Erste Hilfe bei Knochenbruch

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Ein Sturz, ein Schlag oder ein Autounfall und zack sind ein oder auch mehrere Knochen ganz oder teilweise durchtrennt. Dann heißt es, die Region mit der Fraktur ruhigzustellen und für ärztliche Hilfe zu sorgen. Hierbei gibt es aber Verschiedenes zu beachten, denn nicht jeder Knochenbruch birgt dieselben Risiken.

206 bis 214 Knochen sorgen für Struktur und Stabilität des menschlichen Körpers. Sie sind normalerweise fest und zugleich elastisch, sodass sie das Körpergewicht tragen und allerlei Beanspruchungen aushalten, die bei verschiedenen Bewegungsabläufen auf sie einwirken. Doch Traumata wie Stürze oder andere Unfälle übersteigen die Belastbarkeit der Gebeine und lassen sie brechen. Dann winkt ein Gips oder auch eine Operation, um die voneinander getrennten Knochenteile dazu zu bringen, wieder zusammenzuwachsen. Davor aber ist es gut zu wissen, wie man bis zum Eintreffen ärztlicher Hilfe bei einem Knochenbruch (Fraktur) am besten vorgeht.

Wunderwerk Knochen

Knochen sind nach den Zähnen die härtesten Gewebe im Organismus. Sie besitzen mineralische, elastische und bindegewebige Anteile sowie Blutgefäße und Nerven. Bei Kindern herrschen die elastischen Anteile vor, weshalb ihre Knochen sich eher verbiegen als bersten. Mit den Jahren stellt sich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den verschiedenen Anteilen ein. Im Alter schließlich büßen die Knochen an Elastizität ein, wodurch sie spröde werden und gerne splittern.

Damit Knochen nicht so leicht brechen, ist ihr mineralischer Teil, der Hydroxylapatit (v.a. Kalzium- und Phosphatkristalle), der der elastischen Knochengrundmasse aus Kollagenfasern die erforderliche Härte verleiht, in einer bestimmten Struktur angeordnet. Er bildet außen die sogenannte Kortikalis (lat.: cortex = Rinde), eine dichte Schicht, die v.a. den Schaft langer Knochen (z.B. Humerus = Oberarmknochen, Femur = Oberschenkelknochen) vor Biegungs- und Drehkräften schützt. Sie verdünnt sich zu den Knochenenden hin und wird an den Gelenkflächen von Knorpel überzogen. Und umhüllt die Spongiosa, das in Trabekel (kleine Balken) gegliederte und dadurch schwammartig wirkende Gewebe im Knocheninneren. Die Trabekel richten sich nach dem auf sie einwirkenden Druck aus. Diese Balkenstruktur spart Material und Gewicht ein, sodass das Skelett nur rund zehn Prozent des gesamten Körpergewichts ausmacht. Außen ummantelt das Periost (Beinhaut) die Knochen, eine feste, an Blutgefäßen und Nervenfasern (daher schmerzempfindlich) reiche Bindegewebsschicht, die im Falle einer Fraktur die Bildung von neuem Knochenmaterial (Kallus) und damit die Heilung in Gang setzt, sofern die Bruchenden engen Kontakt zueinander haben.

Knochenbrecher: wie Frakturen zustande kommen

Ein Knochenbruch ist schnell passiert: Ein Sturz, ein Schlag auf den Kopf, ein Autounfall oder ein Ausrutscher auf Glatteis und schon sind ein oder mehrere Knochen entzwei. Das geht umso leichter, je weniger widerstandsfähig die Gebeine sind. Wie etwa bei einer Osteoporose (verminderte Knochendichte) aufgrund einer mangelhaften Mineralisation der Knochen. Dann genügen geringe Kräfte, um Frakturen (meist der Wirbelkörper) auszulösen. Ist der Knochenschwund stark ausgeprägt, braucht es oft gar keine äußere Einwirkung, damit Brüche auftreten. Solche Spontanfrakturen (pathologische Frakturen) sind auch für Knochentumore (Knochenkrebs, Metastasen) oder die erblich bedingte Osteogenesis imperfecta (Glasknochenkrankheit) typisch. Ähnlich verläuft ein Ermüdungsbruch (schleichende Fraktur, Stressfraktur, Stressreaktion des Knochens) durch chronische Überbeanspruchung (z.B. beim Laufsport) bestimmter Knochen.

Im Prinzip kann jeder Knochen brechen. Tatsächlich aber gibt es einige, die – vor allem durch Stürze – deutlich anfälliger für Frakturen sind als andere. Vor allem an sogenannten Sollbruchstellen wie etwa dem Oberschenkelhals, auf den bei einer plötzlichen Beindrehung (z.B. Sturz aufs Hüftgelenk bei Glätte im Winter) enorme Kräfte einwirken. Sehr bruchgefährdet zeigen sich auch die Unterarmknochen Elle und Speiche, die bei Stürzen eine Abstützbewegung vollziehen. Recht häufig kommt es zudem zu Frakturen der Rippen, Oberarmknochen, Schlüsselbeine und Sprunggelenke. Stürze aus großen Höhen führen gern zu Hand- und Fußwurzelbrüchen mit aufgrund der diffizilen Blutversorgung schlechterer Heilungstendenz. Sehr gefährlich sind Beckenbrüche (z.B. bei Verkehrsunfällen), weil sie einen massiven Blutverlust nach sich ziehen können und rasch operativ versorgt werden müssen. Als schwerwiegend sind auch Wirbelbrüche zu werten, weil dann Knochenfragmente das Rückenmark quetschen können (Risiken: Querschnittslähmung oder sofortiger Tod). Und Schädelfrakturen (z.B. durch starke Gewaltanwendung), wenn infolge Quetschung von Hirngewebe lebensgefährliche Blutungen und Funktionsausfälle auftreten.

Knochenbruch: Symptome

Die Symptome eines Knochenbruchs hängen von seiner Art und Lokalisation ab, sind z.B. bei einem Ermüdungsbruch nicht so ausgeprägt wie bei einem unfallbedingten. Man nennt sie Frakturzeichen. Davon gibt es sichere wie

  • eine Formabweichung und Achsenfehlstellung einer Gliedmaße
  • eine abnorme Lage oder Beweglichkeit einer Extremität
  • eine Krepitation (Knochenreiben, Reibegeräusche, Knirschen) an der Bruchstelle
  • bei einer offenen Fraktur aus einer Wunde ragende Knochenfragmente
  • eine teilweise oder vollständige Amputation einer Extremität
  • Röntgenaufnahmen, die die Frakturart, Stellung (verschoben oder nicht) und Anzahl der Bruchstücke, ev. mitbetroffene Gelenke und Abhebungen des Periosts vom Knochen zeigen
    und unsichere wie
  • Ödeme (Schwellungen) und Hämatome (Blutergüsse) in der Bruchregion
  • Schmerzen (Ursachen: druck- und schmerzempfindliche Knochenhaut, Gewebespannung durch Einblutung und Weichteilödem, unwillkürliche Muskelaktivitäten zur Frakturstabilisierung)
  • eine eingeschränkte Beweglichkeit (z.B. Schonhaltung zur Schmerzvermeidung) bzw. Funktion

Knochenbrüche: Einteilung

Frakturen können nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt werden wie ihrer Lokalisation (Schaft oder gelenknaher Anteil), ihrem Verlauf (Quer-, Längs-, Schräg-, Spiralfraktur), Ausmaß (komplett oder unvollständig durchtrennter Knochen), Entstehungsmechanismus (Abriss-, Abscher-, Berstungs-, Kompressions-, Ermüdungs- oder pathologische Fraktur), der Unversehrtheit umgebender Weichteile (geschlossene Fraktur mit intakter Haut oder offener Bruch mit Wunde und/oder Blutung), Stellung der Bruchenden (verschoben oder nicht), Form des Bruchspalts (Y-, T-Fraktur) oder Anzahl der Knochenteile (Ein- oder Mehrfragment-, Trümmerfraktur). Bei Kindern und Jugendlichen mit noch nicht beendetem Knochenwachstum können sich die Knochen bei Krafteinwirkung elastisch verformen und abknicken, ohne dass die Beinhaut einreißt, was man als Grünholzfraktur bezeichnet.

Verdacht auf Knochenbruch: was tun?

Unabhängig von Art und Lokalisation von Frakturen sollte man

  • den Verletzten beruhigen, ihn nicht allein lassen und vor Unterkühlung schützen.
  • den Verunfallten, wenn er einen Schock entwickelt (v.a. bei starkem Blutverlust, Beckenbruch oder Mehrfachbrüchen) in die Schocklage bringen (Ausnahme Beinbruch: Beine nicht hoch lagern, sondern am Boden belassen).
  • bei Bewusstlosigkeit des Verletzten seine Vitalfunktionen (Atmung, Herzschlag) prüfen und ihn ggf. reanimieren.
  • den Verunfallten ärztlich versorgen lassen, d.h. auch nur bei Verdacht auf einen Knochenbruch den Notarzt (Tel.: 144) alarmieren bzw. bei kleinen Brüchen (z.B. an der Hand) eine Spitalsambulanz aufsuchen.
  • keinesfalls probieren, Fehlstellungen eigenmächtig einzurenken. Auch ein Schienen mit Stöcken sollte nur erfolgen, wenn ärztliche Hilfe erst nach längerer Zeit zu erwarten ist.
  • dem Verletzten nichts zu trinken oder essen geben, da eine Operation bzw. Narkose nötig sein könnte.
    Bis zum Eintreffen der Rettung ist bei einem offenen Bruch wichtig
  • ev. vorhandene größere Blutungen zu stillen.
  • die Wunde möglichst keimfrei (mit sterilen Kompressen) abzudecken.
  • den von der Fraktur betroffenen Bereich einschließlich benachbarter Gelenke ruhigzustellen, z.B. bei einem Beinbruch durch sachte Lagerung auf einem Kissen oder einer zusammengerollten Decke, bei Schulter- oder Armbruch Fixierung mittels Dreieckstuch oder den Arm mithilfe der gesunden Hand möglichst nah am Körper halten.
  • die Bruchstelle möglichst nicht zu bewegen, sofern keine Lebensgefahr, d.h. Notwendigkeit zu Wiederbelebungsmaßnahmen besteht. Das gilt besonders bei Verdacht auf Nacken- und Wirbelsäulenverletzungen (kein Kopfanheben!, Gefahr: Querschnittslähmung)

Bei einem geschlossenen Bruch gilt es, neben der Ruhigstellung der Bruchregion diese z.B. mit kalten Umschlägen oder in ein Tuch eingewickelte (sonst entstehen Erfrierungen) Eisbeutel oder Kältepackungen vorsichtig (drucklos) zu kühlen, um Schwellungen und Schmerzen zu verhindern.

In der Klinik dann erfolgt je nach den individuellen Erfordernissen eine Reposition (Einrichtung), Immobilisation (Ruhigstellung mit Gipsverband oder Schiene) und Kompression (Druckausübung auf die Bruchstelle) der Fraktur(en). Unter bestimmten Gegebenheiten ist es erforderlich, einen Knochenbruch mit z.B. Platten, Schrauben, Drähten oder Nägeln aus “chirurgischem Stahl“ operativ zu stabilisieren (Osteosynthese), damit die Bruchstücke wieder möglichst gut zusammenwachsen.

 

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Link zu unserem Lexikon:
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