Beinlängendifferenz: therapiebedürftig?

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Obwohl viele Körperteile wie etwa die Beine in zweifacher Ausführung vorliegen, weisen sie kaum hundertprozentig gleiche Maße auf. So können die unteren Extremitäten z.B. unterschiedlich lang sein. Dann spricht man von einer Beinlängendifferenz. Ob sie Beschwerden verursacht oder korrigiert werden muss, darüber entscheiden bereits nur wenige Zentimeter.

Auch wenn viele Strukturen im menschlichen Organismus doppelt angelegt sind, heißt das noch lange nicht, dass die einander entsprechenden Körperteile genau gleich sein müssen. Zum Beispiel gleich dick oder gleich lang. Ob und wie Unterschiede sich klinisch bemerkbar machen, hängt von den jeweiligen Körperteilen bzw. dem Ausmaß ihrer Verschiedenheit ab. Im Fall der Beinlängendifferenz (Beinlängenunterschied) bestimmen Millimeter- bzw. Zentimeterzahl und Beschwerdebild darüber, wie sie sich auswirkt und ob man sie behandeln muss.

Sind die Beine gleich lang?

Ob beide Beine dieselbe Länge aufweisen, lässt sich auf mehrere Arten ermitteln, nämlich durch

  • Anlegen eines Maßbandes an den unteren Extremitäten zwischen zwei Messpunkten, dem Trochanter major (großer Rollhügel des Oberschenkelknochens) und dem Außenknöchel, was zumindest eine annäherungsweise Einschätzung erlaubt.
  • Röntgenaufnahmen (u.a. Ganzbein-Standaufnahme) oder eine Computertomographie, die eine vergleichsweise exakte Abmessung gewährleisten.
  • eine Sonographie (Ultraschall), bei der mithilfe von Entfernungsmarkern die Gelenkspalten geortet sowie die Längen von Schienbein und Oberschenkelknochen ermittelt werden.

Bei Kindern und Jugendlichen, die sich noch in der Wachstumsphase befinden, können anhand sogenannter Nomogramme (Netztafeln zur grafischen Darstellung von Wertebezügen) eine zu erwartende Beinlängendifferenz sowie das Knochenwachstum nach einem ev. chirurgischen Eingriff vorhergesehen und grafisch dargestellt werden. Die frühzeitige Diagnose ist wichtig, da ein ev. anfallender operativer Ausgleich in der Wachstumsphase mit weniger Komplikationen verbunden ist.

Ursachen einer Beinlängendifferenz: reell oder funktionell

Eine anatomische, d.h. reelle Beinlängendifferenz, kommt durch einen Unterschied in der Knochenlänge zustande. Eine funktionelle infolge von Muskelkontrakturen (dauerhafte Muskelverkürzungen) oder Fehlstellungen einzelner Gelenke. Ein Beinlängenunterschied ist entweder angeboren, etwa im Rahmen von kongenitalen Osteochondrodysplasien (Skelettentwicklungsstörungen), die auf fehlerhaften Differenzierungs-, Wachstums- und Formungsvorgängen der Knorpel und Knochen beruhen und ein einseitig vermindertes Knochenwachstum nach sich ziehen können. Dazu zählen beispielsweise

  • der kongenitale Femurdefekt (CFD, proximaler Femurdefekt, PFFD): angeborene Verkürzung oder Fehlen des Oberschenkelknochens
  • die Fibulahemimelie: angeborene Verkürzung des Unterschenkels durch Fibulahypoplasie (unterentwickeltes Wadenbein) oder Fibulaaplasie (fehlendes Wadenbein), oft verbunden mit einer Sprunggelenks- und Fußfehlbildung sowie Oberschenkelverkürzung
  • die Tibiapseudarthrose (CPT): angeborene Knochenbildungsstörung im unteren Bereich des Schienbeins mit Verbiegung des Unterschenkels nach hinten) und Varusfehlstellung (O-Bein), oft im Rahmen einer Neurofibromatose.
  • die Tibiaaplasie bzw. Tibiahypoplasie: sehr seltene, angeborene Unterentwicklung oder Fehlen des Schienbeins, häufig vergesellschaftet mit einer Fußfehlbildung.
  • das Crus recurvatum valgum: Verbiegung des Schienbeins nach vorne und außen, Neigung des Fersenbeins nach innen (Valgusstellung), was den eigentlich normal geformten Fuß in eine Fehlposition bringt, sowie Schwäche der Wadenmuskulatur.
  • eine angeborene Hüftdysplasie bzw. -luxation
  • Hüft- (Coxa vara), Knie- (Genu valgum = X-Bein, Genu varum = O-Bein) oder Fußfehlstellungen (Spitz-, Klumpfuß)
  • ein partieller Riesenwuchs (Klippel-Trénaunay-Weber-Syndrom, Proteus-Syndrom)

Oder der Beinlängenunterschied wird im Laufe des Lebens erworben. Beispielsweise als Auswirkung von Endoprothesen, Knochenentzündungen (z.B. Osteomyelitis, septische Koxitis, juvenile Polyarthritis), Hüftgelenkserkrankungen (z.B. Hüftkopfnekrose), Knochenzysten oder -tumoren (z.B. Enchondrome, Hämangiome, Morbus Recklinghausen) mit Abbau von Knochenmasse. Auch mit Lähmungen (z.B. Poliomyelitis, infantile Zerebralparese) oder veränderten Stoffwechselprozessen einhergehende Erkrankungen sowie Bestrahlungen bei Krebsleiden können die Versorgung oder Mineralisierung von Beinknochen vermindern und damit ihr Wachstum beeinflussen. Für erworbene anatomische Beinlängendifferenzen bilden jedoch Verletzungen wie Knochenbrüche oder Epiphysen-Läsionen (Verletzungen von Wachstumsfugen = knorpelige Zonen des Knochenwachstums zwischen Knochenende und -schaft) die häufigsten Ursachen. Wohingegen funktionelle Längendifferenzen eher auf traumatisch bedingten Luxationen (Verrenkungen) oder Kontrakturen (Funktions- und Bewegungseinschränkung durch Gewebsverkürzung oder -schrumpfung) der Knie-, Hüft- oder oberen Sprunggelenke basieren.

Darüber hinaus gibt es eine scheinbare Beinlängendifferenz, bei der die Beine nur unterschiedlich lang wirken, es jedoch nicht sind. Ihre Ursache liegt häufig in einer IGS-Blockade (Ileosakral-Blockade), d.h. einem eingeschränkten Gelenkspiel an den Gelenken zwischen Kreuz- und Darmbein, z.B. nach dem Heben schwerer Lasten oder längerer Schonhaltung u.a.m.

Behandlungsbedürftig?

Eine geringe Beinlängendifferenz von unter einem Zentimeter kann der Bewegungsapparat in der Regel gut verkraften, ist meist kaum optisch auffällig und führt auch nur eher selten zu Beschwerden wie einem Verkürzungshinken oder einer Skoliose (seitliche Wirbelsäulenverkrümmung). Ein größerer Beinlängenunterschied jedoch bedingt eine bedeutende Veränderung in der Statik des Bewegungsapparates und kann schwere Auswirkungen auf Knochen, Muskeln und Gelenke haben. Dazu zählen ein Beckenschiefstand und eine Skoliose der Lendenwirbelsäule mit ev. nachfolgender Gegenkrümmung der Brust- und Halswirbelsäule (zervikothorakale Skoliose), wobei diese Verbiegungen eine hohe Neigung besitzen, bestehen zu bleiben. Am kürzeren Bein entwickelt sich eine Spitzfußhaltung, am längeren eine Kniebeugung.

All das führt zu Fehlbelastungen sowohl des Hüftgelenks am längeren Bein (Ausbildung einer Coxa valga = abnorme Oberschenkelhalsstellung mit zu steilem Winkel) mit erhöhtem Arthroserisiko als auch der Wirbelsäule mit vor allem in der Lendenwirbelsäule vermehrten Abnutzungserscheinungen der Bandscheiben, Spondylarthrosen (Arthrosen der kleinen Wirbelgelenke) und Osteophytenbildung (Knochenleisten, -sporne: umschriebene Knochenneubildungen). Die so entstandene Coxa valga abverlangt den Abduktoren (hüftabspreizende Muskeln) mehr Muskelarbeit, was chronische Bursitiden (Schleimbeutelentzündungen) verursachen kann, weil dadurch Sehnen verstärkt auf den Trochanter major drücken. Zudem entstehen vermehrt Tendinopathien (Sehnenleiden) verschiedener Muskeln (z.B. Adduktoren = Beinheranzieher) sowie asymmetrische Muskelaktivitäten in diversen Muskelgruppen des Rumpfes und der unteren Extremitäten mit Muskelermüdungsschmerzen.

Aus den Fehlbelastungen resultieren Symptome wie ein Hinken bzw. Humpeln, Haltungsschäden und Gangstörungen. Im Besonderen aber Schmerzen. Wobei bereits eine Beinlängendifferenz bzw. ein Beckenschiefstand von nur einigen Millimetern genügen kann, um Hüft-, Rücken-, Nacken-, Knie, Kopf- oder gar Zahnschmerzen, außerdem Schwindel, einen Tinnitus sowie einen Schulterschiefstand auf der Seite des längeren Beins und eine Seitneigung des Kopfes zum kurzen Bein hin auszulösen.

Behandlungsmethoden: konservativ bis chirurgisch

Das Ausmaß der jeweils vorliegenden Beinlängendifferenz bestimmt die Art ihrer Therapie. Längenunterschiede von bis zu einem Zentimeter, die keine Beschwerden verursachen, bedürfen im Normalfall keiner Behandlung. Andernfalls genügen zum Ausgleich in der Regel spezielle Schuheinlagen oder Modifikationen von Konfektionsschuhen (Fersenkissen, Fersenkeile). Längenunterschiede bis maximal drei Zentimeter brauchen zu ihrer Kompensation oft orthopädische Schuhzurichtungen (Absatzerhöhung mit Sohlenausgleich = Schuhsohlen-Aufdoppelung auf der kürzeren Seite). Für Differenzen ab drei Zentimetern empfiehlt sich orthopädisches Schuhwerk. Ein hochgradiger Längenunterschied (> 12 cm) muss durch Etagenschuhe oder Fußbettungsorthesen (Orthese: orthopädietechnisches Hilfsmittel zur Korrektur und Entlastung eines Körperteils), die den Fuß des kürzeren Beins in Spitzfußstellung versetzen, ausgeglichen werden.

Liegt eine anatomisch bedingte Differenz von mindestens drei Zentimetern vor oder kommt aus irgendwelchen (z.B. ästhetischen) Gründen eine deutliche Sohlenerhöhung/Orthesenanwendung nicht infrage, können auch chirurgische Korrekturmöglichkeiten genutzt werden wie:

  • eine Verkürzung des längeren Beines per Osteotomie (teilweise Knochenentfernung)
  • eine Verlängerung des kürzeren Beines durch Kallusdistraktion (Distraktionsosteogenese): Knochendurchtrennung, dann langsames Auseinanderziehen der Knochenenden mit einer von außen angebrachten Haltekonstruktion (Fixateur externe) oder einen ins Knochenmark eingebrachten Verlängerungsmarknagel, woraufhin sich neuer Knochen (Kallus) bildet.
  • eine sogenannte Wachstumslenkung bei Kindern und noch wachsenden Jugendlichen per Epiphyseodese, d.h. dauerhaften oder zeitweisen Wachstumsfugen-“Bremsung“ des längeren Beines z.B. mittels Anbohrung derselben, um eine knöcherne Brückenbildung einzuleiten (Op. nach Canale) oder per temporärer Setzung eines Implantates am Knie (“eigth-plate“).

Bei mangelhaft angelegten oder fehlenden Knochen sind spezielle rekonstruktive Operationsmethoden (z.B. mit Gewebetransplantation) erforderlich. Als Begleit- bzw. Folgemaßnahmen zu den Operationen kommen gezieltes Muskeltraining, Krankengymnastik, Massagen, manuelle Medizin Physiotherapie und Entspannungsmethoden (z.B. progressive Muskelverspannung) zum Einsatz.

Eine funktionelle Beinlängendifferenz bedarf zwar keiner Knochenoperation, aber einer ursächlichen Behandlung, um möglichst den Auslöser (z.B. Kontrakturen) auszuschalten. Zudem – zur Behebung von Muskelverspannungen – einer intensiven Weichteilbehandlung (Massagen, Chiropraxis etc.), eventuell auch eines chirurgischen Weichteileingriffs.

 

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