Transsexualität: im falschen Körper leben

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Manche Männer fühlen sich als Frauen, manche Frauen als Männer. Kann sich ein Mensch mit seinem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren, leidet seine Persönlichkeit. Ein möglicher Ausweg heißt Geschlechtsangleichung. Sie behebt aber längst nicht alle Probleme der Transsexualität.

In einem weiblichen Körper zu leben heißt nicht automatisch, sich auch als Frau fühlen. Ebenso wenig wie sich als Mann zu sehen, besitzt man männliche Geschlechtsmerkmale. Mit diesem Dilemma kämpfen Transsexuelle. Sie spüren – oft schon in sehr jungen Jahren – dass ihnen eine Identifikation mit ihrem anatomischen Geschlecht nicht gelingen will. Bis sie eine operative Geschlechtsangleichung (früher: “Geschlechtsumwandlung“) vornehmen lassen können, vergehen Jahre. Ein derart schwerwiegender Eingriff will aber auch wohlüberlegt sein, da seine Folgen bleibender Natur sind. Deshalb müssen Transsexuelle, wenn sie den Entschluss zu geschlechtskorrigierenden Maßnahmen gefasst haben, einige Strapazen durchlaufen, bevor sie stattfinden kann.

Unbekannte Ursache

Warum manche Menschen das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben, bleibt bis dato ungeklärt. Diskutiert wird eine Störung der Geschlechtsidentität, der Einfluss gegengeschlechtlicher Hormone auf Ungeborene im Mutterleib oder auch Veränderungen im Gehirn. Ebenso psychosoziale Faktoren (z.B.: Kind entspricht nicht dem elterlichen Wunschgeschlecht). Es gibt auch keine verlässlichen Daten zur Häufigkeit des Auftretens von Transsexualität. Allerdings sprechen Beobachtungen dafür, dass es mehr Männer gibt, die sich als Frau fühlen als umgekehrt.

Jedenfalls täuscht die gängige Bezeichnung Transsexualität über die Tatsache hinweg, dass es sich dabei nicht um eine Spielart der sexuellen Orientierung handelt, denn Transsexuelle können hetero-, homo- oder auch bisexuell sein. Im Vordergrund steht vielmehr die gefühlte Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht, also eine veränderte Geschlechtsidentifikation, weshalb sich ein Teil der Transsexuellen lieber als “transident“ bezeichnet.

Leben als Transsexuelle(r)

Transsexuelle spüren meist bereits als Vorschulkinder, dass mit ihnen “etwas nicht stimmt“ bzw. sie “zum anderen Geschlecht gehören“. Das kann sich in Form geschlechtsuntypischen Verhaltens (z.B. Kleider tragende Buben) zeigen. Bei Kindern oft noch toleriert oder wenig ernst genommen, wird Transsexualität spätestens in der Pubertät zu einem größeren Problem – wenn geschlechtsspezifische Merkmale (z.B. Stimmbruch, Bartwuchs, Wachstum der Brüste, Beginn des Menstruationszyklus) deutlich zutage treten, was gern als stärkere Festlegung auf das nicht akzeptierte biologische Geschlecht empfunden wird. Hinzu kommt gesellschaftlicher Druck, den in unserem Kulturkreis männliche Transsexuelle deutlicher zu spüren bekommen als weibliche. Schließlich fallen Frauen in Hosen und mit Kurzhaarschnitt kaum noch auf, geschminkte Männer aber schon. Mit dem offensichtlichen Anderssein häufig verbunden ist das Erleben von Unverständnis, ungebührlicher Neugier und Diskriminierungen bis hin zu Gewalttätigkeiten der Umwelt.

Behandlungsstrategien

Gerade in der Pubertät, einer Zeit der Identitätsfindung, kann es schon mal vorkommen, dass manche Jugendliche vermuten, transsexuell zu sein, später aber nicht mehr das Gefühl haben, mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein. Deshalb plädieren einige Experten für Geschlechtsangleichung bei jungen Menschen mit unsicherer Geschlechtsidentität für ein unbeeinflusstes Durchleben dieser von Hormonumstellungen geprägten Lebensphase.

Liegt aber dann doch eine bleibende Transsexualität vor, verursachen die mit der Geschlechtsreife stattgehabten, kaum oder nur schwer rückgängig zu machenden Veränderungen Probleme (z.B. tiefe Stimme). Ein triftiger Grund, warum eine wachsende Zahl von Ärzten nach umfassenden psychologischen Tests zur Feststellung einer tatsächlichen Transsexualität eine den Beginn der Pubertät unterdrückende Hormonbehandlung durchführt. Bleibt der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung dauerhaft bestehen, erfolgt nach einiger Zeit eine Therapie mit den Hormonen des Wunschgeschlechts, wodurch es bei Mädchen, die sich als Knaben fühlen, infolge der Testosterongabe zum Bartwuchs, zu einer vermehrten Körperbehaarung, tieferen Stimme und Zunahme der Muskelmasse sowie Vergrößerung von Klitoris und Schamlippen kommt. Jungen, die sich als Mädchen fühlen, bekommen Östrogene. Das fördert das Brustwachstum und die Entwicklung weiblicher Rundungen und verkleinert die Genitalien.

Einschneidendster Schritt: Operation

Sollen auch die äußeren Genitalien dem erwünschten Geschlecht entsprechen, was durchaus nicht alle Transsexuelle anstreben, bietet heute die plastische Chirurgie hierzu geschlechtsangleichende Operationstechniken (SRS – Sex Resignment Surgery). Zur Umformung eines männlichen Genitales in ein weibliches werden die Hoden und die Schwellkörper des Penis entfernt, aus dem Penisschaft eine Scheide (Neo-Vagina) modelliert und in einen zwischen Darm und Harnröhre freigelegten Hohlraum umgestülpt. Die Gliedspitze bildet die Klitoris, die Hodensäcke die Schamlippen. All das liefert häufig ein funktionell und optisch ansprechendes Ergebnis. Zu Frauen mutierende Männer entscheiden sich häufig auch zu einer operativen Vergrößerung und Modellierung der Brüste, manche auch zu einer Entfernung der untersten Rippen, um eine besser erkennbare Taille zu erhalten. Auch Gesichtszüge, Stimmbänder und der Adamsapfel können an die neue Weiblichkeit angepasst werden.

Die Gestaltung männlicher Geschlechtsteile aus weiblichen gestaltet sich deutlich schwieriger und bleibt zumeist als künstlich geschaffen erkennbar. Die operative Freistellung der durch Hormongabe vergrößerten Klitoris und Umfunktionierung zum Penis liefert nur ein sehr kleines Geschlechtsteil, sodass es auch Methoden gibt, aus z.B. vom Rücken entnommenem Muskelgewebe einen Penis zu formen (Phalloplastik), der mit Hilfe eines Implantates und hydraulischen oder pneumatischen Aufpump-Systems zu einer Erektion befähigt wird. Silikon-Imitate dienen der Nachbildung von Hoden. Außer der Genitaloperation lassen sich Frauen, die zu Männern werden wollen, oft auch Brustgewebe wegschneiden. Es empfiehlt sich, die Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter zu entfernen, um sich nicht dem durch die Hormongabe größeren Krebsrisiko auszusetzen.

Trotz immer fortschrittlicherer Operationstechniken kann es zu Komplikationen kommen, z.B. einer gestörten Wundheilung, unbefriedigenden Sensibilität, Harnröhren- oder Darmverletzungen sowie dem Ausbleiben des angestrebten Zusammenwachsens von Gewebeteilen. Auf jeden Fall ist zu bedenken, dass sich die komplizierten, risiko- und folgenreichen Eingriffe nicht rückgängig machen lassen.

Probe-Coming-Out als Prüfstein

Da die Hormontherapie und v.a. die Operation einschneidende und unwiderrufliche Veränderungen verursachen, finden sie erst statt, wenn der/die Transsexuelle nicht nur über die körperlichen, sondern auch psychosozialen Folgen der Maßnahmen Bescheid weiß. Er/sie soll schon vor diesem endgültigen Schritt möglichst wirklichkeitsnah und das über längere Zeit erfahren, wie es sein wird, im Wunschgeschlecht zu leben.

Dazu gehört das Abchecken der Reaktionen von Familie, Freunden, Arbeitskollegen etc. auf die kommende Verwandlung ebenso wie Behördengänge (z.B. zwecks Namensänderung) und die Vorbereitung auf geschlechtsspezifische Alltäglichkeiten (u.a. durch Übernahme eines dem Wunschgeschlecht entsprechenden Erscheinungsbildes, z.B. bezüglich Frisur und Kleidung). Außerdem die Austestung von Reaktionen der Umwelt (z.B. neugierige Blicke, Ablehnung). Vorrangiges Ziel dieser Strategien ist herauszufinden, ob Mann respektive Frau tatsächlich dauerhaft zum anderen Geschlecht gehören will bzw. kann (Alltagstest, Habituationsphase). Die Erwartungen sollten realistisch bleiben, denn  das biologische Geschlecht kann auch nach der Geschlechtsangleichung “durchschimmern“.

Zur Bewältigung dieser Aufgaben, aber auch zur Klärung von mit der bevorstehenden Wandlung verknüpften anstehenden Entscheidungen, Hoffnungen, Ängsten und Unsicherheiten dient eine Psychotherapie über einen längeren Zeitraum.

Darüber hinaus muss mittels Untersuchungen geklärt werden, ob überhaupt die körperlichen Voraussetzungen für eine Geschlechtsangleichung gegeben sind, etwa die Operationstauglichkeit. Zudem verträgt nicht jeder die lebenslang notwendige Einnahme von Hormonen, die zudem gesundheitliche Risiken birgt wie z.B. die Auslösung von Leberschäden, Herz-Kreislaufproblemen, Depressionen, Thrombosen oder auch bestimmten Krebsarten.

Weiter führende Links:
Geschlechtsangleichende Operationen  
Empfehlungen für den Behandlungsprozess Transsexueller in Österreich 
Psychotherapie bei Transsexualität
Transsexualität in Österreich 
Verein für Transgender-Personen