Nierentumore: Symptome können lange fehlen

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Sie gehören zwar insgesamt gesehen zu den selteneren Tumoren, können es aber in sich haben: Gewächse in den Nieren. Denn ein großer Teil davon erweist sich als bösartig. Meist hängt es vom Tumorstadium zum Zeitpunkt seiner Entdeckung ab, ob ein Nierenzellkrebs oder ein Wilms-Tumor noch heilbar ist oder nicht.

Gutartige Nierentumore

Gutartige Gewächse in der Niere sind eher selten zu finden, verursachen kaum Beschwerden, wachsen langsam und verdrängen dabei zwar gesunde Strukturen, zerstören diese aber nicht. Sie gehen von unterschiedlichen Gewebearten aus, die als Namensgeber der Tumore fungieren, etwa vom faserigen Bindegewebe (Fibrom), Fettgewebe (Lipom), von Gefäßen (Angiom), Nerven (Neurofibrom) oder der Muskulatur (Leiomyom, Rhabdomyom), manchmal auch von einem Gewebemix wie z.B. Angiomyolipome. Dazu gehört – zumindest bis zu einer Größe von einem Zentimeter im Durchmesser – auch das Adenom (Gewächs aus Drüsengewebe). Wächst es aber bis zu 3 cm heran, gilt es als Nierentumor unklaren Verhaltens, denn bekannterweise können noch größere Adenome malign (bösartig) entarten. Dann ist – zur Sicherheit – eine operative Entfernung überlegenswert, ebenso wenn zweifelsfrei gutartige Tumore den Harnfluss behindern oder zu Blutungen neigen.

Bösartige Nierentumore

Weitaus öfter als benigne (gutartige) Nierengewächse, aber gesamt gesehen dennoch eher selten ist der Nierenkrebs, wobei dieser Begriff alle bösartigen Tumore umfasst, die vom Nierenfunktionsgewebe, meist von den Zellen der Harnkanälchen, ausgehen. Dazu zählt in erster Linie das Nierenzellkarzinom (Nierenzellkrebs, Nierenkarzinom, Adenokarzinom der Niere, Grawitztumor, Hypernephrom). Davon gibt es mehrere Typen: das am häufigsten vorkommende klarzellige (auch: hellzellig oder chromophob, da es sich bei der Anfertigung von Gewebepräparaten zur histologischen Begutachtung nur blass färbt) Karzinom, das chromophile (anfärbefreudige) papilläre (warzenförmige) Karzinom und das seltene, aber besonders aggressive und sich rasch ausbreitende Ductus-Bellini-Karzinom. Unter “Nierenkrebs“ fallen aber auch Nephroblastome (Wilms-Tumore), Sarkome und Lymphome der Niere.

Ein Nierenkrebs sitzt meist am oberen oder unteren Nierenpol und tritt fast immer nur einseitig auf, sodass die Harnausscheidung kaum beeinträchtigt wird. Diese Krebsart nimmt in den Industrieländern zahlenmäßig zu (fragliche Ursache: Umweltschadstoffe wie z.B. Asbest, Cadmium, Blei), wobei Männer doppelt so häufig wie Frauen daran erkranken und zwar vornehmlich in reiferem Alter. Vermutlich sind an der Entwicklung eines Nierenzellkarzinoms diverse Einflüsse beteiligt. Als Risikofaktoren gelten Rauchen und Übergewicht, ein erhöhter Alkoholkonsum, Bluthochdruck, Schmerzmittelmissbrauch (Phenacetin), eine fettreiche, faserarme Ernährung, erworbene zystische Nierenerkrankungen, besonders aber eine bestehende chronische Niereninsuffizienz, das Auftreten von Nierenkrebs bei Blutsverwandten und spezielle Erbkrankheiten (z.B. tuberöse Sklerose: Mischtumore aus mehreren Gewebearten in verschiedenen Organen), v.a. solche, die auf Veränderungen am Chromosom 3 zurückzuführen sind wie z.B. das von-Hippel-Lindau-Syndrom (Angiome v.a. im Hirn und in der Netzhaut der Augen, Zysten in den Nieren, der Leber usw. und Tumore z.B. in den Nieren).

Ein Flankenschmerz, eine Hämaturie (Blut im Urin) und tastbare Geschwulst gelten als die drei typischen Anzeichen für einen Nierenkrebs, die aber durchaus auch fehlen können. Oder es kommt zu nur unspezifischen Symptomen wie Gewichtsverlust, einer längeren oder regelmäßigen Temperaturerhöhung, Leistungsminderung, Appetitlosigkeit oder auch Anämie (Blutarmut). Bei einem Teil der Erkrankten entwickeln sich sogenannte paraneoplastische (tumorbegleitende) Syndrome wie etwa eine Polyglobulie (erhöhte Zahl roter Blutzellen), vermehrte Ausschüttung von Hormonen wie z.B. Renin (Folge: Bluthochdruck) oder Parathormon (Folge: erhöhter Kalziumspiegel) oder neuromuskuläre Störungen. Da die Nieren zu den am besten durchbluteten Organen gehören, können sich dort wuchernde Krebszellen sehr rasch über die Blut- und Lymphgefäße ausbreiten und Metastasen in anderen Organen bilden, was vor allem in Lymphknoten, der Lunge, Leber, den Knochen und im Gehirn passiert und die Heilungschancen verschlechtert.

Eine spezielle Art von Nierenkrebs befällt – anders als das Nierenzellkarzinom – bevorzugt junge Menschen, in erster Linie Kleinkinder. Sie heißt – benannt nach dem deutschen Chirurgen Max Wilms (1867–1918) – Wilms-Tumor (Nephroblastom, embryonales Adenomyosarkom der Niere). Dabei handelt es sich um einen rasch wachsenden, bösartigen, teilweise beidseitig auftretenden, aus unreifem Nierengewebe entstandenen Mischtumor (kann z.B. auch Knorpel- oder Muskelzellen u.a.m. enthalten), der eine Vorwölbung des Bauches sowie oft Symptome wie Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen, Fieber, seltener auch eine Hämaturie oder einen Bluthochdruck verursacht und frühzeitig v.a. in die regionalen Lymphknoten, Lunge und Leber metastasiert. Er wird in fünf Stadien eingeteilt:

  • Stadium I: Der Tumor beschränkt sich auf die Niere.
  • Stadium II: Der Tumor überschreitet die Nierengrenze, ist aber – in Abhängigkeit vom Lymphknotenbefall – vollständig operativ entfernbar.
  • Stadium III: Eine vollständige operative Entfernung ist nicht möglich.
  • Stadium IV: Fernmetastasen sind nachweisbar.
  • Stadium V: Es finden sich beidseitig Tumore.

Bis dato ungeklärt sind die Ursachen für die Entstehung eines Wilms-Tumors. Allerdings zeigt sich, dass daran Veränderungen der Erbmasse beteiligt sein dürften (z.B. WT1-Gen auf Chromosom 11), denn eine veränderte Struktur oder Zahl bestimmter Chromosomen erhöht anscheinend das Risiko, dass er sich entwickelt. Nicht zuletzt kommen Wilms-Tumore familiär gehäuft vor. Und bei verschiedenen vererbbaren Krebssyndromen (z.B. Neurofibromatose Typ 1) mit begleitenden Fehlbildungen.

Nierentumore erkennen

Da sich Nierentumore oft länger kaum klinisch bemerkbar machen, werden sie häufig nur per Zufallsbefund entdeckt, etwa bei einer aus anderem Anlass durchgeführten Sonographie (Ultraschalluntersuchung). Gelegentlich sind es aber doch tumorbedingte Symptome wie z.B. eine Hämaturie, vergrößerte Lymphknoten, Beinödeme oder bei Männern eine Varikozele (Krampfaderbruch im Hoden), die zum Arzt führen, der dann weiterführende Untersuchungen veranlasst.

Bildgebende Verfahren bilden das wichtigste Instrumentarium, um einen etwaigen Verdacht auf einen Nierentumor zu klären. Allen voran die Sonographie, die strahlenfrei Veränderungen der Nieren darstellt. Noch treffsicherer sind die Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT), die die Tumorausdehnung, dessen eventuelle Metastasierung in die Leber oder Lymphknoten des hinteren Bauchraums und einen allfälligen Tumorthrombus in der Nieren- oder Hohlvene zeigen. Gelegentlich – z.B. zur Planung einer organerhaltenden Operation – wird zudem eine Angiographie (Gefäßdarstellung) der Nieren per Kontrastmittelröntgen zur Beurteilung der Blutgefäßversorgung der Niere und des Tumors nötig. Manchmal erfolgt auch eine Feinnadelbiopsie (Gewebeprobenentnahme), um zu klären, um welche Art von Tumor es sich handelt. Nach einer Metastasierung wird per Röntgenaufnahmen des Brustkorbs, Leberultraschall und Skelettszintigraphie (nuklearmedizinische Untersuchung der Knochen) gefahndet. Labortests prüfen das Blut hinsichtlich der Nierenfunktionswerte (z.B. Kreatinin), Kalzium, alkalischen Phosphatase und Blutbildveränderungen, den Harn vor allem auf Blubeimengungen.

Behandlungsoptionen

Die Behandlung eines Nierentumors richtet sich nach dessen Art, Größe, Stadium und Ausbreitung (Vorhandensein von Tochtergeschwülsten), aber auch nach dem Alter, Allgemeinzustand und etwaigen Begleiterkrankungen des Tumorträgers. Beim noch nicht metastasierten Nierenzellkarzinom lautet die Standardtherapie chirurgische Entfernung. Entweder der ganzen Niere (radikale Tumornephrektomie) mit ihrer Fettkapsel und den regionalen Lymphknoten (mögliche Absiedlungsorte verstreuter Tumorzellen), gegebenenfalls sogar zusätzlich der auf ihr sitzenden Nebenniere, um sicherzugehen, dass sich keine Tumorzellen im Organismus ausbreiten. Oder nur die Beseitigung des Tumors inklusive eines Sicherheitssaums aus gesundem Gewebe (Nierentumorenukleation), d.h. eine organerhaltende (”nierenschonende”) Operation, die umso besser gelingt, je kleiner das Gewächs ist und je günstiger es liegt. Das ist vor allem dann wichtig, wenn keine zweite funktionstüchtige Niere vorhanden ist oder beide Nieren Tumore aufweisen.

Im Falle eines großen, inoperablen Tumors mit Blutungsneigung oder bei Hochrisikopatienten kann eine mittels Katheter via Leisten- und Beckenarterie durchgeführte Embolisation (Gefäßverschluss) der Nierenarterie versucht werden, um die Blutversorgung des Tumors zu unterbinden, sodass er nicht weiterwächst oder sich gar rückbildet. Das hält leider meist nicht dauerhaft an, da der Tumor in der Regel wieder Anschluss an die Blutversorgung findet. Eine weitere Option ist – allein oder gemeinsam mit der Embolisation – die hochfrequenz-induzierte Thermotherapie (Hitzebehandlung) über eine unter CT-Kontrolle in die Geschwulst eingebrachte Spezialnadel.

Im Unterschied zu anderen Krebsarten ist das Nierenkarzinom weder für die Strahlen- noch für die klassische Chemotherapie mit Zytostatika empfindlich. Bestrahlungen lindern aber Schmerzen und mindern die Gefahr von Brüchen bei Knochenmetastasen. Hiervon weicht der Wilms-Tumor ab. Bei ihm wird daher zwecks Verringerung der Tumormasse und Verhinderung einer intraoperativen Streuung von Tumorzellen präoperativ eine mehrwöchige Chemotherapie durchgeführt, dann (nach Möglichkeit organerhaltend) operiert und – abhängig vom histologischen Befund – bei Notwendigkeit eine postoperative Chemo- oder auch Strahlentherapie (z.B. bei verbleibenden Tumorresten) angeschlossen.

Bei einem metastasierenden Nierenzellkrebs kann – in Abhängigkeit vom histologischen (feingeweblichen) Tumorbefund – eine zielgerichtete medikamentöse Therapie die Lage verbessern. Sie erfolgt mit Wirkstoffen (z.B. Sunitinib, Sorafenib, Pazopanib, Temsirolismus, Bevacizumab), die – allein oder miteinander kombiniert – den Stoffwechsel der Tumorzellen verändern oder blockieren, so das Karzinomwachstum hemmen und die Lebenserwartung erhöhen. Eine Stabilisierung des Krankheitsbildes, Verlängerung der Überlebenszeit und ein Plus an Lebensqualität verspricht sich die Medizin zumindest in bestimmten Fällen auch von der Immuntherapie, bei der mit Zytokinen (z.B. Interferonen, Interleukinen) das Immunsystem so angeregt wird, dass es Krebszellen eliminiert.
Egal um welche Art von Nierenkarzinom es sich handelt, sollte regelmäßig eine Krebsnachsorge erfolgen – zwecks möglichst rascher Erkennung eines eventuellen Wiederauftretens der Erkrankung (Metastasen oder Nierenzellkarzinom der Gegenniere) und Überprüfung der Nierenfunktion.

 

 

Weiterführender Link:
Wilmstumor

 

Links zu unserem Lexikon:
Krebs, allgemein
Blut im Urin
Kreatinin im Blut
Calcium im Blut
Alkalische Phosphatase im Blut
Blutbild
Chronische Niereninsuffizienz

 

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