Schilddrüsenunterfunktion: viele Ursachen, noch mehr Symptome

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Finden Stoffwechselprozesse nur noch in Zeitlupentempo statt, leiden darunter viele Organfunktionen, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Schuld am Geschehen ist meist eine Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), d.h. ein Mangel an Schilddrüsenhormonen, die im Normalfall dafür sorgen, dass Vorgänge im Organismus zackig genug ablaufen.

Der Motor unseres Stoffwechsels sitzt im Hals und heißt Schilddrüse (Glandula thyroidea, Thyreoidea). Das schmetterlingsförmige Organ produziert vor allem die Substanzen Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3), die diverse Stoffwechsel-, Wachstums- und Entwicklungsprozesse beeinflussen. Werden die Hormone in zu geringem Ausmaß erzeugt (= Hypothyreose, Schilddrüsenunterfunktion), laufen diese Vorgänge verlangsamt ab, worunter unter anderem die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit leidet. Wie bei anderen Schilddrüsenerkrankungen auch werden von einer Hypothyreose Frauen sehr viel öfter befallen als Männer.

Regelung des Bedarfs an Schilddrüsenhormonen

Die Regulierung der Menge an ausgeschütteten Schilddrüsenhormonen (“thyreotroper Regelkreis“) obliegt dem Zwischenhirn und der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse). Genauer gesagt dem vom Hypothalamus produzierten Steuerungshormon TRH (Thyreotropin-Releasing-Hormone, Thyreoliberin), das, wenn ein vermehrter Bedarf an Schilddrüsenhormon besteht, ansteigt und Hypophysenzellen zur Bildung und Ausschüttung des Hormons TSH (Thyroidea stimulierendes Hormon) anregt. Das TSH wiederum stimuliert die Herstellung der Schilddrüsenhormone in der Thyreoidea und ihre Abgabe ins Blut. Befindet sich genug T3 und T4 im Blut (“euthyreote Stoffwechsellage“, Euthyreose), wird die TSH-Ausschüttung gedrosselt.

Sondert die Schilddrüse jedoch weniger T4 und T3 ab, als der Organismus braucht, steigt der TSH-Spiegel im Blut und ist somit das erste Zeichen einer sich entwickelnden Schilddrüsenunterfunktion (subklinische oder latente Hypothyreose). Kann die Schilddrüse trotz Aktivierung durch das TSH nicht genügend Hormone herstellen, sinkt das T4, später auch das T3 im Blut (manifeste Hypothyreose).

Angeboren oder erworben

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann angeboren sein. Etwa

  • weil die Schilddrüse fehlt (Athyreose) oder nur verkümmert angelegt ist.
  • mit Funktionsverlusten verbundene Veränderungen des Schilddrüsengewebes vorliegen.
  • aufgrund einer genetisch bedingten Störung der Schilddrüsenhormonsynthese (z.B. durch falsche Jodverwertung) oder Unempfindlichkeit der Zielorgane gegen Schilddrüsenhormone.
  • infolge einer Schädigung der kindlichen Schilddrüse während der Schwangerschaft, etwa durch einen schweren Jodmangel, eine Schilddrüsenunterfunktion, Radiojodtherapie oder Autoimmunerkrankung der Mutter.

Viel häufiger aber ist eine Hypothyreose erworben, also beispielsweise

  • Folge einer medizinischen Maßnahme (= iatrogene oder medizinisch induzierte Hypothyreose): z.B. durch eine operative teilweise oder vollständige Schilddrüsenentfernung, Radiojodtherapie, zu hoch dosierte Thyreostatika-Therapie bei Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) oder Röntgenbestrahlung der Halsregion bei Krebs.
  • Begleiterscheinung einer Schilddrüsenentzündung (Thyreoiditis). Das ist am häufigsten der Fall bei der chronischen Immunthyreoiditis (Hashimoto Thyreoiditis), einer Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse fälschlicherweise als fremd ansieht und Antikörper gegen sie produziert. Ebenso bei der schmerzhaften, virusbedingten, mit grippeähnlichen Beschwerden einhergehenden, subakuten Thyreoiditis de Quervain.
  • Symptom einer Störung der Hypophyse oder des Hypothalamus (selten), Bindung von Schilddrüsenhormonen durch Antikörper, eines gut- oder bösartigen Schilddrüsentumors.
  • Auswirkung einer Unterversorgung mit dem T3- und T4-Baustein Jod mit der Nahrung, wie sie vor der Speisesalz-Jodierung auch in unseren Breiten (z.B. in der Steiermark) häufig zu einer Vergrößerung der Schilddrüse (Kropf) geführt hat. Oder Nachwirkung eines Jodexzesses (Unterfunktion für wenige Wochen). Zudem hemmen Glucosinolate (in Kohl, Karfiol, Rüben, Kresse und Radieschen) bzw. deren Abbauprodukte Thiocyanate (auch im Zigarettenrauch), ebenso Flavonoide in Soja- und Hirseprodukten die Einlagerung von Jod in der Schilddrüse, was vor allem bei Kindern zu einer Hypothyreose führen kann.

Individuelle Symptomvielfalt

Da Schilddrüsenhormone zahlreiche Organfunktionen und Stoffwechselprozesse beeinflussen, die bei einer Hypothyreose nun verlangsamt vonstattengehen, gibt es eine Vielzahl an möglichen Symptomen, deren Auftreten und Ausmaß nicht nur von der Ausprägung des Hormonmangels, sondern auch von der genetischen Prädisposition abhängen, wie

  • allgemeines Schwächegefühl, rasche Ermüdbarkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, verlangsamte Reflexe
  • depressive Stimmungslage, Reizbarkeit und Ungeduld, Panikattacken
  • Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Hypotonie (niedriger Blutdruck), Schwindel, Herzvergrößerung, Herzmuskelschwäche, Herzkranzgefäßverkalkung, Herzbeutelerguss Durchblutungsstörungen mit Missempfindungen (“Ameisenlaufen“)
  • Kälteempfindlichkeit, Unfähigkeit zu Schwitzen
  • Gewichtszunahme trotz Beibehaltung der Essgewohnheiten, chronische Verstopfung
  • kühle, trockene, raue, schuppige, blasse bis gelblich (Einlagerung von Karotin) verfärbte Haut
  • Myxödeme: teigige Schwellungen des Unterhautbindegewebes (“wie aufgeschwemmt“) v.a. an den Gliedmaßen und im Gesicht, verdickte Lippen, vergrößerte Zunge
  • glanzloses, sprödes, struppiges Haar, vermehrter Haarausfall (auch der Achsel- und Schambehaarung), brüchige Nägel
  • Muskelverspannungen, -schmerzen, -steifigkeit
  • tiefe, raue bis heisere Stimme, langsame, verwaschene Sprache
  • Lidödeme (Lidschwellung durch Flüssigkeitseinlagerung), daher zu Schlitzen verengte Augen
  • erhöhter Cholesterinspiegel, Blutbildveränderungen (erniedrigt: Hämoglobin, Erythrozyten)
  • Zyklus- bzw. Potenzstörungen, sexuelle Antriebslosigkeit, Fruchtbarkeitsprobleme, Fehl-, Totgeburten
  • zum Teil Kropfbildung (Vergrößerung der Schilddrüse, Struma)

Bei Senioren sind uncharakteristische Beschwerden wie verminderte Leistungsfähigkeit, Gedächtnisstörungen und Kälteempfindlichkeit oft die einzigen Anzeichen einer Schilddrüsenunterfunktion, die gern als “Alterserscheinungen“ verkannt werden und daher unbehandelt bleiben. Schlimmstenfalls (bei fehlender oder unzureichender Behandlung) mündet eine Hypothyreose in ein – lebensbedrohliches – Myxödemkoma mit Krampfanfällen, Hypothermie (Untertemperatur), Bewusstseinsstörungen bis hin zu Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder gar Bewusstlosigkeit.
Eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion macht sich häufig durch eine verminderte Aktivität und Bewegungsarmut, vergrößerte Zunge, Trinkschwäche und verlängerte Neugeborenengelbsucht bemerkbar. Bleibt sie unbehandelt, kommt es zum “ Kretinismus“, d.h. zu Entwicklungsstörungen wie Schäden am Skelett (z.B. Kleinwuchs), Schwerhörigkeit bis Taubheit und geistiger Behinderung.

Erkennung einer Schilddrüsenunterfunktion

Auf eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion werden in Österreich routinemäßig alle Kinder im Rahmen eines Neugeborenen-Screenings in den ersten Lebenstagen getestet (TSH-Bestimmung aus per “Fersenstich“ gewonnenem Blutstropfen auf Filterpapier).

Auf eine erworbene Hypothyreose weisen geschilderte Beschwerden, eine körperliche Untersuchung mit Abtasten der Halsregion, vor allem aber eine Überprüfung des TSH-Spiegels im Blut hin. Bei Verdacht auf eine Störung der Hypophyse (selten) ist auch eine Bestimmung von T4 und T3 notwendig. Oder ein TRH-Test: Nach Eruierung des basalen TSH-Werts wird die Hypophyse mit per Injektion oder Nasenspray verabreichtem TRH stimuliert und 20 bis 30 Minuten danach der nun aktuelle TSH-Wert gemessen. Bei Verdacht auf Autoimmunprozesse wird zudem nach Schilddrüsenantikörpern im Blut (TAK, TPO) gefahndet.

Mittels Ultraschall werden Lage, Form, Größe und Beschaffenheit (z.B. Entzündung: inhomogenes Muster) der Schilddrüse beurteilt, bei Bedarf (z.B. Verdacht auf Krebs) auch eine Feinnadelbiopsie (Entnahme kleiner Gewebeproben) gemacht. Als farbkodierte Duplexsonografie ausgeführt erlaubt diese Untersuchung auch Rückschlüsse auf die Funktionstüchtigkeit der Schilddrüse.

Über die gleichen Parameter sowie eventuell vorhandene – aktive (heiße) oder inaktive (kalte) – Knoten gibt eine Szintigrafie Auskunft. Hierbei wird radioaktives Technetium in eine Vene gespritzt, das sich bei einer Hypothyreose kaum in der Schilddrüse anreichert, was sich anhand einer Messung der radioaktiven Aktivität bzw. in Form computerunterstützt ausgewerteter Bilder zeigt.

Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion

Die Therapie einer Hypothyreose richtet sich nach der zugrundeliegenden Erkrankung, läuft jedoch in der Regel auf eine sogenannte Substitutionstherapie hinaus, d.h. die fehlenden Schilddrüsenhormone (meist Levothyroxin, das wie körpereigenes T4 wirkt, bei Unfähigkeit des Organismus, T4 in T3 umzuwandeln Gabe von T4 und T3) werden in Tablettenform – morgens auf nüchternen Magen (mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück, um die Wirkstoffaufnahme nicht durch Nahrungsmittel zu beeinflussen) – zugeführt. Und das meist lebenslang, weil eine ursächliche Heilung häufig nicht möglich ist. Wobei die Dosierung regelmäßig kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden muss, da sich der Bedarf an Schilddrüsenhormonen mit der Zeit ändern kann. Außerdem: eine zu hohe Dosierung der Präparate kann eine künstliche Schilddrüsenüberfunktion – erkennbar an einem verminderten TSH-Wert – herbeiführen. Mit Symptomen wie Herzrasen, Schwitzen, innere Unruhe oder Durchfall.

Ist ein Jodmangel für die Schilddrüsenunterfunktion verantwortlich, können zusätzlich Jodtabletten zum Einsatz kommen. Bei einer Immunthyreoiditis hingegen sollte Jod eher gemieden werden.

Bei einem Myxödemkoma hilft nur eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus, wo u.a. eine hochdosierte Levothyroxin-Gabe erfolgt.

Vorbeugung einer Hypothyreose

Zumindest einer durch Jodmangel verursachten Hypothyreose kann man durch eine passende Jod-Zufuhr (täglicher Bedarf: Erwachsene: 200, Kinder: 100 – 200, Säuglinge: 40 – 80, Schwangere: 230, Stillende: 260 Mikrogramm) über die Nahrung (jodiertes Salz, Algen, Meeresfische) vorbeugen. Auch bestimmte Formen einer angeborenen Schilddrüsenunterfunktion lassen sich vermeiden, etwa wenn bei Kinderwunsch darauf geachtet wird, dass eine Schwangerschaft erst nach Behebung eines Jodmangels, nur unter adäquater Therapie einer bestehenden Hypothyreose oder frühestens vier bis sechs Monate nach einer Radiojodtherapie der Mutter eintritt.

 

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