Phobien: übermäßige Angst als Krankheit

© panthermedia.net, Péter Gudella

Sie fürchten sich fast zu Tode. Vor Spinnen oder Mäusen oder Menschenansammlungen oder … Darum sind Menschen mit einer Phobie immer auf der Hut, um nicht ihrem Angstauslöser zu begegnen. Eine Verhaltenstherapie beendet in vielen Fällen den stressigen Spießrutenlauf.

Angst ist etwas Natürliches. Sie schützt vor potenziellen Gefahren und sichert so das Überleben. Phobien (griech: phobos = Angst, Furcht) – also irrationale Ängste vor bestimmten Lebewesen, Objekten, Situationen oder Aktivitäten – aber lassen davon Betroffene unnötig in Panik geraten. In Lebenslagen, die “normale“ Menschen kalt lassen, fangen sie an zu zittern, bekommen sie Schweißausbrüche, Übelkeit und Herzklopfen, ev. auch Harn- und Stuhldrang, das Gefühl einer nahenden Ohnmacht oder schlimmstenfalls den Eindruck, verrückt zu werden. Obwohl sie wissen, dass ihre Furcht unangemessen ist und in keiner Relation steht zum gegebenen Anlass, können sie nicht anders. Folge: Sie meiden nach Möglichkeit die scheinbare Bedrohung.

Angstauslöser: unerschöpfliches Reservoir

Angst vorm Zahnarzt (Dentalphobie), vor Schlangen (Ophidiophobie), Hunden (Cynophobie) oder Spinnen (Arachnophobie) haben viele Menschen, weshalb solche Phobien weithin bekannt sind. Doch auch vor Clowns (Coulrophobie) oder lachenden Menschen (Gelotophobie) und unzähligen anderen Dingen kann man sich fürchten. Es gibt praktisch kaum etwas, wovor man nicht eine Phobie entwickeln könnte. Grob lassen sich diese Angststörungen aber in drei Kategorien unterteilen:

Spezifische Phobien: Sie beginnen oft schon in der Kindheit. Die Furcht betrifft einzelne Objekte oder eingrenzbare Situationen wie z.B. bestimmte Tiere, Dunkelheit (Nyktophobie), Höhe (Akrophobie), geschlossene Räume (Klaustrophobie) u.a.m.

Sozialphobie: Sie entwickelt sich meist in der Jugendzeit. Die gern als “nur“ schüchtern oder scheu verkannten Sozialphobiker fürchten Situationen, in denen sie von anderen Personen beobachtet bzw.  bewertet werden könnten, weil sie sich z.B. dumm oder ungeschickt anstellen könnten. In der Folge bleiben sie von Ereignissen wie z.B. öffentlichen Veranstaltungen oder gemeinschaftlichen Essen fern. Sozialer Rückzug und Vereinsamung drohen. Auch das Berufsleben kann darunter leiden.

Agoraphobie (ursprüngliche Bezeichnung für Angst vor weiten Plätzen, Menschenansammlungen): Diese vorwiegend im Erwachsenenalter entstehende, die Lebensqualität stark beeinträchtigende Phobie tritt als Angst zutage, individuell als gefährlich eingestufte Orte oder Situationen (z.B. Kaufhäuser, öffentliche Verkehrsmittel, allein sein) nicht verlassen zu können. Die Angststörung beginnt oft mit einer plötzlichen Panikattacke, die der Betroffene mit einer bestimmten Situation in Verbindung bringt, die er fortan tunlichst meidet oder nur in Begleitung bzw. nach Einnahme von Anxiolytika (angstlösende Psychopharmaka) aufsucht, um keine weiteren Panikattacken zu erleben. Und vor allem nicht die Angst vor eigenen unangenehmen Befindlichkeiten wie z.B. sich zu blamieren oder hilflos zu fühlen. Schlimmstenfalls geht er deshalb gar nicht mehr außer Haus, nur um sich sicher zu fühlen. Belastende Erlebnisse und Erfahrungen von Kontrollverlust tragen zum Auftreten der Agoraphobie bei.

Unterschiedlich lebenseinschränkend

Wie sehr eine Phobie den Alltag beeinträchtigt, hängt sehr davon ab, wie oft Kontakt erfolgt mit dem Angstauslöser. Daher wirken sich nicht alle krankhaften Ängste gleichermaßen belastend aus und müssen auch nicht alle behandelt werden. Eine Schlangenphobie in unseren Breiten beispielsweise fällt kaum ins Gewicht, zählen diese Reptilien doch hierzulande nicht zu den häufig gehaltenen Haustieren und auch in der Natur stolpert man eher selten darüber.

Schlimm ist nicht nur eine Phobie selbst, sondern auch die begleitende “Angst vor der Angst“, v.a. bei Sozial- und Agoraphobie. Bereits die Vorstellung oder Erwartung einer Konfrontation mit einer angstauslösenden Situation erzeugt Furcht. Beim Sozialphobiker etwa eine Einladung zu einer Party oder die Terminvereinbarung für ein berufliches Meeting.

Geraten Phobiker in die Situation, ihrem gefürchteten Objekt zu begegnen, treten kaum zu übersehende körperliche Reaktionen auf wie z.B. Zittern, was v.a. Sozialphobiker peinlich berührt und das Problem negativ verstärkt.

Und: Nicht selten leiden Phobiker auch unter anderen Störungen wie chronischen Ängsten, Depressionen oder Substanzmissbrauch (Alkohol, Medikamente).

Wie entstehen Phobien?

Problematische Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Angstauslöser in der Vergangenheit dürften eine Rolle spielen oder eine sogenannte Verschiebung, d.h. die Angst vor etwas Bestimmtem wird auf ein anderes Objekt projiziert. Wahrscheinlich aber auch verzerrte Wahrnehmungen/Informationen und Vorbildwirkungen (Beobachtungen ängstlichen Verhaltens in bestimmten Lagen) sowie erbliche und neurobiologische (z.B. veränderte Reagibilität des vegetativen Nervensystems) Faktoren.

Therapie: Angst “verlernen“

Den Kern der Behandlung bei Phobien bildet eine Psycho- bzw. Verhaltenstherapie, bei der – schrittweise – eine Annäherung an den Angstauslöser erfolgt, bis eine Konfrontation mit demselben als nicht mehr bedrohlich erlebt wird. Zur Bewältigung von Sozialphobien bedarf es darüber hinaus des Erlernens konstruktiverer Gedankenmuster (Selbstvertrauen gewinnen) und Strategien im Umgang mit anderen. Dazu hilfreich ist eine Gruppentherapie, die z.B. Rollenspiele, Mittelpunkts-, Ansprech- (z.B. jemand Fremden auf der Straße nach etwas fragen) und Blamierübungen umfasst.

Spezifische Phobien sprechen oft gut an auf Reizkonfrontationsübungen, bei denen sich der Angstpatient unter fachlich kompetenter Anleitung – z.B. bei einem Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiater mit Spezialisierung auf Angststörungen  – bewusst Begegnungen mit dem gefürchteten Objekt aussetzt  Das kann in Form einer systematischen Desensibilisierung geschehen, d.h. einem stufenweise intensiveren Kontakt mit dem Angstauslöser. Im Fall einer Arachnophobie also z.B. sich zunächst eine Spinne nur vorzustellen, dann auf einem Bild, später auch in natura zu betrachten und schließlich sogar anzufassen. Die Expositionsmethode hingegen zielt auf eine langsame oder direkt in einem Schritt erfolgende (“Flooding“) Begegnung mit dem Angstauslöser ab. Was der Phobiker dabei lernt ist, dass er seine Angst aushalten kann, ohne dass Schlimmes passiert und die Symptome allmählich von selbst wieder vergehen. Damit gewinnt er an Kontrolle über die angstauslösende Situation und wird fähig, damit realistischer umzugehen.

Unterstützend wirken Entspannungstechniken (z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation), bei Notwendigkeit auch Medikamente (z.B. Antidepressiva, Beruhigungsmittel).

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