Volkskrankheit Rückenschmerzen
©panthermedia.net, Tomas Anderson
Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten Gründen, warum ÖsterreicherInnen einen Arzt aufsuchen. Ihre rechtzeitige Abklärung und Behandlung verhindert eine Chronifizierung, Einbußen an Lebensqualität und manchmal auch Invalidität.
Rückenschmerzen (Dorsalgie) kann man mit Fug und Recht als Volksleiden bezeichnen. Gehören sie laut Statistik Austria hierzulande doch zu den häufigsten Beschwerden. Dahinter stecken nicht immer ernste Ursachen. Oft ist lediglich eine schwache – sprich untrainierte – Rücken- und Bauchmuskulatur der Grund dafür. Gelegentlich ist eine Dorsalgie aber auch Ausdruck schwerwiegender Erkrankungen. Ebenso vielfältig wie ihre möglichen Ursachen sind die Therapieoptionen. Ein gesunder Lebensstil mit reichlich Sport spielt dabei eine wesentliche Rolle.
Mannigfaltige Ursachen
Abgesehen von den hauptsächlichen Übeltätern Bewegungsmangel, Muskelverspannungen, Fehlhaltungen und Fehlbelastungen (z.B. infolge einseitiger Arbeitsabläufe) sowie Übergewicht kommen als Ursache von Rückenschmerzen Erkrankungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) in Frage wie:
- degenerative (“Abnützung“, z.B. Arthrosen) oder strukturelle Veränderungen (z.B. bei Osteoporose) der Wirbelsäule
- ein Bandscheibenvorfall oder eine Bandscheibenentzündung (Diszitis)
- Wirbelkörperbrüche, -verschiebungen (Spondylolisthesis) oder –entzündungen (Spondylitis)
- eine Spinalkanalstenose (Einengung des Rückenmarkkanals)
- Nervenwurzelirritationen (Radikulopathie) oder – abrisse sowie Nerveneinklemmungen
- eine Wirbelsäulenversteifung (z.B. bei Morbus Bechterew)
- Tumore wie z.B. ein Neurinom (gutartiger Nervenfasertumor), Angiom (Gefäßtumor) oder Meningeom (Tumor der Rückenmarkshaut) bzw. Metastasen (Tochtergeschwülste)
- Durchblutungsstörungen im Rückenmark (z.B. Arteria-spinalis-anterior-Syndrom)
- Spätstadien bestimmter unzureichend behandelter Infektionen wie z.B. eine Neuroborreliose oder Neurolues (Syphilis)
- außerhalb der Wirbelsäule stattfindende krankhafte Prozesse wie z.B. ein Aortenaneurysma, Nieren- oder Frauenleiden, Darmerkrankungen u.a.m.
Nicht zuletzt können auch psychische Probleme und Stress zu Rückenbeschwerden führen.
Wo sitzt der Schmerz?
In der Mehrzahl der Fälle machen sich Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich bemerkbar (Lumbalgie, Kreuzschmerzen, low back pain). Ein akuter, d.h. plötzlich auftretender Schmerz in dieser Region wird Lumbago oder Hexenschuss genannt. Strahlen Kreuzschmerzen in ein oder beide Beine aus, spricht man von einer Lumboischialgie. Lokalisieren sich die Schmerzen im Bein/in den Beinen, heißt das Beschwerdebild Ischialgie, im Volksmund Ischias (eigentlich Bezeichnung für den Nerv, der das Bein versorgt = Nervus ischiadicus) genannt, wobei die Begriffe Ischialgie und Lumboischialgie gerne synonym gebraucht werden. Seltener kommt es zu Schmerzen im Bereich der Brustwirbel, häufiger in der Halswirbelregion (Nackenschmerz).
Ab wann zum Arzt?
Durch Muskelverspannungen infolge einer Fehlbelastung oder einer ungünstigen Bewegung ausgelöste Rückenschmerzen verschwinden häufig innerhalb von wenigen Tagen von selbst. Dauern Kreuzschmerzen länger als zwei Wochen an, ist aber eine ärztliche Abklärung ratsam. Unerlässlich ist eine ärztliche Begutachtung, wenn Rückenschmerzen mit Symptomen verbunden sind wie
- Taubheitsgefühlen und/oder Lähmungserscheinungen in den Beinen oder Armen
- einem Schwächegefühl und/oder Kribbeln
- Schmerzen in den Beinen oder im Genitalbereich
- einem Unvermögen, Stuhl oder Urin zu halten
- einer Schmerzverstärkung bei Bewegungen, beim Niesen oder Husten
- einer ausbleibenden Schmerzlinderung, wenn man sich flach hinlegt
Vor allem bei wiederkehrenden und chronischen Rückenschmerzen ist das Führen eines Schmerztagesbuches sinnvoll, um dem Arzt die Diagnostik zu erleichtern.
Neben der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) und körperlichen Untersuchung können Röntgenaufnahmen, eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT), selten auch eine Myelographie (Röntgen mit Injektion von Kontrastmittel in den Rückenmarkskanal) zur Diagnostik herangezogen werden. Bei der körperlichen Untersuchung beurteilt der Arzt die Stellung des Beckens und der Schultern, Verkrümmungen der Wirbelsäule und die Körperhaltung. Er prüft die Muskelkraft, Reflexe, Beweglichkeit der Gelenke und der Wirbelsäule und das Berührungsempfinden. Kompetente Anlaufstellen für Rückenprobleme sind Fachärzte für Orthopädie, bei Nervenschädigungen auch Fachärzte für Neurologie respektive Neurochirurgie.
Was hilft?
Das hängt von der Ursache und Art (akut, chronisch) der Rückenbeschwerden ab. Muskelverspannungen reagieren meist positiv auf Wärme, die auf verschiedene Weise (Kräuterbäder, Sauna, Wärmepackungen, -umschläge, -pflaster, Heizkissen etc.) appliziert werden kann. Bei akuten Entzündungen hingegen helfen oft eher Kälteanwendungen.
Bettruhe ist nur selten indiziert. Im Gegenteil. In den meisten Fällen führt Bewegung zu einer Besserung der Situation, kommen Rückenschmerzen doch zu einem erheblichen Teil durch eine untrainierte Muskulatur zustande. Außer Sport verschafft auch eine Korrektur fehlerhafter Bewegungsabläufe und Haltungen dem Rücken Erleichterung. Wie man richtig – d.h. rückengerecht – hebt, trägt, sitzt, liegt und steht, lehrt die sogenannte Rückenschule. Darüber hinaus bieten Fitnessstudios und andere Institutionen Rückentraining und Wirbelsäulengymnastik an. Auch Physiotherapie stärkt die Rückenmuskulatur – sofern die Übungen regelmäßig durchgeführt werden.
Entlastung im wahrsten Sinn des Wortes bringt eine Normalisierung des Gewichts.
An Medikamenten kommen v.a. NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika), das sind Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen, Paracetamol, Acetylsalicylsäure usw., zum Einsatz. Sie verhelfen nicht nur zu einer Schmerzlinderung und damit wieder mehr Bewegungsfreiheit, sondern verhindern auch ungünstige Schonhaltungen, die den Schmerz noch verstärken würden. Ihre Anwendung sollte allerdings zeitlich begrenzt erfolgen. Sonst kann es zu einer Medikamentenabhängigkeit und Nebenwirkungen (z.B. Magenblutung) kommen. Bei Entzündungsprozessen werden auch Kortisonpräparate gegeben. Ebenfalls angewendet werden – z.B. in Form von Infiltrationen (Einspritzen eines Medikaments an den Ort des Geschehens) – Lokalanästhetika (örtliche Betäubungsmittel).
Viele Patienten schwören auch auf alternativmedizinische Verfahren wie Akupunktur oder Osteopathie.
Da auch Stress und andere psychische Faktoren Einfluss nehmen auf die Rückenbefindlichkeit, sind Entspannungsmethoden (Biofeedback, Autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson) ebenfalls sinnvoll.
In manchen Fällen (z.B. Tumor) kann ein operativer Eingriff zur Behebung der Ursache der Rückenschmerzen erforderlich werden.
Weiter führende Links:
Statistik Austria
Rückenschule
Weitere Ratgeber/Krankheitsbilder zum Thema Rückengesundheit:
Kreuzschmerzen-Rückenschmerzen
Manuelle Medizin – Osteopathie heilen mit den Händen
Rückenschmerzen
Manuelle Medizin zur konservativen Behandlung von Schmerzsyndromen bei Kindern und Erwachsenen
Links zu unserem Lexikon:
Bandscheibenvorfall
Morbus Bechterew
Heißer Lumbalguss
Datum: 8. Januar 2014
Kategorien: Rücken & Haltung