Manuelle Medizin & Osteopathie: Heilen mit den Händen
© panthermedia.net, Wavebreakmedia ltd Auch in Zeiten von High-Tech-Medizin gibt es sie noch: Therapien, die der Bezeichnung beHANDeln im wahrsten Sinn des Wortes gerecht werden. Wie die Manuelle Medizin (Chirotherapie) und Osteopathie, die mit speziellen Handgriffen “verrückte“ Strukturen korrigieren.
Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates gehören zu den häufigsten Verursachern von Krankenständen und vorzeitigen Pensionierungen. Schmerzmittel allein helfen oft nur unzureichend und sind auf längere Dauer eingenommen der Gesundheit abträglich. Hier schafft in vielen Fällen eine konservativ-orthopädische Methode mit gezielten Handgriffen Abhilfe: die von ÄrztInnen oder PhysiotherapeutInnen mit entsprechender Zusatzausbildung ausgeübte Manuelle Medizin (Chirotherapie, Manuelle Therapie, Chiropraktik, Manualtherapie).
Mit Hilfe spezieller Techniken spürt sie schmerzhafte Störungen an der Wirbelsäule und an den Gelenken auf, lindert oder behebt sie. Es handelt sich dabei sowohl um ein diagnostisches als auch therapeutisches Verfahren bei reversiblen Funktionsstörungen des Haltungs- und Bewegungssystems. Entwickelt wurde die moderne Manuelle Medizin Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. Chiropraktische Behandlungen gab es aber bereits vor Jahrtausenden – z.B. im alten Ägypten und Griechenland.
Blockaden als Krankheitsauslöser
Manualtherapeuten gehen davon aus, dass eine Reihe unterschiedlicher Beschwerden, die teilweise nicht in unmittelbarer Nähe der Wirbelsäule auftreten, auf Blockaden, d.h. Fehlfunktionen bzw. Fehlstellungen oder Verschiebungen von Gelenken, zurückzuführen sind. Diesen liegen Überreizungen von Schmerzrezeptoren zugrunde. In der Folge kommt es zu – ertastbaren und wegweisenden – Muskelverspannungen, die Druck auf die Gelenke ausüben.
So bewirken Blockaden der Halswirbelsäule Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Gedächtnis-, Konzentrations- und psychische Probleme, Herzbeschwerden, Seh-, Hör- (z.B. Tinnitus) und Schlafstörungen. Blockaden der Brustwirbelsäule erzeugen Schulter- und Bauchschmerzen, Herzbeschwerden, Atem- und Verdauungsstörungen. Blockaden der Lendenwirbelsäule und des Übergangs von Kreuz- und Darmbein gelten als Auslöser von Darmkrämpfen, Nieren- und Unterleibsschmerzen, Prostata-, Hüft- und Beinbeschwerden.
Handgriffe als Therapie
Ziel und Aufgabe der Manuellen Medizin ist es, Blockierungen zu lösen und die normale Gelenksbeweglichkeit wiederherzustellen. Einzige Werkzeuge der Manualtherapeuten bzw. Chiropraktiker sind, wie der Name schon sagt (lat.: manus = Hand; altgriech.: cheir = Hand), ihre Hände. Die angewendeten speziellen Handgrifftechniken gliedern sich in Mobilisationen und Manipulationen. Mobilisationen stellen auf sanfte Art das natürliche Gelenkspiel (joint play) wieder her, indem das blockierte Gelenk vorsichtig und möglichst schmerzfrei aktiviert wird. Gezielte Manipulationen dienen dem Einrenken einer aus dem Lot geratenen Wirbelsäule. Dabei verschiebt der Manualtherapeut vorsichtig die Gelenksflächen zueinander, sodass diese nach dem Loslassen spontan in die richtige Position gleiten. Beim Lösen von Blockaden tritt häufig ein Knacken auf. Diese Entlastung macht sich als eine Erleichterung in der vorher schmerzenden Region bemerkbar.
Chirotherapeutische Handgriffe können vorübergehende Verschiebungen und Fehlstellungen der Wirbelsäule und Gelenke lösen, die Muskelverspannungen, Bewegungseinschränkungen und Schmerzen erzeugen. Durch Abnützung, Entzündungen oder Strukturänderungen entstandene Beschwerden kann sie nicht beseitigen.
Nicht immer gefahrlos
Fachlich kompetent ausgeführt birgt die Chirotherapie für eine gesunde, stabile Wirbelsäule kaum Risiken. Bestehen aber an den Wirbeln – z.B. infolge einer Osteoporose (Knochenschwund) – Defekte, können chiropraktische Manipulationen schaden und sind dann nicht erlaubt. Daher stehen am Beginn jeder manualtherapeutischen Intervention Maßnahmen, um Verletzungen oder Schädigungen (z.B. Metastasen) der Wirbelsäule aufzufinden. Dazu gehört eine Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), ein Abtasten der Wirbelsäule bzw. Gelenke mit Überprüfung ihrer Beweglichkeit und der Reflexe sowie bei Bedarf bildgebende Verfahren (z.B. Röntgen).
Besondere Vorsicht ist bei chirotherapeutischen Behandlungen der Halswirbelsäule geboten, denn in ihrer Nähe verlaufen die Kopfschlagadern. Bei unsachgemäßer Handhabung kann die Manuelle Medizin hier schlimmstenfalls einen Schlaganfall auslösen und sollte daher schonend arbeitenden, erfahrenen Anwendern vorbehalten bleiben.
Sanfte Schwester: Osteopathie
Auch die Anwender der Osteopathie stellen mit Hilfe ihrer Hände Diagnosen und nehmen Behandlungen vor. Die Methode beruht auf einem ganzheitlichen Konzept, laut dem Haut, Muskeln und Sehnen, innere Organe und Knochen ein miteinander verwobenes Netzwerk bilden, das durch Faszien (bindegewebige Hüllen) stabilisiert und in harmonischer Bewegung zueinander gehalten wird. Büßt ein Körperteil durch Verletzung oder Verspannung seine Beweglichkeit ein, leidet über dieses “Fasziennetz“ der ganze Organismus darunter und kann deshalb Krankheiten entwickeln. Ziel der Osteopathie ist es, die normale Beweglichkeit der beeinträchtigten Strukturen wiederherzustellen und so Krankheiten zu heilen.
Die Diagnostik besteht aus Tests, bei denen der Osteopath die Spannung im Fasziengeflecht erspürt und Bewegungsblockaden lokalisiert. Zur Aufhebung eingeschränkter Beweglichkeiten und Aktivierung der Selbstheilungskräfte wendet er verschiedene Methoden an, die sich in drei Hauptgruppen gliedern lassen:
- Strukturelle Techniken: Präzise Manipulationen (“Einrenken“) bei funktionellen Störungen des Bewegungsapparates rücken Muskeln, Sehnen und Gelenke zurecht und mobilisieren sie.
- Viszerale Techniken: Sanfte Griffe stellen die Eigenbeweglichkeit und das Zusammenspiel innerer Organe wieder her, die aufgrund von Narbenbildungen (z.B. nach Entzündungen oder Operationen) in ihrer Funktion eingeschränkt sind.
- Die Cranio-Sacral-Therapie: Sie beruht auf der Vorstellung, dass Pulsationen im so genannten Cranio-Sacral-System (CSS) sich auf Gewebe und Knochen übertragen und daher am ganzen Körper ertastbar und beeinflussbar sind. Das CSS besteht aus dem Schädel (Cranium), der Wirbelsäule, dem Kreuzbein (Sacrum), den Häuten, die das Gehirn und das Rückenmark umhüllen, und dem Liquor (Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit). Der Schädel wird als ein sich in rhythmischer Bewegung befindlicher Knochen betrachtet. Ursache seiner etwa sechs- bis zwölfmal in der Minute stattfindenden Schwingungen sind die Pulsationen des Liquors. Dessen freier Fluss und die CSS-Schwingungen regulieren viele Körperfunktionen. Der Osteopath erspürt den Rhythmus des CSS und harmonisiert es durch gezielte Techniken (z.B. Mobilisationen). Dadurch erreicht er z.B. eine Lösung körperlicher Blockaden und Stärkung der Immunabwehr.
Die Osteopathie bedient sich bei ihren Grifftechniken nur sehr sanfter Kräfte, sodass die Risiken der Methode als eher gering einzuschätzen sind. Häufige Anwendungsgebiete der Heilmethode sind Schmerzen, Fehlfunktionen innerer Organe und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates (z.B. Muskelverspannungen), aber auch Schwangerschaftsbeschwerden, Teilleistungsstörungen bei Kindern (z.B. Hyperaktivität), Stress, Erschöpfungszustände, Depressionen, Schlafstörungen sowie psychosomatische Krankheitsbilder.
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Datum: 19. September 2013
Kategorien: Alternativmedizin & Naturheilkunde, Muskeln, Knochen, Gelenke