Rücken & Psyche: Wenn die Seele das Kreuz peinigt

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Jeder hat sein Kreuz zu tragen, sagt eine Redewendung. Wobei es sich bei diesem Kreuz durchaus auch um seelische Lasten wie z.B. Angst, Stress oder übertriebenen Ehrgeiz handeln kann. Die Auswirkungen davon bekommen viele an ihrem anatomischen Kreuz, sprich Rücken, zu spüren. Indem dieser – scheinbar ohne körperliche Ursache – sticht und schmerzt.   

Chronische Rückenschmerzen können vielfältige Ursachen haben. Doch des Öfteren lässt sich kein schlüssiger Befund erheben, der die Schmerzen medizinisch erklären könnte. Wer “ein Kreuz mit dem Kreuz“ hat, muss schließlich noch lange keinen Bandscheibenvorfall, Knochenschwund oder ein sonstiges körperliches Gebrechen aufweisen. Oft ist es nämlich die Seele, die buchstäblich auf dem Rücken ihre Probleme austrägt. Zudem mischt die Psyche immer auch mit, wenn doch ein organisches Substrat für die Symptome vorliegt.

Das heißt nun nicht, dass es sich bei Beschwerden ohne fassbare körperliche Veränderungen um eingebildete Leiden handelt. Vielmehr kann bei einmal empfundenen Schmerzen mit der Zeit eine Art Verselbstständigung derselben stattfinden, weil sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entwickelt. Das läuft so ab: Werden sensible Nerven wiederholt – etwa gar mit negativen Gefühlen wie Ärger, Trauer, Angst oder Stress verknüpften – Schmerzimpulsen ausgesetzt, verändern sie ihre Aktivität dahingehend, dass später bereits leichte Reize wie eine Berührung oder Dehnung genügen, um als Schmerzimpuls wahrgenommen zu werden. So wird aus akutem Schmerz chronischer Schmerz oder anders gesagt: Obwohl der eigentliche Auslöser nicht mehr einwirkt, bleibt der Schmerz.

Sprichwörtlich: Verhalten beeinflusst Rücken

Dass psychische Zustände Einfluss auf den Rücken nehmen, ist – wie viele gebräuchliche Redewendungen beweisen – altbekannt: Wenn wer z.B. “dauernd einen krummen Rücken macht“ (sich jemandem gegenüber unterwürfig verhält), d.h. “buckelt“ statt dass er “Rückgrat zeigt“ bzw. “Haltung bewahrt“, verbiegt er u.U. nicht nur seinen Charakter, sondern auch sein Kreuz. Läuft es “jemandem heiß und kalt den Rücken hinunter“, ist das ein Zeichen von Angst oder Betroffenheit.

Wer “einen breiten Rücken hat“, sprich viel aushält, hat es da besser. Er ist eher imstande, jemandem, der “etwas hinter seinem Rücken tut“ oder ihm “in den Rücken fällt“, “den Rücken zu kehren“. Am besten man hat “jemanden im Rücken“ (erhält Unterstützung), der einem “den Rücken stärkt/freihält“. Dann muss man nicht mehr krampfhaft “versuchen, mit dem Rücken an die Wand zu kommen“ (Schutz suchen). Nun sind manche Menschen vielen Belastungen ausgesetzt und entwickeln gar kein oder kein nennenswertes Kreuzweh. Andere hingegen reagieren bereits auf eine scheinbar vernachlässigbare Unpässlichkeit mit chronischen Rückenschmerzen. Woran liegt das?

Angst intensiviert Rückenschmerzen

Ob Rückenprobleme zum Dauerthema werden, hat mit Veranlagung, Verhalten und Vorgeschichte des Leidenden zu tun, hängt aber auch sehr davon ab, wie er sich sonst fühlt und welche Einstellung er zum Schmerz hat. Wer etwa der Überzeugung anhängt, seinen lädierten Rücken unbedingt schonen zu müssen, wird ihm auch solche Belastungen “ersparen“, die ihm guttun würden. Wie etwa Sport. Aber ein Rücken ohne stützendes – sprich trainiertes – Muskelkorsett kann Belastungen nur schwer standhalten. Das Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Knochen leidet. Die Koordination verschlechtert sich. Schließlich bewirkt das Vermeidungsverhalten, dass schon minimale Belastungen genügen, um Beschwerden zu verursachen. Weil im Gehirn inzwischen eine Verknüpfung entstanden ist, die da lautet: Bewegung = Schmerz.

Diese ängstlich-vorsichtige Art von Umgang mit (Rücken-)Leiden charakterisiert einen Patienten-Typus, den Psychologen “Vermeider“ nennen. Sie sind – im Gegensatz zu den “Durchhaltern“ – besonders gefährdet, selbst nach Bagatellverletzungen eine anhaltende Schmerzsymptomatik zu entwickeln. Zugleich zeigen sie oft Rückzugstendenzen. Es drohen Vereinsamung und Depressionen.  Kontaktscheu wiederum verstärkt – erbanlagenbedingt (OPRM 1-Gen: physisches Schmerzempfinden und empfindliche Reaktionen auf soziale Ausgrenzung) – das Schmerzempfinden. Der Schmerz erzeugt Angst. Die Angst verstärkt den Schmerz.

Stress: innere Anspannung erhöht Muskelspannung

Leistungsdruck im Büro, ein ungerechter Chef, Geldsorgen, pubertierender Nachwuchs, Ehekrach usw. usf. – Stress ist der ständige Begleiter vieler Menschen. Er setzt reflexartig uralte Überlebensstrategien in Gang: sogenannte “Kampf- oder Fluchtreaktionen“ mit dem Ziel, sich Bedrohungen zu stellen bzw. ihnen zu entfliehen. Nun kann man üblicherweise – zumindest nicht ungestraft – weder seinen Chef ohrfeigen, wenn er sich fies verhält, noch einfach Fersengeld geben, wenn sich der nächste überstundenträchtige Aktenberg auf dem Schreibtisch türmt etc. etc. Daher ist es wichtig, immer wieder die angestaute Spannung abzubauen, z.B. mit Sport, Hobbys, Entspannungsverfahren, der Pflege von Sozialkontakten usw. usf. So kommt die Seele wieder ins Lot.

Bleibt Dauerstress aber unbewältigt, weil er kein gesundes Ventil findet, muss oft der Rücken als solches dienen und die Folgen der chronischen Überlastung (er)tragen. Denn dann befindet sich der Organismus in ständig aktivierter erhöhter Alarmbereitschaft. Das verhinderte Ausleben der Kampf- und Fluchtreflexe führt zu körperlicher Erregung mit fortwährenden Muskelverspannungen, die in Nacken- oder Kreuzschmerzen münden. Zudem macht Stress unzufrieden, was auch die Schwelle für die Wahrnehmung von Beschwerden senkt. Soll heißen, überlastete, überforderte und/oder unglückliche Perfektionisten spüren Schmerzen intensiver als entspannte und glückliche Genießer.

Depressionen:  der Rücken als Deponie unterdrückter Gefühle

Wer seelisch “mit dem Rücken zur Wand steht“ (sich nicht mehr zu helfen weiß), entwickelt oft Gemütskrankheiten wie Angststörungen oder Depressionen. Diese fördern die Entstehung von Rückenleiden. Zu“rück“haltende Menschen, die auf Dauer ihre Aggressionen und Schwermut nicht zum Ausdruck bringen können, laufen anscheinend Gefahr, dass sich diese herunterge“drückten“, unausgelebten Gefühle in Form un“erträglicher“ Schmerzzustände bemerkbar machen.

Rückenschmerzen wiederum begünstigen das Auftreten von psychischen Störungen – solche Wechselwirkungen zwischen Seele und Rücken legen Forschungen nahe. Darüber hinaus beweist eine Studie, dass Rückenschmerzen offenbar häufig Zeichen einer noch unentdeckten Gemütskrankheit sind. So zeigt bei näherem Hinsehen der Großteil aller chronischen Rückenschmerzpatienten depressive Symptome oder ist tatsächlich depressiv.

Lebensbereiche & Rückenregionen

Die Wirbelsäule besteht aus mehreren Teilen, von denen nicht alle in gleicher Weise von Beschwerden heimgesucht werden. Nun bilden sich – asiatischen Lehren zufolge – bestimmte Lebensenergien bzw. -themen in bestimmten Energiezentren (Chakren) und die wiederum in bestimmten Abschnitten des Rückens ab. So sollen Kreuzschmerzen auf ein gestörtes erstes Chakra (Wurzelchakra) hinweisen, das für existenzielle Themen wie Lebensenergie, Vitalität und Sicherheit, (z.B. Umgang mit Finanzen) steht. Die druckempfindliche Schnittstelle zwischen Kreuzbein und Lendenwirbelsäule (LWS), wo am häufigsten Bandscheibenvorfälle (L5/S1) auftreten, ist Sitz des zweiten Chakras (Sexualchakra). Liegt hier ein Hohlkreuz vor, spricht das für aufgestaute sexuelle Energie und ein “Biedermanntum“ (krampfhaftes Bemühen, es allen recht und einen guten Eindruck zu machen). Eine übergerade LWS hingegen deutet auf Blockaden der sexuellen Energie (“eingezogener Schwanz“) hin.

Der Übergang von der Lendenwirbelsäule zur Brustwirbelsäule ist dem dritten Chakra (Solarplexus) zugeordnet, das das Thema Macht und Ohnmacht repräsentiert. Fehlt es an kräftigen Rückenstreckern, die für ein aufrechtes Kreuz sorgen, wird die Wirbelsäule nach hinten gezogen und es entsteht ein Rundrücken – Sinnbild fürs “Buckeln“, um es Obrigkeiten recht zu machen, was natürlicherweise mit einem Defizit an Eigenwillen und Aufrichtigkeit einhergeht. Zugleich stellt ein Rundrücken eine Art “Schildkrötenpanzer“ dar, der das im Bereich der am stärksten nach hinten ausgeprägten Beugung liegende vierte Chakra (Herzchakra) vor Verletzungen schützen will. Durch Verhärtung und eingeschränkte Beweglichkeit, (z.B. erschwert: Arme zu anderen hin ausstrecken).

Im Bereich um den ersten Brustwirbel/letzten Halswirbel zeigt sich oft ein “Witwenhügel“ aus Muskel- und Bindegewebe, der eine Ansammlung von “Trauer und Resignation“ kennzeichnet. Von dort nach oben entlang der Halswirbelsäule befindet sich das fünfte Chakra (Kommunikationschakra), das Zentrum für “Selbstvertrauen oder Minderwertigkeit“. Somit weist ein eingezogener Kopf auf Angst und Depression hin. Wer hier “einen steifen Rücken hat“ (= hochmütig, eingebildet ist), wirkt halsstarrig, hartnäckig oder auch arrogant.

Auch der Skoliose (Seitwärtsverbiegung der Wirbelsäule) wird eine psychosomatische Bedeutung zugeordnet: ein unbewusstes sich Verbiegen und Verdrehen zur Erreichung von Zielen.

Was den Rücken freihält

Da Rückenschmerzen oft (auch) einen psychischen Hintergrund haben, wird eine rein körperlich orientierte Behandlung der Sachlage meist nicht gerecht. Gefragt ist vielmehr eine sogenannte multimodale Therapie, bestehend aus der Wiederherstellung der Alltagstauglichkeit (z.B. mit Physio- und Ergotherapie) und Aufarbeitung seelischer Hintergründe (Psychotherapie) sowie bei Bedarf Behandlung (z.B. operative Korrektur) etwaiger körperlicher Veränderungen. Am besten begleitet von Entspannungsverfahren (Autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Yoga) und Biofeedback (Kontrolle der Muskelspannung durch Sichtbar- und Bewusstmachung derselben).

 

Weiter führende Links:
Studie: Zusammenhang zwischen Angststörungen, Depressionen und Kreuzschmerzen
Chakren

Links zu unserem Lexikon:
Stress
Depressionen

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