Hyperkyphose: Wenn die Wirbelsäule einen Buckel bildet

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Nach hinten gekrümmt (Kyphose) ist das menschliche Rückgrat natürlicherweise im Brustwirbel- und Kreuzbeinbereich. Fehlbelastungen oder bestimmte Erkrankungen wie z.B. der Morbus Scheuermann sorgen dafür, dass diese Biegung übermäßig ausfällt (Hyperkyphose, Buckel). Das beschränkt Beweglichkeit und Blickrichtung.  

Die physiologische doppelt S-förmige Gestalt der Wirbelsäule kommt durch eine Lordose (griech.: lordós = vorwärts gekrümmt) der Hals- und Lendenwirbelsäule („Wo ein L, da eine Lordose – Halslordose, Lendenlordose“) und eine Kyphose (griech.: kyphos = gekrümmt, gebückt; nach hinten gerichtete Krümmung) der Brustwirbelsäule und des Kreuzbeins zustande. Sie gewährleistet, dass Belastungen gleichmäßig auf die einzelnen Abschnitte des Rückgrats verteilt werden. Dauerhafte Fehlstellungen der Wirbelsäule wie eine Hyperlordose (krankhafte Lordose, Hohlkreuz), Hyperkyphose (krankhafte Kyphose, Buckel) oder Skoliose (griech.: skolios = krumm; Seitwärtsverbiegung) stören diesen Belastungsausgleich und führen zu verstärkten Abnützungserscheinungen sowie allerlei Beschwerden.

Wie eine Hyperkyphose entsteht

Eine Kyphose hat dann Krankheitswert, wenn sie in anderen Abschnitten der Wirbelsäule (Hals-, oder Lendenwirbelsäule) als normal (Brustwirbelsäule = BWS) auftritt oder die BWS-Krümmung 40° überschreitet. Kommt sie durch Kompensation von Fehlstellungen anderer Wirbelsäulenabschnitte zustande (funktionelle Kyphose), können Ausgleichsbewegungen die BWS in die normale Position bringen. Liegt eine strukturelle (fixierte) Kyphose infolge knöcherner Veränderungen vor, nicht.

Eine – meist in der BWS auftretende – krankhafte Kyphose (Hyperkyphose, Rundrücken, “Buckel“) ist manchmal angeboren (z.B. Fehlbildungen wie Block- oder Halbwirbel), zumeist aber erworben, etwa bei Fehlhaltungen (Vielsitzer), degenerativen oder entzündlichen Erkrankungen (Morbus Bechterew, Polyarthritis, Spondylodiszitis = Entzündung einer Bandscheibe und der beiden angrenzenden Wirbelkörper, Rachitis, Neurofibromatose), einer Osteoporose (“Witwenbuckel“, oft mit durch Einbruch der Grund- und Deckplatten von Wirbelkörpern entstandenen Keil- oder Fischwirbeln), Tumoren (z.B. Metastasen) oder BWS-Verletzungen (z.B. Wirbelbrüche). Haltungsbedingte Kyphosen haben eine bogenförmige (arkuäre) Gestalt und umfassen in der Regel mehrere Wirbelsegmente. Traumatisch, entzündlich oder tumorös verursachte Kyphosen sind winkelförmig (angulär) und betreffen oft nur ein bis zwei Segmente.

Zum Ausgleich einer Hyperkyphose im Brustwirbelbereich zwecks Erreichen einer aufrechten Haltung werden im Sinne einer Gegensteuerung Hals- und Lendenwirbelsäule meistens vermehrt durchgedrückt (kompensatorische Hyperlordosierung) sowie die Hüft- und Kniegelenke in einer Beugestellung gehalten, was zu einer erheblichen Bewegungseinschränkung führt. Diese Fehlhaltungen verursachen Schmerzen. Und erschweren bis verunmöglichen den Blick nach vorn und nach oben, sodass nur noch auf den Boden geschaut werden kann.

Charakteristischerweise ist der Rücken beim Vornüberneigen des Oberkörpers nicht gleichmäßig gerundet, sondern weist an der Stelle der Kyphose eine Vorwölbung auf. Das quantitative Ausmaß dieses Buckels erfassen ein an den Rücken angelegtes Kyphometer (Winkelmesser) und die Winkelmessung nach Cobb (Kyphosewinkel-Bestimmung durch Anlegen von Geraden auf dem Röntgenbild).

Therapie: die Wirbelsäule aufrichten

Behandelt wird mit Schmerzmitteln und Entzündungshemmern, bei Spondylodiszitis mit Antibiotika.  Konsequente physiotherapeutische Übungen mit Training der autochthonen Rücken- und Brustmuskulatur und regelmäßigem Strecken sowie das Tragen eines stabilisierenden Stützkorsetts dienen während der Wachstumsphase (nur dann ist die Wirbelsäule noch imstande, ihre Form zu ändern) der konstanten Aufrichtung der Wirbelsäule.

Nach beendetem Wachstum erfolgt letztere – vor allem bei Frakturen, tumoröser Zerstörung oder Entzündung (z. B. Spondylodiszitis) der Wirbel – mit Hilfe operativer Maßnahmen unter Einsatz von Stäben, Platten oder Schrauben und dem Auffüllen geschaffener Lücken mit Knochenzement oder körpereigenem Knochen (z.B. aus dem Beckenkamm). Danach sorgt intensive Physiotherapie für eine Stabilisierung des Operationsergebnisses, das oft – z.B. infolge einer chirurgischen Verblockung von Wirbeln – dennoch gewisse Bewegungs- oder Funktionseinschränkungen hinterlässt.

Scheuermann-Krankheit

Die Scheuermann-Krankheit (Morbus Scheuermann, Adoleszentenkyphose, Adoleszenzkyphose, Osteochondrosis deformans juvenilis vertebralis dorsalis sive lumbalis Lehrlingsrücken, Lehrlingsbuckel, Schneiderbuckel) wird durch eine gestörte Verknöcherung unklarer Ursache (Hochwuchs? Haltungsschwäche?) vor allem der mittleren und unteren Brustwirbelsäule, manchmal auch der oberen Lendenwirbelsäule hervorgerufen. Die Wirbel wachsen ungleichmäßig, d.h. in ihren vorderen Anteilen langsamer als in den hinteren, wodurch Keilwirbel und Deckplattendefekte entstehen. Asymmetrische Wirbelverformungen bedingen eine Hyperkyphose. Mit beendetem Längenwachstum kommt der Morbus Scheuermann zum Stillstand.

In Röntgenaufnahmen zeigt sich die sogenannte Scheuermann-Trias, bestehend aus Keilwirbeln, Schmorl-Knorpelknötchen (in die Wirbelkörper eingetretene Anteile der Bandscheiben) und eine übermäßige BWS-Kyphose, dazu verschmälerte Zwischenwirbelräume.

Diese häufige Wirbelsäulenerkrankung des Jugendalters betrifft Knaben deutlich öfter als Mädchen. Sie verursacht während des Fehlwachstums eher selten, im Erwachsenenalter aufgrund von Verspannungen und Überdehnungen der Rückenmuskulatur durch die Wirbelsäulenfehlstellung aber recht häufig Rückenschmerzen, Bewegungseinschränkungen und degenerative Bandscheibenveränderungen. Infolge der verstärkten Brustkyphose kann eine Hyperlordose der Lendenwirbelsäule entstehen. Dann bildet sich ein Hohlrundrücken (Kypholordose). Befällt der Morbus Scheuermann die Lendenwirbelsäule, verflacht ihre normale Lordose und es entsteht ein Flachrücken. Das ist in der Regel mit Schmerzen verbunden.

Solange die Scheuermann-Krankheit symptomfrei verläuft, bleibt sie oft unerkannt. Das ist insofern ungünstig, als in dieser Phase eine Physiotherapie sowie Sport (z.B. Heilgymnastik, Rückenschule, Walken, Schwimmen) ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern kann. Leistungssport hingegen schadet. Ebenso das Tragen und Heben schwerer Lasten sowie langes Sitzen. Schulkinder oder Büromenschen sollten deshalb Sitzposition sowie Neigung und Höhe des Schreibtischs ihren Erfordernissen anpassen.

Eine übermäßige Kyphose wird mit einem entlastenden Korsett therapiert. Verursacht sie schwere Deformierungen, erfolgt deren chirurgische Korrektur.

 

Links zu unserem Lexikon:
Morbus Bechterew
Osteoporose
Rachitis
Polyarthitis

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