Borderline-Störung: Gefühlschaos als Leitsymptom

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Dmitriy Shironosov© panthermedia.net / Dmitriy Shironosov

Eben noch ist alles in Butter, doch schon im nächsten Moment passt schier gar nichts mehr. So extreme Stimmungsschwankungen sind charakteristisch für Menschen mit einer Borderline-Störung. Das Heiß-Kalt-Wechselspiel mit den daraus entstehenden kräftezehrenden Konflikten bedeutet für die Betroffenen und ihre Umgebung eine harte Belastungsprobe.   

Sie schwanken zwischen Glückseligkeit und Weltuntergang, können nicht gut allein sein, kommen jedoch mit Beziehungen kaum zurecht, sind selbstunsicher, aber impulsiv und vollziehen teilweise selbstschädigende Handlungen. Menschen mit einer Borderline-Störung (Borderline-Persönlichkeitsstörung, BPS) schaffen es einfach nicht, ihr Gefühlsleben zu regulieren. Die mangelhafte Kontrolle der Emotionen hat biologische und soziale Komponenten.

An der Grenze

Psychiatrische Beschwerdebilder lassen sich nicht immer eindeutig als Neurose, schwere Charakterstörung oder Psychose einordnen, sondern zeigen bisweilen Züge “dazwischen“. Das wusste auch der englische Psychiater C.H. Hughes und schuf für solche Grenzfälle den Begriff “borderland patients“ (engl.: border = Grenze). Seither werden Störungen in diesem Grenzbereich mit Borderline betitelt. Allerdings gestaltet sich eine strenge Grenzziehung zwischen noch als gesund geltendem und bereits krankhaftem Verhalten schwierig.

Abhängig von der Ausprägung und Dauer der Symptomatik unterscheidet man zwischen einer Borderline-Persönlichkeit, einer dauerhaften Beeinträchtigung der Erlebnis- und Verhaltenswelt, dem Borderline-Syndrom und dem Borderline-Zustand mit vorübergehenden Episoden der entsprechenden Krankheitszeichen. Borderline gilt in der psychiatrischen Klassifizierung als Persönlichkeitsstörung oder latente, pseudoneurotische Schizophrenie und beginnt häufig in der Kindheit und Jugend.

Innenwelt in Aufruhr

Die mehrheitlich weiblichen Borderliner befinden sich auf einer Achterbahn der Gefühle, deren Ausdruck sie nicht adäquat kontrollieren können, sodass – meist ausgelöst durch Nichtigkeiten – “Auszucker“ an der Tagesordnung sind – ohne Rücksicht auf etwaige Konsequenzen. Die impulsiven Ausbrüche umfassen Emotionen wie Zorn, Verzweiflung, Traurigkeit usw. Diese Zustände wechseln sich ab mit Phasen emotionaler Taubheit.

Sie fürchten sich davor, verlassen zu werden, gehen deshalb intensive, aber instabile Beziehungen ein. Unsicher in ihrer Persönlichkeit und ihren Plänen und mit nur geringem Selbstwertgefühl ausgestattet empfinden sie oft eine innere Leere und Selbstablehnung. So schaffen sie es nicht, sich verbindliche Ziele zu setzen und Vorhaben konsequent umzusetzen. Das Ergebnis sind Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang (z.B. Streitigkeiten, Trennungen, sich ständig ändernder Freundeskreis) sowie in Schule oder Beruf (z.B. unterbrochene Ausbildungen, häufiger Jobverlust). Als – allerdings misslungene – Versuche, die plötzlich hereinbrechende intensive innere Anspannung zu bewältigen dienen oft Suchtverhalten, Selbstverletzungen (z.B. sich schneiden, verbrennen, verätzen oder beißen, den Kopf gegen die Wand schlagen) und Selbstmordversuche.

Die mangelhafte Impuls-Kontrolle wird in der Regel auch für die Angehörigen zum Problem. Sie fühlen sich meist machtlos und überfordert, zuweilen auch ausgebrannt.

Borderline-Persönlichkeit

Damit definitionsgemäß eine Borderline Personality Disorder (Borderline-Persönlichkeit im engeren Sinn) vorliegt, müssen merkliche Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Bereich bzw. subjektive Beschwerden auftreten und mindestens fünf der folgenden Merkmale zutreffen:

  • selbstschädigendes bzw. unberechenbares Verhalten in mindestens zwei der Bereiche: Sexualität, Glücksspiel, abnormes Essverhalten/Essstörungen, Drogenmissbrauch, Verschwendung, Kleptomanie, oder Selbstverletzungen.
  • intensive, gleichzeitig aber instabile zwischenmenschliche Beziehungen mit Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung sowie Manipulationen (Benutzen anderer für eigene Zielsetzungen) des Partners.
  • häufige Wutausbrüche, ständige Gereiztheit, explosive Unbeherrschtheit in Situationen, die diese Gefühlsintensität nicht rechtfertigen.
  • Unsicherheiten in Bezug auf die eigene Identität (“Wer bin ich?“), Berufswahl, Werte, Geschlechtsidentität oder längerfristige Ziele.
  • auffällige Stimmungsschwankungen zwischen Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit, Angst und normaler Gelauntheit in der Dauer von einigen Stunden bis zu wenigen Tagen
  • Schwierigkeiten bis Unfähigkeit, das Alleinsein auszuhalten und deshalb ein krampfhaftes Vermeiden desselben sowie Verfallen in hektische Betriebsamkeit, Niedergeschlagenheit und Panik, wenn es doch mal erforderlich ist.
  • ein permanentes Gefühl von Leere und Langeweile.
  • eine Neigung zu selbstschädigenden Aktionen wie etwa Selbstverstümmelungen, häufigen Unfällen, körperlichen Auseinandersetzungen oder suizidalen Handlungen.
  • vorübergehende, stressabhängige paranoide Phantasien (z.B. Wahnvorstellungen wie sich verfolgt fühlen, Halluzinationen, Empfindungsstörungen, Gefühl des “Überflutet-werdens“, den eigenen Körper wie von außen wahrnehmen).

Die Diagnose Borderline gilt dann als gerechtfertigt, wenn möglichst viele Symptome gemeinsam in mehreren Lebensbereichen mindestens ein Jahr lang anhaltend und gehäuft auftreten, wobei kaum jemand alle genannten Symptome aufweist, die Krankheitszeichen in unterschiedlicher Ausprägung auftreten und die Grenzen zur so genannten Pubertätskrise (isolierter vorübergehender Problemstau) fließend sind. Ansprechpartner zur Feststellung und Behandlung der Störung sind erfahrene Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten.

Ursachen: biologisch – sozial – traumatisch

Im Wesentlichen sind bei der Entwicklung von Borderline-Störungen soziale und biologische/genetische/konstitutionelle Faktoren von Bedeutung. Auf biologischer Ebene ist es z.B. eine angeborene temperamentsbedingte Vulnerabilität (gesteigerte Sensibilität, Verwundbarkeit) gegenüber gefühlsmäßigen Reizen, die die Anfälligkeit für eine Borderline-Störung erhöht. Das bedeutet: Vor allem unangenehme Emotionen werden anhaltender und intensiver bis hin zu unerträglich erlebt. Oder eine familiäre Neigung zu psychi(atri)schen Störungen oder neurologische Dysfunktionen. So zeigen etwa bildgebende Verfahren, dass für die Regulation der Gefühlswelt zuständige Hirnregionen wie der Hippocampus und vor allem die Amygdala (Mandelkerne) im Vergleich zu Gesunden bei Borderlinern verkleinert sind. Allerdings bleibt bislang unklar, ob diese Veränderungen Grund oder Auswirkung der Persönlichkeitsstörung sind.

Als soziale Ursachen für Borderline-Störungen gelten unangemessene Verhaltensmuster der Umwelt wie etwa Abwertungen (z.B. sich über das Kind lächerlich machen, es nicht ernst nehmen) durch nahe Bezugspersonen. Diese biologischen und sozialen Einflüsse wirken aufeinander ein, sodass ein unseliger, sich aufschaukelnder Reaktionskreislauf entsteht. Eine dritte mögliche Ursache für die Erkrankung sind zumindest bei einem erheblichen Teil der Betroffenen Traumatisierungen wie körperliche oder sexuelle Gewalt, grobe Vernachlässigung oder massive Trennungserfahrungen.

Therapie

Medikamente können lediglich bestimmte Symptome der Borderline-Störung mildern, die Erkrankung per se selbst jedoch nicht beeinflussen. Zielführender ist eine Kombination aus Psychotherapie und einem Training sozialer Fertigkeiten. Besonders wichtig dabei ist zu lernen, mit schmerzhaften Gefühlen einen konstruktiveren Umgang zu pflegen. Ziele sind die Entwicklung von Alternativen (z.B. angemessenes Sozialverhalten) zu den destruktiven Verhaltensweisen und Methoden zu einer besseren Bewältigung alltäglicher Belastungen, eine stärkere Selbstregulation, Stabilisierung und Verbesserung der Lebensqualität.

Das braucht seine Zeit und erfordert bei jugendlichen Patienten eine Einbeziehung der Eltern, damit sie die Störung nicht durch falsche Reaktionen verstärken und sich selbst nicht völlig verausgaben. Dem wirkt leider entgegen, dass sich Borderliner nach einer Psychotherapiesitzung subjektiv schlechter fühlen, was ihr Durchhaltevermögen schmälert, zu voreiligen, abrupten Therapieabbrüchen führt und damit die Chance auf Heilung verschlechtert. In schwereren Fällen – z.B. bei psychotischen Symptomen, Selbst- oder Fremdgefährdung, zusätzlicher Suchtproblematik usw. – bedarf es einer stationären psychiatrischen Behandlung.

 

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