Hypochondrie: krank vor Sorge, krank zu sein

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Krankheiten begleiten unseren Lebensweg. Hypochonder kommen mit dieser Tatsache nicht zurecht. Sie fürchten, ernsthaft krank zu sein, auch wenn das nicht stimmt und wandern von Arzt zu Arzt, um Bestätigung für ihren Verdacht zu finden. Bleibt sie aus, verstärkt das ihre Suche nach Beweisen für die vermutete Erkrankung. Ein Teufelskreis.

Unser Organismus sendet ständig Signale, auch solche (z.B. Herzstechen), die Unbehagen oder Angst auslösen, weil sie Zeichen einer gesundheitlichen Störung oder sogar ernsten Erkrankung sein können. Bleiben die unangenehmen Symptome bestehen, sucht man in der Regel einen Arzt auf, der die notwendigen Diagnoseschritte veranlasst. Erweisen sich die Befürchtungen, krank zu sein, als blinder Alarm, wendet man sich beruhigt wieder seinem Alltag zu. Nicht so ein Hypochonder. Ihm können auch die sorgfältigsten und ausgiebigsten Untersuchungen mit negativen (= normalen) Befunden nicht die Angst nehmen, doch an einer Krankheit zu leiden, so überzeugt ist er, dass etwas mit seinem Körper nicht stimmt. Bis sich sein Leben nur noch darum dreht.

Kennzeichen einer Hypochondrie

Die gern als Wehleidigkeit oder Aufmerksamkeitshascherei belächelte, aber durchaus ernste psychische bzw. somatoforme (Beschwerden ohne organische Ursache) Störung führt dazu, dass ein Hypochonder

  • unbeirrbar davon überzeugt ist, an einer gravierenden Krankheit zu leiden, ohne dass eine ärztlich bestätigte Diagnose derselben vorliegt. Davon können ihn auch gegenteilige Befunde und ärztliche Beteuerungen, dass alles in Ordnung ist, nicht abbringen.
  • dauernd in Angst lebt, mit seinem Körper könnte etwas nicht stimmen.
  • harmlose  körperliche Signale als Vorboten einer gefährlichen Krankheit fehlinterpretiert. So wird z.B. aus Kopfschmerzen ein vermeintlicher Hirntumor, aus einer Verspannung im Brustbereich ein Herzinfarkt und aus Übelkeit Darmkrebs.
  • seine Gedanken immer nur um die Themen Gesundheit, Krankheit und Tod kreisen lässt. Oft um eine Krankheit, die in den Medien (TV, Presse, Internet) vermehrt Aufmerksamkeit genießt.
  • ununterbrochen seinen Körper beobachtet, dabei extrem auf Veränderungen bzw. (scheinbare) Abnormitäten achtet und dazu neigt, selbst winzige Abweichungen als Zeichen einer schlimmen Krankheit zu deuten.
  • u.U. so stark an der Überzeugung, krank zu sein, festhält, dass er tatsächlich krankhafte Symptome entwickeln kann.
  • mit einer erhöhten Angst vor dem Tod kämpft.
  • sehr häufig Arztbesuche absolviert und zwar bei immer wieder bei anderen Ärzten (sog. Doktorshopping, Ärzte-Hopping).
  • fälschlicherweise annimmt, dass man nur dann gesund ist, wenn man sich absolut wohl fühlt.
  • glaubt, es sei möglich, sich hundertprozentig sicher sein zu können, dass man gesund ist.
  • davon ausgeht, dass viele Ärzte schlimme Krankheiten übersehen.

Hypochonder fürchten sich in erster Linie davor, eine eigene schwere Krankheit erleben zu müssen und dadurch abhängig und hilflos zu sein sowie ihrer Familie zur Last zu fallen oder als Versorger zu fehlen. Also durchaus auch fürsorgliche Aspekte, nicht nur eine egozentrische Nabelschau. Doch selbst wenn sich ein Hypochonder seines irrationalen Verhaltens bewusst ist, kann er es kaum kontrollieren. Das stößt bei seiner Umgebung oft auf Unverständnis und Abwertung seines Verhaltens, obwohl die scheinbar eingebildeten Beschwerden für ihn sehr real sind. Auch bei Ärzten findet er nur wenig Anklang, bleiben deren Bemühungen, ihn von seinem tatsächlichen Gesundheitszustand zu überzeugen und ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen, doch vergebens.

Eine Hypochondrie kann sich in jedem Lebensalter entwickeln, beginnt aber häufig im frühen Erwachsenenalter und verläuft oft chronisch.

Die Krankheitsängste beziehen sich vor allem auf Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden (z.B. Schlaganfall, Herzinfarkt), neurologische Erkrankungen (z.B. M. Alzheimer) und Krankheiten des Immunsystems (z.B. AIDS).

Wer neigt zu Hypochondrie?

Krankheiten gehören zum Leben wie Geburt und Tod. Warum manche Menschen auf diese unumstößlichen Tatsachen des Lebens mit der Entwicklung einer Hypochondrie reagieren, dafür gibt es bislang keine allgemein gültige Erklärung. Es dürften jedoch soziale, seelische und biologische Faktoren eine Rolle spielen. Etwa der Umgang mit dem Thema Krankheit in der Familie (z.B. vermehrte Aufmerksamkeit und/oder Angst in Bezug auf Krankheiten, chronisch Kranke in der Familie, schlimmes Ereignis wie z.B. der Tod Nahestehender).

Hypochonder dürften von Natur aus ängstliche und vorsichtige Menschen mit starkem Hang zur Selbstbeobachtung sein, wobei die Verbreitung dieses Phänomens schwer abzuschätzen ist, wird Hypochondrie doch nur selten als Diagnose angeführt, u.a. da Ärzte fürchten, vielleicht doch eine ernste Krankheit zu übersehen.

Psychoanalytisch gesehen basiert Hypochondrie auf inneren – durch Schuldgefühle oder Angst verursachten – Konflikten. Um sich mit diesen nicht auseinandersetzen zu müssen, verschiebt sich – unbewusst natürlich – die Aufmerksamkeit auf körperliche Beschwerden, die vermutlich Symbolcharakter haben (z.B. Augenprobleme als Ausdruck für etwas nicht sehen zu wollen).

Eine Hypochondrie erkennen

Um die Diagnose Hypochondrie stellen zu können, muss die unbegründete Angst, an einer Krankheit zu leiden, mindestens sechs Monate und zwar an den meisten Tagen jeder Woche bestehen. Sie beeinträchtigt das alltägliche Leben der Betroffenen.

Entwickeln Hypochonder tatsächlich ein körperliches Leiden, fällt die Unterscheidung zwischen eingebildeter und realer Krankheit nicht immer leicht. Trotz Doktorshopping geraten sie nämlich selten an den Fachmann, der hier tatsächlich helfen kann, d.h. einen Psychotherapeuten, sind Hypochonder schließlich fest davon überzeugt, ein körperliches Gebrechen aufzuweisen und kein seelisches. Dieser unerschütterliche Glaube, krank zu sein, erinnert in seinen Zügen an Zwangsstörungen, die ebenfalls von einem unkontrollierbaren Gedankenkarussell und enormen Beeinträchtigungen im Alltag bis hin zu Selbstschädigungen (im Fall der Hypochondrie z.B. unnötige, nicht gefahrlose diagnostische oder therapeutische Eingriffe) geprägt sind.

Eine Hypochondrie behandeln

Erfolg bei dieser psychischen Störung verspricht eine Psychotherapie mit dem Ziel, die Krankheitsängste zu verkraften, sie auf ein normales Maß zu reduzieren sowie zu lernen, nichts Negatives in harmlose Symptome hineinzuinterpretieren und Vertrauen in seinen Körper zu gewinnen. Außerdem lustvolle Aktivitäten zu fördern, denn viele Hypochonder trauen sich vor lauter Angst nicht, voll am Leben teilzuhaben.

Sinnvoll sind auch Maßnahmen zur Entwicklung eines positiven Gesundheitsverhaltens (z.B. Ernährung, Verzicht auf Nikotin), denn trotz massiver Krankheitsängste leben viele Hypochonder nicht gerade gesund. Hat sich – wie bei Hypochondrie recht häufig – eine Depression eingestellt, können Antidepressiva notwendig werden.

Ähnliche Störungen

Eine meist harmlose Variante der Hypochondrie ist der sogenannte Morbus Clinicus, der v.a. bei MedizinstudentInnen und KrankenpflegeschülerInnen zu beobachten ist, wohl weil sie in ihrer Ausbildung intensiv mit dem Thema Krankheitssymptome befasst sind. Im Regelfall verschwindet er von selbst wieder. Gelegentlich entwickelt sich daraus jedoch eine echte hypochondrische Störung.

Ein psychiatrisches Krankheitsbild ist der hypochondrische Wahn, bei dem keinerlei Einsichtsfähigkeit bezüglich der Problematik herrscht und der Merkmale einer Psychose (schwere psychische Störung mit Verlust des Realitätsbezugs) aufweist.

Von der Hypochondrie klar abzugrenzen ist die Krankheitsphobie (Angst, eine gefährliche Krankheit zu bekommen), bei der zwar noch keinerlei Symptome auftreten, aber Befürchtungen hinsichtlich der gesundheitlichen Zukunft bestehen. In der Folge vermeiden Krankheitsphobiker alles, was sie beunruhigen oder gefährden könnte (z.B. Krankheitsberichte, Arztbesuche).

Anders als bei der Hypochondrie werden beim Münchhausen-Syndrom, einer psychischen Störung unklarer Ursache, gezielt Krankheiten vorgetäuscht und Selbstverletzungen vorgenommen, um medizinische Behandlungen und vor allem Zuwendung zu erhalten.

 

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