Cyberchondrie: wenn das Internet krank macht

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Wer gesundheitliche Beschwerden hat, sucht nach Hilfe. Heutzutage meist im Internet. Und tatsächlich, “Dr. Google“ weiß fast immer Rat, kennt sämtliche Symptome, so gut wie alle Methoden zur Krankheitsfindung und unzählige Mittel zur Bekämpfung von Kopfschmerzen, Sodbrennen, Juckreiz und Co. Doch genau dieses enorme Angebot an Informationen birgt auch einige Gefahren. Beispielsweise die Entwicklung einer Cyberchondrie, d.h. einer durch Recherchen im Netz verursachten Angst, an einer schlimmen Krankheit zu leiden. 

Darstellungen von Krankheitsbildern in medizinischen Foren und auf Gesundheitsseiten können zur Stellung von Selbstdiagnosen verleiten. Das führt unter Umständen zur Verharmlosung ernster Krankheitszeichen, sodass schlimmstenfalls eine rechtzeitige ärztliche Abklärung und adäquate Behandlung schwerwiegender Leiden unterbleibt. Doch gibt es auch das Gegenteil: das Überangebot an Gesundheitswissen unterschiedlicher Qualität kann User des World Wide Web so verunsichern, dass sie bei jedem Wehwehchen gleich vermuten, todkrank zu sein. Besonders dann, wenn sie ohnehin zur Hypochondrie (eingebildetes Kranksein) neigen. Dementsprechend nennt man einen durch übermäßige Recherche von Krankheitssymptomen im Internet ausgelösten Angstzustand Cyberchondrie (vom US-Psychiater Brian Fallon geprägte Wortneuschöpfung aus den Begriffen “Cyber“ = die von Computern erzeugte virtuelle Scheinwelt betreffend und “Hypochondrie“ = übertriebener Hang zur Beobachtung des eigenen Gesundheitszustandes, eingebildetes Kranksein). Sie ist also eine Art “moderne“ Hypochondrie.

Wie eine Cyberchondrie entsteht

Das Rezept zur Erzeugung einer unbegründeten Angst, an einer ernsthaften Krankheit zu leiden, ohne dass eine ärztliche Diagnose vorliegt, besteht aus zwei Zutaten

  • einer aufgrund früher prägender Erfahrungen (z.B. schwere Erkrankung eines nahestehenden Familienmitglieds) bestehenden Neigung zu hypochondrischen Tendenzen, die auf einem gestörten Vertrauen in die eigene Gesundheit und Verlässlichkeit des eigenen Körpers sowie vermutlich auch einer erblichen Veranlagung basiert. Eventuell verstärkt durch ein überbehütendes familiäres Umfeld, das die Entwicklung eines gesunden Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten hemmt und so zur Überzeugung führt, die Welt sei vor allem ein gefährlicher und unberechenbarer Ort.
  • exzessiven Recherchen im Internet über reale oder eingebildete Krankheitsanzeichen.

Das sind die Voraussetzungen für eine Cyberchondrie, auch Morbus Google genannt. Wobei die enormen Mengen an im Netz verfügbaren, aber falsch interpretierten medizinischen Informationen eine Cyberchondrie begünstigen, wenn schon nicht auslösen. Somit wirkt sich die Wissensbeschaffung über Gesundheit wie ein Verstärker auf psychische Störungen wie eine Hypochondrie aus.

Wie sich eine Cyberchondrie äußert

Cyberchonder verbringen oft sehr viel Zeit damit, im Internet ihre Symptome abzuchecken. Sie suchen geradezu besessen nach Beweisen für ihre selbstdiagnostizierte Erkrankung. Was so weit gehen kann, dass sich durch die Angst vor Krankheiten vorhandene Symptome tatsächlich verschlimmern. Sie weisen folgende Merkmale auf:

  • eine massive Angst vor schweren körperlichen Erkrankungen und Infektionen
  • eine übertriebene Aufmerksamkeit gegenüber normalen Körperfunktionen
  • kreisende Gedanken um die eigene Gesundheit und Krankheiten
  • ein permanentes Grübeln über eine mögliche Erkrankung
  • eine Umdeutung harmloser Symptome als Hinweise für eine schwerwiegende Krankheit
  • ein zwanghaftes Recherchieren im Internet nach Gesundheitsinformationen
  • Depressionen
  • Angstzustände oder Panikattacken
  • entweder häufige grundlose Arztbesuche bis hin zum sogenannten Doctor Shopping, d.h. Aufsuchen diverser Ärzte oder auch eine Vermeidung jeglicher ärztlicher Konsultationen
  • möglicherweise unnötige (Eigen-)Behandlungen (z.B. Einnahme von Medikamenten)
  • sozialer Rückzug oder auch berufliche Probleme, weil man sich nur noch der vermuteten Krankheit widmet.

Das heißt nun nicht, dass keine Symptome vorlägen oder Cyberchonder sich diese nur einbilden. Die sind oft schon echt. Doch werden die Beschwerden von ihnen falsch interpretiert. Das mag auf Außenstehende übertrieben oder gar hysterisch wirken, doch für die Betroffenen bedeutet ihr Zustand eine Qual, denn sie schämen sich und fühlen sich nicht ernst genommen. Beschwichtigungsversuche wie etwa der Hinweis, dass die befürchtete Krankheit nur extrem selten vorkomme, fruchten hier nichts. Halten es Cyberchonder es doch für sehr wahrscheinlich, dass gerade sie dieses Leiden haben.

Zudem kann die hohe psychische Belastung zu psychosomatischen Reaktionen wie z.B. Kopfschmerzen, Magenproblemen, Schlaf- oder Herzrhythmusstörungen führen, was den Patienten in seiner Annahme, schwer krank zu sein, nur noch bestätigt. Und den Teufelskreis zwischen Recherchieren und neuen Symptomen beflügelt.

Diagnose: wie man eine Cyberchondrie feststellt

Ebenso wie die Hypochondrie wird die Cyberchondrie oft erst spät erkannt, da sich die daran Erkrankten wegen körperlicher Beschwerden behandeln lassen, sodass viele Ärzte von einer körperlichen und nicht von einer psychischen Erkrankung ausgehen. Dementsprechend können sogar mehrere Jahre vergehen, bis die korrekte Diagnose gestellt wird. Dann ist das krankhafte Verhalten oft schon chronisch und seine Behandlung umso schwieriger. Die Diagnose erfordert in der Regel einen Spezialisten, d.h. Psychiater, und gilt dann als gesichert, wenn die entsprechenden Symptome bereits mindestens sechs Monate bestehen.

Therapie: wie man eine Cyberchondrie behandelt

Cyberchondrie stellt kein eigenständiges Krankheitsbild dar. Daher gibt es auch keine eigens darauf spezialisierte Behandlungsmethode. Sinnvoll erscheint eine psychotherapeutische Behandlung (z.B. kognitive Verhaltenstherapie), die als vorrangiges Ziel hat, die zwanghafte Vorstellung, schwer krank zu sein, durch Verhaltensänderungen (z.B. Abstand nehmen von Internetrecherchen, Einbau einer passwortgeschützten Internetsperre) schrittweise abzubauen. Zudem gilt es zu lernen, Körpersignale richtig zu deuten und nicht überzubewerten. Ist bereits eine Depression im Gange, können zusätzlich Medikamente notwendig sein. Auch helfen kann, sich anderen Bereichen des Lebens wie Verabredungen mit Freunden, sportlichen Aktivitäten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten stärker zuzuwenden.

Ob die Therapie Erfolg hat, hängt vor allem davon ab, ob der Cyberchonder den unseligen Zusammenhang zwischen der Recherche der Krankheitssymptome im Internet und der zunehmenden Angst vor ernsthaften Erkrankungen erkennt. Und lernt, sich auf die Aussagen seiner Ärzte zu verlassen statt im Internet nachzuforschen.

Gesundheitsinfos im Internet: Segen oder Fluch

Das Internet stellt für viele Menschen die vorrangige Anlaufstelle in puncto Gesundheitsfragen dar. Kein Wunder, findet man doch im Netz für fast jedes Symptom die “passende“ Krankheit und für jedes Leiden mindestens eine Heilmethode. Handelt es sich um qualitativ hochwertige Informationen, kann man diese durchaus sinnvoll nutzen. Etwa als Ergänzung zum Arztgespräch. Oder als Hilfe, um eine diagnostizierte Krankheit besser zu verstehen und/oder Tipps zum Leben mit dieser Erkrankung zu erhalten.

Ein Haken am Gebrauch von “Dr. Google“ und Co.: der Wahrheitsgehalt so mancher Online-Inhalte lässt zu wünschen übrig. Das macht es v.a. für Laien schwer einzuschätzen, was sie als Tatsachen werten können und was nicht. Schließlich verstärkt sich die Angst, krank zu sein, in erster Linie dadurch, falsch informiert zu sein und weniger durch fehlendes Wissen. Denn nur allzu oft werden im Netz unspezifische und harmlose Symptome vorrangig mit sehr schweren oder äußerst seltenen Krankheiten in Zusammenhang gebracht, was natürlich für Verunsicherung sorgt.

Das Internet ist eine wahre Fundgrube für Menschen, die zu Krankheitsängsten und Hypochondrie neigen. Denn die suchen im Netz zuallererst nach Beruhigung. Doch der Schuss geht nach hinten los. Teils beschwichtigende, teils beängstigende Auskünfte sowie dramatische Erfahrungsberichte und unsinnige bis gefährliche Tipps von Laien, v.a. in Foren, verführen zu sinnlosem bis gesundheitsschädigendem Verhalten. Und lassen Cyberchonder süchtig werden nach weiteren Informationen, weil die schon gefundenen weder geholfen haben, den Beschwerden Herr zu werden noch die Angst zu besiegen.

Wie aber unterscheidet man vertrauenswürdige und korrekte von oberflächlichen bis falschen Informationen im World Wide Web? Das Wichtigste ist, Informationen aus dem Internet immer kritisch zu hinterfragen. Dazu sind eine gewisse Medienkompetenz und ein vernünftiges Urteilsvermögen vonnöten.

Wie man vertrauenswürdige Infos im Cyberspace findet

Rückschlüsse auf die Qualität und Seriosität und somit Vertrauenswürdigkeit von Online-Inhalten bieten bis zu einem gewissen Grad Prüfkriterien wie z.B. der HON (Health on the net) – Code oder das afgis (Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem) – Zertifikat, erkennbar durch entsprechende Qualitätssiegel auf der jeweiligen Website. Ansonsten tut man gut daran zu checken,

  • ob es auf der Seite ein Impressum bzw. einen Ansprechpartner inklusive Kontaktdaten (E-Mail-Adresse oder Postanschrift) gibt.
  • wer den Server betreibt und wer der Inhaber der Seite ist.
  • ob es sich um eine private oder eine öffentliche Website (z.B. einer Firma, Organisation oder Institution etc.) handelt.
  • wer der Autor/die Autoren der Texte ist/sind und welche Qualifikationen sie aufweisen.
  • ob die Texte oder auch Bilder durch seriöse Quellenangaben (z.B. anerkannte Studien, Fachartikel etc.) wissenschaftlich belegt werden.
  • ob die Texte übersichtlich aufgebaut sind und die Fachbegriffe darauf erklärt werden.
  • wann die Inhalte der Seite erstellt bzw. aktualisiert wurden, d.h. wie sehr sie up to date sind.
  • ob die Webseite objektive Informationen oder lediglich subjektive Berichte enthält.
  • ob es Werbeanzeigen auf der Website gibt und wenn ja, ob diese klar als solche gekennzeichnet sind.

So oder so, eine Abklärung der Symptome durch einen Arzt kann der Blick ins Internet keinesfalls ersetzen!

 

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