Wunden richtig versorgen

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Ein Schnitt, ein Stich, ein Sturz oder gar ein Schuss und schon ist die Haut oder auch anderes entzwei und es klafft eine Wunde, die es zu versorgen gilt. Dann sollte man wissen, ob ein Verband genügt oder der Notarzt kommen muss. Das hängt von der Art der jeweiligen Wunde, ihrem Zustand und dem Körperteil ab, auf dem sie sich befindet.

Verletzungen gehören zum täglichen Leben und sind schnell passiert. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit und schon schneidet das Brotmesser auch den Finger, ein kleines Hindernis und der Radfahrer respektive seine Knie machen Bekanntschaft mit der rauen Straße usw. usf. Kaum jemand bleibt von der Erfahrung verschont, Verwundungen zu erleben, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Was dann zu tun ist, hängt u.a. von der Art der Wunde ab.

Wundarten

Werden Strukturen – von außen sichtbar – voneinander getrennt, wobei ein Teil des Gewebes verloren gehen kann, spricht man von einer offenen Wunde. Bleibt bei einer Gewebsdurchtrennung die Haut bzw. Schleimhaut intakt, handelt es sich um eine geschlossene Wunde, die sich somit im Körperinneren befindet.

Abhängig vom Entstehungsmechanismus unterscheidet man zwischen

1.    mechanischen Wunden:

  • offene Wunden wie
    • Schnittwunden: klaffende glatte Ränder
    • Stichwunden kleine Eintrittsstelle, häufig verklebte Wundränder, ev. Infektion durch eingeschlossene Keime
    • Platzwunden: oft unregelmäßige, schlecht durchblutete Wundränder
    • Risswunden: Dehnung oder Zerrung überbeanspruchen die Gewebeelastizität, meist unregelmäßig gezackte Wundränder
    • Kratzwunden: entsprechen oberflächlichen Risswunden, werden oft von Tieren zugefügt
    • Schürfwunden: Scherkräfte lädieren die oberste Hautschicht
    • Bisswunden: Kombination aus Stich- und Quetschwunde
    • Schusswunden (ballistisches Trauma): Kombination aus Riss- und Quetschwunde
    • Ablederungen (Hautablösung, Décollement): die Oberhaut wird von der Unterhaut getrennt, kann daraufhin wegen unterbrochener Blutzufuhr absterben, z.B. Skalpierung
    • Pfählungsverletzungen: ähneln Stichwunden. Der verletzende Gegenstand kann jedoch auch durch natürliche Körperöffnungen eintreten.
    • Amputationen: massive Gewalteinwirkung führt zur Abtrennung von Körperteilen
  • geschlossene Wunden wie
    • Prellungen: Blutergüsse und Schwellungen durch stumpfe Gewalteinwirkung
    • Quetschungen: zangenartige stumpfe Gewalteinwirkung
    • Zerrungen/Verrenkungen: Gelenkverletzung mit Überdehnung oder Zerreißung der Bänder infolge einer Drehung

2.    thermischen (durch Temperatureinwirkung) Wunden wie Verbrennungen (Brandwunden, Strommarken) oder Erfrierungen

3.    chemischen Wunden wie Säure- oder Laugenverätzungen

4.    strahlungsbedingten Wunden durch Einwirkung ionisierender Strahlung (z.B. Röntgenstrahlen)

Wunden entstehen in den allermeisten Fällen unbeabsichtigt. Zu bestimmten Zwecken setzt aber auch die Heilkunde Wunden (iatrogene Wunden), etwa bei einer Inzision (Einschnitt, z.B. zur Abszess- Eröffnung), Punktion (z.B. Gewinnung einer Gewebeprobe mittels Kanüle), Spalthautentnahme (zur Hauttransplantation) oder Amputation u.a.m.
Zeigt eine Wunde innerhalb von vier bis acht Wochen nach ihrer Entstehung keine Heilungstendenz und ist sie mit einer Grunderkrankung (z.B. Diabetes mellitus, chronisch venöse Insuffizienz) vergesellschaftet, spricht man von einer chronischen Wunde (z.B. Ulcus cruris, Dekubitus, Diabetisches Fußsyndrom, ulzerierte Tumore).

Wundversorgung: ärztlich oder nicht?

Unabhängig von ihrer Entstehung sollten Wunden jeglicher Art rasch erstversorgt werden, um einen möglichst problemlosen Heilungsverlauf zu ermöglichen und Komplikationen wie z.B. starke Blutungen zu verhindern. Nicht jede Wunde erfordert ein ärztliches Eingreifen. Notfallmedizinisch versorgt (Notruf: 144) gehören aber auf jeden Fall großflächige, tiefe, verunreinigte oder stark blutende Wunden, Wunden in Organ- oder Gelenksnähe, an Geschlechtsorganen, am Hals, Hand- oder Fußrücken (Gefahr: Sehnenschädigung), Biss-, Schuss- und Stichwunden, Augenverletzungen, Fremdkörper in einer Wunde sowie Folgen eines starken Blutverlusts (z.B. Bewusstlosigkeit, Herz-Kreislauf-Stillstand).

Erste Hilfe bei Verwundungen

Das Ziel jeder Wundbehandlung lautet: Die Wunde soll rasch und komplikationslos verheilen. Das kosmetische Ergebnis ist dabei weniger wichtig, da viele Narben später korrigiert werden können.

Schürfwunde: Die meist narbenlos abheilende Verletzung sollte zwecks Entfernung von Verschmutzungen mit steriler Kochsalzlösung aus der Apotheke oder unter fließendem Wasser gespült, dann desinfiziert und mit einem Wundschnellverband oder einer sterilen Kompresse abgedeckt werden. Größere Schmutzpartikel (z.B. Steinchen, Splitter) werden am besten mit einer sauberen (z.B. Ausglühen in einer Flamme oder Reinigung mit Desinfektionsmittel) Pinzette entfernt. Bei leichten bzw. kleinflächigen Schürfwunden genügt oft, sie offen heilen zu lassen bzw. ein selbsttrocknendes Wundheilgel oder einen Sprühverband aufzubringen. Tiefergehende, nässende Schürfwunden benötigen eine sterile Salbenkompresse.

Schnitt- oder Platzwunde: Sofern eine Schnitt- oder Platzwunde tiefer in die Weichteile reicht, besteht die Gefahr einer Verletzung darunterliegender Strukturen wie z.B. Muskeln, Sehnen, Knochen, Blutgefäßen oder Nerven sowie – v.a. bei einer Platzwunde aufgrund ihrer auseinander klaffenden, rauen Ränder – einer Infektion mit in sie eingedrungenen Keimen. Daher ist vor einem Wundverschluss eine sorgfältige Säuberung mit steriler Kochsalzlösung oder sauberem Wasser und Erfassung ihres Ausmaßes wichtig. Eine kleine Verletzung lässt man am besten zunächst kurz bluten. Das spült Schmutz und Krankheitserreger aus der Wunde. Dann wird sie desinfiziert und mit einem keimfreien Schnellverband versorgt. Bei oberflächlichen Schnittverletzungen und kleinen Platzwunden genügen oft Wundheilgele bzw. bestimmte Verbände (Feuchtpflaster, Feuchtkompresse) als Therapie. Stark blutende, größere, sehr tiefe oder verunreinigte sowie im Gesicht oder am Kopf befindliche Wunden hingegen müssen ärztlich behandelt (z.B. genäht, Ausschneiden zerfetzter Wundränder) werden. Stärker blutende Wunden sind bis zum Eintreffen des Notarztes durch Anbringen eines Druckverbandes und Hochlagerung des betroffenen Körperteils zu stoppen.

Stich- und Schusswunde: In beiden Fällen heißt es ab zum Doktor! Bis zum Eintreffen des Notarztes ist Blutstillung durch Anbringen eines Druckverbandes und Hochlagerung des verletzten Körperteils angesagt. Denn auch wenn die Wunde harmlos erscheint, kann sie tief reichen und ev. gefährliche innere Blutungen nach sich ziehen. Außerdem ist sie mit einer hohen Infektionsgefahr verbunden, weil mit dem die Wunde verursachenden Fremdkörper Keime bis in tiefe Gewebeschichten gelangen können. Übrigens: Fremdkörper nicht entfernen! Das ist Sache des Arztes.

Kratz-, Riss- und Quetschwunde: Da sich bei Riss-, Quetsch- oder ihrer Kombination Riss-Quetschwunden (richtiger wäre eigentlich Quetsch-Risswunden, da das Gewebe zuerst gequetscht wird und erst dadurch reißt) unterhalb der Wundränder häufig ausgedehnte Weichteildefekte mit tiefen Wundtaschen befinden, das zerklüftete Gewebe zudem einen guten Nährboden für die Besiedelung mit Krankheitserregern (z.B. Gasbrand durch Clostridien) darstellt, ist hier oft eine chirurgische Versorgung der Wunde mit ausgiebiger Reinigung und Debridement (operative Entfernung abgestorbenen Gewebes) der Wunde erforderlich. Bei der Erstversorgung solcher Wunden steht die Blutstillung (Druckverband) im Vordergrund.

Ablederungswunde, Pfählungsverletzung und Amputation: Beim Décollement kann aufgrund der großen Wundfläche ein beträchtlicher Blutverlust entstehen, bei Pfählung Verletzungen innerer Organe, weshalb ein schnellstmöglicher Transport ins Krankenhaus mit der Rettung anzustreben ist. Ev. amputierte Körperteile inklusive.

Strahlenschäden: werden im Wesentlichen wie Verbrennungen behandelt.

Allgemeingültiges zur provisorischen Wundversorgung

Zunächst gilt es, Ruhe zu bewahren und den Verletzten zu beruhigen, während man eine Wunde – endgültig oder temporär, d.h. bis zur ärztlichen Behandlung – versorgt. Dabei möglichst medizinische Einmalhandschuhe tragen. Das schützt einerseits den Ersthelfer vor Infektionen durch Blutkontakt, anderseits das Verletzungsopfer vor Keimen, die sich auf der Haut der Hände des Helfers befinden.

Erfordert eine Wunde eine ärztliche Behandlung, sollte das innerhalb von sechs Stunden nach ihrer Entstehung geschehen, weil sie nur in diesem Zeitraum – etwa mittels Reinigung, Desinfektion, Ausschneiden der Wundränder und Vernähen – optimal versorgt werden kann, sodass die Wundheilung unbeeinträchtigt vonstatten geht. Andernfalls können sich z.B. in die Wunde gelangte Keime im Gewebe ausbreiten und eine Entzündung bewirken, sodass die Wundheilung länger dauert. Zu beachten ist ferner, dass ein ausreichender Impfschutz gegen Tetanus besteht. Wenn nicht, erfolgt eine Auffrischungsimpfung.

Bewirkt ein starker Blutverlust eine Bewusstlosigkeit oder einen Herz-Kreislauf-Stillstand, muss wiederbelebt werden.

 

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