Geriatrischen Assessments erfassen funktionelle und kognitive (geistige) Fähigkeiten sowie den Ernährungszustand älterer Patienten. Ihre Ergebnisse bilden die Voraussetzung für eine individuell angepasste Planung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen.

….und andere Therapiekonzepte

Die medikamentöse Behandlung älterer Menschen beispielsweise muss in Bezug auf Auswahl und Dosierung berücksichtigen, dass die Organe, die der Aufnahme (Magen, Darm), dem Ab- und Umbau (Leber) und der Ausscheidung (Niere) von Arzneien bzw. deren Stoffwechselprodukten dienen, mit fortschreitenden Jahren weniger gut durchblutet werden. Außerdem reduzieren sich die Magensaftproduktion und Magenentleerungsgeschwindigkeit sowie die Magen-Darm-Motilität (aktive Beweglichkeit).

Die veränderte Zusammensetzung der Körpermasse (höherer Fettanteil, weniger Muskelmasse, geringere Körperwassermenge) beeinflusst zusätzlich die Pharmakokinetik (“Verarbeitung“ eines Arzneistoffs im Organismus) und Pharmakodynamik (Arzneistoffwirkung), sodass sich das Risiko für Medikamentenneben- und -wechselwirkungen erhöht. Manchmal resultiert aus solchen Veränderungen sogar, dass sich sogenannte paradoxe Medikamentenwirkungen einstellen, etwa ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel einen Unruhezustand verursacht. Deshalb müssen Therapien auf die persönlichen körperlichen und seelisch-geistigen Gegebenheiten des jeweiligen älteren Patienten individuell zugeschnitten werden.

Gefahren im Alter

  • Risiko Nummer 1: Vielerlei Abnützungserscheinungen, veränderte Organfunktionen, gleich mehrere Krankheiten, vielleicht auch chronische Schmerzen – da ist der Weg zu einer verminderten Lebensqualität, Mangelernährung, Gangunsicherheit inklusive Stürzen bis hin zur Immobilität, Gebrechlichkeit, kurzum zur Unselbstständigkeit und Pflegebedürftigkeit oft nicht weit.
  • Risiko Nummer 2: Für immer jung singt Andre Heller in seinem gleichnamigen Lied (hier gehts zum Songtext) aus den 1980er-Jahren und meint damit eine emotionale Offenheit und Lernbereitschaft, die seelisch-geistig jugendlich erhält. Doch leider ist es nicht jedem gegönnt, bis ins hohe Alter mental gesund zu bleiben. Auch wenn Interessen zu pflegen genauso wichtig ist wie konsequentes körperliches Training, um möglichst lange möglichst fit zu bleiben: Mit steigendem Alter verlangsamen sich manche Denkprozesse. Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Schlimmstenfalls entwickelt sich eine Demenz, ein fortschreitender und unwiederbringlicher Verlust verschiedener geistiger Fähigkeiten.
  • Risiko Nummer 3: Oft folgt Krankheiten – vor allem solchen, die die Bewegungsfreiheit einschränken (z.B. Arthrosen) oder die als peinlich empfunden werden (z.B. Harninkontinenz), eine soziale Isolation, die wiederum z.B. chronische Schmerzen, Bewegungsarmut, ein Desinteresse an der Außenwelt etc. fördert. Ein unseliger Kreislauf.

Deshalb gilt als vorrangiges Ziel der Altersmedizin die Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden, Selbstständigkeit und Mobilität sowie geistiger und körperlicher Vitalität.

Hoffnungsvoller Ausblick

Vor allem in Industrienationen mit reichem Angebot an Nahrung, Sport- und Bildungseinrichtungen sowie guten Hygienestandards und medizinischer Versorgung werden die Menschen so alt wie nie zuvor. Der Preis dafür ist zwar oft ein Erleben von (v.a. sogenannten Zivilisations-) Krankheiten. Aber: Immer mehr Vertreter der “Generation 50+“ kümmern sich aktiv um die Erhaltung ihrer Gesundheit, indem sie z.B. medizinische Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen, Sport treiben oder auf ihre Ernährung achten. Und: Auch die Wissenschaft kann sich nicht mehr der Realität entziehen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung zu den Golden-Agern gehört. Folge: Sie beschäftigt sich vermehrt mit den Bedingungen, Bedürfnissen und Behandlungsmethoden, die Senioren eine gute Lebensqualität erhalten sollen.

Fazit: Es gibt sie schon noch – die Alten, die auf der Ofenbank sitzen und darauf warten, bis “ihre Zeit um“ ist. Wenn aber – dank Eigeninitiative und Geriatrie – in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht “70 zum neuen 50 wird“, gehört dieses Bild wohl bald der Vergangenheit an.

 

Weitere interessante Informationen zum Thema Geriatrie finden Sie hier:
Definition der Geriatrie nach WHO
Geriatrisches Assessement

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Senioren