Sexsucht: wenn Lust zur Last wird

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Auch Sexualität kann zur Droge werden. Sofern sie das gesamte Denken und Verhalten eines Menschen beeinflusst, sodass dieser und oft auch seine Umgebung darunter leiden. Denn auch wenn das Wort Sexsucht nach viel erotischer Befriedigung klingt, in Wirklichkeit bezeichnet es das Gegenteil: die verzweifelte und vergebliche unbewusste Suche danach. Negative Folgen inklusive.

Sexualität gehört zu den elementaren Bedürfnissen der meisten Lebewesen, so auch des Menschen. Wie oft, wie freizügig, mit welchen und wie vielen Partner(inne)n jemand seinen Geschlechtstrieb auslebt, hängt wesentlich von der Kultur, in der er/sie lebt, bzw. deren Toleranz ab. Aber auch von der eigenen Libido (sexuelles Verlangen). Manchmal bringen innere Zwänge Frauen oder Männer dazu, mehr oder minder wahllos intime Kontakte zu suchen – ständig auf der Suche nach sexueller Befriedigung. Mit Lust und Liebe hat dieses Verhalten wenig zu tun. Eher mit Getriebenheit und der Sehnsucht nach einem Gefühl, das nicht empfunden werden kann. Diese scheinbar ungezügelte Begierde, auch als Sexsucht (Hypersexualität, sexuelle Manie) bezeichnet, wird bei Frauen Nymphomanie oder Messalina-Komplex genannt, bei Männern Donjuanismus, Don-Juan-Komplex oder Satyriasis. Sexsucht tritt unabhängig von der sexuellen Orientierung (Hetero- oder Homosexualität) sowie sexuellen Präferenzen (z.B. Sadomasochismus, Fetischismus) auf.

Kennzeichen einer Sexsucht

Sexsucht wird als übersteigerter Geschlechtstrieb definiert, wobei es sich schwierig gestaltet, eine Grenze zu ziehen zwischen intensivem, noch “normalem“ und zwanghaftem, süchtigem Sexkonsum. Denn einerseits ist der Trieb von Natur aus nicht bei jedem gleich stark ausgeprägt. Andererseits wird der Wunsch nach sexuellem Beisammensein in verschiedenen Lebensphasen in unterschiedlicher Ausprägung (z.B. in neuen Beziehungen oft intensiver) ausgelebt.

Sexsüchtige (Sexaholiker) suchen bei ihren Intimkontakten oder – in Ermangelung von oder zusätzlich zu sexuellen Begegnungen – auch anderen erotischen Aktivitäten (z.B. Masturbation, Telefonsex) jedoch zwanghaft ständig nach Lustgewinn und Entspannung, ohne dieses Ziel – die eigene Isolierung zu durchbrechen – je zu erreichen. Denn es fehlt an persönlichen Bezug zum jeweiligen Partner, oft auch am Erreichen sexueller Höhepunkte bzw. einer dauerhaften sexuellen Befriedigung.

Weshalb sie – typisch für jede Form von Sucht – ihr Suchtverhalten, d.h. die Häufigkeit sexueller Erlebnisse (ev. auch virtuelle), erhöhen (“Dosissteigerung“). Sexualität beansprucht einen Großteil ihrer Gedanken oder auch ihres Verhaltens. Das führt nach und nach zu einer Vernachlässigung anderer Lebensbereiche (“Einengung“) wie z.B. Beruf oder Familie, häufig mit negativen Folgen wie z.B. Partnerschaftsproblemen, Jobverlust, der Anhäufung von Schulden (z.B. aufgrund des Erwerbs pornografischen Materials oder Inanspruchnahme professioneller erotischer Dienste) oder Vereinsamung. Oft auch zur Entwicklung von stofflichen Abhängigkeiten (Drogen, Alkohol, Medikamente, Essstörungen), Persönlichkeitsveränderungen (z.B. Scham- und Schuldgefühle, Depressionen) bis hin zur Suizidalität, zu gesundheitlichen (z.B. Geschlechtskrankheiten) oder auch rechtlichen Problemen.

Mit dem selbstschädigenden Verhalten aufzuhören schaffen Sexsüchtige nicht, denn sonst kommt es zu für sie unaushaltbaren Gefühlen von innerer Leere und Sinnlosigkeit, zu Unruhe, Reizbarkeit und Depressivität, häufig auch zu psychosomatischen Symptomen wie Atemnot, Herz- oder Magenproblemen usw. (“Entzugserscheinungen“). Bis zu sechs Prozent aller Erwachsenen – deutlich mehr Männer als Frauen – sollen unter Hypersexualität leiden.

Ursachen einer Sexsucht

Wie bei anderen Süchten auch, spielen bei der Entstehung der Sexsucht verschiedene Einflüsse eine Rolle. Vor allem seelische wie beispielsweise innere Konflikte, Minderwertigkeitsgefühle oder die zwanghafte Suche nach Nähe. In der Lebensgeschichte vieler Sexsüchtiger finden sich eine starke Tabuisierung von Sexualität im Elternhaus und/oder traumatisierende Erfahrungen. Möglicherweise stellt die Sexsucht einen – allerdings vergeblichen – unbewussten Wunsch dar, eine in jungen Jahren vermisste Nähe und Zuneigung herzustellen, der natürlich enttäuscht wird und daher auf immer weitere sexuelle Erfahrungen drängt, um doch noch erfüllt zu werden.

Gelegentlich beruht hypersexuelles Verhalten auf der Einnahme bestimmter Medikamente und Drogen oder auf organischen Ursachen wie Funktionsstörungen der Nebennierenrinde oder Bauchspeicheldrüse, einer Schädigung der Temporallappen im Gehirn oder im Rahmen bipolarer Störungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) qualifiziert Sexsucht jedoch als sexuelle Funktionsstörung, die nicht durch eine organische Störung oder Krankheit verursacht wird.

Der “kleine Unterschied“

Auch in Zeiten scheinbar geglückter Emanzipation wird in puncto sexueller Freizügigkeit oft immer noch mit zweierlei Maß gemessen, v.a. wenn es um Promiskuität (lat.: promiscuus = gemeinsam, vermischt;  sexuelle Kontakte mit häufig wechselnden Partnern oder parallel mit mehreren Partnern) geht: Während Männer, die reichlich erotische Erfahrungen sammeln, ob ihres “Frauenverschleißes“ wohlwollend als Casanova, Don Juan oder flotter Hirsch Anerkennung finden und kaum negative Bewertungen ihres Tuns zu befürchten haben, geht die Gesellschaft mit lustbetonten Frauen, die häufige und/oder wechselnde Sexualkontakte pflegen bzw. ihre erotischen Wünschen nicht verbergen und bei der Partnerwahl die Initiative ergreifen, weniger freundlich um. Trotz inzwischen weniger rigider Moralvorstellungen wird ihnen gerne in diffamierender Absicht unterstellt, sie seien nymphoman (liebestoll, mannstoll, verrückt nach Männern). Und die Umgebung bedenkt sie mit abwertenden Bezeichnungen wie Schlampen, Huren usw.

Empfinden Frauen ihr Intimleben als befriedigend und sie getrauen sich dieses mit verschiedenen Partnern auszuleben, spielt Sexualität aber “nur“ eine wichtige Rolle in ihrem Leben, sind sie im medizinischen/psychologischen Sinne nicht nymphoman. Denn bei echten Nymphomaninnen, wie es sie gar nicht so oft wie geglaubt gibt, bestimmt Sex zwanghaft das Leben, weil sie ihn meist nicht als befriedigend empfinden (z.B. dabei keinen Orgasmus erleben) und darum unbewusst nach einem Mann suchen, der ihnen endlich den erhofften Lustgewinn verschaffen soll.

Bin ich sexsüchtig?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten und sollte im Rahmen einer psychotherapeutischen Beratung abgeklärt werden, wenn ein diesbezüglicher Verdacht aufkommt. Ob sexuelles Verlangen übersteigert ist, lässt sich anhand von Fragen abschätzen wie:

  • Versäume ich wichtige Termine, weil ich mit Erotik und Sex beschäftigt bin?
  • Masturbiere ich oft, z.B. mehrmals am Tag, zwanghaft?
  • Habe ich viele SexualpartnerInnen?
  • Lenken mich sexuelle Phantasien häufig von der Arbeit ab?
  • Nutze ich regelmäßig Sex-Angebote wie Telefonsex, Porno-Seiten im Internet oder Prostitution?
  • Werde ich nervös und übellaunig, wenn ich meine erotischen Bedürfnisse nicht ausleben kann?
  • Hat meine sexuelle Begierde in letzter Zeit zugenommen, d.h. brauche ich immer mehr Sex?
  • Habe ich mich sexuell schon einmal jemandem aufgedrängt, ihn/sie belästigt?

Der Selbsteinschätzung dienlich ist auch sich die Frage zu stellen (und ehrlich! zu beantworten), ob und wie sehr durch das eigene Verhalten (z.B. durch Außenbeziehungen) andere geschädigt werden bzw. man selber (z.B. durch Vernachlässigung anderer Lebensbereiche) “draufzahlt“, auch im wörtlichen, also finanziellen Sinne.

Therapie bei Sexsucht

Liegt ein zwanghaftes, den Alltag weitgehend bestimmendes Bedürfnis nach Sex bei gleichzeitigem Unvermögen, emotionale Bindungen einzugehen vor, ist es höchste Zeit, professionelle Hilfe beim Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen. Das tun viele Sexsüchtige leider erst dann, wenn ihre Störung bereits zu ernsten Folgen wie etwa Scheidung oder Schuldenberg geführt hat. Denn häufig unterliegt ihre diesbezügliche Selbstwahrnehmung einer gewissen Verzerrung, d.h. das eigene Verhalten wird idealisiert, rationalisiert oder einfach ausgeblendet. Bis der Leidensdruck – bei sich selbst oder bei anderen – zu groß wird.

 

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