Multiple Sklerose: Anzeichen erkennen ist wichtig

© panthermedia.net, Randolf Berold

Sie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen junger Erwachsener und zu den intensiv erforschten Leiden. Dennoch ist Multiple Sklerose (MS, Encephalitis disseminata) bislang nicht heilbar. Eine Früherkennung und ehebaldigste Behandlung macht trotzdem Sinn.

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Autoimmunerkrankung (Immunsystem bekämpft körpereigene Substanz) des zentralen Nervensystems (Gehirn, Rückenmark), bei dem das Abwehrsystem das Myelin der Nervenscheiden (für die Erregungsübertragung wichtige “Isolierhülle“ der Nervenfasern) zerstört. Die Erkrankung beginnt vorwiegend zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, befällt Frauen öfter als Männer und zeigt eine charakteristische geographische Verteilung, die im Großen und Ganzen einer Faustregel folgt: Je weiter eine Region entfernt liegt vom Äquator, desto höher liegt die Erkrankungsrate. Auf Europa bezogen heißt das: In Skandinavien gibt es mehr MS-Kranke als etwa in Spanien oder Italien (“Nord-Süd-Gefälle“). In Österreich leben an die 10.000 Menschen mit Multipler Sklerose. Unabhängig vom Wohnort haben alle Betroffenen dasselbe Problem: Die Krankheit ist bislang nicht heilbar. Neue Therapieansätze sollen das verbessern.

Schreckgespenst Behinderung

Mit der Diagnose “Multiple Sklerose“ assoziieren viele automatisch ein Leben im Rollstuhl. Dieses Schicksal ereilt zwar bei weitem nicht jeden daran Erkrankten. Unbestreitbar führt die MS aber zu unterschiedlichen neurologischen Ausfallserscheinungen wie z.B. Seh-, Sprach-, Koordinations-, Potenz-, Blasen- und Darmentleerungsstörungen, Lähmungen u.a.m. Dieses bunte und wandelbare Erscheinungsbild bringt der Krankheit die Bezeichnung “Chamäleon der Neurologie“ ein. Die Vielfalt an möglichen Symptomen macht die Erkennung einer MS nicht immer einfach. Ebenso wenig ihre Behandlung, die zu einem erheblichen Teil nur eine Beschwerdelinderung, jedoch kaum eine Bekämpfung der eigentlichen Ursache, die ja bis dato weitgehend ungeklärt bleibt, darstellt. Eine möglichst frühzeitige Diagnose und Therapie der MS ist trotzdem notwendig – zur Verzögerung des Krankheitsverlaufs und vor allem zur Erhaltung einer möglichst hohen Lebensqualität.

Klassische Therapien

Zu unterscheiden ist eine Schubtherapie (Behandlung eines akuten Krankheitsschubs), von einer Verlaufs-, Langzeit- bzw. Basistherapie (Dauerbehandlung zur Hintanhaltung des Fortschreitens der MS) und symptomatischen Therapie (Behandlung krankheitsbedingter Beschwerden).

MS-Schübe werden vorwiegend mit Kortikosteroiden behandelt. Für die Langzeittherapie eignen sich das Immunsystem modulierende Substanzen wie etwa unter die Haut gespritzte Beta-Interferone oder Glatirameracetat. Außerdem Substanzen wie z.B. Natilazumab oder Fingolimod, die verhindern sollen, dass bestimmte Entzündungszellen ins Gehirn gelangen und dort zerstörerisch wirken. Der Nachteil aller dieser Medikamente: Sie sind nicht frei von – ev. auch bedrohlichen – Nebenwirkungen.

Die symptomatische Behandlung richtet sich nach den vorhandenen Beschwerden. So wird z.B. Physiotherapie zur Besserung von Bewegungsstörungen angewendet.

Zukunftsmusik: neue Therapien

Fumarsäure, wie sie gegen Psoriasis (Schuppenflechte) eingesetzt wird, könnte die Hoffnung vieler MS-Kranker sein, erkannten deutsche Wissenschaftler. Und das nahezu nebenwirkungsfrei. Das heilende Potenzial dieser Fruchtsäure in puncto MS zeigte sich an Patienten, die gleichzeitig unter Schuppenflechte und Multipler Sklerose leiden und die Arznei zur Behandlung ihrer Psoriasis erhielten. Sie verzeichneten nicht nur eine Besserung der Hauterkrankung, sondern ebenso eine Reduktion der MS-Schübe. Ob und wie sich diese Erkenntnisse auf gültige Therapieoptionen bei Multipler Sklerose auswirken, wird die Zukunft weisen.

Neben diesem Zufallstreffer gibt es weitere innovative Ansätze zur MS-Behandlung, die näher an der Wurzel der Autoimmunerkrankung ansetzen wollen. Etwa eine Immuntherapie, die gegen körpereigene Substanzen gerichtete Immunzellen “umerziehen“ sollen, sodass sie den bekämpften Stoff nicht mehr als fremd und damit zerstörenswert erkennen.

Achtung Warnzeichen

Die Forschungen bezüglich erfolgversprechender MS-Therapien sind also voll im Gange. Der Stein der Weisen ist aber bislang (noch) nicht gefunden respektive als MS-Mittel zugelassen. Was – zumindest vorläufig – bleibt ist, auf mögliche Alarmzeichen zu achten, um rechtzeitig eine MS zu erkennen und somit wenigstens dem Fortschreiten der Erkrankung einigermaßen Einhalt zu gebieten.

Hier zehn potenzielle Symptome, die oft mit einer MS einhergehen:

  • Sehstörungen (z.B. verschwommen oder schwarze Flecke sehen) sind häufig das erste Anzeichen für Multiple Sklerose. Die Erkrankung ist recht oft mit einer sonst eher seltenen Augenerkrankung vergesellschaftet: einer Retrobulbärneuritis (Neuritis nervi optici, Sehnerventzündung).
  • Parästhesien (Empfindungsstörungen, z.B. Kribbeln, Temperaturempfindlichkeit) können im Rahmen einer MS vorkommen.
  • Auch Schwindel kann – v.a. in Kombination mit anderen Symptomen – auf eine MS hindeuten.
  • Desgleichen können bei Multipler Sklerose Sprachstörungen auftreten.
  • Ein weiteres charakteristisches Symptom für MS ist Fatigue (lähmende Müdigkeit), die sich schon bei kleinsten Anstrengungen (z.B. Einschlafen nach dem Lesen einiger Zeilen) zeigen kann.
  • Vor allem im Anfangsstadium von Multipler Sklerose leiden Betroffene gerne unter  Problemen beim Wasserlassen und –halten (Inkontinenz).
  • Auch Depressionen sind häufig mit der Krankheit verbunden.
  • MS wirkt sich nicht selten negativ aufs Sexualleben aus. Beispielsweise in Form einer verminderten Libido (erotisches Verlangen), einem verringerten Gefühlserlebnis beim Sex, Erektions- und Ejakulationsstörungen, einer ungewollten Blasenentleerung beim Akt u.a.m.
  • Schwer zuordenbare lokale Schmerzen sind bei Multipler Sklerose ebenfalls möglich.
  • Nicht zuletzt sind Spastik (erhöhte Muskelspannung) bzw. Muskelkrämpfe ein typisches Zeichen der MS.

Bemerkt man ein oder mehrere der genannten Symptome, ist der Gang zum Neurologen oder in eine Multiple Sklerose Ambulanz angesagt.

Weiter führende Links:
Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose – Infos der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Beitrag der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft zum Thema „Fumarsäure wirkt gegen Multiple Sklerose: Zwei große Studien stellen neue Tablette in Aussicht“
Placebo-Controlled Phase 3 Study of Oral BG-12 for Relapsing Multiple Sclerosis
Placebo-Controlled Phase 3 Study of Oral BG-12 or Glatiramer in Multiple Sclerosis 

Link zu unserem Lexikon:
Multiple Sklerose