Riechstörungen: gefährliche Welt ohne Düfte

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Eine Entzündung, ein Unfall oder ein Tumor – und weg ist eine Sinneswahrnehmung, die eine wichtige Warnfunktion – z.B. vor giftigen Gasen oder verdorbenen Lebensmitteln – innehat. Und auch sonst sind Menschen mit einem beeinträchtigten Geruchssinn nicht zu beneiden.

Wir kennen es alle: Bestimmte Gerüche wecken in uns – und zwar ganz automatisch, außerhalb jeglicher verstandesmäßiger Kontrolle – Assoziationen zu bestimmten Situationen und Emotionen. Einige Düfte beleben, andere entspannen uns, wieder andere empfinden wir als abstoßend oder sie warnen uns vor einer Gefahr. Doch wie stellen sie das an?

Es sind winzige eingeatmete Gasteilchen, die die Riechzellen in einem kleinen Areal im Nasendach reizen. Dort sitzen Rezeptoren für Gerüche, die die Signale über den Nervus olfactorius (Riechnerv) zum Riechhirn weiterleiten, das sie in eine bestimmte Geruchswahrnehmung umwandelt. Dieser Teil des Gehirns steht in Verbindung mit für Erinnerungen und Emotionen zuständigen Hirnarealen, weshalb Gerüche, von denen der “riechgesunde“ Mensch ca. 10.000 verschiedene unterscheiden kann, angenehme und unangenehme Empfindungen auslösen können. Für jeden Geruchsrezeptor ist im Erbgut ein bestimmtes der 350 “Geruchsgene“ zuständig, wobei der jeweilige Duftstoff und Rezeptor so aufeinander abgestimmt sind, dass nur sie zueinander passen (“Schlüssel-Schloss-Prinzip“).

Arten von Riechstörungen

Das Riechvermögen nimmt natürlicherweise mit dem Alter ab (Presbyosmie). Doch der Geruchssinn kann jederzeit Schäden erleiden. Dann spricht man von Dysosmien (Riechstörungen, Geruchsstörungen). Darunter fallen quantitative Riechstörungen wie eine

  • Hyposmie: Verminderung des Geruchssinns
  • Anosmie (umgangssprachlich auch: Geruchsblindheit): Verlust des Geruchssinns – komplett, funktionell (deutliche Einschränkung des Riechvermögens) oder partiell (selektive Anosmie: Verlust der Empfindlichkeit gegenüber einem bestimmten Duftstoff oder einer Duftstoffgruppe)
  • Hyperosmie: krankhaft gesteigerte Geruchswahrnehmung (z.B. bei Epilepsie, Psychosen)

und qualtitative Riechstörungen wie eine

  • olfaktorische Intoleranz: Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Geruchsreizen
  • Parosmie: gegenüber “Normalriechern“ veränderte Wahrnehmung von Gerüchen
  • Kakosmie: Wahrnehmung aller Gerüche als unangenehm (z.B. bei Hirnschäden)
  • Phantosmie: Wahrnehmung von nicht vorhandenen Gerüchen (“Geruchshalluzinationen“)
  • Pseudosmie (unbewusstes “Fehlriechen“): Umdeuten von Gerüchen z.B. aufgrund starker Emotionen (“Geruchsillusionen“)

Je nach Ursache unterscheidet man zwischen sinunasalen, nicht-sinunasalen und idiopathischen (ohne erkennbaren Grund) Riechstörungen, wobei sinunasale, quantitative Dysosmien überwiegen.

Sinunasale Riechstörungen

Sie beruhen auf Erkrankungen der Nase und Nasennebenhöhlen, die mit einer Schädigung der Atemwege einhergehen. Dazu zählen etwa chronische Entzündungen infektiöser oder allergischer Natur, toxische Reizungen, Nasenpolypen, Verkrümmungen der Nasenscheidewand und Schleimhautschwellungen z.B. infolge einer Medikamenten-Nebenwirkung oder Hormonstörung.

Nicht-sinunasale Riechstörungen

Hier geht das eingeschränkte oder verlorene Riechvermögen auf eine Beeinträchtigung des Riechsinns selbst zurück, auf krankhafte Veränderungen des Riechapparates wie etwa der Riechschleimhaut (periphere Anosmie) oder eine Störung der Riechbahn (zuständig für die Weiterleitung der Geruchsreize an das Gehirn, zentrale Anosmie). Dazu gehören beispielsweise Virusinfektionen der oberen Luftwege, Kopfverletzungen, Nebenwirkungen von Arzneien, eine Hirnhautentzündung, Strahlentherapie (z.B. bei Tumoren im Kopf- oder Halsbereich), Kontakte zu Reizstoffen wie z.B. Kohlendioxid oder Ammoniak, vor allem aber sogenannte neurodegenerative Erkrankungen wie das Parkinson-Syndrom, die Alzheimer-Demenz oder Huntington-Krankheit. Vorübergehende Dysosmien können während einer Schwangerschaft, bei Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Migräne sowie Mangel- oder Fehlernährung vorkommen. Auch Rauchen führt zu einem geringeren Riechvermögen, das sich jedoch bei Nikotinverzicht wieder erholen kann.

Folgen einer Dysosmie

Ein beeinträchtigter Geruchssinn hat zahlreiche Auswirkungen auf den Alltag. Etwa einen fehlenden Appetit und in der Folge eine Mangelernährung, denn Riechen und Schmecken sind eng miteinander (im Mund freigesetzte Duftstoffe erreichen über über den Rachen die Riechschleimhaut) verbunden, sodass der Genuss beim Essen und Trinken leidet, wenn eine Riechstörung vorliegt. Am ehesten erhalten bleibt die Geschmackswahrnehmung “süß“, sodass sich eine Neigung zum Naschen und damit eine Fettleibigkeit entwickeln kann. Auch die Körperhygiene kann unter einer Dysosmie leiden.

Da bestimmte Düfte mit emotionalen Erinnerungen assoziiert werden, bedeutet ein gestörter oder fehlender Geruchssinn einen Verlust an Genuss verschiedener Aromen und damit eine starke Beschneidung der Lebensqualität. Als besonders belastend empfinden Menschen mit einer Anosmie, dass sie nahe Bezugspersonen geruchlich nicht mehr wahrnehmen können. Das kann sich auch auf Partnerwahl und Sexualität, wo es schließlich nicht nur im übertragenen Sinne darauf ankommt, jemanden riechen zu können, negativ auswirken. Diese Einbußen werden bei einer plötzlich einsetzenden Dysosmie schlimmer erlebt als bei einer sich schleichend entwickelnden, wie sie z.B. für das fortgeschrittene Alter typisch ist. Nicht selten entstehen daraus psychische Probleme wie Depressionen, Sexualstörungen oder ein Reinlichkeitszwang.

Zudem fehlt es an der Wahrnehmung olfaktorischer Warnsignale wie z.B. beim Ausbruch eines Brandes oder bei einer Giftgasexposition. Daher empfehlen sich für Menschen mit eingeschränktem Riechvermögen Vorsichtsmaßnahmen wie die Anbringung eines Feuermelders in der Wohnung oder die regelmäßige Kontrolle von Nahrungsmitteln auf ihr Verfallsdatum.

Geruchsstörungen erkennen

Zunächst klärt der Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde mittels Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), ob die Geruchswahrnehmung nur eingeschränkt oder vollkommen weg ist oder nur ein bestimmter Duftstoff nicht wahrgenommen werden kann. Außerdem ob zugleich weitere Beschwerden wie z.B. auch Geschmacksstörungen oder Kontakte zu Reizstoffen bestehen, Medikamente eingenommen werden sowie Vorerkrankungen, die zu vorübergehenden Geruchsstörungen führen können, vorliegen.

Nach einer gründlichen Untersuchung der Nasenschleimhaut per Rhinoskopie (Nasenspiegelung mit dem Nasenendoskop, einer starren oder biegsamen Röhre mit eingebauter Lichtquelle und Kamera) finden Riechtests statt. Manche davon messen, in welcher Konzentration ein Duftstoff gerade noch wahrgenommen wird. Andere zielen auf eine Beurteilung der Intensität von Duftproben ab. Oder die Erkennung charakteristischer Duftstoffe (z.B. Pfefferminz, Kaffee; z.B. mit “Sniffin Sticks“), die jedem Nasenloch separat angeboten werden, während das andere Nasenloch verschlossen wird. Eine objektive Messung ermöglicht die Reaktionsolfaktometrie, bei der nach Setzung von Duftreizen die dadurch ausgelösten Hirnströme aufgezeichnet werden.

Zwecks Ursachenforschung einer Dysosmie können weitere Untersuchungen wie z.B. neurologische Tests, eine Computer- (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) folgen.

Riechstörungen behandeln

Die Therapie einer Dysosmie richtet sich nach ihrer Ursache. Verkrümmungen der Nasenscheidewand, Polypen oder Tumoren der Nase oder Nasennebenhöhlen erfordern eine chirurgische Korrektur. Verschuldet ein Medikament eine Riechstörung, kann dieses nach ärztlicher Rücksprache eventuell abgesetzt oder durch ein anderes ersetzt werden. Tritt eine Geruchsstörung als Begleitsymptom einer Erkrankung auf, muss diese adäquat therapiert werden.

Gegen Geruchsstörungen kommen auch Arzneien wie Steroide, Antibiotika und Vitaminpräparate zum Einsatz, deren Nutzen dafür allerdings nicht hinreichend belegt ist. Was das Riechvermögen deutlich bessern könnte, sind Riechtrainings, bei denen jeden Tag – einmal morgens, einmal abends – vier Düfte geschnuppert werden, zeigen Untersuchungen. Die Forscher führen dieses Phänomen darauf zurück, dass durch das Training vermutlich neue Rezeptoren in der Riechschleimhaut wachsen und/oder es zu strukturellen Veränderungen im Sinne eines Lernprozesses kommt.

Riechstörungen können auch von selbst wieder verschwinden, kaum jedoch, wenn die Riechzellen zu stark geschädigt sind wie z.B. nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder eine Anosmie länger als ein Jahr andauert.

 

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