Skoliose: Wenn sich die Wirbelsäule seitwärts verbiegt

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Das menschliche Rückgrat krümmt sich natürlicherweise doppelt S-förmig. Verbiegt es sich aber außerdem seitwärts und verdreht sich auch, spricht man von einer Skoliose. Für diese Art von Fehlstellung der Wirbelsäule lässt sich oft keine Ursache ausmachen. Unabhängig vom Auslöser kann eine unbehandelte Skoliose aber Verschleißerscheinungen am Skelett bewirken. Im Extremfall auch die Funktion innerer Organe stören.

Die physiologische doppelt S-förmige Gestalt der Wirbelsäule kommt durch eine Lordose (griech.: lordós = vorwärts gekrümmt) der Hals- und Lendenwirbelsäule („Wo ein L, da eine Lordose – Halslordose, Lendenlordose“) und eine Kyphose (griech.: kyphos = gekrümmt, gebückt; nach hinten gerichtete Krümmung) der Brustwirbelsäule und des Kreuzbeins zustande. Sie gewährleistet, dass Belastungen gleichmäßig auf die einzelnen Abschnitte des Rückgrats verteilt werden. Dauerhafte Fehlstellungen der Wirbelsäule wie eine Hyperlordose (krankhafte Lordose, Hohlkreuz), Hyperkyphose (krankhafte Kyphose, Buckel) oder Skoliose (griech.: skolios = krumm; Seitwärtsverbiegung) stören diesen Belastungsausgleich und führen zu verstärkten Abnützungserscheinungen sowie allerlei Beschwerden.

Was ist eine Skoliose?

Die Skoliose ist eine nicht mehr aktiv vollständig aufrichtbare Fehlstellung der Wirbelsäule, die durch eine dauerhafte Rotation (Drehung um die Längsachse) und Torsion (Verschieben der Deck- und Grundplatten gegeneinander) einzelner Wirbelkörper sowie gleichzeitige seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule von mindestens zehn Grad nach Cobb zustande kommt. Krümmungen unter 10 Grad ohne gleichzeitige Wirbelsäulenrotation gelten als skoliotische Fehlhaltungen. Aktiv noch vollkommen aufrichtbare Fehlstellungen nennt man skoliotische Haltungsschwächen. Beides sind Wirbelsäulenasymmetrien ohne Krankheitswert.

Das Krümmungsmuster gestaltet sich bei jedem Betroffenen unterschiedlich. Abhängig davon, in welcher Höhe der Wirbelsäule die Hauptkrümmung liegt, lassen sich Skoliosen unterteilen in

  • thorakale Skoliosen (Hauptkrümmungsbogen im Brustwirbelsäulenbereich) mit typischerweise ungleich hoch stehenden Schultern
  • lumbale Skoliosen (Hauptkrümmungsbogen im Lendenwirbelsäulenbereich) mit charakteristisch verschieden hohem Stand der Beckenschaufeln
  • thorakolumbale Skoliosen (Hauptkrümmungsbogen im Übergangsbereich von Brust- und Lendenwirbelsäule)
  • Doppel-S-Skoliose (Hauptkrümmungsbögen in Brust- und Lendenwirbelsäule): thorakale und lumbale Skoliose, d.h. zugleich zwei Verdrehungen

Wie eine Skoliose entsteht

Mögliche Auslöser einer Skoliose sind

  • angeborene Fehlbildungen der Wirbelsäule (z.B. Klippel-Feil-Syndrom, Spina bifida)
  • Gewalteinwirkungen wie z.B. Unfälle (posttraumatische Skoliose, z.B. nach Wirbelbruch)
  • medizinische Maßnahmen (iatrogene Skoliose, z.B. Strahlentherapie, Narbenbildung nach Operation)
  • bestimmte Muskelerkrankungen (myopathische Skoliose, z.B. Duchenne-Muskeldystrophie, Kontrakturen = dauerhafte, übermäßige Anspannung bzw. Verkürzung von Muskeln)
  • Nervenleiden (neuropathische Skoliose, z.B. Kinderlähmung, Rückenmarkstumor)
  • Knochen- (osteopathische Skoliose, Knocheninfektionen, Osteogenesis imperfecta = Glasknochenkrankheit) und Bindegewebskrankheiten (z.B. Ehlers-Danlos-Syndrom, Marfan-Syndrom)
  • Stoffwechselstörungen (z.B. Rachitis) und andere Krankheiten (z.B. Neurofibromatose)
  • in höherem Alter Abbauprozesse (degenerative Skoliose, z.B. bei osteoporotischen Frakturen oder Bandscheibenveränderungen)

Zumeist aber findet sich kein erkennbarer Grund für die Verbiegung des Rückgrats. In diesem Fall spricht man von einer idiopathischen Skoliose. Sie entsteht – als Wachstumsdeformität – in der Regel schon im Kindes- (Säuglingsskoliose: im ersten Lebensjahr, infantile oder Early-onset-Skoliose: bis drei Jahre, juvenile Skoliose: bis 10 Jahre) oder Jugendalter (adoleszente Skoliose: 11. Lebensjahr bis Wachstumsabschluss) und verschlechtert sich besonders in Zeiten verstärkten Wachstums. Bei Mädchen ist letztere wesentlich häufiger anzutreffen als bei Knaben (Hormone als Auslöser?).

Als Ursache der idiopathischen Skoliose vermutet man ein Fehlwachstum mit schnellerem Wachstum des vorderen Anteils als des hinteren bei einem oder mehreren Wirbelkörpern. Dass vorwiegend eine thorakale Skoliose nach rechts vorliegt, könnte auch mit der asymmetrischen Verteilung der inneren Organe im Brustkorb zu tun haben: Da nur links ein Herz samt Aorta vorhanden ist, könnte dieses die Brustwirbelsäule nach rechts drängen. Zudem dürfte eine erbliche Veranlagung eine Rolle spielen. Dafür spricht, dass das Risiko für die Entwicklung einer idiopathischen Skoliose zunimmt, wenn Blutsverwandte daran erkrankt sind oder waren.

Echten (strukturellen) Skoliosen stehen funktionelle Skoliosen gegenüber, bei denen eine Zwangshaltung (z.B. Beinlängendifferenz) eine Seitverbiegung der Wirbelsäule erzwingt, die nach Beseitigung des Grundleidens (z.B. Korrektur der Beinlängendifferenz) wieder verschwinden kann.

Symptome einer Skoliose

Ob Beschwerden eine Skoliose begleiten, hängt von der Ausprägung und Bestandsdauer der Wirbelsäulenverkrümmung ab. Kinder und Jugendliche mit idiopathischer Skoliose klagen zumeist nicht über Schmerzen. Stärkere Verformungen machen sich aber optisch bemerkbar, etwa mit einem Schiefstand der Schultern, Hervorstehen eines Schulterblatts und einer Schiefhaltung des Kopfes. Die dadurch bedingte Asymmetrie kann das seelische Befinden beeinträchtigen, wird sie als Entstellung erlebt. Zudem ziehen ausgeprägte Skoliosen verstärkte Abnützungserscheinungen an der Wirbelsäule nach sich, die insbesondere nach langem Stehen oder Sitzen Rückenschmerzen verursachen.

Die Verdrehung der Wirbelsäule bewirkt – unbehandelt – eine Verschiebung der Rippen, die im BWS-Bereich beidseits an den Wirbelkörpern ansetzen. Dadurch entwickeln sich ein sogenannter Rippenbuckel auf der Außenseite und ein Rippental auf der Innenseite der Krümmung. Darüber hinaus kommt es zu einem Zusammenschieben der Muskulatur in der Lendenwirbelsäulenregion, die sich daraufhin vorwölbt und einen Lendenwulst bildet. Außerdem zu einem veränderten Schulter- und Beckenstand. Der Rippenbuckel schränkt die Beweglichkeit des Brustkorbs ein. Dadurch ausgeübter Druck auf innere Organe im Rahmen sehr fortgeschrittener Skoliosen kann sogar die Funktionen von Herz und Lunge (v.a. die Atmung) beeinträchtigen.

Eine Skoliose erkennen

Bei der Diagnostik einer Skoliose spielen orthopädische Untersuchungen und Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule in zwei Ebenen (von vorne und seitlich) eine zentrale Rolle. Letztere erlauben eine sogenannte Winkelmessung nach Cobb, um das Ausmaß der Wirbelsäulenverkrümmung festzustellen (leichte Skoliose: Cobb-Winkel < 40 Grad, schwere Skoliose: Cobb-Winkel ab 60 Grad). Ein Skoliometer (Wasserwaage), angelegt in Höhe des Rippenbuckels und Lendenwulsts am mit durchgestreckten Knien und locker hängenden Armen vorbeugten Patienten, erfasst Rotationen der Wirbelsäule. Mittels Rasterstereographie (photometrische Oberflächenvermessung) finden Messungen an der Rückenoberfläche statt, die EDV-unterstützt ausgewertet werden. Sekundäre (durch Krankheiten etc. bedingte) Skoliosen können weitere Diagnostikschritte (z.B. Blutanalysen) erforderlich machen.

Wann muss man eine Skoliose behandeln?

Nicht in jedem Fall ist eine Behandlung notwendig (z.B. leichte, nicht fortschreitende und beschwerdefreie Skoliose bei Erwachsenen). Ob und wie eine Skoliose therapiert gehört, hängt von ihrem Ausmaß, Verlauf (manchmal: Spontanheilung), vom Alter des Erkrankten und seinen Beschwerden ab. Grundsätzlich gilt: Je früher eine Skoliose in Erscheinung tritt, desto eher verschlechtert sie sich. Vor allem während eines Wachstumsschubes. Deswegen sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen und Maßnahmen gegen ein Fortschreiten der Verkrümmung bei einer idiopathischen Skoliose sehr wichtig. Zum Glück lässt sich eine Skoliose im Wachstumsalter allein mit konservativen, d.h. nicht-operativen Behandlungsmaßnahmen meist gut behandeln.

Bei leichten Skoliosen (Krümmungswinkel < 20 Grad) genügt oft schon Krankengymnastik, die die Muskulatur stärkt und die Wirbelsäule aufrichtet. Bei Verkrümmungen über 20 Grad kommt außer der Physiotherapie (z.B. Streckbehandlungen) bis zum Wachstumsabschluss ein vom Orthopädietechniker angepasstes Korsett zum Einsatz, das den Rumpf fixiert und so verhindert, dass Becken und Schultergürtel sich gegeneinander verdrehen. Begleitend können Verfahren wie die Osteopathie oder Craniosacraltherapie zur Besserung beitragen.

Schwere (Cobb-Winkel > 45 Grad), durch Korsett und intensive Physiotherapie nicht ausreichend behandelbare Skoliosen können – nach beendetem Wachstum – eine operative Korrektur mit Versteifung bestimmter Wirbelsäulenabschnitte durch Schrauben und Stäbe notwendig machen, woraus allerdings eine verminderte Beweglichkeit des Rückgrats resultiert.

 

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