Midlife Crisis: Neuorientierung statt Torschlusspanik

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In der Lebensmitte dämmert vielen, dass sie so manche Chancen verpasst und einige Lebensziele nicht erreicht haben. Das Lebensende rückt näher. Die Zeit, Versäumtes nachzuholen, erscheint kurz. Dann bricht meist eine sogenannte Midlife-Crisis (Mittlebenskrise) aus. Doch “rien ne va plus“ heißt es nur beim Roulette. Denn auch in der zweiten Lebenshälfte geht noch vieles.  

Gerade, wenn im Leben alles schon geregelt scheint, also meist in den 40ern bis 50ern, kommt für viele eine Phase, in der ihnen schmerzhaft bewusst wird, dass Manches gar nicht oder zumindest nicht mehr so leicht möglich ist wie in jungen Jahren. Dann bedrückt sie z.B., dass die Karriere stagniert oder der Kinderwunsch unerfüllt geblieben ist, die körperliche Leistungsfähigkeit nachlässt oder die Ehe nur noch mehr schlecht als recht funktioniert. Sie fragen sich, ob das schon alles war und ziehen in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen in Zweifel. Torschlusspanik kommt auf und der Wunsch zu beweisen, dass man noch nicht zum alten Eisen gehört. Diese gern als Midlife Crisis (Mitlebenskrise) bezeichnete Situation mag unangenehm sein. Gleichzeitig aber bietet sie eine gute Chance, Wichtiges nachzuholen, Unerträgliches zu ändern und neue Seiten an sich kennenzulernen.

Von nun an geht´s bergab

Das ist kurz gefasst das Lebensgefühl vieler Menschen in der Mittlebenskrise. Sie ziehen innerlich Bilanz über ihr Leben. Und entdecken dabei z.B. unausgelebte Jugendträume, (scheinbare) Misserfolge und (vermeintliche) Fehlentscheidungen. Stellen sich die ersten Wehwehchen ein, machen sie mit ihrer Verwundbarkeit Bekanntschaft. Auch ihre Endlichkeit wird ihnen deutlicher bewusst. Dann kommen Fragen auf wie:

Was kann jetzt noch kommen?

Habe ich alle meine Möglichkeiten schon ausgeschöpft?

Wer bin ich eigentlich wirklich?

Wie viel Zeit bleibt mir überhaupt noch?

Im Zuge dieser Überlegungen glauben sie womöglich, dass sie nur noch in langweiliger Alltagsroutine gefangen sind, sie Lebensziele verfehlt haben oder sogar ganz anders hätten leben sollen. Sie malen sich aus, wie schön es wäre, wenn… Ein Bedürfnis nach intensivem Lebensgefühl, Freiheit und Abenteuern kann sich entwickeln. Und zum Entschluss führen, dass man zum Altwerden später noch Zeit hat und jetzt das Leben voll auskosten will. Bevor es dafür zu spät ist. Dieser Prozess geht meist mit Gefühlen einher wie Unzufriedenheit, Gereiztheit, Wut, Traurigkeit, innerer Leere und Zukunftsängsten.

Es muss anders werden

So lautet vielfach das Resümee der näheren Betrachtung ihres Lebens von Menschen mittleren Alters. Oft entwickelt sich ein Drang zu Veränderungen, der – mitunter auch überstürzte –  Entscheidungen nach sich zieht wie etwa die Kündigung der Arbeitsstelle oder Trennung vom Partner/von der Partnerin, so groß kann der Wunsch nach Überwindung von Zwängen und Einengungen bzw. dem Ausbruch aus alten Rollenmustern werden. Sie wollen schauen, was noch geht, oft auch anderen beweisen, dass sie jung geblieben ist.

Dann ändern sich häufig Hobbys und Interessen. Frisur und Kleidungsstil werden jugendlicher. Die gemütliche Familienkutsche weicht einem schicken Sportwagen, die langjährige Ehefrau einer jüngeren Geliebten. Schönheitschirurgen verzeichnen zwecks Beseitigung verräterischer Fältchen und Fettpölsterchen einen regen Zulauf. Anti-Aging-Produkte haben Hochsaison und die Hersteller von Potenzmitteln verbuchen satte Gewinne.

Ursache: nicht nur Hormone

Diese Zeit des seelischen Umbruchs ist gleichzeitig eine Phase intensiver körperlicher Vorgänge, die (auch) auf hormonellen Veränderungen beruhen. Bei Frauen nennt man sie Wechseljahre. Männer bleiben davon ebenso wenig verschont, auch wenn sie – anders als Frauen – infolge der nachlassenden Hormonproduktion nicht komplett ihre Fruchtbarkeit einbüßen. Denn der sinkende Testosteronspiegel bewirkt ein Nachlassen der Potenz.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. In das fünfte bzw. sechste Lebensjahrzehnt fallen nämlich in der Regel auch noch andere bedeutsame Umwälzungen. So wird z.B. der Nachwuchs flügge, was nicht selten v.a. bei besonders behütenden Müttern ein Empty-Nest-Syndrom hinterlässt. Oft kommt es auch zur Pflegebedürftigkeit oder zum Tod der Eltern. Abgesehen davon stellen sich bereits ab 40 altersabhängige körperliche Beeinträchtigungen ein wie z.B. die Presbyopie (Alterssichtigkeit). Häufig auch sogenannte Zivilisationskrankheiten (z.B. Bluthochdruck, Diabetes).

Nicht zuletzt hat der derzeit regierende Schönheits- und Jugendwahn erheblichen Anteil daran, dass vor allem der äußere Eindruck zählt. Er schürt die Illusion, für immer jung und dynamisch bleiben zu müssen und nährt so die Unzufriedenheit mit unaufhaltsamen Folgen von ganz normalen Alterungsprozessen.

Vor allem aber spielen die persönliche Einschätzung der eigenen Situation, das Selbstwertgefühl und die individuelle Anpassungsfähigkeit eine bedeutende Rolle, ob und wie intensiv eine Mittlebenskrise in Erscheinung tritt.

Midlife Crisis: Risiken

Die Mittlebenskrise birgt eine große Gefahr in sich, die da lautet: Es wird alles so sehr in Frage gestellt, dass überstürzt radikale Veränderungen vorgenommen werden, die man später bereut, aber nicht mehr rückgängig machen kann. Etwa die voreilige Auflösung einer durchaus noch tragfähigen Partnerschaft, denn nicht alle verlassenen Gefährten sind willens, ihr treuloses Pendant wieder aufzunehmen. Und längst nicht alle Chefs zeigen Verständnis für Mitarbeiter, die aussteigen, um einem Jugendtraum hinterherzujagen, der sich dann doch als unerfüllbar erweist. Auch sich auf jung zu trimmen hat seine Grenzen, die der Spiegel unbarmherzig zu Tage treten lässt.

Midlife Crisis: Chancen

So abgedroschen es klingen mag: Jede Krise birgt auch Chancen. Die Midlife Crisis z.B. die Möglichkeit, sich zu vergegenwärtigen, wo man aktuell steht im Leben und zu überlegen, ob es gut ist, so weiterzumachen wie bisher. Außerdem festzustellen, welche Bedürfnisse und Ziele man wirklich noch hat und ob bzw. wie realisierbar sie sind. Dann ist es Zeit, überholte Ideen fallen zu lassen, aber auch andere Prioritäten zu setzen und vielleicht auch Neues auszuprobieren. Kurzum: Das Durchleben einer Midlife Crisis kann stärker, reifer und glücklicher machen. Hierzu hilfreich sind z.B. folgende Schritte:

  • Auf die innere Stimme hören: Welche Gefühle stehen derzeit im Vordergrund? Was fehlt, um sich wieder zufrieden zu fühlen?
  • Bilanz ziehen: Welche Lebensziele wurden erreicht, welche nicht und vor allem welche sind jetzt aktuell? Was ist nun wirklich wichtig?
  • Potenzial ausloten: Möglichkeiten zur Um- und Neugestaltung des Lebens mehrfach überdenken und Wege zum Erreichen von mehr Zufriedenheit immer wieder überlegen. Die Ergebnisse schriftlich festhalten.
  • Hilfe suchen und annehmen: Sich einem guten Freund anzuvertrauen, erleichtert und kann Lösungen aufzeigen. Führt die Situation aber zum Gefühl der Ausweglosigkeit, zu Depressionen, Burn out oder gar Selbstmordgedanken, ist fachlich kompetente Hilfe vom Psychotherapeuten vonnöten.
  • Die Alltags-Routine durchbrechen: z.B. durch Aufnehmen eines interessanten Hobbys oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Oder einfach Verschiedenes ausprobieren. Vielleicht besteht auch am Arbeitsplatz die Möglichkeit, sich anderen Aufgaben zu widmen oder sich zu spezialisieren.

Man kann die Mitte des Lebens schließlich auch entspannt betrachten: Vieles ist schon erreicht worden, Vieles (oft mehr, als man denkt!) noch möglich. Game over heißt es auch nach der Midlife crisis noch lange nicht!

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Lebensphasen nach Erikson