Fingerhut: heilsames Gift stärkt das Herz

© H. Brauer - Fotolia.com

Ein wunderschöner Blickfang vieler Gärten hat es in sich: Der Fingerhut besitzt nicht nur viele auffallende Blüten, sondern enthält auch reichlich Substanzen, deren Heileffekte am Herzen zwar zuhauf genutzt werden, die aber vor allem auch als potente Gifte wirken. Ihre unbedachte Verwendung in Eigenregie ist daher gefährlich und kann sogar tödlich verlaufen.

Digitalis-Glykoside (z.B. Digitoxin, Digoxin) gelten als herzstärkende Arzneien und werden als solche in der Schulmedizin oft, aber kontrolliert eingesetzt. Doch sie “wachsen“ auch in vielen Gärten, an Waldlichtungen, Kahlschlägen und im Gebirge. Als Inhaltsstoff von Pflanzen mit auffällig geformten Blüten, die wissenschaftlich Digitalis heißen. Von dieser natürlichen Quelle herzwirksamer Substanzen lässt die Naturheilkunde aber weitgehend die Finger, so giftig sind sie, bzw. setzt sie nur in homöopathischer Dosis ein.

Das war früher anders. Da galt der Fingerhut als Mittel gegen Abszesse, Bronchitis, Fieber, Furunkel, Gicht, Kopfschmerzen, Lungenentzündungen, Unterleibszysten, Tuberkulose, Kindbettfieber und Wunden. Heute nutzt die Schulmedizin die dreifachen Herzwirkungen (positiv inotrop = Erhöhung der Kontraktionskraft, negativ chronotrop = Verlangsamung des Herzschlags, negativ dromotrop = Verzögerung der Erregungsüberleitung) und tonisierenden Effekte der Glykoside therapeutisch bei Herzschwäche, bestimmten Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris und Ödemen (Wasseransammlungen im Gewebe). Die Homöopathie bekämpft mit Digitalis Herzasthma und -schwäche, Ödeme, Kurzatmigkeit, Migräne, Prostatavergrößerung und Schlafstörungen.

Europäische Giftpflanze

Der Fingerhut (Achtung! Steht unter Naturschutz, darf also in freier Wildbahn nicht gesammelt werden) ist in Europa heimisch, wo er in verschiedenen Arten – bevorzugt auf sandigen, stickstoffhaltigen und kalkfreien Lehmböden – wächst. In Mitteleuropa am weitesten verbreitet ist der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea), der bis zu zwei Meter hoch wird. Von Juni bis September blüht er mitpurpurroten, mitunter auch weißen fingerhutförmigen Blüten mit geflecktem Schlund. Sie hängen in einer Traube am oberen Teil des Stängels und richten sich zur Sonne hin aus. Die an ihrer Unterseite filzig behaarten spitzovalen Blätter der zweijährigen Pflanze stehen im ersten Jahr in einer Rosette. Im zweiten Jahr treibt ein Stängel aus der Pfahlwurzel, der kleine wechselständige Blätter trägt. Kapseln mit braunen Samen bilden die Früchte des Fingerhuts.

Weitere heimische, aber seltenere Fingerhut-Arten sind der gelb blühende Großblütige Fingerhut (Digitalis grandiflora, Digitalis ambigua), der Gelbe Fingerhut (Digitalis lutea) und der in Südosteuropa ansässige Wollige Fingerhut (Digitalis lanata) mit seinen gelblich-hellbraunen, sich wollig anfühlenden Blüten.

Der Volksmund nennt den zur Pflanzenfamilie der Plantaginaceae (Wegerichgewächse) gehörenden Fingerhut auch Fingerhütlein, Fingerkraut, Fingerpiepen, Fuchskraut, Handschuhkraut, Klapprause, Liebfrauenhandschuh, Platzblume, Potschen, Schwulstkraut, Unserer-lieben-Frauen-Handschuh, Waldglocke, Waldglöckchen, Waldnönnchen oder Waldschelle.

Heikle Gratwanderung: Heil- oder Giftwirkung

Die Kombination aus positiv inotropen, negativ chronotropen und negativ dromotropen Wirkungen verleiht dem Fingerhut seine ausgezeichnete Fähigkeit, eine Herzinsuffizienz (Herzschwäche) zu behandeln. Doch dazu bedarf es einer laufenden und sorgfältigen ärztlichen Einstellung der Dosierung der Gykoside, die sich sonst im Körper ansammeln und im Falle einer Überdosierung zu Vergiftungserscheinungen führen. Gepaart mit einer guten Compliance (kooperatives Verhalten im Rahmen der Therapie) des jeweiligen Patienten, der nur so viel von einem Digitalispräparat einnehmen darf, wie vom Arzt verordnet und keinesfalls nach eigenem Gutdünken mehr oder weniger. Denn eine unkontrollierte Selbstmedikation wäre lebensgefährlich!

Doch selbst bei ordnungsgemäßer Einnahme von Fertigpräparaten können Vergiftungserscheinungen auftreten. Grund dafür ist die sehr geringe therapeutische Breite der Glykoside, d.h. der Abstand zwischen ihrer heilwirksamen und ihrer toxischen Dosis ist klein. Oder anders gesagt: Die herzstärkenden Substanzen fangen erst bei einer relativ hohen Dosis an zu wirken, die ziemlich nahe an einer giftigen Dosis liegt.

Vergiftungsanzeichen sind Beschwerden wie Ohrensausen, Schwindel und Sehstörungen wie etwa farbige Leuchterscheinungen, v.a. ein Gelb- (Xanthopsie) oder Grün-Sehen (Chloropsie) oder auch Kornblumenphänomen (Sehen blauer Kleckse, Cyanopsie), Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen. Aber auch schwerwiegende Symptome wie Herzrhythmusstörungen, eine stark verlangsamte Herzfrequenz, blaue Lippen (Zeichen von Sauerstoffmangel) und Atemnot bis hin zu einem Herzstillstand treten auf.

Die Digitalis-Glykoside befinden sich hauptsächlich in den Blättern des Fingerhuts. Bereits zwei Blätter zu verzehren kann zum Tod führen, wobei sich die Verlockung, davon zu essen wohl in Grenzen hält, denn sie schmecken bitter. Und nicht nur das. Auch beim Gärtnern ist Vorsicht angesagt, wird mit Fingerhut hantiert, denn schon die Berührung der Pflanze kann genügen, um Kopfschmerzen und Übelkeit, bei manchen Menschen auch allergische Reaktionen wie einen Hautausschlag auszulösen. Deshalb empfiehlt es sich, bei der Gartenarbeit Handschuhe anzuziehen. Leben kleine Kinder im Haushalt, verzichtet man besser überhaupt auf den Anbau der zugegebenermaßen attraktiven Pflanze.

Was tun bei einer Vergiftung?

Geschieht eine Vergiftung durch den Verzehr von Pflanzenteilen, ist eine sofortige Entleerung des Magens anzustreben, etwa durch das Auslösen von Erbrechen oder Magen auspumpen in einer Klinik. Befinden sich noch Pflanzenteile im Mund (z.B. bei Kindern, die gerne allerlei Pflanzen “kosten“),  diese entfernen und den Mund mit Wasser ausspülen lassen. Viel Wasser (nicht Milch, sonst kommt es zum gegenteiligen Effekt!) trinken kann das aufgenommene Gift verdünnen und auf die Art seine Wirkung abschwächen.

Auf jeden Fall ist beim geringstem Verdacht auf eine Digitalis-Vergiftung der Notarzt (Tel.: 144) zu verständigen. Rat und Hilfe bietet auch die österreichische Vergiftungs-Informations-Zentrale (Tel.: +43-1/406 43 43).

Magische Pflanze: Liebeszauber und Schutzwirkung

Im britischen Raum galt der Fingerhut früher als Schutzpflanze vor dem bösen Blick. Und Heilmittel für “verhexte“ Kinder, was für diese unglücklicherweise oft tödlich endete. Auch der Milch tut ins Haus gebrachter Fingerhut nicht gut, sodass sie sauer wird, glaubte man zumindest früher in der Bretagne.

Der Pflanze wurde in der Vergangenheit auch eine Wirkung auf Liebesbeziehungen zugeschrieben. So sollte etwa mit dem Fingerhut räuchern die Liebe vergrößern und vor schlechten Einflüssen schützen. Ein vor einem  Fingerhut abgegebenes, aber nicht eingehaltenes Eheversprechen oder Zerbrechen der so angekündigten Ehe erforderte einst ein neuerliches Aufsuchen des Fingerhuts, um ihm bzw. dem Pflanzengeist zu erklären, warum es zu dem Scheitern des Versprechens kam, da sonst Ärger drohte.

Übrigens: Angeblich sind die Fingerhutblüten die Kopfbedeckung von Elfen, was in der Darstellung von Elfen mit einer Fingerhutblüte auf dem Kopf in so manchen Gemälden zum Ausdruck kommt.

Heilkräuter fürs Herz

Außer dem Fingerhut bietet die Natur weitere Heilpflanzen, die vergleichbare Wirkungen am Herzen entfalten, da sie ähnliche Wirkstoffe – d.h. Digitaloide –  besitzen, obwohl sie größtenteils nicht mit dem Fingerhut verwandt sind. Dazu zählen etwa die Meerzwiebel, Einbeere, Christrose, Olea, das Maiglöckchen und Salomonssiegel.

 

Links zu unserem Lexikon:
Homöopathische Einzelmittel: Digitalis
Herzschwäche
Herzrhythmus-Störungen
Angina pectoris

Verwandte Ratgeber:
Weißdorn für ein starkes Herz
Maiglöckchen: vom Allheilmittel zum Heilkraut fürs Herz
Vergiftung: Was tun bei einer Intoxikation?