Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung: Rinderwahnsinn auf menschlich

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Es ist nur ein winziges körpereigenes Eiweißmolekül, das sich auf atypische Weise faltet und schon geht Hirnmasse zugrunde. Das führt zu übertragbaren schwammartigen Hirnerkrankungen wie der BSE oder der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung. Die düsteren Folgen: Persönlichkeitsveränderungen, Bewegungsstörungen, Demenz und schließlich Tod.

Vor mehreren Jahren machten in Teilen Europas “verrückte“ Kühe Schlagzeilen und schürten die Angst vor dem Genuss von Rindfleisch. Denn Untersuchungen brachten zutage, dass die aggressiven, ängstlichen und torkelnden Tiere an Boviner Spongiformer Enzephalopathie (BSE) erkrankt waren, einer übertragbaren, tödlich verlaufenden Krankheit des Gehirns, verursacht von Prionen, infektiösen Proteinen, die Hirngewebe zerstören. Notschlachtungen mit Vernichtung der infizierten Kadaver waren die Folge. Die Krankheit kann tatsächlich auch Menschen befallen. Dann gilt sie als eine Form der weltweit vorkommenden, aber seltenen Creutzfeld-Jakob-Erkrankung. Sie führt innerhalb kurzer Zeit zum Verlust diverser Hirnfunktionen, zu Pflegebedürftigkeit und letztlich zum Tod.

Prionen und durch sie verursachte Krankheiten

Prionen (proteinaceous infectious particles = eiweißartige ansteckende Teilchen), sind natürlicherweise in tierischen und menschlichen Organismen (Gehirn, Organe des Immunsystems wie Milz, Lymphknoten und Mandeln) vorkommende winzige Eiweißkörper mit bislang unbekannter Funktion (Signalübertragung der Nervenzellen?, Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus?).  Fehlgeformte (“umgefaltete“) Varianten dieser Proteine, die eine abweichende Abfolge der Aminosäuren und daher andere Konfiguration (beta-Faltblattstruktur statt helikale Gestalt) besitzen, können über Jahre oder gar Jahrzehnte im Körper verbleiben, bevor sie im Gehirn infolge ihrer Neigung zur Aggregation (Zusammenlagerung) einen Untergang vieler Nervenzellen mit schwammartiger Umstrukturierung des Gehirns und so “transmissible spongiforme Enzephalopathien“ (TSE, übertragbare schwammartige Hirnerkrankungen, Prionenerkrankungen) auslösen.

Dazu zählen etwa die bei Schafen und Ziegen auftretende Scrapie (Traberkrankheit) und die Bovine Spongiforme Encephalopathie (BSE, Rinderwahn, Rinderwahnsinn) bei Rindern, die wahrscheinlich durch Verfütterung von erregerhaltigem Tiermehl zustandekommt. Beim Menschen

  • die Krankheit Kuru beim Eingeborenenstamm Fore in Neu-Guinea, dessen Mitglieder bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts aus rituellen Gründen die Gehirne ihrer Verstorbenen verspeisten, was seit einigen Jahrzehnten verboten ist, sodass die rasch zum Tod führende Krankheit fast zum Erliegen gekommen ist. Sie beginnt mit Extremitäten- und Kopfschmerzen sowie Schluckbeschwerden. Charakteristisch sind schauerartiges Zittern, Gang- und Sprachstörungen sowie ein Muskelschwund, aber nicht unbedingt eine Demenz.
  • die letale familiäre Insomnie (FFI = fatal familial insomnia; tödliche familiäre Schlaflosigkeit) mit schweren Schlafstörungen, beeinträchtigter Regulation vegetativer Funktionen (z.B. Puls, Blutdruck, Temperatur), Bewegungsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen und Demenz.
  • das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom (GSS). Es beruht auf einem Gendefekt, ist autosomal dominant vererbbar und geht – meist ab der Lebensmitte – mit Gang-, Sprach-, Schluckstörungen und Demenz einher.
  • die Creutzfeld-Jakob-Erkrankung (Kreutzfeld-Jakob-Erkrankung, CJD), die allerdings meist rasch voranschreitet.

Prionen (PrPSc) besitzen im Gegensatz zu ”klassischen” Krankheitserregern wie Bakterien oder Viren kein eigenes Erbmaterial, sind sehr hitzebeständig (nicht durch Kochen deaktivierbar), resistent gegenüber vielen Chemikalien und können im Boden Jahre überdauern.

Formen der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung

Abhängig von der Ursache bzw. dem Übertragungsweg unterscheidet man vier verschiedene Formen der Krankheit:

Sporadische (zufällige, klassische) CJD: Diese Erkrankungsvariante unbekannter Ursache trifft hauptsächlich Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Typisch für sie ist ein plötzlicher Beginn und rasanter Krankheitsverlauf (oft nur wenige Monate von den ersten Symptomen bis zum Tod).

Familiäre (genetische) CJD: Deutlich seltener ist diese auf einem fehlerhaften Gen beruhende, also erblich bedingte Erkrankungsform, die in jüngeren Jahren in Erscheinung tritt und langsamer verläuft.

Iatrogene CJD: Sie wird durch mit krankmachenden Prionen verunreinigte Arzneien (z.B. aus der Hirnanhangdrüse von Leichen gewonnenes, menschliches Wachstumshormon) oder medizinische Utensilien (z.B. im Rahmen von Hirnoperationen oder Hornhauttransplantationen verwendetes verseuchtes Operationsbesteck), was in unseren Breiten strenge Hygienevorschriften (z.B. Verwendung von Einwegmaterial, Sterilisation medizinischer Gebrauchsgegenstände) verhindern.

Neue Variante der CJD (nvCJD, vCJK): Sie steht – vermutlich über den Verzehr von BSE-verseuchten Nahrungsmitteln – in engem Zusammenhang mit dem Rinderwahnsinn, nimmt einen etwas langsameren Verlauf und befällt im Gegensatz zu den anderen CJD-Varianten vorwiegend junge Menschen. Dabei hängt das Erkrankungsrisiko von deren individuellen genetischen Ausstattung ab, die bestimmt, welche Aminosäure an einer bestimmten Stelle des Prions sitzt (doppeltes Methionin-Gen). Frühe Anzeichen der Erkrankung sind psychische Veränderungen wie Ängstlichkeit oder Depressionen. Eine direkte Ansteckung der nvCJD von Mensch zu Mensch wie etwa bei einer Grippe gilt als unwahrscheinlich, die Möglichkeit einer Übertragung durch Bluttransfusionen aber als nachgewiesen.

Was CJD-Prionen bewirken

Gehirnzellen produzieren normalerweise das Eiweiß PrPc. Setzen sich CJD-Prionen im Gehirn fest, veranlassen sie stattdessen die Bildung eines veränderten Proteins, genannt PrPsc. Bei der sporadischen Form geschieht das möglicherweise durch eine spontane Umfaltung des PrPc in PrPsc. Bei der familiären Form sorgt ein abnormes Gen für die PrPsc-Produktion. Bei der iatrogenen Form wird Gewebe Erkrankter mit PrPsc auf Gesunde übertragen und bei der nvCJD stammt das pathogene Eiweiß wohl von der BSE. Die Ansammlung dieses abnormen Eiweißstoffs in den Nervenzellen oder der Verlust an regulärem PrPc schädigt das Hirngewebe, woraus die Symptomatik resultiert.

Schneller Verfall – unausweichlicher Tod

Erste Anzeichen der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung sind Persönlichkeitsveränderungen, Konzentrations-, Gedächtnis- und Koordinationsstörungen sowie Schlaflosigkeit. In den darauffolgenden Wochen entwickeln sich Gangunsicherheiten (wackeliges Gehen), Sprachveränderungen bis hin zur Aphasie (Unfähigkeit zu sprechen), Sehbeeinträchtigungen, schmerzhafte Missempfindungen, auch epileptische Anfälle oder eine Alexie (Unfähigkeit zu lesen). Hinzu gesellen sich ein Tremor (Zittern) von Extremitäten oder Kopf, eine Muskelsteifigkeit, Myoklonien (Muskelzuckungen) und Lähmungen, was zunächst zu unkoordinierten Bewegungsabläufen und einer Chorea (unwillkürliche, plötzliche, unregelmäßige und ausladende Bewegungen) führt, dann zunehmend Bewegungen verunmöglicht. Schließlich mündet die unheilbare Krankheit in eine Demenz (Verlust der intellektuellen Fähigkeiten), Pflegebedürftigkeit, Dezerebration (Enthirnungsstarre), in ein tiefes Koma und den Tod. Das alles zumeist innerhalb von Monaten.

Im Gegensatz zu den anderen CJD-Formen beginnt die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung mit psychiatrischen Symptomen wie Ängstlichkeit, Depressionen, Verwirrung,  Halluzinationen oder Verfolgungswahn. Es folgen Empfindungsstörungen (Prickeln, Brennen, Kälte- oder Taubheitsgefühl) in den Fingern, nach einigen Wochen die typischen neurologischen Symptome wie Gleichgewichtsstörungen, eine Ataxie (gestörte Bewegungskoordination) und Vergesslichkeit. Zuletzt kommt es auch bei der nvCJD zur Bewegungs- und Kommunikationsunfähigkeit.

Erkennung, Behandlung, Vorbeugung

Ein schlüssiger Test zur Erkennung der Krankheit existiert bislang nicht, denn Prionen lösen im Organismus keine Abwehrreaktionen aus, was die Diagnostik erschwert. Bei Verdacht auf eine CJD werden verschiedene Untersuchungen veranlasst, um Hinweise darauf zu finden wie

  • eine Magnetresonanztomografie des Schädels: ev. Veränderungen in bestimmten Hirnarealen
  • eine Elektroenzephalografie (EEG, Aufzeichnung der Hirnströme): ev. triphasische periodische Wellen
  • eine Liquoruntersuchung: im mittels Lumbalpunktion gewonnenen Liquor (Hirnwasser) können erhöhte Konzentrationen von Protein 14-3-3, der neuronenspezifischen Enolase oder auch Tau-Protein und Protein S100 auftreten.
  • bei der nvCJD Entnahme einer Gewebeprobe aus den Mandeln oder dem Gehirn: erhöhte Konzentration des veränderten Eiweißkörpers
  • bei der familiären Form eine genetische Untersuchung

Letztendlich ist aber erst nach dem Tod eine Autopsie (Leichenöffnung) mit anschließender Untersuchung des Gehirns imstande, unumstößlich Klarheit zu erbringen.

Da die Krankheit bis dato nicht heilbar ist, lassen sich – und auch das nur teilweise – lediglich ihre Auswirkungen lindern (symptomatische Therapie) wie etwa das Einbremsen der Muskelzuckungen mit einem Antiepileptikum (z.B. Clonazepam, Valproinsäure).

Vorbeugen kann man der Prionenerkrankung – abhängig von der jeweiligen Variante – nur begrenzt bis gar nicht (familiäre Form). Eine iatrogene CJD ist mit entsprechender Hygiene vermeidbar. Gegen die Ansteckungsgefahr mit BSE-Erregern helfen – will man Rindfleisch konsumieren – ein Verzicht auf sogenanntes Rinder-Separatorenfleisch, das Nervenfasern und Knochenteile enthalten kann. Zudem besteht hierzulande eine Kennzeichnungspflicht von Rindfleischprodukten bezüglich des Orts der Abstammung und Schlachtung der dafür verwendeten Rinder bzw. sind BSE-Tests für geschlachtete Rinder über einer bestimmten Altersgrenze vorgeschrieben.