Stottern, Poltern und Stammeln: Redestörungen als Kommunikationshindernis

©panthermedia.net, Gelpi José Manuel

Spätestens wenn Kinder in die Schule kommen, müssen sie ausgiebig verbal kommunizieren. Dann wird es schwierig für diejenigen, die mit Redestörungen wie Stottern, Poltern oder Stammeln kämpfen.

Sprechen ist schon allein motorisch eine komplexe Angelegenheit. Mehr als hundert Muskeln müssen in Aktion treten, um zehn bis fünfzehn Phons (Laute) pro Sekunde so zu erzeugen, dass eine verständliche Sprache entsteht. Lautbildung allein entscheidet aber noch nicht darüber, wie gut die entstandene Sprache zu verstehen ist. Hier spielt der sogenannte Redefluss eine wesentliche Rolle. Abnorme Veränderungen desselben können organische (z.B. Taubheit) oder geistige (z.B. fehlendes Sprachverständnis) Ursachen haben. Oder auf Redestörungen wie dem Stottern (Balbuties), Stammeln (Dyslalie) oder Poltern (Battarismus, Tachyphemie, Tumultus sermonis, Paraphrasia praeceps) beruhen.

Sprechunflüssigkeiten: während der Sprachentwicklung normal

Wenn Kinder sprechen lernen, wiederholen sie oft Laute, stammeln oder bringen Sätze nicht zu Ende. Solche Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern sowie Verzögerungen oder Unterbrechungen im Redefluss, in der Logopädie (Sprachheilkunde, Sprecherziehung) Sprechunflüssigkeiten genannt, bleiben normale Vorgänge während der Sprachentwicklung, die üblicherweise mit rund vier Jahren ihren Abschluss findet. Denn die Erweiterung des Wortschatzes und die Formulierung längerer und komplexerer Sätze überfordert hin und wieder die Fähigkeiten kleiner Kinder. Auch nach fertiger Sprachentwicklung können zeitweise Sprechunflüssigkeiten ohne krankhaften Hintergrund auftreten, z.B. bei Aufregung oder Übermüdung.

Stottern, Poltern oder Stammeln

Gelegentlich aber entsteht aus entwicklungsbedingten Sprechunflüssigkeiten chronisches Stottern. Typisch für diese Redestörung sind situationsabhängige Wort- und Silbenwiederholungen, Lautdehnungen und Pausen zwischen Wörtern und Satzteilen, verbunden mit Zeichen körperlicher Anspannung wie Muskelverkrampfungen (z.B. im Gesicht), Veränderungen in der Atemtechnik oder zusätzlichen Mitbewegungen beim Sprechen. Nicht selten reagieren betroffene Kinder auf diesen Stress beim Reden mit sprachlichem Rückzug, d.h. sie erzählen nicht mehr spontan von ihren Erlebnissen.

Im Gegensatz dazu läuft das Poltern ohne Wiederholungen oder Verzögerungen ab. Sein wesentlichstes Kennzeichen ist eine hohe Sprechgeschwindigkeit mit gestörtem Sprechrhythmus. Daraus resultieren Lautverschmelzungen (Elisionen) mit “Verschlucken“ von Silben, Zwischenrufe (Interjektionen; z.B. “ähm“) und ein fehlerhaftes Satzmuster. Die unregelmäßige, ruckartige Sprechweise erschwert den Zuhörern zu erkennen, was der Redner sagen will.

Wieder anders tritt das Stammeln in Erscheinung. Diese Störung beruht auf einer fehlerhaften Lautbildung. Abhängig vom Ausmaß der Dyslalie unterscheidet man zwischen dem einfachen Stammeln (partielle Dyslalie: Ausfall von ein oder zwei Lauten) mit gut verständlicher Sprache, dem mehrfachen Stammeln (multiple Dyslalie: Fehlen mehrerer Laute) mit verminderter Sprachverständlichkeit  und dem universellen Stammeln (Fehlen vieler Laute), bei dem die Sprache unverständlich wird. Je nach von der Lautfehlbildung betroffenem Phon spricht man von Sigmatismus (Lispeln: fehlerhafte S- und Zischlaute), Schetismus (fehlerhafte Sch-Laute) oder Rhotazismus (fehlgebildetes stimmhaftes R).

Ursachen unklar

Warum es zu Redestörungen kommt, darauf weiß die Wissenschaft bislang keine eindeutige Antwort. Vermutlich handelt es sich dabei um multifaktoriell bedingte Krankheitsbilder, bei denen organische, familiäre und psychische (z.B. Versagensängste, Überforderungen) Komponenten zusammenspielen.

So sehen z.B. Hirnforscher wie Dr. Peter Fox von der Universität von Texas Auffälligkeiten in den Aktivitäten des Gehirns als mögliche Ursache des Stotterns. Eine verstärkte Aktivierung der rechten Gehirnhälfte soll die für die Sprachgenerierung zuständige linke Gehirnhälfte störend beeinflussen, wohingegen die Aktivität in den für die Sprachwahrnehmung verantwortlichen Hirnzentren während des Sprechens abnimmt. Dass Stottern (auch) vererbbar sein kann, dafür sprechen Untersuchungen von Wissenschaftlern wie Dr. Ehud Yairi von der Universität von Illinois. Er hat u.a. genetische Unterschiede gefunden zwischen Kindern mit entwicklungsbedingtem passagär gestörtem Redefluss und solchen mit chronischem Stottern. Andere Genforscher ziehen Mutationen mehrerer Gene (Veränderungen im Erbgut) als Auslöser des Stotterns in Betracht.

Therapie: direkt und indirekt

Für die Diagnostik von Sprechstörungen ist ein Teilgebiet der Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, die Phoniatrie, zuständig. Die Untersuchung der Redestörungen sowie die zugehörige Beratung und Durchführung von Behandlungen obliegt hauptsächlich den LogopädInnen (SprecherzieherInnen). Je nach Anamnese (erhobene Krankengeschichte) und sprachlichen Fertigkeiten wenden sie Therapieverfahren an, die individuell auf den Entwicklungsstand des Kindes zugeschnitten sind. Die Behandlung sollte früh beginnen, denn Redestörungen sind im Erwachsenenalter kaum noch heilbar. Die verbale Kommunikationsfähigkeit lässt sich aber immer verbessern.

Zur Anwendung kommen indirekte Therapieverfahren wie Information und Beratung der Eltern und die direkte Arbeit mit dem Kind, z.B. verschiedene Sprechübungen, oft verbunden mit Entspannungsmethoden. Außer der Logopädie können auch psychisch unterstützende und das Selbstwertgefühl stärkende Behandlungen wie eine Spiel- oder Verhaltenstherapie, seltener und zeitlich begrenzt auch angstlösende Medikamente zum Einsatz kommen.

Zumindest beim Stottern gibt es auch Strategien zur Umgehung des Problems wie z.B. die Angewöhnung einer verhauchten, “überlüfteten Sprache“ (z.B. Marilyn Monroe) oder eine Vermeidungstaktik in Bezug auf das Stottern auslösende Wörter. So verwundert es nicht, dass manche Menschen mit dieser Redestörung sogar Berufe wählen, bei denen sie im Rampenlicht stehen bzw. Reden halten müssen, z.B. Politiker wie Winston Churchill oder Schauspieler wie Bruce Willis.

Was redegestörten Kindern das Leben erleichtert

Die Therapien von Redestörungen bieten Hilfen zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit, beinhalten aber Rückfälle und benötigen in der Regel viel Zeit und Geduld. Qualitäten, die auch Eltern und andere Betreuungspersonen im Umgang mit Stotterern, Polterern und Stammlern pflegen sollten, indem sie z.B. beherzigen:

  • Selbst langsam und in fürs Kind altersgemäß verständlichen Worten reden, damit sich das Kind nicht unter Druck gesetzt fühlt, selbst schnell und in komplexen Sätzen sprechen zu müssen.
  • Das Kind bevorzugt selbst erzählen und es aussprechen lassen anstatt es mit Fragen zu löchern.
  • Gelassen bleiben, wenn das Kind stottert, poltert oder stammelt, damit keine Anspannung entsteht, die sich aufs Kind überträgt. Dabei aktiv zuhören, durch gelegentliche Äußerungen dem Kind zeigen, dass man seinen Ausführungen folgt und mit ihm Blickkontakt halten.
  • Behutsam, aber offen mit dem Kind über seine Redestörung sprechen.

 

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Research in Early Childhood Stuttering

 

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