Stress: ständig unter Strom

© alphaspirit - Fotolia.com

Dauernd ge- bis überfordert, so fühlen sich viele Zeitgenossen. Doch wie kommt dieser Zustand namens Stress überhaupt zustande? Wie wirkt er sich aus? Und vor allem: Warum leiden manche Menschen mehr unter Stress und andere weniger? Hier ein paar Antworten. 

Bereit für Kampf oder Flucht zu sein, das mussten unsere Vorfahren oft angesichts diverser lebensgefährdender Bedrohungen wie z.B. der Konfrontation mit wilden Tieren. Ihr Körper antwortete auf solche Not- und Überraschungssituationen mit der Ausschüttung bestimmter Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortison in die Blutbahn, die in Sekundenschnelle das Herz rascher schlagen lassen, den Blutdruck und die Atemfrequenz erhöhen, das Blut in Richtung Skelettmuskulatur umverteilen, die Atemwege und Pupillen erweitern, Energieträger wie z.B. Zuckerreserven mobilisieren, Verdauungs- und Stoffwechselaktivitäten, Appetit, Durst und den Sexualtrieb hingegen hemmen. Genannt werden diese Vorgänge, die den Körper in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzen und ihn auf eine körperliche Höchstleistung vorbereiten, Stressreaktion – eine wichtige Voraussetzung, um bei Bedarf schnell handeln zu können.

Menschen der Neuzeit verfügen immer noch über diesen Mechanismus, um Gefahren auszuweichen. Er wird heute jedoch in der Regel durch andere, eher abstrakte Ursachen (z.B. Angst, in der Arbeitswelt nicht bestehen zu können, Furcht vor Verlust des sozialen Status) ausgelöst als in alten Zeiten. Problem dabei: Sie verbrauchen die angestaute Energie meist nicht wie früher zum Kämpfen oder Weglaufen, reagieren sich also nicht richtig ab und laufen ständig auf Hochtouren. Das macht auf Dauer krank.

Was Stress auslöst

Alles, was als Schädigung, Bedrohung oder Herausforderung bewertet wird bzw. wodurch man sich unter Druck gesetzt fühlt, ist ein potentieller Stressor, d.h. Stress (engl.: stress = Beanspruchung) auslösender Faktor. Das kann ein einschneidendes Erlebnis sein wie z.B. der Verlust eines nahestehenden Menschen, aber auch scheinbar viel geringere Anlässe genügen oft, um zu stressen. Zudem summieren sich gern viele kleine Ärgernisse und Unstimmigkeiten und strapazieren so das Nervenkostüm. Und: Stresssymptome wie Herzklopfen, kalte oder zittrige Hände, Appetitverlust, Blutdruckanstieg, Schweißausbrüche oder Durchfall treten häufig bereits einige Zeit vor einem gefürchteten Ereignis (z.B. Prüfung) auf. Manchmal genügt hierzu auch schon der Gedanke an ein bevorstehendes oder auch zurückliegendes Geschehen.

Zu den wichtigsten Stressoren zählen

  • Reizüberflutungen wie z.B. Krach (z.B. Verkehrslärm, Dauerberieselung mit Musik), blinkende Lichter oder schnelle Bewegungen, weil sie ständige Aufmerksamkeit fordern.
  • vernachlässigte Bedürfnisse, die sich z.B. in Form von Schlafmangel, Hungergefühl oder Vereinsamung zeigen.
  • Konflikte, Auseinandersetzungen, schlechte Umgebungsbedingungen, Über- und Unterforderungen, Prüfungen, ein schlechtes Betriebsklima oder gar Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule.
  • soziale Probleme wie etwa Streitigkeiten, Todesfälle oder Trennungen.
  • materielle Schwierigkeiten wie Schulden oder Armut.
  • gesundheitliche Störungen wie Infektionen, Erkrankungen, Verletzungen, Hormonschwankungen oder Suchtverhalten.
  • gesellschaftliche Veränderungen wie z.B. die zunehmende Individualisierung und Flexibilisierung verschiedenster Lebensbedingungen (z.B. befristete Arbeitsverträge, Lebensabschnittspartner, geforderte Mobilität) statt einst fixer Rollen und allgemeine Beschleunigung des Lebensrhythmus (z.B. durch digitale Medien), was Unsicherheit erzeugt.
  • seelische Befindlichkeiten wie Ängste, Ärger oder Ehrgeiz.

Aber ebenso Freude, womit wir bei der Tatsache wären, dass auch angenehme Situationen Stress erzeugen können. Den nennt man dann allerdings Eustress (“guter Stress“). Er bildet einen notwendigen Motor, um motiviert zu sein und Leistungen zu erbringen. Im Gegensatz zum Disstress (Dysstress, “schlechter Stress“), der letztendlich krankmacht.

Folgen von Disstress

Wenn die im Rahmen der Stressreaktion bereitgestellten Energien nicht genutzt werden, bleiben z.B. der beschleunigte Herzschlag und erhöhte Blutdruck bestehen und das hormonelle Gleichgewicht gerät ins Schwanken. Die Folge sind Überlastungserscheinungen und Krankheiten wie beispielsweise

  • Kopfschmerzen, Muskelverspannungen oder auch Bruxismus (Zähneknirschen)
  • Schlafstörungen und Alpträume
  • Sexualstörungen wie Libidoverlust oder Impotenz
  • Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Nervosität
  • Depressionen und Erschöpfungszustände bis hin zum Burnout
  • Magengeschwüre, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung
  • Hautausschläge
  • Herzinfarkte und Schlaganfälle
  • eine Abwehrschwäche und erhöhte Krankheitsanfälligkeit
  • Ohrgeräusche und die Retinopathia centralis serosa (Netzhauterkrankung mit Gesichtsfeldausfällen, Farbsehstörungen und Bildveränderungen wie z.B. Verzerrungen)
  • ein vermehrtes Suchtverhalten (z.B. Nikotin-, Alkoholabusus) und Essstörungen
  • bei Schwangeren eine Neigung zu Frühgeburten

Auch wird Stress eine mit- bzw. verursachende Wirkung von Übergewicht zugeschrieben.

Übrigens: Im Allgemeinen zeigen sich bei Überforderung zwei Reaktionsmuster: einerseits Aggression, Ungeduld und Angespanntheit (subdominantes Verhalten), was die Entstehung von Herzleiden begünstigt. Andererseits Mattigkeit, Erschöpfung und Depressionen (submissives respektive unterwürfiges Verhalten), was eher zu vermehrten Infekten führt.

Warum manche Menschen mehr gestresst sind als andere

Wie jemand auf Umstände oder Begebenheiten reagiert, unterliegt einer großen individuellen Bandbreite, denn nur wer ein Ereignis als Stressor bewertet, reagiert darauf auch mit einer Stressreaktion. Oder anders gesagt: Was der eine entspannt als willkommene Abwechslung oder Herausforderung erlebt, kann für den anderen eine unerträgliche Belastung und Überforderung darstellen. Entscheidend ist also, wie jemand die jeweilige Situation beurteilt. Ob er sich ihr machtlos ausgeliefert fühlt oder Möglichkeiten sieht, sie zu meistern, verändern oder wenigstens sich mit ihr zu arrangieren. Denn wer eine Perspektive erkennt, eine potentiell bedrohliche Lage durch eigene Handlungsmöglichkeiten zu beeinflussen, nimmt der Situation ihre Gefährlichkeit.

Andernfalls droht die Entwicklung einer Stressspirale, in der Stress zum Dauerstress wird, der Unruhe und Spannung erzeugt, weil der Gestresste sich selbst zu mehr Leistung antreibt, um dem als bedrohlich erlebten Zustand (z.B. Angst vor Arbeitsplatzverlust) zu entkommen. Somit macht er sich noch mehr Stress, während die eigentlich so notwendige Entspannung zu kurz kommt. Aber Dauerstress lähmt, erschwert es, Leistung zu erbringen, führt dazu, dass man weniger schafft und wirkt deshalb kontraproduktiv. Fazit: Wer einem Problem nicht mit Gelassenheit begegnet, läuft Gefahr, dauerhaft aus dem Gleichgewicht zu geraten. Außerdem: Stress hinterlässt nur dann keine negativen Folgen, wenn nach anstrengenden Ereignissen eine Erholungs- und Ruhephase folgt, in der sich der Organismus regenerieren kann.

Welche Ressourcen für Gegenmaßnahmen zur Lösung einer heiklen Angelegenheit jemandem zur Verfügung stehen, hängt jedenfalls von seiner allgemeinen Lebenssituation, seinen Kompetenzen und seinem Selbstbewusstsein ab. Seine Bewertung sowohl der jeweiligen Situation als auch der eigenen Fähigkeiten ist es, was darüber entscheidet, ob er die Situation bewältigt oder die Situation ihn überwältigt.

 

Verwandte Ratgeber:
Burn Out: Bankrotterklärung der Seele 
Bore Out: Krank durch Nichtstun 
Bruxismus: Zähneknirschen entlastet die Seele 
Angststörungen 
Depression 
Depressionen: vom möglichen Nutzen der Schwermut