Pflegende Angehörige: Stress als Dauerzustand

© panthermedia.net / Arne Trautmann

Pflegende Angehörige leisten im Verborgenen wertvolle schwere Arbeit und setzen dabei ihre eigene Gesundheit, oft auch ihr soziales und materielles Wohl, aufs Spiel. Doch ohne sie wären viele Pflegebedürftige arm dran, denn (Alten-)Pflege erfordert mehr als nur die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Nahrung oder Sauberkeit.

Derzeit sind etwa 400.000 ÖsterreicherInnen pflegebedürftig oder benötigen Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen. Die steigende Lebenserwartung lässt erahnen, dass die Zahl der Hochbetagten und damit Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren hierzulande stark zunehmen wird. Gleichzeitig sinkt voraussichtlich die Zahl derjenigen, die diese Last bis dato hauptsächlich schultern: pflegende Angehörige. Da es vielerorts an leistbaren Pflegemodellen mangelt, die sowohl ein würdevolles Altern der Senioren als auch die Entlastung pflegender Angehöriger gewährleisten, fürchten sich sowohl viele Betagte als auch Vertreter der jüngeren Generationen vor dem Eintritt einer Pflegebedürftigkeit eines Familienmitglieds, denn der bedeutet in vielerlei (z.B. materiell, zeitlich) Hinsicht einen hohen Aufwand, oft auch den Verzicht auf persönliche Freiheiten.

Doch immerhin gibt es Hilfsangebote in Form finanzieller Unterstützungen, mobiler Dienste oder Betreuungseinrichtungen, deren Nutzung das Leben der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen erleichtern.

Was heißt “pflegebedürftig“?

Ein Pflegebedarf im gesetzlichen Sinn liegt vor, wenn jemand angewiesen ist auf Betreuungsmaßnahmen bei körperlichen Aktivitäten wie Essen, Kochen, Erledigung der Ausscheidungen, Körperpflege, An- und Auskleiden, Medikamenteneinnahme oder Fortbewegung innerhalb der Wohnung, und Hilfsverrichtungen, d.h. Sachleistungen wie

  • das Heranschaffen von Nahrungsmitteln, Medikamenten und alltäglichen Bedarfsgütern
  • die Reinigung der Wohnung und persönlicher Gebrauchsgegenstände
  • die Pflege der Leib- und Bettwäsche
  • die Beheizung des Wohnraums inklusive Organisation von Heizmaterial
  • die Unterstützung der Mobilität für wichtige Erledigungen (z.B. Begleitung bei Amtswegen oder Arztbesuchen)

Für die amtliche Beurteilung des Pflegebedarfs bzw. Zuerkennung von Pflegestufen und damit Pflegegeld relevant ist neben der Art der notwendigen Betreuungsmaßnahmen und Hilfsverrichtungen der dafür erforderliche Zeitaufwand. Doch egal, wie die Bewertung ausfällt, bleibt eine Entscheidung unausweichlich und die lautet: Wer übernimmt die erforderlichen pflegerischen Aufgaben?

Betreuung daheim durch Angehörige

Ob aus Zuneigung, Dankbarkeit, Verantwortungsbewusstsein, Pflichtgefühl oder welchen Gründen immer – auch heute noch wird der Großteil pflegebedürftiger Senioren von Familienmitgliedern, in der Mehrzahl Frauen, betreut. Ein schwieriges und zeitraubendes Unterfangen, das viele Pflegende vor beinahe unlösbare Aufgaben stellt, sind darunter doch genug Berufstätige.

Seit Jänner 2014 können nun nahe Angehörige, das sind definitionsgemäß Ehepartner oder Lebensgefährten oder eingetragene Partner und deren Kinder, Eltern, Groß-, Adoptiv-, Pflege- und Schwiegereltern, Kinder, Stief-, Schwieger-, Adoptiv- und Pflegekinder, Enkel und Geschwister zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf unter bestimmten Rahmenbedingungen eine Pflegekarenz, d.h. Freistellung von der Arbeit für maximal drei Monate, oder Pflegeteilzeit, d.h. Herabsetzung der Arbeitszeit (nicht unter zehn Wochenstunden), in Anspruch nehmen. Das erfordert keinen gemeinsamen Haushalt mit dem Pflegebedürftigen, bedeutet jedoch finanzielle Einbußen (Pflegekarenzgeld ersetzt ganz bzw. teilweise das Gehalt) und ist an bestimmte Pflegestufen und die Gewährung durch das Bundesamt für Soziales und Behindertenwesen gebunden.

Nun sind auch pflegende Angehörige nicht vor Krankheit oder Unfällen gefeit oder brauchen auch mal Urlaub. Für diesen Fall existiert – bei entsprechender Pflegestufe –  ein Anspruch auf Ersatzpflege, d.h. staatliche finanzielle Unterstützung für eine professionelle Pflegetätigkeit für einen gewissen Zeitraum. Außerdem die Möglichkeit, den Pflegling im Rahmen einer Kurzzeitpflege vorübergehend in einem Alten- oder Pflegeheim unterzubringen.

Betreuung daheim mit mobiler Unterstützung

Mobile Pflege, d.h. eine Unterstützung von pflegenden Angehörigen durch geschultes Personal gibt es bei Anbietern wie dem Hilfswerk, Roten Kreuz, Samariterbund, der Caritas, Volkshilfe usw. als:

  • ärztlich angeordnete Hauskrankenpflege: zeitlich unbegrenzte Betreuung durch diplomierte Krankenpfleger sowie Pflegehelfer.
  • ärztlich angeordnete medizinische Hauskrankenpflege: zeitlich begrenzte Betreuung durch diplomierte Krankenpfleger zur Verkürzung oder Vermeidung eines Krankenhausaufenthalts.
  • ärztlich angeordnete mobile Therapie: professionell betreutes individuelles Therapieprogramm zuhause.
  • Heimhilfe: Unterstützung bei Aktivitäten des täglichen Lebens, damit alte Menschen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können.
  • Essen auf Rädern: Zustellung ausgewählter Gerichte, wenn das Einkaufen oder Kochen zum Problem wird.
  • Notruftelefon: Ein entweder wie eine Armbanduhr oder eine Halskette getragener mobiler Funksender alarmiert im Notfall per einfachem Knopfdruck die Notrufzentrale, die über notwendige Daten des Hilfsbedürftigen verfügt.
  • Besuchs- und Begleit-, Fahrten- und Transport-, Wäsche-, Wohnungsreinigungs- und Reparaturdienste, Hilfsmittel-und Pflegebehelfverleih etc.

Ist der Unterstützungsbedarf so hoch, dass eine ständige professionelle Betreuungsperson gebraucht wird, bieten einige Organisationen (z.B. Hilfswerk, Volkshilfe, Caritas, Rotes Kreuz) auch eine 24-Stunden Pflege an mit Leistungen wie der Hilfe im Haushalt und bei der Körperpflege, der Erledigung kleiner Einkäufe, dem Aufwärmen und Herrichten von Mahlzeiten sowie Betreuung im Krankheitsfall. Auch hierfür ist – abhängig von der Pflegestufe und dem Einkommen – beim Bundessozialamt eine Förderung beantragbar. Sind Angehörige nicht imstande oder willens, die notwendige Betreuung zu leisten oder zu organisieren, landen Pflegebedürftige oft in Pflegeheimen.

Pflegende Angehörige: vielfältige Belastungen gefährden die eigene Gesundheit

Zum Pflegefall werden ist nicht lustig. Ein pflegender Angehöriger zu sein aber ebenso wenig. Denn viele Pflegehandlungen kosten körperliche Kraft, oft auch Nerven und die Nachtruhe. Das verursacht häufig verstärkte Verschleißerscheinungen der Gelenke, Nacken-, Rücken-, Schulter- und Hüftleiden, Kopf- und Gliederschmerzen, Herz- und Magenbeschwerden, Schwindel, Schlafstörungen, nervöse Zustände und Erschöpfung. Alles körperliche Warnsignale, die Pflegende oft – z.B. aus Zeitmangel – ignorieren. Stattdessen “betäuben“ sie die Symptome. Mit untauglichen Mitteln wie Zigaretten, ungesundem Essen, Alkohol oder Medikamenten. All das trägt dazu bei, dass pflegende Angehörige ein erhöhtes Risiko haben, selbst pflegebedürftig zu werden und verfrüht zu sterben.

Zu den körperlichen Belastungen gesellen sich meist seelische wie die Unsicherheit, alles richtig zu machen oder alles schaffen zu können. Außerdem Schuldgefühle, z.B. wegen der Vernachlässigung anderer Lebensbereiche (z.B. Familie) aufgrund der zeitintensiven Pflege. Oft liegt die Wurzel der Schwierigkeiten im Rahmen der Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen in einer von jeher schwierigen Beziehung zu ihm, die durch den nun engeren Kontakt noch problematischer wird. Eventuell verschlimmert durch psychische Probleme, Launen oder eine Demenz des Pfleglings. Das kann das Nervenkostüm des Pflegenden so sehr strapazieren, dass er sich zu gewaltsamen Handlungen hinreißen lässt. Zudem schränkt die zeitaufwändige Betreuung das Sozialleben des pflegenden Angehörigen ein. Häufig ziehen sich Freunde – z.B. weil er keine Zeit für sie hat oder aus falsch verstandener Rücksichtnahme – zurück. Kreist sein Leben nur noch um das gesellschaftlich wenig attraktive Thema Pflege, droht soziale Isolation.

Nicht zuletzt bedeutet die Pflege Angehöriger – neben nerven- und zeitraubenden Amtswegen –  in vielen Fällen auch materielle Belastungen und Einbußen, z.B. durch Aufwendungen für Gesundheitsutensilien oder Wohnungsadaptierungen bzw. Einschränkung oder Aufgabe der Berufstätigkeit, was sich später auch in einer niedrigeren Rente des Pflegenden niederschlägt. Alles triftige Argumente, das Betreuungssystem bedarfsgerecht auszubauen.

Weiter führende Links:
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Pflegebedürftig – was nun? 
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