Botox: Schön durch Nervengift?

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Wenn Fältchen verraten, dass die jungen Jahre vorbei sind, kann Botulinumtoxin dem Gesicht einen jugendlicheren Look verleihen, indem es Muskeln lähmt. Doch ein derartiges Glätten der Hautfurchen birgt auch Gefahren. Eine unnatürliche Mimik ist davon noch die harmloseste.

Auf der Jagd nach glückversprechender Jugend und Schönheit schrecken viele auch vor dem Einsatz potenziell gefährlicher Methoden bzw. Stoffe nicht zurück. Dazu zählt sogar ein bereits in winzigen Mengen tödlich wirkendes Nervengift, das – weit verbreitet – als Mittel zur Faltenreduktion dient. Botulinumtoxin (BTX, Botulinum-Neurotoxin, BoNT, Botulismustoxin, Botulinustoxin, Botulin), besser bekannt unter seinem Handelsnamen Botox®, extrem verdünnt und mit sehr feinen Nadeln in die Gesichtshaut injiziert, blockiert für bis zu sechs Monate die mimische Muskulatur und glättet so die Haut. Das nutzen immer mehr Menschen, um verräterische Krähenfüße, Lippenfältchen und Co. wegzuzaubern. Nicht ganz ohne Risiko.

Wie Falten entstehen

Sonneneinstrahlung, genauer gesagt UV-Strahlen (auch künstlich erzeugte! wie z.B. im Solarium) verursachen aktinische Falten (Plisseefalten, Knitterfalten). Die Schwerkraft bewirkt durch das zunehmende Absinken der Hautweichteile und die abnehmende Hautdicke infolge des Kollagenabbaus und des Hyaluronsäureverlusts statische Falten (z.B. Nasolabialfalte), die sich mit fortschreitenden Jahren vertiefen. Und die Bewegungen der Gesichtsmuskeln hinterlassen Mimikfalten (dynamische Falten) wie die “Denkerstirn“ (quere Stirnfalten), “Zornesfalte“ (senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen), “Krähenfüße“ (Lachfältchen am äußeren Augenwinkel) oder sogenannten bunny lines (Nasenfalten). Auf jeden Fall gelten Falten als ein Zeichen der Alterung und werden daher in unserer jugendverliebten Zeit als bekämpfenswert angesehen. Eine Möglichkeit, Mimikfalten zu glätten ist das Einspritzen von Botulinumtoxin in Gesichtsmuskeln.

Was ist Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin (7 Subtypen, mit A bis G bezeichnet) wird von einem im Boden lebenden, in vielen Stämmen vorkommenden Bakterium namens Clostridium botulinum als Stoffwechselprodukt erzeugt. Es handelt sich um ein Protein, das zum Teil eine dem Tetanus-Toxin ähnliche Struktur besitzt. Der Giftstoff blockiert die Erregungsübertragung von den Nerven auf die Muskeln, indem er die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin verhindert. Diese Eigenschaft macht ihn als tödlichen Kampfstoff für die Kriegsführung interessant.

Da die Sporen (Entwicklungsstufe zum Überdauern ungünstiger Umweltbedingungen) von Clostridien sehr widerstandsfähig und wärmeresistent sind, können sie in unzureichend erhitzten Nahrungsmitteln (z.B. fehlerhaft haltbar gemachte Konserven) überleben und Botulinumtoxin produzieren. Damit verseuchte Speisen führen zum Botulismus, einer lebensbedrohlichen Lebensmittelvergiftung, die mit einer Beeinträchtigung des Speichelflusses, der Schweißsekretion, Seh-, Sprech- und Schluckfähigkeit, einem Puls- und Blutdruckabfall, Durchfall oder Verstopfung sowie Lähmungen einhergeht. Letzteres wird kosmetisch genutzt.

Schön durch Botox®

Das mit einer feinen Injektionsnadel in das zu behandelnde Areal gespritzte Botox® (Botulinumtoxin vom Typ A) beginnt innerhalb einer Woche nach der Prozedur zu wirken, was bis zu sechs Monate lang anhält. Danach haben sich die Synapsen (Kontaktstellen zwischen Nerven und Muskeln) von dem Giftangriff weitgehend erholt und die Mimikfalten stellen sich abermals ein. Will man sie wieder loswerden, ist eine neuerliche Behandlung erforderlich. Allerdings lässt sich eine dauerhafte Reduktion dieser Falten erreichen, wenn die Botox®-Therapie über zwei Jahre hinweg immer wieder aufgefrischt wird, zeigen Untersuchungen.

Ist man nicht gerade ein Nadelphobiker, halten sich die unangenehmen Aspekte (Stiche, ev. leichtes Brennen, gelegentlich kleine Blutergüsse an Einstichstellen) der Behandlung normalerweise in Grenzen. Zwei Wochen vor der Behandlung ist allerdings darauf zu achten, blutverdünnende Medikamente möglichst (nach Rücksprache mit dem Arzt) abzusetzen. Bei Frauen in fruchtbarem Alter muss vor einer Botox®-Anwendung eine Schwangerschaft ausgeschlossen werden. In den auf die Therapie folgenden Tagen wiederum muss man berücksichtigen, dass Massagen, Lymphdrainagen, das Tragen eines Helms oder festen Stirnbandes – kurzum alles, was starken Druck auf die behandelten Stellen ausübt, zu unterlassen ist. Ebenso Infrarotlichtanwendungen (IR-Bestrahlungen oder -sauna), die die Botox®-Wirkung schmälern oder sogar aufheben können. Da das Mittel das Sehvermögen einschränken und zu Müdigkeit führen kann, empfiehlt sich Vorsicht bei der Teilnahme am Straßenverkehr oder dem Bedienen von Maschinen.

Botox® & Psyche

Botox®-Injektionen sollen Spuren des Alterns beseitigen. Ob man sich damit glücklicher fühlt oder nicht, hängt anscheinend davon ab, wo was “weggespritzt“ wird, haben britische Forscher entdeckt. Eine Lähmung von Stirnfalten etwa soll die Kommunikation zwischen Gesicht und Körper unterbrechen – und somit bewirken, dass sich der Behandelte weniger schlecht fühlt. Botulinumtoxin appliziert in die Lachfältchen an den Augen erzielt den gegenteiligen Effekt und schmälert positive Gefühle.

Auf jeden Fall beeinflusst das Gift die Kommunikation. Und zwar negativ, zeigt eine Untersuchung der Universität Duisburg, denn ein aufgespritztes Gesicht hinterlässt beim Gegenüber einen unbeteiligteren Eindruck als ein unbehandeltes. Und: Die herabgesetzte emotionale Mimik hat offenbar auch Auswirkungen aufs Gefühlsleben. Jedenfalls sinken nach Botox®-Faltenreduktionen die Aktivitäten in emotionsverarbeitenden Hirnregionen, beweisen Aufnahmen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie.

Botulinumtoxin: Heilmittel…

Dem Toxin werden außer verschönernden auch heilsame Wirkungen zugeschrieben, die die Medizin zu nutzen weiß. Etwa bei der Behandlung von Dystonien (krankhaft veränderter Tonus = Spannungszustand von Muskeln, Muskelverkrampfungen) wie z.B. einem Blepharospasmus (Lidkrampf) oder Torticollis (Schiefhals), Tics sowie spastischen Lähmungen, wobei nicht alle Menschen mit solchen Erkrankungen auf das Mittel ansprechen. Botulinumtoxin wirkt auch gegen übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrosis) und wird zu diesem Zweck in die Umgebung von Schweißdrüsen injiziert, was oft zu einem monatelangen Stopp der Transpiration führt. Migräne, Inkontinenz, Depressionen, Zähneknirschen, Sprachstörungen, Nacken- und Rückenschmerzen, Asthma, Restless Legs, Epilepsie und Magenkrebs sind weitere – umstrittene –  Anwendungsgebiete des Nervengifts. Nicht für alle diese Krankheiten ist das Mittel in Österreich zugelassen.

…oder Gesundheitsgefahr?

Nach der Unterspritzung zur Faltenbekämpfung kann es vorübergehend zu leichten Schwellungen kommen, deren Rückbildung kühle Umschläge beschleunigen. Komplikationen entstehen meist durch Fehlverteilungen des Mittels z.B. aufgrund von Druck auf die Injektionsstellen. Dann wirkt Botox ® auch an benachbarten Muskeln, was unerwünschte Folgen haben kann (z.B. Herabhängen des Mundwinkels). Manchmal kommt es auch zu einer vorübergehenden Gefühllosigkeit des behandelten Gebietes oder allgemeinen Müdigkeit. Schlimmstenfalls zu Muskelschwäche, Schluckstörungen und einer Aspiration (Eindringen fester oder flüssiger Stoffe in die Atemwege) durch Ausbreitung des Toxins an entfernte Stellen. Gelegentlich entwickelt sich eine Infektion. Oder Antikörper gegen Botulinumtoxin, die dessen Wirkung abschwächen. Die Substanz verstärkt zudem eine Neigung zu trockener Haut.

Gemäß der Erkenntnis von Paracelsus, wonach die Dosis das Gift macht, besitzt Botulinumtoxin – in zu hoher Dosis oder fehlerhaft verabreicht – auch das Potenzial, ernste Nebenwirkungen hervorzurufen. Zum Teil in Abhängigkeit von der Lokalisation (z.B. bei der Therapie eines Lidkrampfs eine Oberlidlähmung, Hornhautentzündung, Lidspaltenerweiterung, ein trockenes Auge oder Tränenfluss oder bei der Behandlung einer Inkontinenz eine Blasenentleerungsstörung). Zum Teil Allgemeinreaktionen wie z.B. Gelenkbeschwerden, Bauchschmerzen, Verschwommensehen, Fieber, passagäre Gesichtslähmungen, Empfindungsstörungen, Unwohlsein, Muskelschmerzen, Juckreiz, Schwitzen, Durchfall, Ohrensausen oder Erbrechen. Selten kommt es zu schwerwiegenden Folgen wie z.B. Herzrhythmusstörungen, einem Herzinfarkt, grünen Star oder Überempfindlichkeitsreaktionen (inklusive Schock, Nesselsucht, Atemnot). Die Nebenwirkungen treten meist innerhalb der ersten Tage nach der Injektion und lediglich vorübergehend auf. Nur in seltenen Fällen halten sie mehrere Monate oder noch länger an. Misslingen Injektionen (z.B. ungleichmäßige Dosierung) per se, sind diese Fehler kaum zu korrigieren. Dann hilft nur warten aufs Nachlassen der unerwünschten Botox®-Wirkung.

Kein Botox®

Die Anwendung von Botulinumtoxin–A Präparaten verbietet sich bei Schwangeren, Stillenden, Kindern unter 12 Jahren, vorbestehenden neurologischen Erkrankungen, chronischen Atembeschwerden, Schluckstörungen oder Aspiration, Muskelerkrankungen (z.B. Myasthenia gravis = Autoimmunerkrankung mit schwerer Muskelschwäche), Blutgerinnungsstörungen, Entzündungen im zu behandelnden Areal oder einer Allergie gegen Inhaltsstoffe des verwendeten Mittels sowie der Einnahme bestimmter Antibiotika (z.B. Aminoglykoside), blutgerinnungshemmender oder blutverdünnender Medikamente.

 

Weiter führende Links:
Britische Studie: Einfluss des Botox®-Anwendungsortes auf die Stimmungslage
Studie: Einfluss von Botox® auf das Gefühlsleben

Links zu unserem Lexikon:
Hyperhidrosis der Füße
Migräne
Harninkontinenz
Depressionen
Asthma (bronchiale)

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