Phänomen Arbeitssucht: der Job als einziger Lebensinhalt

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Workaholics wollen nur eines: arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Und zwar ständig und auf Hochtouren. In einer Gesellschaft, die Tugenden wie Tüchtigkeit, Einsatzfähigkeit, Erfolg und Leistungsmaximierung (“ohne Fleiß kein Preis“) huldigt, bringt ihnen diese krankhafte Jobfixierung Anerkennung und Lob ein. Aber auch eine Menge Probleme. Denn fürs Ackern bis zum Umfallen opfern sie Familie, Freunde, Freizeit und – ihre Gesundheit.

Arbeit ist das halbe Leben, lautet der Titel eines gesellschaftskritischen Songs von Peter Maffay. „Wenn es geht auch Tag und Nacht ….“ ist Teil des Refrains dieses Liedes und trifft den Kern, wie Arbeitssüchtige (Workaholics) zum Thema Arbeit stehen. Denn für sie bedeutet ihr Job nicht das halbe, sondern das ganze Leben. Jeder neunte Berufstätige soll hierzulande unter Arbeitssucht (Workaholismus) leiden, sagt das österreichische Sozialministerium. Längst beschränkt sich die einst als “Managerkrankheit“ bezeichnete Störung nicht auf Vertreter der Führungsebene, sondern befällt mittlerweile auch immer mehr Angestellte, Arbeiter und Selbstständige, auch Studenten, Hausfrauen und sogar Rentner, wobei die Grenzen zwischen leistungsorientiertem intensivem Schaffen und Arbeitssucht fließend verlaufen (“erst tüchtig, dann süchtig“).

Die Arbeitssucht kann man als “eine fortschreitende pathologische Fixierung auf Arbeit bzw. das Arbeiten, zu der wesentlich Kontrollverlust und Entzugserscheinungen gehören“ bezeichnen. Ihre Symptome und Folgen (z.B. Verschiebung der Prioritäten) ähneln denjenigen anderer Süchte. Die gesellschaftliche Bewertung des sich Überarbeitens sieht gegenüber anderen Unmäßigkeiten wie etwa Alkohol- oder Drogenmissbrauch anders – nämlich positiv – aus. Eben das erschwert den – oft dringend notwendigen – Ausstieg aus dem fatalen Hamsterrad.

Wie sich Arbeitssucht entwickelt

Der Drang, sich fortwährend zu betätigen, ist nicht neu. So beschrieb etwa der französische Literat Gustave Flaubert bereits Mitte des 19. Jahrhunderts seine “frenetische, pervertierte Liebe zur Arbeit“. Rund 60 Jahre später beschäftigte sich der ungarische Neurologe und Psychoanalytiker Sandor Ferenczi mit Klienten, die immer dann sogenannte Sonntagsneurosen entwickelten, wenn sie nicht arbeiten durften oder sollten. Neuere Forschungen zu dem Thema zeigen, dass die Entwicklung einer Arbeitssucht ein oft scheinbar harmlos beginnender, mehrjähriger und schleichend verlaufender Prozess ist, der in der Regel vier Phasen umfasst:

Einleitungsphase: Die Arbeit gewinnt zunehmend an Stellenwert im Leben. Die Gedanken kreisen immer mehr um sie. In diesem Stadium erzeugen Stress und Hektik aber noch vorwiegend – allerdings trügerische – Hoch- und Glücksgefühle bis hin zu Rauscherlebnissen. Sodass auch zusätzlich heimlich gearbeitet wird. Das geht allmählich zu Lasten von eigenen Interessen, Partner, Familie und anderen sozialen Beziehungen. Langsam stellen sich auch Schuldgefühle ein wegen der vielen Schufterei.

Kritische Phase: Nun entscheidet sich, ob nur ein hoher Arbeitseinsatz oder schon eine Arbeitssucht im Gange ist. Letztere besteht dann, wenn Versuche die Arbeit zu reduzieren, Mußestunden oder gar Feiertage nur noch als Belastung empfunden werden, weil sich Workaholics ohne Arbeits- und Termindruck überflüssig und unwohl fühlen. Sie denken auch in ihrer Freizeit an ihren Job, checken auch dann ständig ankommende E-Mails oder nehmen Anrufe entgegen, um sich gebraucht und unabkömmlich zu fühlen. Im Urlaub sind sie zwar körperlich anwesend, aber in Gedanken fast immer beim Job. Beschönigende und bagatellisierende Ausreden und Rechtfertigungen (z.B. „Ich mach das wirklich gerne.“, „Ich hab doch genug Zeit.“, „Ich kenne mich damit am besten aus.“) fürs übertriebene Werken werden gesucht, sämtliche Lebensbereiche der Arbeit untergeordnet, was meist private Beziehungen gefährdet. Es fehlt an Entspannung und Schlaf. Stattdessen entwickeln sich oft Unduldsamkeit, Aggressivität und gesundheitliche Probleme wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Erschöpfungszustände, Schwindel, Bluthochdruck, Magenprobleme oder chronische Schmerzen.

Chronische Phase: Sämtliche Kraft und Energie wird nur noch für die Arbeit aufgewendet, weil nur sie den nötigen Kick liefert. Und zwar fast rund um die Uhr – also auch an Wochenenden und Feiertagen. Alles andere muss dahinter zurücktreten, weil Workaholics sonst unter Schuldgefühlen und Entzugssymptomen (z.B. Schwitzen, Nervosität, innere Unruhe) leiden. Freizeitaktivitäten oder gar Urlaub erscheinen als sinnlose Zeitverschwendung. Bis das Leben nur noch aus Arbeit und kurzen Phasen für Schlaf, Nahrungsaufnahme und Hygienemaßnahmen besteht. Die Ansprüche an sich selbst, aber auch an andere steigen – in Höhen, denen niemand gerecht werden kann. Ein Delegieren von Aufgaben wird kaum in Betracht gezogen. Im Gegenteil: Aufgrund eines falsch verstandenen Perfektionismus werden zusätzliche Agenden übernommen bzw. an sich gerissen und – notfalls unter Zuhilfenahme von Aufputschmitteln – erledigt. Dennoch: Trotz guter Leistungen und unzähliger Überstunden sind Workaholics meist unzufrieden mit sich und setzen sich weiter unter Druck. Der schonungslose unermüdliche Einsatz schafft schließlich eine Diskrepanz zwischen dem Berg an noch nicht erledigter Arbeit und immer rarer werdenden seelischen und körperlichen Ressourcen. Und fordert seinen Tribut: Es entstehen z.B. Herz-Kreislauf-Leiden, Depressionen und Angstzustände, bei deren Entwicklung meist eine fortschreitende Vereinsamung mitspielt.

Endphase: Unentwegt auf Hochtouren laufen geht nicht. Daher kommt es insbesondere bei Berufstätigen, die viel Raum für freie Gestaltungsmöglichkeiten haben, seltener bei solchen mit festen Dienstzeiten zu einer verlangsamten Wahrnehmung, deutlichen Denkschwäche sowie einem Konzentrationsmangel und infolgedessen zu einem meist massiven Leistungsknick. Versuche, mit noch höherem Arbeitseinsatz diesen Leistungsabfall zu kompensieren, sind zum Scheitern verurteilt. So mündet die Arbeitssucht oft in ein Burnout, einen Nervenzusammenbruch, schwere Depressionen, Suizid(versuche), in eine krankheitsbedingte Frühpensionierung oder gar ein vorzeitiges Ableben, z.B. durch Herzversagen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Japaner bezeichnen einen solchen Tod durch Überarbeitung mit dem Wort Karoshi.

Merkmale der Arbeitssucht

Eine einheitliche oder auch nur anerkannte Definition des Begriffs “Arbeitssucht“ fehlt bislang in der offiziellen psychiatrischen und psychologischen Terminologie bzw. internationalen Klassifikation von Krankheiten. Daraus folgt, dass mit der Störung verbundene Symptome und Konsequenzen oft nicht als solche (an)erkannt und behandelt werden. Als gesichert gilt lediglich, dass Arbeitssüchtige außerordentlich viel in ihre Arbeit investieren und andere Lebensbereiche vernachlässigen. In Anlehnung an die Einschätzung von nicht-stoffgebundenen Süchten (z.B. Spielsucht) lässt sich eine Arbeitssucht aber vor allem durch folgende Kriterien beschreiben:

  • eine Konzentrierung des Denkens (“Einengung“) auf die Arbeit
  • ein Kontrollverlust, d.h. die Unfähigkeit, Umfang und Dauer der Arbeit zu bestimmen
  • ein Unvermögen zur Abstinenz, d.h. ein subjektives Empfinden, es nicht zu schaffen, die Arbeit auch nur eine Zeit lang ruhen zu lassen
  • das Auftreten von Entzugserscheinungen bei beabsichtigten oder erzwungenen Pausen
  • eine Toleranzentwicklung, d.h. zur Erreichung innerer Zufriedenheit muss immer mehr gearbeitet werden (“Dosissteigerung“)
  • die Entwicklung psychosozialer und/oder psychogener Störungen

Zudem zeigen Workaholics unterschiedliche Grade von Überforderung, Angst, zwanghafter Arbeitserledigung, Unflexibilität, Spontaneitätsmangel, Entscheidungsunsicherheit und Verbissenheit.

Wer ist suchtgefährdet?

Wie bei allen Suchtkrankheiten gestalten sich auch beim Workaholismus die Ursachen und Hintergründe vielfältig. Weder Alter noch Geschlecht, Familien- oder Bildungstand prädestinieren dazu, arbeitssüchtig zu werden. Viel eher sind es bestimmte Wesensmerkmale, die zur Entwicklung einer Arbeitssucht beitragen. Dazu gehören etwa Perfektionismus, eine tiefe Sehnsucht nach Anerkennung, Bestätigung und Bewunderung, Rollenunsicherheit und Versagensängste. Und prägende Kindheitserfahrungen wie etwa die Abhängigkeit elterlicher Zuwendung von Leistung oder eine übersteigerte Identifikation mit einem besonders erfolgreichen Elternteil inklusive Wunsch, ebenso tüchtig zu werden. Besonders gefährdet, sich unentwegt zu verausgaben, sind anscheinend eher hilfsbereite und nachgiebige Menschen, die sich für andere verantwortlich fühlen und nur schwer nein sagen können, werden sie um Hilfe gebeten. Sie nehmen viel auf sich, um ihre Kollegen zu entlasten und Kunden/Klienten/Patienten sowie Vorgesetzte zufriedenzustellen. Auch finden sich unter den Workaholics viele kreative, erfinderische Menschen, die sich mit Eifer in die Arbeit stürzen, weil sie Spaß daran haben, etwas zu schaffen. Ein weiteres typisches Merkmal von Arbeitssüchtigen ist ein ausgeprägter “Neurotizismus“, d.h. ein Mix aus Unsicherheit, Stressempfindlichkeit, Nervosität, Impulsivität und Launenhaftigkeit. Manchmal dient die Arbeitssucht auch der “Flucht“ vor persönlichen Problemen wie z.B. Partnerschaftskonflikten oder dem Gefühl innerer Leere.

Ausstieg aus dem Hamsterrad

Da eine Arbeitssucht nicht von jetzt auf gleich auftritt, sondern sich in der Regel allmählich entwickelt, bemerken viele Workaholics erst dann, dass mit ihrem Verhalten etwas nicht stimmt, wenn dieses negative Folgen zeitigt (z.B. Scheidung, Verlust des Freundeskreises). Deshalb erscheint es ratsam, wiederholt darauf zu achten, wie es mit der sogenannten Work-Life-Balance bestellt ist. Werden kaum noch Hobbys ausgeübt, Sozialkontakte oder private Termine wahrgenommen, ja selbst wichtige Angelegenheiten (z.B. Arztbesuche) immer wieder verschoben, d.h. dominiert die Arbeit völlig sämtliche anderen Lebensbereiche, ist “Gefahr im Verzug“. Damit ist eigentlich klar, was wirksame Gegenmaßnahmen wären: regelmäßig auszugehen, Freundschaften und private Interessen zu pflegen, sich der Familie zu widmen, Sport zu treiben, Urlaub (ohne Laptop, Diensthandy oder Büroakten!) oder auch ein Sabbatical (berufliche Auszeit) zu nehmen etc. – kurzum sein Augenmerk nicht nur auf den Job zu richten. Das schaffen viele Arbeitssüchtige jedoch nicht ohne längerfristige professionelle, d.h. psychotherapeutische Hilfe.

 

Weiterführende Links:

Arbeitssucht: Test
Anonyme Arbeitssüchtige
Songtext: Arbeit ist das halbe Leben

 

Link zu unserem Lexikon:

Burnout-Syndrom

 

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