Herzklappenfehler: oft symptomlos, selten harmlos

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Erkrankte Herzklappen verursachen oft lange Zeit kaum Beschwerden und werden daher häufig nur zufällig entdeckt. Ernst zu nehmen sind sie aber allemal. Denn unbehandelt kosten Herzklappenfehler Lebensqualität. Und Lebenszeit.

Das Herz ist eine speziell konstruierte Pumpe, die im Normalfall gewährleistet, dass das Blut in geordneter Manier durch das Gefäßsystem zirkuliert. Zu diesem Zweck besteht sowohl die linke als auch die rechte Herzhälfte aus je zwei Höhlen und zwar einem Vorhof und einer Kammer, die sich in regelmäßigem Takt füllen (Diastole, Erholungsphase) und entleeren (Systole, Auswurfphase). Die Lungenvenen bringen das in der Lunge mit Sauerstoff angereicherte Blut in den linken Vorhof. Die linke Herzkammer transportiert dieses sauerstoffreiche Blut über die Aorta (Hauptschlagader) in den Körperkreislauf. Das aus dem Körper zurückfließende, nun sauerstoffarme Blut gelangt über die Hohlvenen in den rechten Vorhof, von dort in die rechte Herzkammer und – zwecks Sauerstoffaufnahme über die Pulmonalarterie (Lungenschlagader) in den Lungenkreislauf.

Damit das Blut in allen vier Herzhöhlen in die richtige Richtung fließt, verfügt das Pumporgan über als Ventile fungierende, sich unaufhörlich (rund 100.000 mal täglich) öffnende und schließende vier Klappen: Zwischen linkem Vorhof und linker Kammer sitzt die Mitralklappe, zwischen rechtem Vorhof und rechter Kammer die Trikuspidalklappe. Am Übergang von der linken Kammer zur Aorta (Hauptschlagader) befindet sich die Aortenklappe, am Übergang von der rechten Kammer zur Lungenarterie die Pulmonalklappe. All diese Klappen können fehlgebildet sein oder – häufiger – aufgrund krankhafter Veränderungen sich verengen (Klappenstenose) oder nicht richtig schließen (Klappeninsuffizienz). Das hat verschiedene Auswirkungen auf die Klappenfunktion, den Blutfluss, aber auch auf das Herz selbst, sodass eine medikamentöse oder operative Therapie angesagt ist.

Ursachen von Herzklappenfehlern

Herzklappenfehler können angeboren sein. Wie z.B. eine bikuspide Aortenklappe: Sie hat statt wie normal drei nur zwei Klappentaschen, was zu ihrer späteren Verkalkung und Verengung prädisponiert. Häufiger aber entwickeln sich Herzklappenfehler erst im Laufe des Lebens, etwa

  • infolge einer ausgeprägten Arteriosklerose bzw. altersbedingter Abnutzungserscheinungen und Kalkeinlagerungen
  • als Auswirkung eines Herzinfarkts, wenn dabei dasjenige Herzmuskelgewebe zugrunde geht, an dem der Halteapparat (Sehnenfäden, Papillarmuskel) der Klappe ansetzt
  • als Ergebnis einer Herzmuskelerkrankung, die mit einer Erweiterung des Klappenrings (Bindegewebsplatte, in der die Klappen sitzen) einhergeht, sodass die Klappen auseinandergezogen werden und sich daher nicht mehr regelrecht schließen können
  • aufgrund einer bakteriellen (z.B. durch Streptokokken ausgelöstes akutes rheumatisches Fieber) oder viralen Infektion am Herzen
  • im Rahmen von Verletzungen im Bereich des Brustkorbs
  • selten als Begleiterscheinung von Tumoren an den Klappen
  • im Zusammenhang mit einem Mitralklappenprolaps (Prolaps = Vorfall), bei dem sich aufgrund von Mukopolysaccharideinlagerungen und einer Vermehrung des kollagenen Bindegewebes die Klappensegel verdicken, sodass sich die Klappe während der Kontraktionsphase des Herzens vorwölbt und deshalb nicht mehr richtig schließt (Mitralinsuffizienz)

In einem Teil der Fälle bleibt die Ursache ungeklärt.

Auswirkungen von Herzklappenfehlern

Wie Herzklappenfehler in Erscheinung treten, hängt von ihrer Natur ab. Bei einer Stenose (Verengung) kann sich die jeweilige Klappe nicht weit genug öffnen, um eine ausreichende Blutmenge durchzulassen, sodass sich das Blut davor staut und der Herzmuskel sich im Bereich der vor der Stenose befindlichen Herzhöhle wegen der Druckbelastung verdickt (Herzmuskelhypertrophie). Bei einer Insuffizienz (Undichtigkeit, Klappenschwäche) schließt sich die betroffene Klappe nur unvollständig, weshalb Blut sowohl in die korrekte als auch in die Gegenrichtung fließt (“Pendelblut“). Die vor der defekten Klappe liegende Herzhöhle wird aufgrund der zunehmenden Volumenbelastung überdehnt und erweitert sich daraufhin dauerhaft. Am häufigsten findet man in unseren Breiten im hohen Lebensalter die Aortenklappenstenose (Aortenstenose) und altersunabhängig die Mitralklappeninsuffizienz. Es gibt aber auch kombinierte Herzklappenfehler, bei denen die Klappe gleichzeitig verengt und undicht ist.

Geringgradig ausgeprägte Herzklappenfehler verursachen in der Regel keine spürbaren Beschwerden. Auch schwere Klappenfehler können über lange Zeit hinweg symptomlos bleiben, weil das Herz sie bis zu einem gewissen Grad kompensieren kann. Sie belasten aber das Pumporgan und können schließlich in eine verminderte Pumpleistung bis hin zu einer tödlichen Herzinsuffizienz (Herzschwäche) münden. Hinweise auf bestehende Klappenfehler sind Symptome wie eine abnehmende Leistungsfähigkeit, rasche Ermüdbarkeit, Kurzatmigkeit oder Atemnot (v.a. bei Belastung), Schwindelattacken, Synkopen (Ohnmachtsanfälle), Herzrhythmusstörungen (Extrasystolen bis hin zum potentiell tödlichen Kammerflimmern, häufig bei Mitralstenose: Vorhofflimmern), sowie ein Engegefühl oder Schmerzen in der Brust (Angina pectoris Anfälle).

Bei einem Aorten- oder Mitralklappenfehler kommt es zu einem Blutrückstau in den Lungenkreislauf und schließlich einer Wasseransammlung in der Lunge (beim Abhören: Rasselgeräusche), die die Atmung erschwert. Daher lautet das Leitsymptom einer Linksherzinsuffizienz Kurzatmigkeit bzw. Atemnot. Die deutlich selteneren Pulmonal- und Trikuspidalklappenfehler, die meist als Folge einer langzeitigen Linksherzinsuffizienz entstehen, führen zu einer Rechtsherzinsuffizienz, Stauungsleber und Wasseransammlungen im Körper, etwa an den Knöcheln (Beinödeme) und im Bauchraum (Aszites = “Bauchwassersucht“). Zudem bilden sich in gedehnten Herzhöhlen gern Thromben (Blutgerinnsel), die, wenn sie mit dem Blut weitertransportiert werden, im Gehirn Schlaganfälle auslösen können.

Herzklappenfehler erkennen

Entdeckt werden Herzklappenfehler oft nur zufällig, etwa im Rahmen von aus anderen Gründen veranlassten Untersuchungen. Die Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) kann anhand geschilderter Beschwerden Hinweise auf ein entsprechendes Herzleiden liefern. Die Auskultation (Abhören des Herzens) ergibt klappenfehlertypische Geräusche, die die Herztöne begleiten. Art und Ausmaß (z.B. Grad der Klappenverkalkung, Druckgradient an der Stenose, Bestimmung der Klappenöffnungsfläche) einer Verengung oder Insuffizienz sowie die Blutströmungsverhältnisse im Herzen offenbaren sich in erster Linie in Ultraschalluntersuchungen des Herzens. Sie gestatten auch die Beurteilung der Funktion und Größe der Herzkammern. Eine Herzkatheteruntersuchung (Einführen eines dünnen Schlauches in die Herzkammern auf dem Blutweg) erlaubt eine Druckmessung in den Herzhöhlen, Bestimmung der Druckgradienten an den Klappen und der Förderleistung des Herzens, eine Darstellung von Klappenundichtheiten mit Kontrastmittel und somit eine Erfassung der hämodynamischen Auswirkungen eines Herzklappenfehlers auf die Herzfunktion.

Mittels (Langzeit-) Elektrokardiogramm (EKG, Aufzeichnung der Herzströme) wird nach Herzrhythmusstörungen gefahndet. Ein Belastungs-EKG zeigt, wie es um die Leistungsfähigkeit des Herzens bestellt ist. Röntgenaufnahmen des Brustkorbs liefern Informationen hinsichtlich der Herzgröße und einer eventuell vorhandenen Lungenstauung.

Herzklappenfehler behandeln

Auch wenn die meisten Klappendefekte eher stabil bleiben bzw. nur langsam fortschreiten, sind nach ihrer Entdeckung regelmäßige Kontrollen beim Kardiologen angesagt. Unbehandelt führen sie nämlich zum Herzversagen oder Lungenhochdruck. Zum Einsatz kommen Medikamente, die die Hämodynamik (Druck- und Flussverhältnisse des Blutes im Herzen und Blutkreislauf) verbessern, was das Fortschreiten von Klappendefekten zwar bremsen kann, aber das eigentliche Problem, den Klappenfehler, nicht beseitigt. Diuretika (harntreibende Medikamente) schwemmen Ödeme – auch aus der Lunge – aus und lindern so eine Luftnot. Einer nachlassenden Pumpleistung des Herzens wirken ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten und Betablocker entgegen, Antiarrhythmika auftretenden Herzrhythmusstörungen, Blutverdünnungsmittel einer Neigung zur Blutgerinnselbildung (“Thromboembolieprophylaxe“). Nitropräparate mildern Angina pectoris Anfälle.

Oft müssen Herzklappenfehler chirurgisch angegangen werden, um eine dauerhafte Schädigung des Herzens und die damit verbundene Einschränkung der Lebenserwartung zu vermeiden. Wenn möglich in Form einer Rekonstruktion (Wiederherstellung eines akzeptablen Zustandes) der erkrankten Klappe, was vor allem bei den zwischen den Vorhöfen und Kammern liegenden Klappen oft erfolgversprechend ist.

So manche defekte Klappe muss aber durch eine künstliche Herzklappe ersetzt werden. Entweder eine lärmende, haltbare, mechanische aus speziellem Kunststoff (z.B. Kippscheibenprothese, Doppelflügelklappe), die eine lebenslange Blutverdünnung erfordert. Oder eine geräuschlose, begrenzt haltbare, biologische, hergestellt aus einer vorbehandelten Schweineklappe oder einem Rinderherzbeutel. Beide machen anfällig für die Entwicklung einer potentiell lebensbedrohlichen bakteriellen Endokarditis (Herzinnenhautentzündung), die eine intensive antibiotische Therapie erfordert. Und machen die konsequente Behandlung bakterieller Infektionen (z.B. der Nasennebenhöhlen, Harnwege) sowie Antibiotikagabe bei zahnärztlichen Eingriffen oder Operationen an den oberen Luftwegen (z.B. Mandelentfernung) zur Vorbeugung einer Endokarditis notwendig.

In bestimmten Fällen kann als Alternative zur Operation am offenen Herzen ein Verfahren genutzt werden, bei dem über einen in eine Leistenarterie eingebrachten und zum Herzen vorgeschobenen Katheter eine in einen Stent (kleines Gittergerüst) eingenähte, zusammengefaltete, neue Klappe ins Herz eingesetzt wird (kathetergestützte Klappenimplantation). Die Methode dient vornehmlich zum Aortenklappenersatz (Transkatheter-Aortenklappenimplantation, TAVI). Im Rahmen einer solchen Herzkatheter-Untersuchung können auch bestimmte Klappenstenosen mit einem Ballon gesprengt (Valvuloplastie) oder bei Hochrisikopatienten ein MitraClip zwecks Rekonstruktion einer insuffizienten Mitralklappe zwischen deren beide Segel eingesetzt werden.

Herzfehlern vorbeugen

Das ist nur begrenzt möglich. Auf jeden Fall muss jede akute Endokarditis hochdosiert antibiotisch behandelt werden, damit daraus kein Klappenfehler entsteht. Sonst ist es ratsam, einen gesunden Lebensstil zu pflegen mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung, Rauchverzicht, einer Gewichtsnormalisierung etc., um arteriosklerotische Ablagerungen nach Möglichkeit zu verhindern.

 
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