Internet-Abhängigkeit: Gefangen in der virtuellen Welt

© panthermedia.net, GRAZVYDAS JANUSKA

Die faszinierende Welt des World Wide Web hat seine User fest im Griff. Manche so sehr, dass sie kaum noch offline gehen können. Dann spricht man von pathologischem Internetgebrauch (Internet-Abhängigkeit, Onlinesucht, Internetsucht). Gehören auch Sie dazu? Machen Sie den Test.

Surfen, Spielen, Chatten, Flirten, Kaufen, Tauschen und vieles mehr – und das alles immer und überall, einfach und schnell per Mausklick – ermöglicht eine Erfindung des letzten Jahrhunderts, die immer mehr in verschiedenster Weise die Welt revolutioniert: das World Wide Web. Inzwischen steht in den meisten Haushalten mindestens ein Rechner mit Einstiegsmöglichkeit ins Internet. Die Zahl der User des weltweiten Netzes steigt. Die Menge an Menschen, die darin “hängen bleiben“ allerdings auch.
Die Gründe für eine Abhängigkeit von der virtuellen Welt des Internets sind – ebenso wie seine Nutzungsmöglichkeiten – vielfältig. Ganz vorne dabei: die Online-Spielsucht und der exzessive Gebrauch von Social Media. Nicht virtuell, sondern ganz real sind die Folgen dieser Abhängigkeit. Als Ursachen für den Drang zum Surfen gelten v.a. Realitätsflucht infolge Unzufriedenheit mit dem wirklichen Leben, Experimentierfreude mit der eigenen Identität, ein ausgeprägter Spieltrieb und ein unerfülltes Kommunikationsbedürfnis.

Motiv: Realitätsflucht

Das Internet eröffnet in ungeahntem Ausmaß die Chance, die eigene Identität zu wechseln und sich ein virtuelles Leben zu erschaffen, das womöglich interessanter und erfolgreicher ist als das wirkliche. Denn was hindert User schließlich daran, sich z.B. in Chatrooms oder auf Facebook, Twitter und Co. als jemand anderer darzustellen, als sie tatsächlich sind? Diese Flucht ins virtuelle Leben gefährdet v.a. in ihrer Persönlichkeit nicht sehr gefestigte Menschen, denn das reale Leben folgt anderen Regeln und lässt sich nicht so einfach – quasi per Mausklick – nach eigenen Wünschen verändern. Folgen einem zu regen Internetgebrauch die Isolation und ein Realitätsverlust, lassen oft auch Depressionen nicht lange auf sich warten.

Motiv: Spieltrieb

Mehr als die Hälfte der Internet-Abhängigen nutzen das Netz, um zu spielen, sind also eigentlich spielsüchtig. In diese Kategorie fallen vor allem junge Männer. Die Konsequenzen können drastisch sein, vor allem wenn es sich um Spiele mit Geldeinsatz handelt, denn das gefährdet u.U. die materielle Existenz.

Motiv: Einsamkeit oder Mitteilungsbedürfnis

Ausgiebig sich im Internet tummeln kann Sozialkontakte verhindern, aber ebenso neue schaffen, wenn auch auf Distanz und anonym. Das kann gerade für schüchterne Menschen reizvoll sein, da sie sich nicht sofort exponieren müssen. So bieten etwa Chatrooms die Möglichkeit, sich zwanglos zu unterhalten. Foren und Blogs, Online-Umfragen und -Diskussionen wiederum können ein vielleicht sonst zu kurz gekommenes Mitteilungsbedürfnis befriedigen. Bedenklich wird es vor allem dann, wenn Online-Communities usw. zur einzigen oder überwiegenden Quelle von Kontakten bzw. zum alleinigen Kommunikationsmittel werden.

Motiv: Kaufrausch oder Erotik

Schnäppchen suchen und ersteigern bei Ebay und Co. oder aus diversen Online-Katalogen bestellen – das kann nicht nur zu sinnlosem Konsum verleiten und in die Schuldfalle locken. Die Jagd nach “ultimativen“ Angeboten hält auch so manchen User – bevorzugt Frauen – stundenlang im Netz.
Männer hingegen sind gefährdeter für exzessiven Cyber-Sex, z.B. Video-Chats mit Stripperinnen.

MAIDS: Wenn auch das Handy unentbehrlich wird

Das Internet ist nur ein modernes Kommunikationsmittel, das zu exzessivem Gebrauch verleiten kann. Das andere heißt Handy. Da moderne Mobiltelefone über einen Internetzugang verfügen, kann auch eine kombinierte Abhängigkeit, genannt Mobile and Internet Dependency Syndrome (MAIDS) entstehen. Dann geht´s gar nicht mehr ohne Surfen, SMS und E-Mails, deren Eingang laufend kontrolliert werden “muss“. Bis man das Handy tönen hört, auch wenn es gar nicht läutet (Phantom-Klingeln).

Internetsüchtig?

Wem ist das noch nicht passiert? Man steigt ein ins Internet und bleibt dann länger als ursprünglich geplant online. Oder surft mal im World Wide Web, obwohl man Wichtigeres zu tun hätte. An sich nicht schlimm. Im mehrfachen Wiederholungsfall aber vielleicht schon der Beginn einer Abhängigkeit. Zu deren Anzeichen gehören:

Eine Einengung des Verhaltensraums: Der Großteil des Tages wird über längere Zeitspannen hinweg zum Internetgebrauch (inklusive damit verbundener Aktivitäten wie z.B. Computeraufrüstung etc.) genutzt. Es besteht ein oftmaliges und unüberwindliches Verlangen, sich ins Internet einzuloggen.

Ein Kontrollverlust: Das Internet wird unkontrolliert, d.h. länger als intendiert genutzt  – trotz dadurch verursachter persönlicher und sozialer Probleme und damit verbundener Schuldgefühle. Versuche, seinen Gebrauch zu begrenzen oder auch nur zu unterbrechen werden entweder gar nicht erst unternommen oder bleiben erfolglos.Eine Toleranzentwicklung: Es muss immer länger gesurft werden, um “bei Laune“ zu bleiben.

Entzugserscheinungen in Form psychischer Befindlichkeitsstörungen wie Unruhe, Nervosität, Gereiztheit und Aggressivität sowie ein Craving (psychisches Verlangen) nach Internetnutzung treten auf, wird diese länger unterbrochen.

Negative Konsequenzen in der Arbeit und den sozialen Beziehungen (z.B. Nachlassen der Leistung, Ärger mit dem Arbeitgeber, Trennung). Vor Angehörigen usw. wird das wirkliche Ausmaß des Surfens verheimlicht und/oder bagatellisiert.

Erkennen Sie sich in dem einen oder anderen Punkt wieder? Dann prüfen Sie bitte, wie gefährdet Sie in puncto Internet-Abhängigkeit sind. Hier geht´s zum Test (Suchtprävention Zürich).

Therapie: Alternativen sind wichtig

Standard-Therapien für pathologischen Internetgebrauch gibt es bislang nicht. Um aus der unseligen Verhaltensschleife aussteigen zu können, bedarf es wie bei jedem Suchtverhalten der Bewusstwerdung für die Gründe der Abhängigkeit. Es gilt herauszufinden, warum die virtuellen Welten des World Wide Web gar so anziehend wirken. In diesem Zusammenhang versprechen zumindest teilweise verhaltenstherapeutische Maßnahmen Erfolg. Wichtig ist es, andere, d.h. gesündere Techniken für den Umgang mit dem Internet zu entwickeln. Etwa zeitliche Begrenzungen oder die Meidung von Webseiten, an denen man besonders leicht “hängen bleibt“. Außerdem die (Wieder-)Entdeckung von Alternativen zum Suchtverhalten wie Hobbys und die Pflege persönlicher, d.h. realer Sozialkontakte.

 

Weiterführende Links:
Internetsucht
Broschüre (SGKK) Internetsucht

Weitere Ratgeber zu diesem Thema auf Arztsuche24
Glücksspielsucht
Computerspielsucht