Entschleunigung: raus aus dem Hamsterrad
© PhotoSG - Fotolia.com Der Geschwindigkeitsrausch unserer High-Tech-Epoche stresst immer mehr Menschen, sodass sie sich nach Entschleunigung sehnen. Und sie haben recht. Multitasking, Präsentismus und Co. erhöhen nämlich nur scheinbar die Leistung. Tatsächlich führen Achtsamkeit und eine ausgeglichene Work-Life-Balance zum Erfolg, denn: In der Ruhe liegt die Kraft. Ein paar Tipps, wie man einen Gang herunterschaltet, um zur nötigen Ruhe zu kommen, finden Sie hier.
Dank technologischer Entwicklungen wie Internet, Mobiltelefon, Roboter und Co. findet gerade ein großer Umbruch statt: die vierte industrielle Revolution. Ihr auffälligstes Kennzeichen: Alles wird immer schneller – der Informationsfluss, die Verkehrswege, Produktionsprozesse, Vernetzung von (Arbeits-)Abläufen, eigentlich das ganze Leben. Denn diese atemberaubende Beschleunigungsspirale abverlangt den Menschen, ob sie es wollen bzw. können oder nicht, immer flexibler zu sein und immer mehr Aufgaben in immer weniger Zeit zu erledigen. Eine derart permanente Verunsicherung und Hetze laugt sie aus, verschleißt sie, macht sie krank.
Schuld daran sind weniger die zunehmenden Neuerungen und geforderten hohen Leistungen, sondern vielmehr ein sich dem Geschehen hilflos ausgeliefert fühlen. Ohne Momente der Besinnung, ohne Gelegenheit, Abschied zu nehmen von Gewohntem, ohne Möglichkeit, sich erst genügend vertraut machen zu können mit Angst auslösenden neuen Systemen. Konsequenz: Ein aus der fragwürdig bis sinnwidrig erlebten Hektik erwachsender innerer Widerstand gegen Arbeits- oder Lebensumstände, die auf überstürzten Veränderungen, undurchdachtem ständigem Umorganisieren und Umgestalten etc. basieren. Widerwillen und Resignation („Ich will eigentlich nicht, aber ich muss“) stellen sich ein. Der Wunsch nach menschenwürdiger Besonnenheit und Rückeroberung der Muße wird laut. Die Zauberworte hierzu heißen Entschleunigung und Downshifting (Optimierung bzw. Reduktion der Arbeitszeit).
Beschleunigung rundum
Auch wenn heute in der Arbeitswelt das Motto “Zeit ist Geld“ gilt, erweisen auf Wandlung erpichter blindwütiger Aktionismus und rücksichtsloser Zeitdruck der Gesellschaft keinen guten Dienst. Denn durch aufoktroyierte sinnlose Hetze und Veränderungswahn empfinden sich Arbeitnehmer zunehmend als Getriebene, reagieren darauf beispielsweise mit innerer Opposition, d.h. zurückgehaltener Leistungswilligkeit. Ihre Seele streikt dagegen überfahren zu werden, was man an dem Anstieg psychischer Leiden wie Burnout oder Depressionen und psychosomatischer Beschwerden wie z.B. Rückenschmerzen (etwas “nicht mehr ertragen können“) sehen kann. So werden aus dem Ziel Einsparung (durch Prozessoptimierungen, Entlassungen, Verdichtung = immer weniger Personen verrichten immer mehr Arbeit usw.) schnell und ungewollt Mehrausgaben (durch laufend nötige Nachbesserungen, Krankenstände, Personalfluktuation etc.).
Beschleunigung ist jedoch nicht nur ein Phänomen der Arbeitswelt und anderer äußerer Zwänge. Viele Menschen machen sich zusätzlich auch noch in ihrer Freizeit selbst Druck, füllen sie z.B. randvoll mit Kursen und Veranstaltungen, wollen kein E-Mail und keinen Eintrag in den Social Media versäumen oder versuchen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen (Multi-Tasking). Doch es regt sich zunehmend eine Gegenbewegung (z.B. Verein zur Verzögerung der Zeit; Slobbies = slower but better working people). Die Wirtschaft reagiert auf die Wiederentdeckung des Luxusguts Zeit mit einer wahren Auszeit-Industrie von Wellnessangeboten, Black Hole Hotels (ohne Fernseher), Kloster- oder Offlinewochen über Zeitlupencoaching (an definierten Tagen alles in Zeitlupe erledigen) bis hin zur Produktion zahlloser Ratgeber über Slow Food, Slow Cooking, Slow Wine, Slow Sex, Slow Rauchen, Slow Travel, Slow Living u.v.a.m. Und bringt die Menschheit fast schon in Zugzwang, sich möglichst rasch und effizient zu verlangsamen. Lichtblick: Wer sich selbst beschleunigt, kann sich auch selbst entschleunigen – privat und im Job!
Rückkehr zur Langsamkeit
Je hektischer die Zeiten, je geschwinder die digitale Kommunikation und je höher die Anforderung, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen und ständig erreichbar zu sein, umso eher meldet sich der Wunsch, einen Gang (oder mehrere) zurückzuschalten, die Aufmerksamkeit statt nur auf fremde auch mal auf eigene Bedürfnisse zu richten, sich selbst Gutes zu tun. Der erste und wichtigste Schritt dazu ist, überhaupt zu erkennen, was man tatsächlich will und braucht und sein Leben so weit möglich danach auszurichten. Und auch sonst gibt es eine Menge Wege, die Notbremse zu ziehen, bevor einem alles über den Kopf wächst wie z.B.:
- eine effektive Tagesstruktur per To-do-Liste festlegen: Die Dinge, die man an einem Tag erledigen möchte, am Abend des Vortags festhalten, in eine Reihenfolge bringen und konsequent der Reihe nach (Wichtigstes oder Unangenehmstes zuerst) abarbeiten.
- sich einen Zeitpuffer verschaffen: Eine realistische Planung erfordert Kenntnisse, wie viel Zeit bestimmte Aufgaben benötigen. Eine Zeitreserve von 20 bis 30 Prozent für jede Aufgabe einplanen hilft, Unvorhersehbares abzufangen und Stress aus der Angelegenheit rauszunehmen.
- Aufgaben zeitgerecht abschließen: Unfertige bzw. aufgeschobene Angelegenheiten haben die unangenehme Neigung, ständig in den Gedanken zu kreisen. Abgeschlossene Aufgaben hingegen sorgen dafür, dass man sich erleichtert und gut fühlt, weil dann Glückshormone freigesetzt werden.
- Pausen machen: Wachsen die Anforderungen, ist man versucht, noch schneller zu arbeiten, um noch mehr zu schaffen. Mit dem Ergebnis, dass sich Fehler einschleichen und der Druck noch mehr steigt. Kurze Verschnaufpausen helfen, die Gedanken zu sortieren. Mit aufgeräumtem Kopf geht es leichter und effizienter an die nächsten Arbeitsschritte.
- umschalten von Multitasking auf Singletasking: Bewusst handeln, sich jeder Aufgabe mit ungeteilter Aufmerksamkeit widmen sowie trennen, was nicht zusammengehört (z.B. Essen und Fernsehen) bürgt für eine effektivere und weniger fehlerhafte Erledigung diverser Arbeiten. Dabei hilft es, bestimmten Tätigkeiten (z.B. E-Mail-Check) feste Zeiten zuzuweisen.
- Kontrolle und Verantwortung abgeben: Man muss nicht jede Aufgabe (allein) erledigen, auch wenn es reizt, sich dadurch gebraucht oder gar unabkömmlich zu fühlen. Auch andere schaffen, was man selbst kann. Und: Es darf etwas auch mal auf eine andere Art als die eigene gemacht werden…
- tun, wozu man Lust hat: Pflichtbewusstsein und Disziplin ist gut, aber sich zwischendurch einfach mal treiben zu lassen befreit den Kopf vom Alltagstrott.
- sich Auszeiten nehmen: Einfach mal nichts tun fördert die Kreativität, schafft neue Ideen und stärkt die Gesundheit. Um sich zu erholen und seine Batterien wieder aufzuladen, braucht man kurze (z.B. Entspannungsbad, Ritual “täglich 15 Minuten nur für mich“) oder auch längere (z.B. Urlaub, Sabbatical = berufliche Auszeit, Klausur im Kloster) Auszeiten.
- immer nur auf einer Hochzeit tanzen: Aus Angst, etwas zu verpassen, versuchen viele zwanghaft, sogar gleichzeitig stattfindende Termine (z.B. Betriebsfeier, privates Geburtstagsfest) unter einen Hut zu bringen, indem sie sich z.B. halb da und halb dort aufhalten. Sinnvoller – und weniger stressig – ist es, seine Verabredungen nach persönlicher Wichtigkeit einzustufen und wahrzunehmen.
- sich der permanenten Erreichbarkeit verweigern: Zeitweilig das Handy ausschalten, den E-Mail-Account nur zu bestimmten Zeiten (niemals morgens zuallererst, sonst ist der Tagesplan passé) checken, “Internet-Sabbaticals“ (z.B. Wochenende) einzulegen und seine Freunde informieren, zu welchen Zeiten sie keine Kontaktversuche zu unternehmen brauchen, d.h. sich zeitweilig vom Nachrichtenstrom abzukoppeln schafft Auszeiten vom kräfteraubenden Präsentismus.
- Stressfallen mit Entspannung begegnen: Gründe, sich ärgern und aufzuregen, gibt es genug. Strategien zum Loslassen, was man nicht ändern kann, auch. Etwa ein paar Minuten in einem Buch lesen, wenn einem z.B. der Bus vor der Nase davonfährt.
- im Hier-und-Jetzt leben: Man kann weder die Vergangenheit ändern noch die Zukunft voraussehen. Daher machen Grübeleien a là „Hätte ich doch…“ ebenso wenig Sinn wie allzu weitreichend planen zu wollen. Besser ist es, die Vergangenheit ruhen zu lassen, aber Lehren daraus zu ziehen und Ziele zu verfolgen, aber in der Gegenwart, d.h. im Augenblick zu leben, um tatsächliche Chancen in puncto Lebensgestaltung zu erkennen und zu nutzen.
Aber Achtung! Wenn Entspannungstricks oder Zeitmanagement-Strategien nur darauf hinauslaufen, rasch wieder leistungsfähig zu sein bzw. Arbeitszeit effizienter zu nutzen, dienen sie als nur Rädchen im stressigen Hamsterrad, dem man eigentlich entfliehen wollte….
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Datum: 21. Dezember 2015
Kategorien: Gesundheit allgemein