Tabuthema Harninkontinenz: Soziale Isolation vermeiden

©panthermedia.net Ljupco Smokovski

In Österreich sind nach Schätzungen etwa eine Million Menschen jeden Alters von Harninkontinenz betroffen, wobei die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Schätzungen gehen davon aus, dass rund 85 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens irgendwann für einen kürzeren oder längeren Zeitraum von Harninkontinenz betroffen sind. Viele schweigen aus Scham über die Krankheit und geraten dadurch in die soziale Isolation. Aber niemand sollte die Erkrankung einfach hinnehmen, sondern die Ursachen abklären und behandeln lassen. Denn Harninkontinenz ist heilbar! Inkontinenz ist eine unangenehme Erkrankung, von der hauptsächlich Frauen betroffen sind. Harninkontinenz kann in jedem Alter auftreten, das Risiko steigt allerdings mit zunehmendem Alter.

Inkontinenz bezeichnet den ungewollten Verlust von Urin.

Es gibt verschiedene Inkontinenztypen, die das Leben von Betroffenen aber gleichermaßen negativ beeinflussen in dem Sinne, dass sie beispielsweise ständig auf der Suche nach einer Toilettemöglichkeit sind, Konzerte, Spaziergänge oder Einkaufsbummel vermeiden oder sogar soziale Kontakte bei sich zu Hause einschränken aus Angst „zu riechen“. „Diese massive Beeinträchtigung der Lebensqualität darf nicht stillschweigend hingenommen werden, da nach Abklärung der Ursache eine gute Heilungschance besteht“ rät Oberarzt Dr. med. Johannes Angleitner, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt Urogynäkologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.

Formen der Harninkontinenz

Harninkontinenz kann hervorgerufen werden durch Erkrankungen der Harnblase, der Harnröhre, des dazugehörigen Schließmuskels oder der Beckenbodenmuskulatur. Man unterscheidet verschiedene Inkontinenztypen.

Von Belastungs- oder Stressinkontinenz spricht man bei unwillkürlichem Harnverlust in Zusammenhang mit körperlicher Anstrengung oder beim Niesen und Husten. Rund 50 Prozent der betroffenen Frauen leiden an dieser Form.

Ein anderer Typ ist die Dranginkontinenz, von der rund 14 Prozent betroffen sind. Hier äußert sich der unwillkürliche Harnverlust in Verbindung mit verstärktem Harndrang.

Und dann gibt es noch die Mischinkontinenz, die eine Mischung aus der Belastungs- und Dranginkontinenz ist und in etwa 36 Prozent der Fälle zutrifft. „Die Ursachen können in einer erschlafften Beckenbodenmuskulatur, einer altersbedingten allgemeinen Bindegewebsschwäche, eines lokalen Hormonmangels im Zuge der Menopause, aber auch chronischen Entzündungen der Harnblase, Harnwegsinfekte oder Harnröhrenengen liegen“ weist der in Wels ordinierende Frauenarzt Angleitner auf mögliche Faktoren hin.

Schnelles Handeln ist wichtig

Dass sich in Österreich ein Umdenken einstellt, zeigen die Gründung und Aktivitäten der Österreichischen Inkontinenzgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie und Beckenboden.

Mit dem Thema Harninkontinenz sind nicht nur Urologen, sondern auch Gynäkologen – hier besonders im Spezialbereich Urogynäkologie – befasst. Die Behandlungsformen richten sich nach den zugrunde liegenden Ursachen. „Es hilft in vielen Fällen schon eine gezielte medikamentöse Therapie eventuell in Verbindung mit Lokaltherapie und das richtige Training der Beckenbodenmuskulatur“ drängt der Gynäkologe Dr. Johannes Angleitner dazu, sofort zu handeln.

Bleiben kurzfristige Beschwerden unbehandelt, können sich diese im Laufe der Zeit weiter verstärken. Vor allem nach der Geburt von großen und schweren Kindern ist es wichtig, diese Muskeln richtig zu trainieren, um die (vorübergehende) Harninkontinenz zu heilen.

Elektrostimulationen und Biofeedback können dabei helfen, die Übungen zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur richtig auszuführen. „Vor einer Operation kann man noch eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen, um die Harninkontinenz zu heilen“, so Angleitner, „jedoch ist oftmals ein operativer Eingriff unumgänglich“.

Therapiekonzept

Am Beginn eines Therapiekonzeptes steht das Erlernen von Verhaltensmaßnahmen ebenso wie die Verwendung von Hilfsmitteln wie z.B. Einlagen. Darauf folgen Trainingsmaßnahmen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur. Behandlungsmöglichkeiten Können diese Übungen die Beschwerden nicht verbessern, stehen dem Fachmann noch lokale sowie medikamentöse Behandlungen zur Verfügung, bevor man bei passenden Voraussetzungen einen operativen Eingriff empfiehlt.

den letzten Jahren haben sich die operativen Therapiemöglichkeiten der Harninkontinenz stark verbessert und vereinfacht. Die 1996 in Schweden entwickelte Operationstechnik TVT (= Tension free Vaginal Tape) wird seit 1998 auch in Österreich zur Behandlung von Belastungsinkontinenz eingesetzt. Diese Technik ersetzt den früher üblichen Bauchschnitt und die Operation von außen. Das spannungsfreie Vaginalband, so die Übersetzung des TVT, unterstützt die weibliche Harnröhre in der Weise, dass bei plötzlicher Belastung des Beckenbodens kein Harn mehr abgeht.

Basierend auf die Erfahrungen mit dem TVT wurde diese Operationstechnik zum TVT-O weiterentwickelt. Der Vorteil liegt in der geringeren Gefahr einer Organverletzung während der Operation. Auch die Operationsdauer verkürzt sich von 20 Minuten auf etwa zehn. TVT-O wurde entwickelt von Professor Jean de Leval von der Uniklinik Lüttich in Belgien und dem Unternehmen Gynecare (Johnson & Johnson). „Die neueren Inkontinenzoperationen, bei denen ein zartes Band unter die Harnröhre gelegt wird, sind hocheffektiv mit Heilungsraten über 90 Prozent, risikoarm und ein einem zehn- bis fünfzehnminütigen Eingriff durchführbar. Daher sollte man bei Inkontinenzproblemen sich nicht scheuen, sich so bald als möglich dem Arzt anzuvertrauen“, rät Dr. Johannes Angleitner.

Eine Weiterentwicklung bzw. Ergänzung des TVT-O Bandes ist das TVT Secur®. Bei dieser Methode sind in einem cirka zehnminütigen Eingriff nur wenige winzige Schnitte erforderlich, um die Instrumente dieser jüngsten Schlüssellochtechnologie zu führen – ohne Austritt aus der Haut.

TVT Secur® ist noch schonender, verursacht in der Regel noch weniger Schmerzen und soll für noch schnellere Genesung sorgen. „Mit TVT-S verkürzt sich die Erholungszeit der Patientin deutlich. Das bedeutet, dass wenige Stunden nach der Implantation die Rückkehr in ein Leben mit normalem Trinkverhalten und Toilettebesuchen möglich ist. Eine Rückkehr zu voller Lebensqualität.

„Für Männer ist es fast ein noch größeres Tabu, über Probleme beim Harnlassen zu sprechen wie für Frauen. Und obwohl sie seltener davon betroffen sind, sollten auch sie so bald wie möglich einen Spezialisten aufsuchen“, empfiehlt Dr. Angleitner regelmäßige urologische Untersuchungen.

Und noch ein Tipp: Das Training der Beckenbodenmuskulatur ist von beiden Geschlechtern durchführbar!

Verantwortlich für den Text:
Dr. med. Johannes Angleitner
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
4600 Wels
www.derfrauenarzt.com

 

Links zu unserem Lexikon:
Harninkontinenz

Verwandte Ratgeber:
Inkontinenz (Einnässen, unwillkürlicher Harnabgang)  
Biofeedback: gesund sein lernen