Kindliche Entwicklungsstörung: Handicaps fürs Leben

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Es ist schon eine ganze Menge, was sich der Nachwuchs an unterschiedlichen Fähigkeiten – und das zeitgerecht – aneignen muss, um im Leben bestehen zu können. Das bleibt Kindern mit Entwicklungsstörungen verwehrt, sofern sie nicht frühzeitig kompetente und intensive Fördermaßnahmen erhalten.

Vor allem in den ersten Jahren müssen Kinder eine unglaubliche Vielzahl an Fähigkeiten erlernen. Sitzen, krabbeln, stehen, laufen, sprechen, trocken werden, sich selbst anziehen und vieles mehr sollen Kinder jeweils in einem bestimmten Alter können. Wie schnell sie diese Fertigkeiten erwerben, hängt von vielen Faktoren ab und variiert von Kind zu Kind. Liegt ein Knabe oder Mädchen mit seinen motorischen und/oder sprachlichen und/oder geistigen und/oder sozialen Fähigkeiten aber deutlich hinter Gleichaltrigen zurück, liegt der Verdacht auf eine Entwicklungsstörung nahe. Gleiches gilt, wenn im Laufe der Entwicklung Symptome auftreten, die bei einem normal entfalteten Kind nicht vorkommen (z.B. ständige asymmetrische Haltung).

Je nach Bereich, in dem ein Kind nicht zeitgerecht reift, unterscheidet man hauptsächlich zwischen motorischen und Sprachentwicklungsstörungen, Intelligenzdefiziten und tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Zudem gibt es Teilleistungsstörungen, die sich meist erst im Schulalter bemerkbar machen. Dazu gehören die Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) und die Dyskalkulie (Rechenschwäche) sowie eine Kombination der beiden Defizite.

Motorische Entwicklungsstörungen

Sie betreffen entweder alle motorischen Leistungen, die nur mit mehr oder minder großer Verspätung erreicht werden, oder nur einen Teilbereich (z.B. Beherrschung der Grobmotorik wie beim Sitzen oder Gehen, aber Schwierigkeiten mit der Feinmotorik wie z.B. der Augen-Hand-Koordination). Kinder mit motorischen Entwicklungsstörungen können häufig ihre Bewegungen nur mangelhaft kontrollieren und ihre Kraft schlecht einschätzen, sodass sie überschießende Bewegungen ausführen und ungewollt andere verletzen. Sie können ihre Ausmaße nicht richtig einschätzen, haben Mühe, das Gleichgewicht zu halten und sich räumlich zu orientieren.

Im Vor- und Grundschulalter zeigen sich leichtere motorische Defizite besonders bei komplexen Bewegungsabläufen als Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit (“Tolpatsch“), z.B. in Form von Schwierigkeiten beim Anziehen, Schreiben, Malen oder Basteln. Durch reichlich Übung verringern sie sich zwar meist mit den Jahren, bleiben aber in abgeschwächter Manier oft bis ins Erwachsenenalter bestehen. Mit motorischen Entwicklungsstörungen vergesellschaftet ist häufig eine Sprechstörung (fehlerhafte Lautbildung, undeutliche Aussprache), denn Sprechen stellt eine besonders anspruchsvolle feinmotorische Leistung dar.

Sprachentwicklungsstörungen

Sie treten in drei Formen auf:

  • Expressive Sprachstörung: Sie betrifft den sprachlichen Ausdruck, ohne dass das Sprachverständnis beeinträchtigt ist. Typisch ist ein stark reduzierter aktiver Wortschatz und deshalb Schwierigkeiten, die passenden Worte zu finden und Sätze grammatikalisch richtig aufzubauen.
  • Rezeptive Sprachstörung: Hier befindet sich das Sprachverständnis nicht im Normbereich. Die Bedeutung von Begriffen wird nicht verstanden, ebenso wenig der Inhalt komplex aufgebauter Sätze. Auch der passive Wortschatz ist reduziert.
  • eine Kombination aus expressiver und rezeptiver Sprachstörung.

Intelligenzminderung

Geistige Entwicklungsstörungen sind schwer eindeutig zu definieren, beinhalten jedoch eine verminderte Fähigkeit, mit neuartigen Problemen und Situationen umzugehen. Im Rahmen einer solchen Intelligenzminderung stagnieren geistige Fähigkeiten wie z.B. die Sprache, Anpassungsfähigkeit an alltägliche Aufgaben und soziale Fertigkeiten oder sind nur unvollständig ausgereift.

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen

Hierzu zählen vor allem der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom, der atypische Autismus, eine Erethie (krankhaft gesteigerte Erregbarkeit, ruheloser Bewegungsdrang) bei geistiger Behinderung und ähnliche Erkrankungen.

Ursachen und Verlauf von Entwicklungsstörungen

Entwicklungsstörungen haben nicht immer einen erkennbaren Grund. Oftmals liegen ihre Ursachen im hirnorganischen Bereich. Sie sind entweder angeboren (z.B. bei Hirnfehlbildungen) oder das Resultat einer Schädigung des Kindes im Mutterleib (z.B. infolge einer Infektion oder eines Drogenkonsums der Schwangeren), während der Geburt (z.B. Sauerstoffmangel) oder danach (z.B. Schädelverletzung, Stoffwechselkrankheit, Hirnhautentzündung). Auch ein entwicklungsfeindliches Umfeld wie z.B. schwierige Familienverhältnisse oder Traumata können zu Entwicklungsstörungen führen.

Ebenso vielfältig wie die Ursachen gestaltet sich der Verlauf von Entwicklungsstörungen. So können einige Auffälligkeiten bereits im Säuglingsalter zutage treten, andere wieder zeigen sich erst später. Nicht darauf vertrauen sollten Eltern und andere Betreuungspersonen, dass diese sich “schon noch von allein auswachsen“ werden. Ohne entsprechende Fördermaßnahmen ist nämlich bei Entwicklungsstörungen kaum eine nennenswerte Verbesserung zu erwarten.

Erkennung und Behandlung von Entwicklungsstörungen

Zur Auffindung von Entwicklungsstörungen ist es zunächst erforderlich, den Entwicklungsstand eines Kindes zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu überprüfen, wie es z.B. im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen geschieht, sofern die Eltern alle wahrnehmen. Besteht der begründete Verdacht auf eine Entwicklungsstörung, werden je nach deren Art und Ausmaß diagnostische (z.B. Einschätzung anhand eines Punktesystems) und therapeutische Maßnahmen erforderlich, die von Ärzten, Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden, Heil- und Sonderpädagogen, Psychologen, usw. durchgeführt werden.

Die Involvierung verschiedener gesundheitsorientierter Berufsgruppen zur Feststellung und Behandlung von Entwicklungsstörungen soll einerseits möglichst verhindern, dass Kinder, die einfach nur “Spätzünder“ sind, als entwicklungsgestört verkannt werden. Andererseits soll dieses Vorgehen eine möglichst umfassende therapeutische Betreuung gewährleisten. Dazu gehört auch der Gang zum Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, denn eine verzögerte Sprachentwicklung bzw. Sprachstörungen gelten zwar als Alarmsignal für Entwicklungsstörungen, können aber auch die Folge eines verminderten Hörvermögens sein.

Frühzeitig erkannt, können Entwicklungsstörungen, sofern es sich nicht um allzu schwerwiegende Defizite handelt, erfolgreich therapiert werden, sodass sie sich mit zunehmendem Alter verringern. Das trifft vor allem für Probleme im motorischen Bereich zu. Darin inkludiert sollten immer auch Methoden zur Unterstützung des kindlichen Selbstwertgefühls (z.B. sensomotorische Integrationstherapie) sein, damit es sich mehr zutraut. Keinen Platz haben hingegen mahnende Bemerkungen, die im Kind Ängste schüren und ihm zusätzlich zu seiner Störung soziale Probleme bescheren.

Begleitend zu den Fördermaßnahmen fürs Kind sollten regelmäßige Beratungsgespräche mit seinen Eltern stattfinden, auch im Hinblick auf eine realistische Einschätzung der zu erwartenden Fortschritte und damit des weiteren Bildungs- und Lebenswegs, v.a. bei geistigen Defiziten des Kindes.

Bis zu einem gewissen Grad lässt sich bestimmten Entwicklungsstörungen vorbeugen, zumindest solchen, die durch ungünstige psychosoziale Umstände hervorgerufen werden. Etwa durch viel persönliche Ansprache und Zuwendung bereits im Babyalter, sodass das Kind geistig, seelisch und körperlich reifen kann.

 

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