Tics & Tourette-Syndrom

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Nicht jedes Augenzwinkern ist ein Flirtversuch und nicht jeder Kraftausdruck eine gewollte Beschimpfung. Manchmal sind solche Handlungen schlicht und einfach das Ergebnis einer sogenannten Tic-Störung bzw. eines Tourette-Syndroms. Die harmlosen, willentlich kaum steuerbaren Verhaltensweisen stoßen oft auf großes Unverständnis.

Sie wirken gern wie Marotten (Spleens, seltsame Angewohnheiten), die stereotypen Bewegungen und/oder obszönen Lautäußerungen, die manche Menschen ausführen. Im Gegensatz zu Spleens, die sich mit ausreichend Willensstärke abtrainieren lassen, handelt es sich bei Tics aber um unwillkürliche wiederholte Muskelkontraktionen (= motorische Tics) bzw. Lautäußerungen (= vokale Tics). Je nach Ausformung der Stereotypien unterteilt man sie in einfache und komplexe Tics. Abhängig von ihrer Dauer unterscheidet man zwischen vorübergehenden (kürzer als ein Jahr) und chronischen (länger als zwölf Monate) Tics.

Im Kindesalter – und zwar bei Knaben öfter und schwerer als bei Mädchen – noch recht häufig zu finden, machen sich Tic-Störungen bei Erwachsenen viel seltener bemerkbar. Ihre Ausprägung schwankt scheinbar grundlos. Sie können mehrmals täglich auftreten oder auch für Wochen oder Monate verschwinden und dann – ebenso ohne erkennbaren Anlass – wiederkehren. Sie können aber auch situationsabhängig variieren. So führen emotionale Belastungen und Stress oft zu einer Verstärkung der Symptomatik, die Konzentration auf eine Aufgabe zum Gegenteil. Ein typisches Unterscheidungsmerkmal zu anderen Bewegungsstörungen ist eine häufig einem Tic vorausgehende Sensation (Vorgefühl, Vorahnung).

Warum kommt es zu Tics?

Das ist bis dato nicht restlos geklärt. Eine erbliche Veranlagung ist wahrscheinlich, da sich eine familiäre Häufung der Tics zeigt. Vermutet wird ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter (Botenstoffe) im für die Motorik zuständigen Teil des Großhirns und im Mittelhirn, möglicherweise auch eine Verkörperung seelischer Konflikte, d.h. die Tics dienen einem Abbau von Affekt- und Triebspannungen. Auch ein Zusammenhang mit stattgehabten Streptokokken-Infektionen (z.B. Scharlach, Mandelentzündung, Mittelohrentzündung) erscheint nachvollziehbar. Außerdem dürften psychosozialer Stress, Medikamenten-, Nikotin- Alkohol- oder Drogenkonsum während der Schwangerschaft mit dem Auftreten von Tics beim Kind in Zusammenhang stehen. Beim Tourette-Syndrom könnte es sich um eine Autoimmunerkrankung handeln, bei der sich Antikörper gegen die Basalganglien im Gehirn, die an der Ausgestaltung von Bewegungsabläufen beteiligt sind, richten.

Motorische Tics

Diese abrupt einsetzenden, unwillkürlichen, teilweise heftigen, häufig in immer gleicher Weise ablaufenden Bewegungen können vereinzelt oder wiederholt auftreten. Am häufigsten im Gesichts- und Kopfbereich, seltener an der Rumpfmuskulatur und den Extremitäten. Sie äußern sich z.B. als Augenblinzeln, -zwinkern oder -rollen, Stirnrunzeln, Grimassieren, Kopfschütteln oder –nicken, Mundöffnen, Naserümpfen oder Schulterzucken u.a.m.

Sind am Tic mehrere Muskelgruppen beteiligt oder kommt es zu scheinbar zielgerichteten Bewegungen, spricht man von komplexen oder kombinierten motorischen Tics (z.B. Anfassen von Gegenständen, Treten, Aufstampfen, Hüpfen, Springen, Klopfen, Kratzen, Beißen, Schlagen usw.). Besondere Formen davon sind die Kopropraxie (Ausführung obszöner Gesten) und die Echopraxie (Nachahmung von Bewegungen anderer).

Vokale Tics

Unter den Begriff vokale (phonetische) Tics fallen einfache unwillkürliche Lautäußerungen wie z.B. Räuspern, Hüsteln, Schnäuzen, Grunzen, Quieken, Bellen, Schniefen, Schnüffeln etc. und komplexe Tics wie z.B. das Herausschleudern von Sätzen ohne Zusammenhang zum Gesprächsthema, Schreien, Summen oder Pfeifen. Spezielle komplexe vokale Tics stellen die Koprolalie (Ausstoßen obszöner Worte), Echolalie (Wiederholung von Lauten/Wortteilen, die gerade gehört wurden) und Palilalie (Wiederholung von gerade selbst gesprochenen Worten) dar.

Tourette-Syndrom

Eine Kombination aus multiplen motorischen und komplexen vokalen Tics kennzeichnet das Tourette-Syndrom (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, GTS). Die psychisch belastende, weil großteils unkontrollierbar ablaufende und oft auf wenig Verständnis der Umwelt stoßende Krankheit tritt meist erst ab dem siebten Lebensjahr in Erscheinung, erfährt in der Pubertät eine starke Ausprägung und bleibt in der Regel lebenslang bestehen, auch wenn die Symptomatik mit zunehmendem Alter oft nachlässt. Wobei die in Medien oft strapazierte Koprolalie (inadäquater Gebrauch vulgärer Ausdrücke) nur bei einem eher geringen Teil der Betroffenen zu finden ist.

Tics & Tourette erkennen

Häufig ist bereits die Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) inklusive Feststellung von Art, Lokalisation, Häufigkeit und Intensität des Tics sowie Erfassung eventueller Risikofaktoren wie z.B. Tic-Störungen in der Familie, vorangegangene Streptokokken-Infekte etc. schon richtungsweisend. Um andere Erkrankungen (z.B. Epilepsie, Zwangserkrankung) sicher auszuschließen, können weiterführende Untersuchungen notwendig sein wie z.B. eine neurologische Begutachtung, ein EEG (Elektroenzephalographie, Aufzeichnung der Hirnströme), eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Schädels usw.

Da Tic-Störungen, im Besonderen aber das Tourette-Syndrom, gern in Kombination mit anderen Krankheiten (z.B. ADHS, Restless legs, Angststörungen, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten) auftreten, wird auch danach gefahndet.

Zur Einschätzung des Schweregrades einer Tic-Störung dienen Fragebogenverfahren wie z.B. die Yale Global Tic Schweregradskala (YGTSS) oder die Yale Tourette Syndrom Symptomliste (YTSSL).

Tics behandeln

Eine Methode zur vollständigen Heilung von Tics existiert bisher nicht. Allerdings kommt es recht häufig zu einer Spontanremission (Heilung von selbst; Ausnahme: Tourette-Syndrom) bzw. einer Abnahme der Intensität der Störung mit den Jahren. Eine Psychotherapie bzw. Verhaltenstherapie kann der Klärung begleitender seelischer Probleme und Durchbrechung der Automatismen dienen, Entspannungsübungen und Selbsthilfegruppen einen positiveren Umgang mit der Krankheit fördern.

Bei ausgeprägten Tic-Störungen mit starkem Leidensdruck der Betroffenen kommen Neuroleptika (Antipsychotika), die durch Einwirkung auf die Neurotransmitter (Botenstoffe) Dopamin und Serotonin und damit Normalisierung der gestörten Informationsübertragung im Gehirn die Symptome lindern, zum Einsatz. Das jedoch mit potenziellen Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Gewichtszunahme, sodass eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung ratsam ist. Treten Tics konstant an von außen gut zugänglichen Muskeln auf, können Injektionen von Botox (Botulinum-Toxin, Nervengift) helfen.

Weiter führende Links:
Yale Global Tic Schweregradskala
Yale Tourette Syndrom Symptomliste

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