Kindesmisshandlung: Handeln statt abwarten!

© panthermedia.net /
Luis Louro© panthermedia.net / Luis Louro

Die “g’sunde Watschn“ ist nur eine – leider immer noch gängige – Form von Gewalt gegen Kinder. Leider werden, und das weltweit, auch noch andere Arten von Misshandlungen an den schutzbedürftigsten Mitgliedern der Menschheit praktiziert – körperliche, seelische und sexuelle sowie Vernachlässigungen. Wegschauen ist da keine Lösung.

Mit dem Begriff Familie verbindet man üblicherweise Fürsorge und Geborgenheit. Genau das soll sie ja auch bieten. Zahlreiche Schreckensberichte über Fälle von schwerer Kindesmisshandlung lassen aber vermuten, dass so manches Elternhaus eher der Hölle ähnelt als einem Hort der Sicherheit. Mit “Erziehungsmaßnahmen“, die Foltermethoden gleichkommen. Da ist die Rede von auf der Haut ausgedämpften Zigaretten, absichtlichen Verbrühungen oder zu Knochenbrüchen führenden schweren Schlägen und vielen anderen Grausamkeiten, die sich kein zu Mitleid fähiger Mensch vorstellen mag. Die Täter sind meist nicht etwa böse Fremde, vor denen Kinder gerne gewarnt werden, sondern in der Mehrzahl Verwandte oder Bekannte, nicht selten sogar die eigenen Eltern.

Globales Problem

Dass Kinder wie oft behauptet wird unser kostbarstes Gut sind, davon merkt man, sieht man sich den Umgang mit ihnen näher an, wenig. Und zwar weltweit. Denn Kindesmisshandlungen geschehen in wohlhabenden Ländern ebenso wie in armen.

Am ehesten erkennbar sind körperliche Gewaltakte. Darunter versteht man Handlungen, die zu Verletzungen unterschiedlichen Ausmaßes führen wie Schläge, Stöße, Tritte, Stiche, Verbrennungen, Verbrühungen u.a.m. sowie das v.a. für Babys gefährliche Schütteln. Werden Kinder oder Jugendliche Opfer körperlicher Gewalt, schweigen sie meist darüber und tarnen das Geschehen als Unfall, sodass die Misshandlungen Außenstehenden oft verborgen bleiben. Bei näherem Nachforschen fällt allerdings auf, dass über den Hergang des “Unfalls“ gern nur vage oder wechselnde bzw. widersprüchliche Angaben gemacht werden, die auch nicht unbedingt zum Verletzungsmuster passen. Medizinische Hilfe wird nur zögerlich und wenn absolut notwendig in Anspruch genommen. Zu offensichtliche Verletzungen kaschieren die Kinder mit entsprechender Kleidung, Sonnenbrille etc.

Gewalt hat aber viele Gesichter. Neben körperlichen gibt es auch seelische Misshandlungen und sexuellen Missbrauch, außerdem Vernachlässigung. Wobei das Vorhandensein einer Form von Gewalt keineswegs ausschließt, dass nicht auch noch andere praktiziert bzw. erlitten werden. Wie häufig solche schweren Kindeswohlgefährdungen vorkommen, darüber kann man höchstens spekulieren. In Österreich gibt es nämlich bislang kaum repräsentative Daten über das Gesamtausmaß von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung. Oft genug werden Gewalttaten an Kindern auch nicht behördlich gemeldet, sodass erfasste Fälle wohl als Spitze des Eisbergs anzusehen sind und die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt.

Gewalt gegen Kinder ist nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen wird, ein nur in sozial schwachen gesellschaftlichen Schichten auftretendes Phänomen, auch wenn es dort etwas häufiger zu finden ist. Von häuslicher Gewalt zunehmend betroffen sind in den letzten Jahren Babys, Vorschulkinder und ganze Geschwisterreihen. Täter sind immer öfter auch alleinerziehende Mütter.

Sadismus oder Überforderung

Warum misshandeln Eltern ihre Kinder? Ein Motiv ist laut Experten Sadismus, wobei sadistische Gewaltanwendung als vorwiegend männliches Phänomen gilt. Weitaus häufiger aber spielt Überforderung eine entscheidende Rolle, wenn Eltern “die Hand ausrutscht“ oder noch Schlimmeres. Denn viele Erwachsene kommen mit ihren eigenen seelischen Nöten nicht zurecht. Ein beträchtlicher Teil davon kämpft mit Problemen wie Drogensucht, Alkoholismus, Depressionen usw. Die damit verbundene Verzweiflung reagieren sie an ihrem Nachwuchs ab. Zudem haben immer weniger Eltern eine Ahnung davon, welche Bedürfnisse Kinder überhaupt haben und werten normales kindliches Verhalten als boshaften Angriff auf sich, der Wut erzeugt, sodass sie sich zu Gewalttaten hinreißen lassen. Frauen schlagen dabei vor allem aus Ohnmacht zu, wenn ihnen die Kinder quasi “über den Kopf wachsen“. Männer wiederum verstehen die “ g’sunde Watschn“ als probates Erziehungsmittel, das sie oft mit seltsamen Begründungen rechtfertigen.

Schaut denn niemand hin?

Berichte über – auch tödlich endende – schwere Kindesmisshandlungen füllen die Medien, aber meistens will kaum jemand vor ihrem Bekanntwerden davon gewusst haben. Wie geht das?

Leider zählen hierzulande Ohrfeigen und Co. immer noch zu den gebräuchlichen Erziehungsmethoden und werden gesellschaftlich toleriert, oft auch bagatellisiert, obwohl sie in Österreich längst nicht mehr legal sind. Mit Paragraphen allein lässt sich Gewalt gegen Kinder offensichtlich nicht eindämmen. Noch schlimmere Misshandlungen bleiben aber häufig ebenso ungeahndet, werden verharmlost oder ignoriert. Das hat viel mit einer Mentalität zu tun, die Wegschauen groß schreibt. Das ist “Familiensache“, geht niemanden was an, wird schon nicht so schlimm sein und ähnliche Ausreden sollen das Gewissen beruhigen, wenn sich ein entsprechender Verdacht regt. In einer solchen Atmosphäre bleiben Brutalitäten innerhalb von Familien leicht unentdeckt – und deren scheinbar intakte Fassade aufrecht. Zuwarten lautet oft die Devise potenzieller Aufdecker familiärer Misshandlungen. Oder auch einmal – halbherzig -Nachschau halten.

Fatal für die Kinder, denn Misshandlungen wirken geradezu zerstörerisch auf ihre Persönlichkeit. Es kommt – abgesehen von körperlichen Beeinträchtigungen – zu Vertrauensverlust und Bindungsängsten, Aggressionen gegen die Umwelt, schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und einer erhöhten Rate an Straftaten.

Aufdeckung und ihre Folgen

Werden Stellen, von denen sich Kinder Hilfe erwarten dürfen, auf die Missstände aufmerksam (z.B. Arzt informiert die Jugendwohlfahrt über mutmaßliche Misshandlung), folgt als behördliche Maßnahme die Entsendung eines Sozialarbeiters, der die familiäre Lage unvoreingenommen bewerten soll. Mit der Auflage zu schauen, wie kooperativ sich die Eltern verhalten, d.h. ob sie bereit sind, Beratungsgespräche und medizinische Kontrollen wahrzunehmen. Der Familienverband soll nur im äußersten Notfall auseinandergerissen werden. Erhält dieser Sozialarbeiter den Eindruck, ein oder mehrere Kinder befinden sich in einer solchen Krisensituation, winkt eine mehrwöchige Unterbringung der Misshandlungsopfer in einem Kinderschutzzentrum. Während dieser Zeit versucht die Jugendwohlfahrt, mit den Eltern an einer Lösung zu arbeiten. Bleiben diese Bemühungen erfolglos, landen die Kinder in Pflegefamilien oder Heimen, Jugendliche auch in betreuten Wohngemeinschaften. Das stößt bei den Eltern nicht immer auf Verständnis, sodass manche z.B. das Krisenzentrum stürmen, in dem sich ihr Nachwuchs aufhält, was einen Polizeieinsatz nach sich zieht.

Wie erkennt man Kindesmisshandlungen?

Als positiver Trend zeichnet sich eine zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema Misshandlungen ab, was nicht zuletzt auf schockierende Bilder und Berichte in den Medien zurückzuführen ist. In der Folge werden Gewalttaten an Kindern immer öfter entdeckt und angezeigt. Da diese sich vor allem innerhalb der Familie abspielen, sind die Opfer ja auch auf Hilfe von außen angewiesen. Doch wie kann man Misshandlungen – v.a. an kleinen Kindern, die sich nicht adäquat äußern können – erkennen?

Kennzeichen körperlicher Gewaltanwendungen sind fast immer sichtbare Verletzungen wie etwa blaue Flecke, Blutergüsse, Abschürfungen, Brandmale, Wunden oder Knochenbrüche. Auch das kindliche Verhalten kann darauf hinweisen. Zum Beispiel seine Weigerung, kurzärmelige Shirts zu tragen oder ins Schwimmbad mitzugehen, damit die Läsionen nicht auffallen.

Bei psychischer Gewalt ist es schwieriger, ihre Spuren zu erkennen. Rückzug, Aggressionen, ein unerklärlicher starker Leistungsabfall oder nicht nachvollziehbare Lernschwächen können z.B. Zeichen seelischer Misshandlungen sein.
Vernachlässigungen wie ein ungepflegtes Äußeres, schmutzige oder unangemessene Kleidung, fehlende gängige Utensilien (z.B. Arbeitsmaterialien, Turnbeutel, Pausenbrot) sollten spätestens im Kindergarten oder in der Schule auffallen.

Was tun im Verdachtsfall?

Auf jeden Fall ist Handeln angesagt. Aber bitte nicht selbst ermitteln. Eine Mitteilung an die Polizei bzw. deren Jugendbeauftragte/ Jugendsachbearbeiter, das Jugendamt, Familien- und Erziehungs- oder andere Beratungsstellen (z.B. Kinderschutzbund) ist zielführender, notfalls auch anonym.

In akuten Notsituationen, z.B. außerhalb der Dienstzeiten der Beratungsstellen und Jugendämter, leisten Kinder-, Jugend-, Sorgen- und Nottelefone, aber auch die Polizei Soforthilfe.

Übrigens: Wer in seiner Kindheit misshandelt wurde, sieht häufig auch als Jugendlicher und Erwachsener Gewalt als Mittel zur Problemlösung.

 

Weiter führende Links:
Verbreitung  von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch
Österreichische Kinderschutzzentren
zusammenLeben ohne Gewalt
Initiative “Schütteln verboten!“
Jugendwohlfahrt