Herzneurose: Herzensleid ohne Herzkrankheit

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Herzschmerzen, Pulsrasen, Todesangst – was nach einem Herzinfarkt klingt, ist in vielen Fällen “nur“ Ausdruck einer Herzneurose. Die bedeutet zwar im Gegensatz zu manch organischen Herzerkrankungen keine akute Lebensgefahr, wird aber oft genauso bedrohlich empfunden. Dafür zuständig ist jedenfalls ein Psychotherapeut und nicht der Kardiologe.

Herzrasen, Herzstechen oder in den linken Arm ausstrahlende Schmerzen – da kann man schon Angst bekommen, bedeuten solche Symptome doch potenzielle Hinweise auf schwerwiegende Herzerkrankungen. So manches Mal aber beruhen die Beschwerden nicht auf einem organischen Herzleiden, sondern sind Ausdruck einer sogenannten Herzneurose, einer zwischen Panikattacken und Hypochondrie anzusiedelnden somatoformen (psychosomatischen) autonomen Funktionsstörung. Sie beschert ihren Trägern Episoden von Todesangst, den Ärzten des Öfteren Ratlosigkeit. Kein Wunder, liegt ihre Ursache ja im seelischen Bereich.

Zeichen einer Herzneurose

Es war der US-amerikanische Chirurg Jakob Mendes Da Costa (1833 – 1900), der erstmals die Herzneurose 1871 an einem amerikanischen Bürgerkriegssoldaten beschrieb, weshalb diese unter anderem (Herzphobie, Kardiophobie, Herzangstneurose, Herzangst-Syndrom, funktionelles kardiovaskuläres Syndrom, Effort-Syndrom, neurozirkulatorische Asthenie, funktionelle Herzstörung, funktionelle Herzbeschwerden, nervöse Herzbeschwerden) auch Da Costa-Syndrom genannt wird. Was Da Costa beobachtete waren Symptome wie

  • ein Druck- und Engegefühl, Stechen oder Brennen im Brustkorb mit Ausstrahlung bis in die Schulter oder in den linken Arm wie bei einem Herzinfarkt
  • eine Tachykardie (Herzrasen)
  • Extrasystolen (“Herzstolpern“)
  • Atemnot oder ein Kloßgefühl im Hals

Begleitet von Beklemmungsgefühlen, Panik und Todesangst mit Zittern, Schwitzen, Schwindel, Kopfschmerzen und innerer Unruhe. Zudem oft ein angstbedingtes verstärktes und hektisches Ein- und Ausatmen (Hyperventilation), das eine Verschiebung des Gleichgewichts zwischen Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut und damit Tetanien (Muskelkrämpfe) hervorrufen kann. Häufig auch Schlafstörungen. Für die Herzbeschwerden ließen sich jedoch keine organischen Gründe finden.

Ursachen einer Herzneurose

Heute weiß man, dass es sich bei der Herzneurose um eine psychosomatische Erkrankung handelt, die vorwiegend bei Männern mittleren Alters anzutreffen ist. Als mögliche Ursachen sehen Psychologen eine emotionale Vernachlässigung und Lieblosigkeit in der Kindheit an, die die Ausbildung adäquater Strategien zur Angstbewältigung verhindert hat, weil es an einfühlsamem Trost in beängstigenden Situationen fehlte.

Aber auch das Gegenteil – also übertriebene elterliche Fürsorge mit dem Ziel, den Nachwuchs vor jeglicher Gefahr zu bewahren, blockiert einen geeigneten Umgang mit Ängsten und die Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens und fördert so Unsicherheit und das Zustandekommen einer Herzphobie. Ähnlich wirkt unbewusste Furcht wie etwa Verlust- und Trennungsängste. Auch im Rahmen psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen kann sich eine Herzphobie entwickeln.

Abgesehen davon finden sich im Umfeld vieler Herzneurotiker Angehörige oder andere Bezugspersonen mit einer tatsächlichen Herzkrankheit oder es ereignen sich einschneidende belastende Veränderungen wie z.B. Trennungen, Todesfälle oder ein Arbeitsplatzverlust, was Herzphobiker anscheinend geneigt macht, als Abwehrmechanismus innere Konflikte aufs Organ Herz zu übertragen (Projektion, Somatisierung). Denn die vermeintliche Herzerkrankung lenkt von den eigentlichen Ängsten ab, sodass diese vorübergehend ihre Bedrohlichkeit verlieren.

Gelegentlich sollen auch Missverständnisse in der Kommunikation mit Ärzten eine Herzneurose in Gang setzen können, wenn beispielsweise als harmlos anzusehende Befunde nicht verständlich erklärt werden. Jedenfalls stehen Herzphobiker so sehr unter Leidensdruck, dass sie zu einer intensiven Selbstbeobachtung tendieren, wobei sich ihre Aufmerksamkeit aufs Herz richtet. Und sie beschäftigen sich meist ausgiebig mit dem Thema Herzerkrankungen, kontrollieren gern wiederholt Puls und Blutdruck und fühlen sich nur in der Umgebung von Krankenhäusern und Ärzten einigermaßen sicher.

Eine Herzphobie erkennen

Abgesehen davon, dass auch Patienten mit einer nachweisbaren Herzkrankheit zusätzlich an einer Herzneurose erkranken können und vice versa dürfen Ärzte bei Patienten mit bekannter Herzphobie nicht a priori davon ausgehen, dass hinter den aktuellen Beschwerden wieder “nur“ diese Phobie steckt, sondern müssen ein organisches Geschehen ausschließen. Mit Diagnostikmethoden wie einem EKG, Blutuntersuchungen, Blutdruckmessungen, Röntgenaufnahmen des Brustkorbs oder auch einem Herzultraschall. Oft veranlassen Ärzte deshalb in solch unklaren Situationen notgedrungen Untersuchungen oder verschreiben Medikamente, die eigentlich nicht erforderlich sind.

Jedenfalls: Lässt sich der Verdacht auf eine organische Herzkrankheit nicht erhärten, muss an die Möglichkeit eines Da Costa-Syndroms gedacht werden. Dann sollte ein Psychologe, Psychiater oder Psychotherapeut zu Rate gezogen werden.

Denn unbehandelt kann eine Herzneurose einen chronischen Verlauf nehmen. Und führt in der Regel zu wiederholten Abklärungen. Deren Ergebnis, dass körperlich alles in Ordnung sei, vom Herzneurotiker nicht akzeptiert wird, sodass er nach und nach verschiedene Ärzte aufsucht (Ärztehopping) und immer wieder – auch belastende und aufwändige – Untersuchungen in Kauf nimmt, ja sogar einfordert. Um beruhigt zu sein. Bis Zweifel und Angst zur nächsten “Herzattacke“ und damit in die nächste Rettungsstelle oder Ordination führen.

Eine Herzphobie behandeln

Am erfolgversprechendsten wirkt eine Psychotherapie (z.B. den Körper einbeziehende Gestalttherapie, Visualisierung traumatischer Erinnerungen), die eine Einsicht in die zugrundeliegenden inneren Vorgänge und deren Bearbeitung ermöglicht. Allerdings fällt es vielen Herzneurotikern schwer, die Möglichkeit einer psychosomatischen Ursache ihrer Herzbeschwerden in Betracht zu ziehen, sodass sie erst mittels einfühlsamer ärztlicher Gespräche behutsam an diese Möglichkeit herangeführt werden sollten. Das gelingt nur, wenn sie sich in ihrer Problematik ernst genommen fühlen und nicht, wenn ihnen vermittelt wird, dass ihre Beschwerden “nur“ auf Einbildung oder Phantasie beruhen.

Unterstützend zur Psychotherapie können Entspannungstechniken (z.B. progressive Muskelrelaxation, autogenes Training) oder Biofeedback, vorübergehend auch Betablocker oder Psychopharmaka (Beruhigungsmittel, Antidepressiva) schwere Angstattacken lindern.

Am besten in Kombination mit einer Bewegungstherapie (z.B. Walken, Joggen) in einer Sportgruppe, die das Selbstvertrauen, die soziale Einbindung und das Körpergefühl stärkt. Denn häufig meiden Herzneurotiker (körperliche) Belastungen, die die Herzbeschwerden hervorrufen oder verschlimmern könnten. Diese Schonhaltung verstärkt jedoch oft das Problem, weil durch sie die Fitness abnimmt, sodass schließlich bereits leichte Anstrengungen die Symptome auslösen können. Was wiederum die Angst vor den Symptomen vergrößert. So entsteht eine unselige Spirale aus Vermeidung, Beschwerdeauslösung, der Angst davor und der Angst vor der Angst. Sie kann den Alltag so sehr einschränken, dass Herzphobiker schlimmstenfalls in die soziale Isolation geraten.

 

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