Gendermedizin: Auch Männer sind manchmal im Nachteil

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Krankheiten verhalten sich nicht geschlechtsneutral. Auf dieser Erkenntnis basiert die Gendermedizin (gender medicine, geschlechtsspezifische Medizin). Sie berücksichtigt biologische und psychosoziale Faktoren der Frauen-, aber auch der Männergesundheit.

Dass Männer vom Mars sind und Frauen von der Venus, d.h. die Geschlechter sich in diversen Situationen verschieden verhalten, weiß Mann respektive Frau spätestens seit Erscheinen des gleichnamigen Buchs von Cris Evatt. Das ist jedoch nicht der einzige Bereich, in dem der “kleine Unterschied“ eine große Rolle spielt. Auch in der Medizin macht er sich auf vielerlei Arten bemerkbar.

So bestimmt schon allein das geschlechtsspezifisch differente Erbgut, d.h. die sogenannten Gonosomen (Geschlechtschromosomen: XY beim Mann, XX bei der Frau), ob bzw. wie eine Reihe von vererbbaren Krankheiten (z.B. Bluterkrankheit, Farbblindheit, Duchenne Muskeldystrophie u.a.m.) in Erscheinung treten. Verschiedenheiten in der Anatomie und im Stoffwechsel wiederum wirken sich auf Krankheitssymptome und Medikamentenwirkungen aus.

Neben diesen biologischen (engl.: sex = Geschlecht) Unterschieden gibt es auch welche, die auf dem durch äußere Faktoren beeinflussten sozialen Geschlecht (engl.: gender) beruhen wie z.B. das eigene Erleben von Gesundheit und Krankheit. Mit dieser Problematik befasst sich ein junger Zweig der Heilkunde, die Gendermedizin. Entwickelt hat sie sich hauptsächlich aus der Frauengesundheitsbewegung. Sie fußt auf der in den letzten Jahrzehnten steigenden Wahrnehmung der gesundheitlichen Andersartigkeit von Frauen, etwa in Bezug auf die Symptomatik bei vielen Erkrankungen (z.B. Herzinfarkt) und der daraus oft folgenden unzureichenden Erkennung oder Behandlung.

Nachteile durch geschlechtsabhängige Abweichungen betreffen in einigen medizinischen Bereichen aber auch das starke Geschlecht. Hier ein paar Beispiele:

Bluthochdruck: Männliche Hormone als Risikofaktor

Bis Mitte 40 haben es Frauen in puncto Blutdruck gut, denn bis zum Wechsel schützen sie meist die weiblichen Hormone (z.B. Östrogen) vor einem gesundheitsschädlichen Anstieg der Blutdruckwerte. Nicht so Männer. Auch bei ihnen nehmen Sexualsteroide (Geschlechtshormone) Einfluss darauf, mit welcher Wucht das Blut durch die Adern schießt. Allerdings in der Weise, dass Androgene (männliche Hormone, z.B. Testosteron) u.a. den Wasser- und Elektrolythaushalt so regulieren können, dass Männer in jüngeren Jahren häufiger zur arteriellen Hypertonie (Bluthochdruck), d.h. einem bedeutenden Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall u.a.m. neigen. Benötigen sie dann eine medikamentöse Therapie, etwa einen sogenannten Betablocker, droht als Nebenwirkung eine erektile Dysfunktion (eingeschränkte Manneskraft).

Bauchfett erhöht Diabetesrisiko

Es gilt zwar für beide Geschlechter: Übergewicht ist mit der Gefahr der Entwicklung eines Diabetes verbunden, bei Männern aber besonders. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Fettverteilung, genauer gesagt im Bauchumfang. Das gern verharmloste männliche “Wohlstandsbäuchlein“ ist – übersteigt sein Umfang 101 cm – schuld daran, dass viele Männer bereits bei weniger hohem BMI (Body mass index) als Frauen zuckerkrank werden, denn Bauchfett erzeugt eine Insulinresistenz, d.h. es macht die Körperzellen unempfindlich gegen Insulin, einem Hormon, das unerlässlich für die Zuckerverwertung ist.

Männerleiden Gicht

Gesamt gesehen leben Männer ungesünder als Frauen. Sie essen oft unausgewogen (viel Fleisch, wenig Gemüse) und kippen gerne mal ein Glas (oder mehr) über den Durst. Dann bleibt häufig ein hoher Harnsäurespiegel im Blut nicht aus. Lagern sich Harnsäurekristalle in einem oder mehreren Gelenken ab, hat sich eine schmerzhafte Stoffwechselkrankheit namens Gicht (Arthritis urica) entwickelt.

Steinreich

Das sind eigentlich beide Geschlechter. Während den Frauen jedoch etwa zweimal so oft “die Galle übergeht“ wie Männern, sitzen bei den Herren mehr als doppelt so häufig Steine in den Nieren bzw. Harnwegen (Urolithiasis) und verursachen Koliken. Auch hier ist unausgewogene Ernährung eine mögliche Ursache.

“Männer-Rheuma“ Morbus Bechterew

Über 400 Leiden zählen zu den sogenannten Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Viele davon wie etwa die Kollagenosen betreffen mehr Frauen als Männer. Bei einer aber hat auf jeden Fall das starke Geschlecht die Nase vorn: beim Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans). Die chronisch-entzündliche Krankheit befällt vor allem die Wirbelsäule und bewirkt deren zunehmende Versteifung (“Bambusstab“).

Kahler Kopf als Zeichen der Männlichkeit?

Auch wenn die Kojaks und Yul Brynners dieser Welt nicht um die Gunst der Damenwelt fürchten müssen, leiden doch einige Vertreter des starken Geschlechts unter dem teilweisen oder gänzlichen Verlust der Kopfbehaarung. Die bleibt zwar auch nicht bei allen Frauen vollständig erhalten, aber ihr Schwund zeigt sich anders. Während die Damen sich v.a. im Scheitelbereich lichten, bilden sich bei Herren eher Geheimratsecken, kahle Stellen am Hinterkopf (Tonsur) oder auch eine Vollglatze. Ist der Haarausfall erblich bedingt, spricht man von einer androgenetischen Alopezie. Die Bezeichnung liefert auch gleich Hinweise, worauf die Störung zurückzuführen ist: auf einen Haarausfall infolge einer anlagebedingten Überempfindlichkeit der Haarfollikel gegen männliche Hormone (Androgene).

 

Interessante Informationen zu erwähnten Krankheiten finden Sie in unserem Lexikon:
Bluthochdruck
Diabetes
Gicht
Harnsteine
Morbus Bechterew
Haarausfall

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