Diabetes insipidus: Wasserverlust durch Hormonmangel

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Wasser ist unentbehrlich. Auch für viele Stoffwechselprozesse. Scheiden die Nieren zu viel davon aus, kann ein Diabetes insipidus (Wasserharnruhr) dahinter stecken. Dann lautet die wichtigste Maßnahme: reichlich trinken.

Stoffwechsel – so nennt man das komplexe Zusammenspiel von Hormonen, Enzymen und anderen Substanzen, das den Auf- und Abbau von Geweben reguliert, die Verwertung, Ausscheidung und Speicherung von Nährstoffen, den Wasserhaushalt u.v.a.m. Schon allein der Mangel oder Überschuss einer einzigen Substanz genügt, um eine nachhaltige Stoffwechselstörung zu erzeugen. Zu den bekanntesten gehört der Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), dem ein absolutes oder relatives Defizit an Insulin zugrunde liegt. Es gibt aber noch andere Stoffwechselkrankheiten. Wie z.B. den Diabetes insipidus (Wasserharnruhr, Diabetes spurius), der mit dem Diabetes mellitus trotz ähnlich klingendem Namen (altgriech.: diabainein = hindurchfließen) nichts zu tun hat.

Auslöser: Gehirn oder Niere

Im Hinterlappen der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) wird Vasopressin (antidiuretisches Hormon, ADH) erzeugt, das den Wasserhaushalt regelt, indem es für den Verbleib von genügend Flüssigkeit im Organismus sorgt. Misslingt das, können die Nieren nicht ausreichend Wasser rückresorbieren (wieder aufnehmen) und es entsteht ein Diabetes insipidus. Je nach Ort der Störung unterscheidet man zwei Formen der Erkrankung:

Kommt es infolge von chirurgischen Eingriffen oder Tumoren an der Hypophyse oder am übergeordneten Hypothalamus (Teil des Zwischenhirns), Verletzungen, Blutungen oder Entzündungen des Gehirns, Infektionen (z.B. Tuberkulose, Syphilis) oder einer erblichen Veranlagung zu einer Unterproduktion von ADH, liegt ein Diabetes insipidus centralis (Diabetes insipidus neurohormonalis) vor.

Führen Medikamente (z.B. Lithium-Langzeittherapie), Gifte, chronische Nierenleiden (z.B. Niereninsuffizienz, Zystennieren, Nierenbeckenentzündung), Elektrolytentgleisungen (z.B. Hyperkalzämie = zu hoher Kalziumspiegel) oder ein Gendefekt dazu, dass das Vasopressin seine Wirkung an den Nieren nicht entfalten kann, liegt ein Diabetes insipidus renalis (nephrogener Diabetes insipidus) vor.

Lässt sich der Auslöser der Wasserharnruhr nicht ermitteln, spricht man von einem idiopathischen (ohne erkennbaren Grund) Diabetes insipidus.

Unabhängig von der Ursache der Erkrankung tritt eine Polyurie auf (Ausscheidung sehr hoher Harnmengen, laut Literatur bis zu 25 Liter täglich), der eine Polydipsie (Trinkzwang) folgt.

Eine Wasserharnruhr entdecken

Ob ein Diabetes insipidus vorliegt, beweisen

  • eine längerfristige Messung und Aufzeichnung der Trink- und Urinmengen inklusive mehrmaliger Erhebung der Natriumkonzentration im Blut
  • ein Durstversuch: mehrstündiger Wasserentzugs-Test mit Kontrolle von Gewicht, Urinproduktion und Blutelektrolytwerten
  • ein Hickey-Hare-Test bzw. Carter-Robbins-Test (Kochsalzinfusionstest): Die intravenöse Gabe einer NaCl-Lösung bewirkt normalerweise eine verstärkte Ausschüttung von ADH und damit eine Verringerung der Wasserausscheidung (Antidiurese) und Konzentrierung des Urins, was in festgelegten Abständen mittels Harn-Untersuchungen kontrolliert wird. Bleibt der ADH-Anstieg aus, spricht das für einen zentralen Diabetes insipidus. Kommt es zwar zu einer ADH-Erhöhung, jedoch nicht zu den genannten Harnveränderungen, handelt es sich um einen renalen Diabetes insipidus. Zur sicheren Unterscheidung zwischen zentralem und nephrogenem Diabetes insipidus kann eine anschließende Vasopressingabe erfolgen, die beim neurohormonalen Diabetes insipidus die Harnkonzentrationsfähigkeit verbessert, beim renalen nicht.

Zur Auffindung eines Tumors als ev. Erkrankungsursache wird eine Magnetresonanztomographie (MRT) der Hypophysenregion durchgeführt.

Trinken als Therapie

Der enorme Wasserverlust muss zwecks Kreislaufstabilisierung durch entsprechende Flüssigkeitszufuhr ausgeglichen werden. Andernfalls drohen eine (potenziell tödliche) Austrocknung (erkennbar v.a. an der Haut und den Schleimhäuten) mit Folgen wie Verstopfung, Gereiztheit, Verwirrtheit, Krämpfen, Elektrolyt- und Schlafstörungen.

Bei unzureichender ADH-Bildung schafft – sofern die Flüssigkeitszufuhr allein den Wasserhaushalt nicht normalisiert – eine Hormonersatztherapie mit Desmopressin (Vorsicht! Überwässerung mit Bewusstseinstrübung und Krämpfen bei Überdosierung oder zu großer Trinkmenge) Abhilfe.

Ist ein Hypophysentumor Ursache eines Diabetes insipidus centralis, kommt eine Operation bzw. Bestrahlungen zum Einsatz.

Beim Diabetes insipidus renalis hängt die Behandlung ebenfalls von seinem Auslöser ab. Lässt er sich auf eine Hyperkalzämie zurückführen, muss der Kalziumspiegel gesenkt werden. Ist eine Arznei Grund für die Erkrankung, sollte diese möglichst abgesetzt werden. Thiazid-Diuretika (harntreibende Mittel) sorgen – unterstützt von einer kochsalz- und eiweißarmen Kost – zu einer Verringerung des Blutvolumens mit nachfolgender gesteigerter Rückresorption von Salzen und Wasser in den Nieren. Ob eine vermehrte Wassereinlagerung im Organismus stattfindet, zeigen tägliche Gewichtskontrollen.

 

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