Infiltrationstherapie: Schmerzen oder Entzündungen “wegspritzen“

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Bestimmte Medikamente – bei Schmerzen oder Entzündungen am Bewegungsapparat per Spritze in den Ort des Geschehens oder in seine Nähe injiziert – verschaffen oft eine bessere Linderung der Beschwerden als geschluckte Arzneien. Diese Art von wirksamer Therapie nennt sich Infiltration. 

In welcher Zubereitungsform (z.B. Tablette, Zäpfchen, Injektionslösung usw.) bzw. auf welche Art (z.B. geschluckt, intramuskulär oder subkutan gespritzt etc.) ein Medikament appliziert wird, entscheidet mit, wie gut es wirkt. Denn jede Arznei unterliegt im Körper pharmakodynamischen (z.B. Aufnahme, Verteilung, Verstoffwechselung, Ausscheidung) Prozessen, die auf seine Effektivität Einfluss nehmen. So kommt etwa bei vielen oral eingenommenen Medikamenten nur ein gewisser Prozentsatz des darin enthaltenen Wirkstoffs am Wirkort an, weil nur ein Teil davon im Darm resorbiert wird. Daher erscheint es bei bestimmten Leiden günstig, ein Arzneimittel nahe an denjenigen Ort zu bringen, wo es seine Wirkstoffe freisetzen und damit seine heilsamen Effekte entfalten soll. Das ist bei der Infiltrationstherapie der Fall.

Wirkweise & Wirkstoffe von Infiltrationen

Bei der Infiltrationstherapie werden sukzessiv flüssige Arzneimittel direkt in die Haut (Quaddelung) oder auch tiefer liegende Strukturen (z.B. Nervenwurzeln, Gelenk) injiziert, um sich dort diffus zu verteilen und lokal bestimmte Wirkungen wie z.B. eine Schmerzblockade und/oder Entzündungshemmung hervorzurufen. Zu diesem Zweck werden – je nach Fragestellung – meist Lokalanästhetika (örtliche Betäubungsmittel, z.B. Xylocain) bzw. länger wirksame Glukokortikoide oder Kombinationen aus beiden gespritzt. Sehr häufig kommt diese Art von Behandlung als epidurale oder intraartikuläre Infiltration zum Einsatz.

Eine solche Infiltrationstherapie kann zur Überbrückung dienen bis ein chirurgischer Eingriff zur Beseitigung der Ursache (z.B. Bandscheibenoperation) von Schmerzzuständen erfolgt. Oder auch durch die damit erreichte Schmerzlinderung andere konservative Behandlungsmaßnahmen wie z.B. eine physikalische Therapie überhaupt erst ermöglichen. Sie stellt aber auch einen Bestandteil der sogenannten multimodalen Schmerztherapie dar, bei der alle Möglichkeiten, den Schmerzen Herr zu werden wie Schmerzmittel, physikalische Maßnahmen, psychosoziale Interventionen, Akupunktur usw., ausgeschöpft werden, indem sie sinnvoll kombiniert werden, was z.B. oft auch eine Dosisreduktion der Schmerzmittel erlaubt. Ähnlich wirken Quaddelungen, Narbenunterspritzungen zur Bekämpfung von Narbenschmerzen oder die Neuraltherapie, die mit der gezielten Spritzung von Lokalanästhetika an bestimmte Stellen Störfelder im Körper ausschaltet.

Epidurale Infiltration

Mit epiduralen, d.h. rückenmarksnahen Infiltrationen werden Krankheitsbilder der Wirbelsäule behandelt, die mit einer Irritation oder Entzündung der dort befindlichen Nervenstrukturen einhergehen. Wie etwa eine Lumboischialgie als Folge einer Nervenschädigung im Rahmen einer Bandscheibenvorwölbung oder eines Bandscheibenvorfalls. Oder eine Wirbelkanalenge (Spinalkanalstenose), in deren Folge entzündliche Prozesse im Bereich des Rückenmarks entstehen. Woraufhin das Rückenmark inklusive der davon abgehenden Nervenwurzeln anschwillt. Was wiederum die Platzverhältnisse für die Nervenstrukturen einschränkt und Druck auf sie erzeugt – ein unseliger Kreislauf.

Bei therapeutischen Infiltrationen werden meistens kombinierte Depots aus einem Lokalanästhetikum und einem Kortisonpräparat gesetzt, was die Zahl ihrer Anwendungen limitiert, da bei Dosisüberschreitungen Nebenwirkungen der Arzneien in Erscheinung treten können.

Besteht Unklarheit, von welchen Strukturen der Wirbelsäule die Schmerzen ausgehen, können zur Klärung des Sachverhalts diagnostische Infiltrationen erfolgen – in die Facettengelenke (Wirbelbogengelenke), schmerzleitenden Nervenfasern, das Foramen intervertebrale (Austrittsstelle der Nervenwurzel) oder den Spinalkanal (Wirbelsäulenkanal). Eine sichere Diagnose respektive Differentialdiagnose kann meist erst nach mehreren Infiltrationen gestellt werden. Das Ganze geschieht unter Röntgenkontrolle, damit die feine Nadel genau an die zu diagnostizierende oder therapierende Struktur der Wirbelsäule gelangt. Zur Überprüfung der Nadellage kann auch Kontrastmittel eingesetzt werden.

Intraartikuläre Infiltrationstherapie

Die Infiltration von Gelenken mit einem Cortisonpräparat dient im Besonderen der Behandlung einer Synovialitis (Entzündung der inneren Gelenkhaut) rheumatischen oder degenerativen Ursprungs, denn das Steroidhormon wirkt entzündungshemmend und immunsuppressiv, sodass die mit der Arthritis (Gelenkentzündung) verbundene Schwellung und ein eventuell vorhandener Gelenkerguss schwinden, was auch die entzündungsbedingten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen reduziert. Deshalb kommt die intraartikuläre Infiltrationstherapie außer bei ihrer klassischen Indikation, der rheumatoiden Arthritis, beispielsweise zum Einsatz

  • bei einer akuten exsudativen Kristallarthritis im Rahmen einer Gicht
  • bei einer Chondrokalzinose (Pseudogicht), die durch Ablagerung von Calciumpyrophosphat im Knorpel und anderen Geweben zustande kommt und zu Gelenkdegenerationen (v.a. des Kniegelenks) führt.
  • bei Kollagenosen (Autoimmunerkrankungen, z.B. systemischer Lupus erythematodes) mit Gelenkbeteiligung
  • beim Hydrops articulorum intermittens, d.h. bei jungen Frauen wiederholt v.a. am Kniegelenk auftretenden Gelenkergüssen
  • bei einer akuten aktivierten Arthrose, d.h. eine auf eine vorbestehende Arthrose aufgepfropfte, sie verschlimmernde akute entzündliche Veränderung eines Gelenks
  • bei einer juvenilen (im Kindes- und Jugendalter vorkommenden) chronischen oligoartikulären (nur einige wenige Gelenke betreffenden) Arthritis, die v.a. große Gelenke befällt und einem fortschreitenden Prozess folgt

Die streng ins Gelenk und nicht ins Unterhautfettgewebe zu applizierenden kristallinen Cortisonpräparate müssen in ihrer Dosierung dem jeweiligen Gelenk angepasst werden. Sie unterscheiden sich nämlich in ihrer Wirkungsstärke und -dauer (zwei bis sechs Wochen). Idealerweise sollten sie lange im Gelenk verbleiben und nur in geringem Ausmaß aus ihm resorbiert werden, sodass es kaum zu systemischen Effekten kommt. Oft können die Injektionen notwendig gewordene chirurgische Eingriffe hinauszögern, im besten Fall sogar überflüssig machen. Vor Anwendung einer intraartikulären Infiltrationstherapie muss aber sichergestellt werden, dass keine bakterielle Infektion des zu behandelnden Gelenks bzw. seiner Umgebung vorliegt, da dieses sonst durch das Cortison zusätzlich Schaden nehmen kann. Auch bei degenerativen Gelenkerkrankungen ohne Entzündung und mehrfach wiederkehrenden Gelenkergüssen erweist sich das Verfahren u.U. als untauglich.

Komplikationen von Infiltrationen

Da bei Infiltrationen die Hautbarriere durchstochen wird, kann es in der behandelten Region zu Infektionen, Entzündungen, Hämatomen (“blaue Flecke“) oder auch Blutungen kommen, weshalb Menschen mit einer deutlich erhöhten Blutungsneigung (z.B. bei Einnahme von Blutverdünnungsmitteln) von diesem Behandlungsverfahren besser Abstand nehmen. Ähnliches gilt für Spritzenphobiker (krankhafte Angst vor Nadeln). Auch schließen schwere Allgemeininfekte oder etwaige Unverträglichkeiten/Allergien auf die applizierten Substanzen deren Anwendung aus.

Zudem sind sowohl Lokalanästhetika als auch Cortison-Präparate – vor allem bei Überdosierung oder versehentlicher intravasaler (in ein Gefäß) Injektion – imstande, Nebenwirkungen hervorzurufen. Nach der Anwendung von Glukokortikoiden kann es z.B. dosisabhängig zu einer Gesichtsrötung (Flush) mit Hitzegefühl, oft auch Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) kommen, die nach Stunden bis wenigen Tagen wieder abklingt. Oder auch zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels, was es insbesondere bei Diabetikern zu beachten gilt (vermehrte Blutzuckermessungen, Anpassung der Therapie).

Bei Infiltrationen von Gelenken drohen v.a. bei Nichteinhaltung der notwendigen hygienischen Vorkehrungen oder Medikamentendosis bzw. unkorrekt angewandter Technik oder bestimmten bestehenden Erkrankungen Komplikationen wie

  • ein Gelenkempyem: Eiteransammlung meist in großen Gelenken durch Infektion mit Staphylococcus aureus, Staphylococcus epidermidis, Streptokokken u.a. Bakterien sowie Abszessbildungen
  • eine Kristallsynovitis: durch die Injektion hervorgerufene, vorübergehende Entzündungsreaktion
  • bleibende Knorpelschäden oder Knochennekrosen (Absterben von Knochensubstanz)
  • eine nekrotisierende Fasziitis: durch Streptokokken ausgelöste Infektion der Haut und Unterhaut mit Gewebsuntergang, die sich v.a. bei Diabetes mellitus, Durchblutungsstörungen oder geschwächter Immunabwehr einstellt
  • unerwünschte systemische Wirkungen des Cortisons

Deshalb ist es wichtig, Infiltrationen unter sterilen Bedingungen, mit der richtigen Technik und korrekten Dosis des jeweils verwendeten Präparates durchzuführen, den zeitlichen Mindestabstand zwischen den Injektionen einzuhalten sowie bereits beim geringsten Verdacht auf eine Infektion sofort therapeutisch einzugreifen.

 

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