Schlafwandeln: Mondsüchtige leben gefährlich

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Wenn sich das Gehirn nur schwer zwischen Ruhe und Aktivität entscheiden kann, erheben sich Menschen mit einer kuriosen Schlafstörung namens Somnambulismus aus dem Bett und gehen auf Wanderschaft. Die Schlafwandler leben gefährlich. Denn während ihrer nächtlichen Ausflüge treffen sie auf scharfe Möbelkanten, offene Fenster, steile Treppen u.a.m.

Verlässt jemand im Tiefschlaf das Bett und irrt umher, weiß aber anschließend nichts davon, nennt man das im medizinischen Fachjargon Somnambulismus (lat.: somnus = Schlaf, ambulare = wandern) oder Somnambulie, seltener Noctambulismus (lat.: nox = Nacht), Lunatismus (lat.: luna = Mond) oder Oneirodynia activa (griech.: oneiroid = traumähnlich). Im Volksmund heißt dieses Verhalten Mondsüchtigkeit, Mondsucht, Nachtwandeln oder Schlafwandeln. Diese besondere Form von Schlafstörung betrifft vor allem Kinder, ist aber ebenso bei manchen Erwachsenen anzutreffen. Auch wenn die nächtliche Wanderschaft oft nur kurz dauert, kann sie gefährlich werden.

Was beim Schlafwandeln geschieht

Es gibt vielerlei Arten von Schlafstörungen, doch so spektakulär wie die Parasomnien (während des Schlafes oder an der Schwelle zwischen Wachsein und Schlafen auftretende abnorme Ereignisse), wozu auch die Somnambulie gehört, gestalten sich nur wenige. Was dabei geschieht: Der Schlafwandler befindet sich zwar im Tiefschlaf, doch Teile seines Gehirns sind noch aktiv (“unvollständige Weckreaktion“), sodass er – in der Regel für einige Sekunden bis Minuten, sehr selten länger als eine halbe Stunde – durch das Haus geistert oder auch automatisierte Handlungen ausführt. Etwa Kästen, Fenster oder Türen öffnet, kocht, isst, Kleider anzieht, Maschinen bedient, ein Fahrzeug startet oder auch ein von der Norm abweichendes Verhalten zeigt, z.B. in einen Schrank uriniert oder in einer Heißhungerattacke wahllos alles Essbare verzehrt, z.B. auch Schokolade inklusive sie umgebendes Stanniol. Oder er spricht und beantwortet sogar Fragen, wobei aber nur selten ein echter Dialog stattfindet. Eventuell klettert er auch aus einem Fenster, läuft plötzlich weg oder versucht einer scheinbaren Gefahr zu entkommen. Das Ganze vollzieht er mit offenen Augen, aber ohne direkten Blickkontakt sowie starrer und maskenhafter Mimik oder verstörtem Gesichtsausdruck. Nach dem “Ausflug“ kehrt der Schlafwandler ohne munter zu werden im Normalfall in sein Bett zurück, kann sich aber auch an anderer Stelle niederlegen. Um am Morgen danach erstaunt über die Ortsveränderung aufzuwachen.

Es gibt aber ebenso abortive (leicht verlaufende) Formen von Somnambulismus, bei denen das Nachtlager nicht verlassen wird. Dann erwacht der Schlafwandler z.B. nur kurz, setzt sich auf im Bett, murmelt unverständliche Worte oder guckt ratlos oder verwirrt herum bzw. an die Decke (“verwirrtes Aufwachen“), nestelt oder zupft an der Umgebung oder schiebt das Bettzeug hin und her.

Während einer schlafwandlerischen Episode reagiert der Betroffene kaum auf Außenreize, ist schwer erweckbar oder kann auch ein aggressives Verhalten an den Tag legen, was zum Glück nur selten vorkommt. Nach dem Erwachen aus dem somnambulen Zustand kann er sich nicht daran erinnern, schlafgewandelt zu sein (retrograde Amnesie).

Ursache ungeklärt

Bis zu 30 Prozent aller Kinder sollen eine Episode von Somnambulismus durchleben, wiederholtes Schlafwandeln zeigt sich dann aber bei einem geringeren Prozentsatz. Die Schlafstörung beginnt meist zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr, hat ihren Häufigkeitsgipfel bei etwa 12 Jahren, um in der Mehrzahl der Fälle mit der Pubertät zu verschwinden. Im Erwachsenenalter ist – vor allem fortdauerndes – Schlafwandeln eher eine Rarität, wobei dann die Mondsucht gern einen chronischen Verlauf nimmt.

Eine wissenschaftlich haltbare Erklärung für das Phänomen steht bis dato aus. Forscher wähnen als Grund für kindlichen Somnambulismus, dass in jungen Jahren das Gehirn noch nicht voll ausgereift ist. Offenbar spielen genetische Einflüsse eine Rolle, denn schlafwandelnde Kinder haben oft auch schlafwandelnde Angehörige, wobei der genaue Vererbungsmodus noch nicht bekannt ist. Zudem erhöhen bestimmte Reize, die die Schlaftiefe beeinflussen wie Lärm, Hunger, Stress, Ängste, Ermüdung, fiebrige Erkrankungen, bestimmte Medikamente, Alkoholkonsum, eine volle Blase etc. die Tendenz zum Schlafwandeln. Ebenso scheint es einen Zusammenhang zwischen Somnambulismus und der Neigung zu Migräne zu geben.

Tritt die Schlafstörung erst nach der Pubertät auf, ist das Verhalten sehr auffällig und kein Elternteil davon betroffen, sollte ärztlich abgeklärt werden, ob nicht eine andere Krankheit (z.B. Epilepsie) vorliegt. Bleibt die Somnambulie bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen oder beginnt dann, ist nach einer neurologischen Abklärung der Gang zu einem Psychologen angesagt, denn in diesem Fall weist Schlafwandeln auf unverarbeitete seelische Konflikte, ev. mit erhöhter Aggressivität, hin. Es gilt auch zu bedenken, dass manche Arzneien im Verdacht stehen, somnambule Episoden auslösen zu können, allen voran im zentralen Nervensystem wirkende Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika (gegen Geisteskrankheiten) und Tranquilizer (Beruhigungsmittel).

Der Mond bzw. Vollmond scheidet Untersuchungen zufolge jedenfalls als Verursacher der Schlafwandelei aus, auch wenn Bezeichnungen wie Mondsucht, Mondsüchtigkeit oder Lunatismus anderes vermuten lassen. Der Grund, warum das Gestirn diesbezüglich angeschuldigt wird, liegt darin, dass Schlafwandler dazu tendieren, Kurs auf richtungsweisende Lichtquellen zu nehmen und einst war der Mond die wichtigste nächtliche Lichtquelle, sodass Somnambule versuchten, mit waghalsigem Klettern auf Dächern, Mauern u.a.m., dem Mondschein näher zu kommen.

Ob eine Somnambulie krankhafte Ursachen hat, sollte in einem Schlaflabor abgeklärt werden, wo nächtelang Gehirnströme aufgezeichnet und anhand von Schlafkurven schlafwandlerische Phasen erkannt werden.

Trugschluss “schlafwandlerische Sicherheit“

Wer von schlafwandlerischer Sicherheit spricht, meint damit etwas wie im Schlaf zu beherrschen, nämlich derart gut und routiniert, dass er dabei nicht mehr groß nachzudenken braucht. Das trifft auf einen Schlafwandler aber nicht zu, weil seine Wahrnehmungsfähigkeit, Orientierung und Koordination in seinem Zustand deutlich gestört sind. Dass er im Wege stehenden Personen oder Gegenständen auszuweichen vermag, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er keineswegs vorsichtig oder gar sicher unterwegs ist. Denn er bewegt sich meist gerade aus. Selbst dann, wenn ihn das zu einem Abgrund führt. Dieses Verhalten ist natürlich unfallträchtig. An Möbeln anstoßen, über Teppichkanten stolpern, gegen Wände laufen, über Treppen stürzen, vom Balkon oder aus dem Fenster fallen – die Bandbreite an Verletzungsmöglichkeiten ist groß. Vor allem, wenn ein Schlafwandler – etwa durch besorgte Zurufe – abrupt geweckt wird, weil er dann erschreckt, sich in ungewohnter Umgebung wiederfindet und panisch reagiert. Prellungen, Platzwunden, Verstauchungen oder gar Verbrennungen oder Brüche können die Folgen sein. Selten, aber doch kann ein Schlafwandler auch Verletzungen von sich ihm in den Weg stellenden Personen verursachen, Mobiliar zerstören oder Selbstverstümmelungen begehen.

Darüber hinaus kann Schlafwandeln negative psychosoziale Konsequenzen nach sich ziehen. Weil es mit Peinlichkeiten verbunden sein kann.Wenn z.B. in diesem Zustand die Notdurft an einer falschen Stelle verrichtet wird. Zudem führt das außergewöhnliche Verhalten gern dazu, dass vor allem erwachsene Somnambule bestimmte Aktivitäten meiden, wo ihre Störung zutage treten könnte wie etwa Übernachtungen außerhalb der eigenen vier Wände (z.B. Besuche, Camping, Reisen).

Therapie: Hilfestellung

Eine spezielle Therapie gegen Somnambulismus gibt es nicht. Trifft man nun auf einen Schlafwandler, ist es am wichtigsten, ihn zunächst nicht zu wecken, um ihn nicht in Gefahr zu bringen und ihn unter sanftem Zureden behutsam zurück zum Bett zu geleiten. Als sinnvoll erweist sich, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, dass er sich bei zukünftigen nächtlichen Wanderungen möglichst nicht verletzt. Dazu zählt etwa der Verzicht auf Stockbetten, die Verriegelung der Eingangstür (Schlüssel abziehen!), das Anbringen von Schutzeinrichtungen an Fenstern und Balkonen etc.

Zudem empfiehlt es sich, Maßnahmen im Sinne einer guten Schlafhygiene zu treffen wie das Einhalten regelmäßiger Schlafzeiten und einer ausreichenden Schlafdauer, der Verzicht auf späte Mahlzeiten und Alkohol u.a.m. Außerdem Stress, seelische Überforderungen und ständige Übermüdung zu vermeiden bzw. vor dem Schlafengehen Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation anzuwenden. Am besten im Sitzen und außerhalb des Nachtlagers, um nicht währenddessen einzuschlafen. Findet das Schlafwandeln immer zum gleichen Zeitpunkt statt, ist antizipatorisches (vorwegnehmendes) Aufwecken erfolgreich.

Bilden Stress oder Konflikte die Ursache fürs Nachtwandeln, kann eine psychotherapeutische Behandlung, kognitive Verhaltenstherapie oder Hypnotherapie helfen. Vereinzelt werden – wenn z.B. Schlafwandeln eine Gefahr für den Betroffenen darstellt – zusätzlich Medikamente (z.B. Psychopharmaka) eingesetzt, was aber umstritten ist.

 

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