Pflegebedürftig: Ab ins Pflegeheim – oder?

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Viele Jahre leben? Gerne. Lebenslang gesund bleiben? Sehr erwünscht, aber unwahrscheinlich. Krank sein, doch einigermaßen selbstständig bleiben? Akzeptabel. Pflegebedürftig und von fremder Hilfe abhängig werden? Höchst unwillkommen, aber die (traurige?) Wirklichkeit vieler betagter Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen landen.

Rüstig sein und selbstständig bleiben bis zum Lebensende – das wünschen sich wohl alle Menschen. Die Realität sieht anders aus. Schon jetzt sind etwa 400.000 ÖsterreicherInnen pflegebedürftig oder benötigen Versorgung bzw. Hilfe durch andere. Die steigende Lebenserwartung lässt die Zahl der Hochbetagten und damit Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren stark zunehmen. Gleichzeitig sinkt voraussichtlich die Zahl derjenigen, die diese Last bis dato hauptsächlich schultern: pflegende Angehörige, derzeit in der Mehrzahl Frauen. Der Nachwuchs, der kommende Generationen von Senioren betreuen könnte, ist im Schwinden begriffen (“demographischer Wandel“). Steigende berufliche Anforderungen (Arbeitsverdichtung, Flexibilität, Mobilität etc.), Mehrfachbelastung (Arbeit, Haushalt, Familie) oder auch der Wunsch, das eigene Leben voll auszukosten sorgen dafür, dass die verbleibenden Nachkommen vermutlich großteils anderweitig beschäftigt sein werden.

Angesichts einer Vereinsamung oder mangelnden Fähigkeit bzw. Bereitschaft von Angehörigen, die Betreuung zu übernehmen, sehen sich so manche pflegebedürftigen Senioren der Situation ausgesetzt, ihr trautes Heim verlassen und sich in fremde Obhut begeben zu müssen statt im Kreise ihrer Lieben ihr Leben ausklingen lassen zu dürfen. Vor allem dann, wenn mobile Dienste nicht mehr ausreichen, um den Alltag zu bewältigen bzw. nicht finanziert werden können.

Endstation Pflegeheim

Die im Prinzip freiwillige, aber doch immer wieder mal unumgängliche Übersiedlung in eine Institution zur Seniorenbetreuung respektive Altenpflege bedeutet indes einen gravierenden Einschnitt im Leben, der nur selten von den Betroffenen herbeigesehnt wird. Es sei denn, sie sind begütert genug, sich rechtzeitig eine komfortable Seniorenresidenz suchen zu können, die ihnen zusagt. Der Rest sieht den Umzug ins Pensionisten-, Senioren-, Altenwohn- oder Pflegeheim oft mit bangen Gefühlen. Denn meistens ist es ein endgültiger Schritt, verbunden mit unliebsamen Umwälzungen wie

  • dem Verlust der vertrauten und liebgewonnenen Umgebung inklusive allfälliger langjähriger Kontakte (z.B. Nachbarn), was einer Ausstoßung gleichkommt, denn viele Betagte leben hauptsächlich oder nur noch in den eigenen vier Wänden, die ihnen Schutz und Geborgenheit vermitteln. Sich nun auf einen Raum einzustellen, der als fremd empfunden wird, in der Regel kleiner ist als das ursprüngliche Zuhause und womöglich auch noch mit jemand anderem geteilt werden muss, erleben viele alte Menschen als Entwurzelung.
  • der bitteren Erkenntnis, nicht mehr vollständig für sich selbst sorgen zu können und der Angst vor dem Verlust an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, vor Bevormundung oder sogar Entmündigung. Plötzlich folgt der Tagesrhythmus nicht mehr den eigenen Gewohnheiten, sondern zumindest teilweise den Regeln der Institution wie etwa die Verköstigung oder der Wäschewechsel.
  • der furchterregenden Gewissheit, sich nun im letzten Stadium des Lebens zu befinden, dem nur noch der Tod folgt. Oft kombiniert mit dem Eindruck, keine sinnvolle Aufgabe mehr zu haben. Dann ist der Weg nicht mehr weit zu Depression und Lebensüberdruss.

Diese radikalen Veränderungen in einem Alter, wo ein gewohntes Umfeld wichtig ist, gepaart mit
scheinbar kaum erfreulichen Perspektiven und vielleicht auch noch der Erwartung unhaltbarer Zustände (z.B. Vernachlässigung, Gewalttätigkeiten, Ruhigstellung mit Psychopharmaka), wie sie gelegentlich in den Medien beschrieben werden, machen Pflegeheime nicht gerade attraktiv für Pflegebedürftige.

Zur objektiven Kontrolle einer hochwertigen Betreuung in Alten- und Pflegeheimen wurde deshalb hierzulande das Nationale Qualitätszertifikat (NQZ) eingeführt. Basierend auf verschiedenen Qualitätsmanagement-Systemen (E-Qalin®, QAP, ISO) beinhaltet die Zertifizierung Fremd- und Selbstbewertungen. Das Zertifikat zeichnet Häuser aus, die mehr als nur die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen, d.h. sie setzen Aktivitäten zur Verbesserung der Lebensqualität ihrer Bewohner. Damit wird das NQZ zum Gütesiegel, das nachvollziehbare Qualität garantiert. Es schafft darüber hinaus eine österreichweite Vergleichbarkeit der Angebote der Alten- und Pflegeheime.

Wie alte Menschen in einem Heim zurechtkommen, hängt aber – außer von der Institution und ihren Angeboten – auch von ihrem körperlichen und seelisch-geistigen Zustand (z.B. Umgang mit Veränderungen, Reaktion auf Neues, Gemeinschaftsfähigkeit) ab. Zufriedener sind in der Regel die Heimbewohner, die regelmäßige Kontakte, z.B. mit sie besuchenden Verwandten, genießen.

Alternative: seniorengerechte Wohnformen

Die zu erwartende Umkehrung der Altersstruktur – mehr Senioren, weniger Nachwuchs – wird nebst dem Mangel an Pflegepersonal und –einrichtungen das Problem “Betreuung betagter Menschen“ zusehends verschärfen. Alternativen sind gefragt. Deshalb etablieren sich nach und nach neue Wohn- und Pflegeformen für Senioren. Dazu gehören z.B.

Betreutes Wohnen: Hier leben die Senioren in einer eigenen Wohnung, haben aber die Möglichkeit, Verpflegung und Betreuung in Anspruch zu nehmen, wobei in einigen dieser Anlagen bestimmte Dienstleistungen grundsätzlich inkludiert sind und bedarfsweise durch Services mobiler Sozial- und Gesundheitsdienste ergänzt werden.

Wohngemeinschaften: Sie bieten vor allem dann altersgerechtes Wohnen, wenn sie sich in auf die speziellen Bedürfnisse von Senioren (z.B. Barrierefreiheit, Eignung für Gehwagen und Rollstuhl, behindertengerechte Küche) ausgestatteten Immobilien ansiedeln. Neben größerer Selbstständigkeit ist laufender Kontakt mit anderen ein großes Plus von Senioren-WGs, denn dort leben sie in einem familienähnlichen Verband. Sie haben ein eigenes Zimmer. Die anderen Räumlichkeiten wie Küche, Bad oder Wohnzimmer werden gemeinsam genutzt.

Mehrgenerationenhäuser: In solchen Gebäuden leben Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und -situationen in einer engen Hausgemeinschaft zusammen, inklusive gemeinsamer Unternehmungen und gegenseitiger Unterstützung.

Unabdingbare Voraussetzung zur Nutzung all dieser Wohnformen ist eine gewisse Toleranz gegenüber anderen Menschen bzw. die Bereitschaft, fremde Hilfe zu akzeptieren. Körperlich sehr eingeschränkte Senioren brauchen in der Regel eine fachkundige Obhut rund um die Uhr – diese anspruchsvolle Betreuung können oft nur Pflegeheime leisten. Stark verwirrte oder schwer psychisch kranke Menschen benötigen andere Bedingungen als sie ein “normales“ Pflegeheim bieten kann, etwa weil sie besonders aggressiv oder weglaufgefährdet sind. Sie werden in gerontopsychiatrischen Pflegeheimen untergebracht.

 

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