Sadismus & Masochismus: Qual als Lustgewinn
© filipobr - Fotolia.com Umgangssprachlich bezeichnet Sadismus die Lust, andere zu quälen und Masochismus das Bedürfnis zu leiden. Beides gibt es auch als Varianten der menschlichen Sexualität. Machtausübung und Unterwerfung, dominantes und devotes Verhalten spielen bei sadomasochistischen Praktiken und Rollenspielen eine elementare Rolle. Bedenklich bis strafbar werden sie dann, wenn dabei bestimmte Regeln nicht eingehalten werden.
Sexualität kennt viele Spielarten. Welche als “normal“ gelten und von der jeweiligen Gesellschaft akzeptiert werden, unterliegt laufend epochalen und kulturellen Schwankungen. Von der allgemeinen Akzeptanz abweichende Vorlieben alias Paraphilien, sexuelle Deviationen, Störungen der sexuellen Präferenz oder auch – veraltet und abwertend – Perversionen, sind zum Teil harmloser Natur, d.h. sie schädigen niemanden. Andere aber verletzen die seelische oder auch körperliche Integrität mehr oder minder freiwillig Beteiligter und können somit rechtlich geahndet werden.
Diesbezüglich in einer Grauzone liegt die Lust, anderen Schmerzen, Qualen und Demütigungen zuzufügen (Sadismus) oder solche selbst zu erleiden (Masochismus) bzw. die Verknüpfung der beiden Phänomene miteinander (Sadomasochismus, SM, “Sadomaso“, BDSM = bondage & discipline, dominance & submission). So einfach wie oft angenommen gestalten sich die Machtverhältnisse in der Rollenverteilung aber nicht, entsprechen die Motive sadistischen und masochistischen Verhaltens doch zwei Seiten ein- und derselben Medaille.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Sadismus und Masochismus dann zu abweichendem Sexualverhalten, wenn sie als hauptsächliche Quelle für sexuelle Erregung/Befriedigung dienen oder dafür unabdingbar sind. Zudem müssen über mindestens sechs Monate einschlägige Handlungen und Fantasien sowie ein Leidensdruck des Betroffenen oder eine Gefahr für andere vorliegen, wobei von inneren Zwängen gesteuerte, gegen die sexuelle Selbstbestimmung anderer verstoßende sexuell-sadistische Handlungen im Vordergrund stehen.
Sadismus: Dominanz schafft Befriedigung
Als Sadismus bezeichnet man die Vorliebe, anderen körperliche Schmerzen und/oder seelische Demütigungen zuzufügen, um (sexuelle) Lust oder Befriedigung zu empfinden, wobei es in erster Linie um Dominanz geht. Namensgeber dieser Paraphilie ist der wegen seiner (sexuellen) Ausschweifungen berühmt-berüchtigte französische Schriftsteller Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade, der in seinen Werken derartige Praktiken beschrieb, was ihm langfristige Gefängnisaufenthalte einbrachte. Je nachdem, ob und wie Sadismus das Intimleben betrifft, kann man folgende Formen unterscheiden:
- Psychischer (nichtsexueller) Sadismus: Schikanen wie z.B. Demütigungen der Mitmenschen sind an der Tagesordnung, das – vielleicht rohe – Geschlechtsleben enthält aber keine sadistischen Sexualpraktiken. Dass solche Neigungen sexuellen Ursprungs sind, ist dieser Art von Sadisten nicht bewusst.
- Konjunktions-Sadismus (sexueller Sadismus): Es besteht das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr und im Zusammenhang damit der Wunsch, anderen Schmerzen und Demütigungen zuzufügen.
- Kompensations-Sadismus (perverser Sadismus): Der Drang, anderen Schmerzen und Demütigungen zuzufügen ersetzt das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr.
Die psychologische Wurzel eines Sadismus liegt in der Angst vor und somit Abwehr von Zurückweisung und Abwertung, also einer Stabilisierung des Selbstwertgefühls durch Unterwerfung anderer, sodass diese möglichst keine Anstalten machen, den Sadisten (negativ) zu beurteilen oder zu kränken, etwa indem sie sich verpflichten, ihn bedingungslos zu lieben und sich devot zu verhalten. Das lässt sein Ego (scheinbar!) mächtiger werden, sodass er Lust erleben kann.
Masochismus: Unterwerfung verschafft Lustgewinn
Masochismus nennt man die im Vergleich zum Sadismus umgekehrte Neigung, d.h. der Gewinn von (sexueller) Lust oder Befriedigung durch das Erleiden von körperlichen Schmerzen und/oder seelischen Demütigungen und Erniedrigungen durch andere, wobei es primär um Unterwerfung geht. Der Begriff geht auf den österreichischen Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch zurück, der im 19. Jahrhundert in seinem weltweit zu Ruhm gelangten Roman “Venus im Pelz” die Geschichte der Unterwerfung eines Mannes unter eine dominante Herrin erzählt. Psychodynamisch gesehen handelt es sich beim Masochismus um eine gegen sich selbst gekehrte Form von Sadismus. Er kann auch als sogenannter Automasochismus (sich selbst verletzen/quälen) ausgelebt werden. Es gibt drei Formen:
- Psychischer (nichtsexueller) Masochismus: Unbewusst angestrebt werden Demütigungen und Misserfolge im privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Daraus folgt ein Schwelgen in Leid, Schuld und Minderwertigkeitsgefühlen und passives Hinnehmen, schlecht behandelt zu werden.
- Konjunktions-Masochismus (sexueller Masochismus): Es besteht das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr und im Zusammenhang damit Schmerzzufügung und Demütigung durch Sexualpartner.
- Kompensations-Masochismus (perverser Masochismus): Das Bedürfnis nach Schmerz und Demütigung ersetzt den Wunsch nach Geschlechtsverkehr.
Auch dem Masochismus liegt psychologisch eine Angst vor Abwertung und mehr noch vor Zurückweisung zugrunde. Dieser Gefahr begegnet der Masochist durch eine möglichst bedingungslose Herabsetzung der eigenen Person zum (Lust)-Objekt und Verleugnung der eigenen Willensfreiheit mithilfe seiner Bereitschaft zu Dienst, Disziplin und Gehorsam. Das befreit ihn von der Last, für sein Ego zu kämpfen, lässt ihn sich stattdessen mit dem sadistischen Partner identifizieren (fühlt sich wertvoll durch dessen Aufmerksamkeit) und erzeugt so Lust.
Sadomasochismus: mal so und mal anders
Hier handelt es sich um eine Kombination aus oder abwechselnde Praktizierung von Masochismus und Sadismus, weil sowohl der Wunsch nach Beherrschung als auch nach Unterwerfung besteht. Das heißt, jemand kann in beiden Rollen – als Sadist und Masochist – Befriedigung erfahren.
Harmlos oder gefährlich?
Sadomasochismus wird gern mit Brutalität, Gewalt und Schmerzen gleichgesetzt. Das ist nur bedingt richtig, nämlich dann, wenn sadistische Praktiken gegen den Willen und unter Nicht-Beachtung persönlicher Grenzen Beteiligter erfolgen und damit strafrechtlich relevant sind (sexuelle Delinquenz).
Als harmlose sexuelle Vorlieben gelten Sadismus und Masochismus hingegen dann, wenn sie alle Beteiligten freiwillig praktizieren, wobei es laut Gesetz auch dann nicht zu ernsthaften Körperverletzungen kommen darf. Diese Variante der Sexualität wird gern in entsprechenden SM-Gruppen und -Clubs ausgelebt oder auch in der Rotlicht-Szene. (z.B. professionelle Dominas). Von allen Gesellschaftsschichten, sowohl Hetero- als auch Homosexuellen. Und zwar in der Regel in Form von Rollenspielen und Ritualen, die die speziellen Vorlieben der Beteiligten wie Beschimpfungen, Peitschenhiebe, Fesselungen (Bondage) oder Korsagen usw. berücksichtigen. Oft in der Paarung aktive (“Top“) und passive (“Bottom“) Rolle. Sind Schmerzen inkludiert, bestimmt der Masochist deren Art und Intensität.
Damit das Szenario nicht ausufert und jemand bei Sadomaso-Praktiken zu Schaden kommt, gelten strikte Regeln bei SM-Kontakten, deren Nichteinhaltung zu einem Ausschluss aus einschlägigen Vereinen führt. Ganz nach dem Motto SSC (safe = sicher, sane = mit gesunden Menschenverstand, consensual = in gegenseitigem Einvernehmen) heißen die Abmachungen in puncto Rollenverteilung, Tabus und Sicherheitsvorkehrungen:
- Nicht jede Handlung ist erlaubt, v.a. wenn sie andere verletzt. Welche Folgen verschiedene Handlungen haben, muss deshalb erlernt werden. Ebenso ein gewisses Geschick in ihrer Ausübung.
- Freiwilligkeit lautet das oberste Gebot, d.h. niemand darf zu etwas gezwungen werden. Bei Zuwiderhandlung erfolgt ein Ausschluss. Zur Festlegung persönlicher Grenzen wird vor der ausgemachten Aktivität ein individuelles Codewort (Safeword, z.B. „Mayday“) vereinbart, bei dessen Nennung die Handlung sofort beendet werden muss.
- Individuelle Geschmacks- und Ekelgrenzen sind zu akzeptieren. Sonst droht ein vorzeitiger Abbruch der Veranstaltung.
- Persönliche Beziehungen (z.B. “Ausleihen“ eines “Bottoms“ von einem “Top“) müssen respektiert und in gegenseitiger Zustimmung vereinbart werden.
- Durch Verletzung oder unfreiwillige Grenzüberschreitung bedingten Gefahren muss vorgebaut werden, um sie so gering wie möglich zu halten.
Nicht zu verwechseln ist (Sado)Masochismus mit sexueller Hörigkeit, d.h. der Bindung an einen anderen in einem derart intensiven Ausmaß, dass persönliche Freiheit, Selbstbestimmung und menschliche Würde aufgegeben werden. Das bedeutet, die hörige Person ordnet sich dem Partner bedingungslos (“sklavisch“) und schutzlos unter, was dieser meist ausnutzt.
Sadismus & Masochismus: behandlungsbedürftig?
Eine psychotherapeutische Behandlung dieser Paraphilien ist nur bei großem Leidensdruck der sie Ausübenden oder wenn dadurch andere Personen gefährdet sein könnten bzw. es dabei zu strafbaren Handlungen kommt, sinnvoll bzw. notwendig.
Datum: 21. August 2015
Kategorien: Psyche & Nerven