Lepra: noch nicht ausgerottet, aber Ansteckung unwahrscheinlich

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Schreckensbilder von abfaulenden Körperteilen geistern durch viele Köpfe, ist von Lepra die Rede. Zu solchen Verstümmelungen kommt es aber nur unter bestimmten Umständen. Ob überhaupt und wenn, mit welchen Symptomen sich diese chronische Erkrankung entwickelt, hängt nämlich ganz wesentlich vom jeweiligen Zustand des Immunsystems des Infizierten und seinen Lebensbedingungen ab.   

Lepra (Hansen’sche Krankheit), besser bekannt als “Aussatz“, ist eine chronische Infektion, die früher weltweit vorkam, heute aber nur noch vor allem in tropischen Ländern (z.B. Indien!, Brasilien, Indonesien, Bangladesch, Nigeria, Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Nepal, Myanmar, Tansania, Sudan, Sri Lanka, Philippinen, China, Madagaskar, Mosambik) auftritt. Besonders dort, wo Mangelernährung, schmutziges Wasser und beengte Wohnverhältnisse regieren. Dass es sich bei der Lepra um eine Erkrankung der Armen handelt, kommt bereits in der mittelalterlichen Sammel-Bezeichnung für alle lepra-ähnlichen Erkrankungen “Miselsucht“ (lat.: misellus = arm, unglücklich) zum Ausdruck.

Es braucht einen langfristigen intensiven Körperkontakt zwischen Menschen (z.B. Zusammenleben mit Leprakranken), damit es zur Übertragung des Krankheitserregers Mycobacterium leprae kommt. Sie erfolgt höchstwahrscheinlich durch Tröpfcheninfektion, eventuell auch transdermal (durch die  Haut). Und auch die körpereigene Abwehr muss mitspielen oder besser gesagt ihren Dienst versagen. Wie es um die Immunlage bestellt ist, hängt sehr von Faktoren wie Nahrung, Hygiene usw. ab. Kurzum: Menschen sind – je nach Lebensumfeld – verschieden stark anfällig für Lepra.

Symptome: welche kommen wann?

Die Inkubationszeit (Phase zwischen Ansteckung und Ausbruch der ersten Beschwerden) von Lepra unterliegt einer enormen Variationsbreite, die Beobachtungen zufolge zwischen drei Monaten und 40 Jahren liegen soll. Dies lässt sich auf die sehr langsame Vermehrungsrate des Lepra-Erregers zurückführen, der sich nur etwa alle 13 Tage teilt.

Erste Anzeichen für Lepra (Lepra indeterminata) sind ein Taubheitsgefühl in Fingern und/oder Füßen und sich taub anfühlende, je nach Hauttyp hell oder dunkel gefärbte, scharf begrenzte und unempfindliche Hautflecken. Wie es mit der Symptomatik weitergeht, entscheidet jeweils die Stärke des Immunsystems des Infizierten.

Ist das Abwehrsystem halbwegs in Schuss, entsteht die kaum infektiöse und langsam verlaufende tuberkuloide Lepra (Nervenlepra) mit wenigen granulomatösen (knötchenartigen) Läsionen, die eine nur geringe Keimzahl (paucibacilläre Lepra) enthalten. Zu den meist zur Regression (Rückgang) neigenden Krankheitszeichen zählen

  • Nervenverdickungen
  • periphere Sensibilitätsstörungen (Empfindungsstörungen), die unbemerkte, weil schmerzlose Verletzungen nach sich ziehen können
  • Lähmungen und eine Facies antonina (Maskengesicht) infolge eines Ausfalls des Nervus Facialis (Gesichtsnerv)
  • eine Keratomalazie (Erweichung und Trübung der Augen-Hornhaut, Gefahr: Erblindung)
  • trophische (die Gewebeernährung betreffende) Störungen der Füße (“mal perforant du pied“)

Bei einer stark beeinträchtigten Immunlage kann sich die aufgrund der hohen Keimzahl (multibacilläre Lepra) hochinfektiöse, unbehandelt fortschreitende bis potenziell tödliche lepromatöse Lepra (Knotenlepra) einstellen. Ihre Symptome sind

  • Leprome: typische Hautknoten am Rumpf und Gesicht, die massenhaft Mykobakterien enthalten, sich während des Krankheitsverlaufs vergrößern und ulzerieren (Geschwürbildung) können sowie eine Facies leonina, ein wegen der Knoten löwenhaft aussehendes Gesicht
  • starke Schwellungen, vor allem im Gesicht
  • eine Madarosis (chronische Lidrandentzündung mit Verlust der Wimpern) und ein Lucio-Phänomen: Verlust der Augenbrauen vom äußeren Rand her
  • ein Möller-Christensen-Phänomen: Lockerung der vorderen Schneidezähne mit nachfolgender Fehlstellung
  • eine Sattelnasenbildung und Vox rauca (raue Stimme) durch den Befall des Kehlkopfs
  • ein Haarausfall und eine Verminderung der Schweißsekretion
  • sich langsam entwickelnde Nervenschädigungen, die im Spätstadium aufgrund der Gefühllosigkeit zu nicht gleich wahrgenommenen Verletzungen und Verstümmelungen sowie Infektionen derselben führen können, weil diese als Eintrittspforte für Keime dienen. Das reicht bis hin zum Verlust von Extremitäten und Entstellungen im Gesicht.
  • eine Amyloidose (Erkrankung durch Ablagerung unlöslicher Eiweißkörper), Glomerulonephritis (Nierenentzündung) sowie im Spätstadium ein diverser Organbefall

Eine variable Mischung von Symptomen der tuberkuloiden und der lepromatösen Form ist die Borderline-Lepra, deren Verlauf von der Resistenzlage abhängt. Sie kann im Gegensatz zur tuberkuloiden und lepromatösen Lepra in die beiden anderen Formen übergehen.

Lepra erkennen

Die typischen Beschwerden wie gefühllose Hautareale, verdickte Nervenstränge und schmerzlose Verbrennungs- oder Verletzungswunden nach einem Aufenthalt in einem gefährdeten Gebiet führen oft schon zur richtigen Diagnose. Sie kann durch einen Erregernachweis erhärtet werden. Hierzu ist eine Probenentnahme aus Hautknoten oder verdickten Nerven oder die Anfertigung eines Haut- oder Schleimhautgeschabsels mit anschließender Ziehl-Neelsen-Färbung und mikroskopischer Begutachtung erforderlich. Vor allem bei einer paucibacillären Lepra kann auch eine PCR (Polymerase Chain Reaction zum Nachweis der Bakterien-DNA) sinnvoll sein. Eine Unterscheidung der verschiedenen Lepraformen erlaubt der Lepromin-Test, bei dem abgetötete Lepraerreger in die Haut gespritzt werden. Kommt es daraufhin zu einer positiven Reaktion, handelt es sich um eine tuberkuloide Lepra.

Lepra behandeln

Die meisten Lepra-Infektionen heilen bei ausreichend gutem Immunstatus spontan und symptomlos oder in ihrer Frühphase aus. Kommt die Krankheit zum Ausbruch, führt bei rechtzeitigem Beginn eine langfristige (mehrere Monate bis zu zwei Jahre) medikamentöse Therapie aus drei verschiedenen Antibiotika zur vollständigen Abtötung der Mykobakterien und damit folgenlosen Ausheilung der Lepra, bei späterem Einsatz zumindest zu keinem weiteren Fortschreiten der Krankheit, d.h. bereits erfolgte Verstümmelungen verschwinden damit nicht.

Allerdings kann es dabei zu Komplikationen – genannt Lepra-Reaktionen – kommen, wovon man zwei Typen unterscheidet. Bei einer Lepra-Reaktion Typ 1 flammen ehemalige Hautläsionen und Neuritiden (Nervenentzündungen) wieder auf. Eine Lepra-Reaktion Typ 2 kommt nur bei der lepromatösen Lepra oder einer Borderline-Lepra mit eher lepromatösem Charakter vor und tritt als Zeichen einer allergischen Überreaktion als Erythema nodosum leprosum (unscharf begrenzte Flecken, druckempfindliche Knötchen unter der Haut) zutage. Behandelt werden Leprareaktionen mit Kortikosteroiden oder auch Thalidomid.

Einen wichtigen Teil in der Behandlung der Lepra nimmt die Prävention von Behinderungen ein. Mit Maßnahmen wie einer fachgerechten Hautpflege, dem Schutz von Augen und Akren (vorspringende Körperteile, d.h. Endglieder von Fingern und Zehen, Nase, Kinn, Ohrmuscheln) durch Salben, Sonnenbrillen, Handschuhe, spezielle Schuhe mit Gummieinlage, Kochutensilien mit wärmeisoliertem Griff, Zigarettenmundstücke für Raucher etc. sowie der Beseitigung sonstiger Gefahrenquellen für Bagatellverletzungen im Alltag. Drohenden Lähmungen wirkt eine Bewegungstherapie entgegen. Bereits eingetretene Verstümmelungen lassen sich zwar kaum rückgängig machen, doch teilweise mittels Wiederherstellungschirurgie korrigieren.

Sich vor Lepra schützen

Vor der Antibiotika-Ära war Ausgrenzung (z.B. Unterbringung in Leprosorien = Aussatzspitälern, im Mittelalter mussten sich Lepra-Kranke mit einem speziellen Kapuzenkleid, Handschuhen und einer hölzernen Klapper kennzeichnen) der einzigmögliche Schutz gegen Lepra, wovon ihre Bezeichnung als Aussatz stammt. Eine Isolierung Erkrankter wird heute wegen der niedrigen Ansteckungswahrscheinlichkeit nicht mehr empfohlen, jedoch die Einhaltung hygienischer Maßnahmen.

Eine Schutzimpfung gegen Lepra gibt es nicht, da sich die Bakterien nicht im Labor in Kulturen zwecks Impfstoffgewinnung anzüchten lassen. Bis zu einem gewissen Grad scheint jedoch zumindest in einigen Regionen eine Impfung gegen Tuberkulose Schutz gegen Lepra zu gewähren.

 

Weiter führende Links:
Leprastiftung
Aussätzigen-Hilfswerk Österreich

Link zu unserem Lexikon:
Abwehrschwäche