Voyeurismus & Exhibitionismus: Entblößung als erotischer Kick

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Sie sind zumeist keine gefährlichen Triebtäter, erregen aber öffentliches Ärgernis oder stören empfindlich die Privatsphäre: Exhibitionisten und Voyeure. Die Einen durch Zurschaustellung ihrer Genitalien, die Anderen durch Beobachtung anderer bei intimen Handlungen. Was diesen beiden Formen von abweichendem Sexualverhalten gemeinsam ist: ein tatsächlicher persönlicher Kontakt zu den Opfern findet in der Regel nicht statt.

Sexualität kennt viele Spielarten. Welche als “normal“ gelten und von der jeweiligen Gesellschaft akzeptiert werden, unterliegt laufend epochalen und kulturellen Schwankungen. Von der allgemeinen Akzeptanz abweichende Vorlieben alias Paraphilien, sexuelle Deviationen, Störungen der sexuellen Präferenz oder auch – veraltet und abwertend – Perversionen, sind zum Teil harmloser Natur, d.h. sie schädigen niemanden. Andere aber verletzen die seelische oder auch körperliche Integrität mehr oder minder freiwillig Beteiligter und können somit rechtlich geahndet werden. Wie etwa der Exhibitionismus, bei dem sich anderen Personen nackt oder bei sexuellen Aktivitäten zu zeigen lustvolle Empfindungen hervorruft. Oder sein Gegenstück, der Voyeurismus, der sich als wiederkehrender oder anhaltender Drang äußert, anderen bei sexuellen Aktivitäten oder intimen Tätigkeiten ohne deren Wissen zuzusehen, was beim Beobachter zu sexueller Erregung führt.

Sehen und gesehen werden als unabdingbares Stimulans

Sich nackt am FKK-Strand zeigen, auf Bildern oder im Internet im “Adamskostüm“ posieren, erotische Fotos oder Filme schauen und Ähnliches betrachtet unser Kulturkreis nicht (mehr) als anrüchig. Ein gewisses Maß an sexueller Neugier, an Lust am Sehen und gesehen werden gilt schließlich als normal. Wer jedoch vor unfreiwilligem Publikum zwecks eigener sexueller Erregung sein Geschlechtsteil entblößt, gilt als Exhibitionist. Wer aus demselben Grund andere ohne deren Einverständnis bei sexuellen Handlungen beobachtet, ist ein Voyeur. Beides – Exhibitionismus (lat.: exhibere: hinhalten, zeigen, darbieten) und Voyeurismus (franz.: voir = sehen, le voyeur = der Seher) – sind rechtlich bedenkliche Handlungen (z.B. Erregung öffentlichen Ärgernisses bzw. Verletzung der Privatsphäre), auch wenn die Ausführenden dabei unter einem inneren Zwang handeln.

Was will ein Exhibitionist?

Stellt jemand – in der Regel ein Mann – in der Öffentlichkeit sein Geschlechtsteil vor Fremden – im Normalfall Mädchen oder Frauen – ohne deren Einverständnis zur Schau, will er damit ihre Aufmerksamkeit und ihr sexuelles Interesse wecken. Bei diesem unbewussten “Werben mit falschen Mitteln“ ist ihm sehr wohl klar, dass er ihre Integrität verletzt. Doch er bezieht aus dem dranghaften Sichzeigen bzw. dem dadurch ausgelösten Schock oder verletzten Schamgefühl der unfreiwilligen Zuschauerin(nen) seine (sexuelle) Befriedigung. In Erinnerung daran masturbiert er oft später zu Hause.

Wie sehr er sich stimuliert fühlt, hängt wesentlich von den Reaktionen der zwangsläufigen Opfer ab. Er braucht ihre Überraschung, Panik, ihren Ekel und Co. zur Abfuhr von psychischen Spannungen und provoziert sie deshalb. Reaktionen wie Schweigen, Erschrecken oder Beschimpfen halten ihn nicht etwa von seinem Treiben ab. Im Gegenteil, sie spornen ihn eher noch zu weiteren exhibitionistischen Handlungen an. Bleiben sie aus oder antwortet eine Frau auf sein Tun mit Gelassenheit oder gar Auslachen, frustriert ihn das. Dann entflieht er meist der Situation – auf der Suche nach einer neuen Gelegenheit, seinem Drang nachzugeben.

An einem tatsächlichen näheren Kontakt zu seinen Opfern ist ein Exhibitionist nicht interessiert, selbst wenn er während der Zurschaustellung seines Geschlechtsorgans – was nur ein kleiner Teil der Exhibitionisten tut – sich selbst befriedigt oder sich in einer aggressiven Haltung präsentiert. Auch Übergriffe sind von ihm nicht zu erwarten, eher Handgreiflichkeiten seitens der Opfer oder z.B. bei Kindern ihrer Begleitpersonen. Vielmehr verschwindet er nach vollzogener Handlung.

Exhibitionismus: Heischen nach Aufmerksamkeit?

Exhibitionismus ist eine männliche Domäne – vielleicht auch, weil Frauen andere Möglichkeiten (z.B. Striptease), ihre Zeigelust auszuleben, zur Verfügung stehen. Er kann vorübergehend bzw. phasenweise z.B. während des Heranwachsens als Ausdruck einer verlängerten Reifungskrise oder während akuter (Partnerschafts-)Krisen auftreten oder auch lebenslang. Erwachsene Exhibitionisten führen oft ein unauffälliges, angepasstes Leben als sozial integrierte Mitglieder der Gesellschaft, z.B. berufstätige verheiratete Familienväter.

Die Häufigkeit der zwanghaften Entblößungen variiert zwischen einmal pro Jahr über einmal wöchentlich bis hin zu – in Krisenzeiten – mehrmals täglich. Warum genau jedoch dieser unwiderstehliche Drang zur Entblößung besteht, bleibt bis dato ungeklärt. Als mögliche Ursachen werden der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Störungen in der Kontaktfähigkeit betrachtet.

Behandelt wird Exhibitionismus mit Psychotherapie, sofern der Exhibitionist sein Verhalten als problematisch erkennt und bereit ist, ihm entgegenzuwirken.

Was braucht ein Voyeur?

Ein Voyeur (“Spanner“, engl.: peeper) muss anderen beim Ausziehen, Nacktsein oder bei sexuellen Handlungen zusehen, um sexuelle Erregung verspüren zu können, die er – während dieser Handlung oder kurz danach, indem er sich das Ereignis in der Fantasie nochmals ausmalt – in Form von Selbstbefriedigung auslebt. Er tut das in der Regel heimlich, denn die Gefahr, bei diesem Tabubruch ertappt zu werden, gibt ihm einen zusätzlichen Kick. Peep-Shows, wo er legal schauen dürfte, würden ihm nicht diesen begehrten Nervenkitzel liefern.

Ebenso trägt die Suche nach einer Gelegenheit, andere zu beobachten zu seiner Luststeigerung bei. Orte, an denen Menschen sich unbekümmert ausziehen, gibt es genug: (FKK-)Strände, Umkleide-Kabinen, gemischte Saunen, aber auch Wohnräume u.a.m. Allerdings muss die Sicht auf die Geschlechtsorgane, die dem Voyeur so wichtig ist, länger als nur einen Augenblick dauern, damit ihn sein Tun befriedigt. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelt er oft Methoden, Sichtschutzmaßnahmen zu umgehen, etwa mit Hilfsmitteln wie Ferngläsern, Teleskopen, Videokameras und Fotoapparaten, selten sogar Richtmikrofonen, um zu eruieren wann so erwünschte Handlungen wie Umkleiden etc. der so überwachten Person(en) stattfinden. Und Taktiken, sein Treiben zu tarnen und unerkannt zu bleiben. Ein Voyeur sucht in der Regel keinen direkten Kontakt zu den von ihm beobachteten Personen, selbst wenn er sich vorstellt, mit ihnen intim zu werden.

Voyeurismus: der Reiz des Verborgenen

Voyeurismus wird als eine spezielle Form der Neugier bezüglich der Beobachtung sexueller Aktivitäten betrachtet, die vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer psychosexuellen Entwicklung üblich ist. Die Lust am Betrachten anderer Personen in sexuellem Kontext ist auch bei Erwachsenen normal, es sei denn, ihre Sexualität fixiert und reduziert sich darauf. Voyeurismus im weiteren Sinn kommt auch außerhalb der Sexualität vor, als sogenanntes “Gaffen“ Schaulustiger bei Unfällen oder anderen Katastrophen. Der Grat zwischen “natürlicher” Neugierde und zwanghafter (Lust-)Befriedigung ist also schmal.

Der Voyeurismus wurzelt vermutlich in Gewissenskonflikten hinsichtlich der eigenen Sexualität, wobei das Beobachten anderer bei intimen Handlungen das eigene Gewissen entlastet. Voyeure sind häufig unauffällige, schüchterne, stark gehemmte und kontaktschwache Personen mit Problemen, sexuelle Kontakte aufzunehmen, aber größtenteils harmlos und werden nur selten zudringlich oder gar handgreiflich. In der passiven Zuschauerrolle behalten sie die Kontrolle über ihre Sexualität und fühlen sich deshalb geschützt.

Die meisten Spanner sind männlich, vielleicht auch weil die Schaulust bei Männern generell stärker entwickelt ist und bei ihnen mehr zur sexuellen Erregung beiträgt als bei Frauen. Heutzutage massiv geschürt von eine beziehungslose und voyeuristisch-anonyme Sexualität transportierende Medien wie Illustrierten, Sex-Magazinen und Internet, Peep-Shows, Striptease und Pornographie sowie der kommerziellen Werbung. Es gibt aber auch (selten) Voyeusen.

Für einen Voyeur kann seine Neigung zum Beobachten auch ein Ersatz für die eigene Sexualität sein, etwa bei sozialer Isolation, körperlicher Behinderung oder Impotenz, weshalb voyeuristische Tendenzen z.B. bei alternden Männern nichts Ungewöhnliches sind.

Dient Voyeurismus nur zum reinen Selbstzweck, ist also eine “normale“ Sexualität nicht möglich und der Leidensdruck des Voyeurs hoch bzw. werden die Rechte anderer verletzt werden, sollte Voyeurismus mithilfe einer kognitiven Verhaltenstherapie, in der der Voyeur lernt, sein Verhalten zu analysieren und kontrollieren, behandelt werden.