Bluttransfusion: Blutersatz als Heilmittel

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Eine Bluttransfusion bedeutet oft eine lebensrettende Maßnahme, birgt aber immer gewisse Gefahren wie Unverträglichkeitsreaktionen oder Infektionen in sich. Ihre Notwendigkeit muss daher immer gegen die möglichen Risiken sorgfältig abgewogen, ihre Verabreichung penibel überwacht werden. Dabei gilt es einiges zu beachten.

Führen Verletzungen oder Operationen zu starken Blutverlusten oder liegen schwere Blutbildungsstörungen (z.B. Leukämie) vor, bedarf es der Gabe fremden Blutes, um schlimme Folgen zu verhindern. Ab wann sie notwendig ist, hängt neben der Größe der verlorenen Blutmenge vom Gesundheitszustand des Kranken ab. Bei der im Bedarfsfall erfolgenden sogenannten Bluttransfusion (lat.: trans = hinüber, fundere = fließen; Blutübertragung) werden bestimmte Blutbestandteile eines Spenders durch eine Infusion über eine Hohlnadel (Kanüle) in eine Vene des Empfängers eingebracht. Das oft lebensrettende Verfahren birgt allerdings allerlei Risiken.

Was bei Transfusionen übertragen wird

Beim Wort Bluttransfusion könnte man mutmaßen, Blut mit all seinen Bestandteilen würde einem Menschen entnommen und einem anderen verabreicht. Doch eine solche Übertragung von Vollblut bildet heute die Ausnahme. Frischblut in seiner natürlichen Zusammensetzung, das nicht älter als 72 Stunden ist, kommt nur noch in bestimmten Fällen, etwa zwecks Austauschtransfusion bei einer Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Neugeborenem oder hämolytischen Krisen (massiver Erythrozytenzerfall, z.B. bei einer schweren Sichelzellenanämie) zum Einsatz.

Sonst wird gespendetes Blut in den Blutbanken der Spitäler in seine Einzelkomponenten Erythrozyten (rote Blutkörperchen), Leukozyten (weiße Blutkörperchen), Thrombozyten (Blutplättchen) und Blutplasma aufgetrennt und den Patienten nur jener Bestandteil verabreicht, den sie benötigen. Wer aktuell eine Transfusion erhält, bekommt also

  • bei einer hochgradigen Anämie (Blutarmut, Mangel an für den Sauerstofftransport zuständigen roten Blutkörperchen) ein Erythrozytenkonzentrat, das fast ausschließlich rote Blutkörperchen enthält.
  • bei einer Thrombozytopenie (Mangel an den an der Blutgerinnung beteiligten Blutplättchen) ein Thrombozytenkonzentrat, eine gelbliche Flüssigkeit, hauptsächlich bestehend aus Plasma und Blutplättchen.
  • bei Mangel an Leukozyten (Abwehrzellen) verbunden mit einer lebensbedrohlichen Infektion ein Leukozyten- bzw. Granulozytenkonzentrat (sehr selten).
  • bei Gerinnungsstörungen (“Bluter“) Gerinnungsfaktorenkonzentrate oder Gefrierfrischplasma (fresh frozen plasma).

Am häufigsten werden Erythrozytenkonzentrate verabreicht, weshalb im allgemeinen Sprachgebrauch die Wörter Transfusion und Blutkonserve in der Regel für diese Art von Blutübertragung steht.

Meist stammt das verabreichte Blut von fremden freiwilligen Spendern (Fremdblutspende), das in einer Blutbank gelagert wird. Möglich ist aber auch, sofern weder ein schweres Herz-Lungen-Leiden noch eine Blutarmut oder Infektionskrankheit vorliegen, eine Eigenblutspende (autologe Bluttransfusion). Das bedeutet: Drei bis sechs Wochen (Haltbarkeit des Blutes: 42 Tage) vor einer geplanten Operation mit zu erwartendem größerem Blutverlust wird dem Patienten Blut abgenommen (max. fünf Konserven), ein Eigenblutdepot angelegt und ihm bei Bedarf später sein eigenes Blut transfundiert (Retransfusion). Durch die bei der Prozedur stattfindende Verdünnung des Blutes verbessern sich dessen Fließeigenschaften und Sauerstoffabgabe.

Blutübertragungen können übrigens schon im Mutterleib stattfinden (intrauterine fetale Bluttransfusion), wenn sich wegen einer Rhesusunverträglichkeit beim Ungeborenen (Feststellung per Fruchtwasser-Spektrophotometrie) eine Anämie entwickelt. Das Kind erhält dabei über die Nabelschnurvene oder seine freie Bauchhöhle Spenderblut der Blutgruppe 0 mit negativem Rhesusfaktor.

Risiko Unverträglichkeit

Empfänger- und Spenderblut müssen hinsichtlich bestimmter Merkmale (Proteinstrukturen an der Erythrozytenoberfläche) übereinstimmen und zwar hauptsächlich bezüglich der stark antigen wirksamen Blutgruppensysteme AB0 und Rhesusfaktor. Andernfalls kommt es zu Unverträglichkeitsreaktionen, d.h. Verklumpungen der roten Blutzellen. Daher dürfen Menschen mit der Blutgruppe A nur Blut der Blutgruppe A erhalten, solche mit der Blutgruppe B nur Blut der Blutgruppe B, rhesuspositive nur rhesuspositives Blut, rhesusnegative nur rhesusnegatives Blut usw. Allerdings können in Notfällen (lebensbedrohlicher Zustand, keine Verfügbarkeit vollständig passender Blutkonserven) Ausnahmen gemacht werden: So gilt Blut mit der Blutgruppe 0 und negativem Rhesusfaktor als Universalspender und darf an Menschen mit jeder beliebigen Blutgruppe verabreicht werden. Patienten mit Blutgruppe AB und positivem Rhesusfaktor wiederum dürfen dann Blut jeder Blutgruppe erhalten (Universalempfänger).

Daher ist vor der Verabreichung von Blutkonserven eine Blutgruppenbestimmung notwendig. Ob Empfänger- und Spenderblut kompatibel (verträglich) sind, wird per Kreuzprobe ermittelt: Blut aus der Konserve wird mit etwas Empfängerblut vermischt. Bei einer Unverträglichkeit bilden sich Verklumpungen in der Probe. Unmittelbar vor der Transfusion findet zwecks Vermeidung einer Verwechslung von Blutkonserven ein sogenannter Bedside-Test statt, bei dem direkt am Krankenbett nach Überprüfung der Identität des Patienten mit einer Testkarte mit Antiseren (Anti-A, -B, -AB, Anti-Rh) die AB0- und Rhesus-Blutgruppenmerkmale des Empfängers im Vergleich zur Blutkonserve getestet werden.

Kommt es doch infolge einer irrtümlichen Transfusion von blutgruppenunverträglichem Blut zu einer Transfusionsreaktion, tritt eine Hämolyse, d.h. Zerstörung der körpereigenen roten Blutkörperchen ein. Dann entwickeln sich ein Unwohlsein, Schüttelfrost, Fieber, Blutdruckabfall, eine Luftnot, eventuell auch ein Nierenversagen. Es drohen schwere Gerinnungsstörungen und ein lebensgefährlicher anaphylaktischer Schock. Natürlich muss die Transfusion in diesem Fall sofort abgebrochen, Kortison verabreicht, der Patient auf eine Intensivstation gebracht und etwaige Komplikationen behandelt werden.

Eher selten bilden sich Antikörper gegen Blutgruppenmerkmale des Blutspenders, die nicht dem AB0- oder Rhesussystem angehören, denn in der Erythrozytenmembran sitzen auch noch etliche andere Eiweißstoffe (z.B. MNS, Kell-Cellano, Duffy), die bei den routinemäßigen Untersuchungen nicht erfasst werden.

Eine andere Art von Transfusionszwischenfall beruht auf allergischen Reaktionen auf Eiweiße oder andere Stoffe des Spenderblutes, gegen die der Empfänger sensibilisiert ist. Sie äußern sich als Ausschlag mit Juckreiz oder auch Luftnot, Blutdruckabfall und Pulsbeschleunigung bis hin zum Schock. Das therapeutische Vorgehen entspricht demjenigen bei einer Fehltransfusion.

Auch möglich ist eine potentiell tödlich verlaufende Graft-versus-Host-Krankheit (Transplantat-gegen-Wirt-Erkrankung), d.h. die körpereigene Abwehr richtet sich gegen weiße Blutzellen des Spenders, etwa wenn das Immunsystem z.B. durch eine Erkrankung (z.B. Krebs) geschwächt oder durch Medikamente unterdrückt wird (Immunsuppression). Denn dann können sich die Spenderlymphozyten unter speziellen Bedingungen vermehren und den Empfängerorganismus, (vor allem das Knochenmark) angreifen. In der Folge stellen sich Fieber, Hautausschläge und Darmkrämpfe ein. Das Problem lässt sich durch eine Bestrahlung der Blutkonserve vor der Transfusion verhindern.

Risiko Ansteckung

Spenderblut birgt trotz strikter Sicherheitsvorschriften vor, bei und nach dem Blutspendevorgang (Erhebung von Risikofaktoren, Ausscheidung ungeeigneter Spender, steriles Arbeiten, Untersuchung des Blutes auf mögliche vorhandene Krankheitserreger) eine gewisse Gefahr, Infektionen (z.B. HIV, Hepatitis B oder C) übertragen zu können. Denn trotz Kontrollen bleibt ein gewisses Restrisiko, weil es zwischen Ansteckung und nachweisbaren Keimen bzw. Antikörpern ein “diagnostisches Fenster“ gibt. Bei einer Eigenblutspende fällt sowohl diese Problematik als auch die einer eventuellen Unverträglichkeit weg.

Weitere Risiken

Zusätzliche mögliche Komplikationen von Transfusionen sind:

  • Blutergüsse, Infektionen oder Blutgerinnsel an der Einstichstelle.
  • eine Luftembolie, falls dabei Gase in die Blutbahn gelangen.
  • ein Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge), falls sie zu rasch erfolgt.
  • eine Fieberreaktion mit Unwohlsein, Übelkeit und Schüttelfrost, ausgelöst durch Zellbestandteile und Botenstoffe aus dem Spenderblut.
  • eine Eisenüberladung (Hämosiderose) und damit Funktionsbeeinträchtigung innerer Organe (v.a. Leber, Herz, Bauchspeicheldrüse) bei wiederholten Erythrozytentransfusionen. Sie ist durch Gabe von Eisen bindendem Desferrioxamin vermeidbar.
  • eine transfusionsassoziierte Lungeninsuffizienz, d.h. durch eine Reaktion zwischen den weißen Blutzellen des Empfängers und Antikörpern des Spenderplasmas verursachte Störung der Lungenfunktion mit Atemnot.
  • eine Purpura (Blutungen in die Haut) durch ein starkes Absinken der Blutplättchenzahl.
  • eine Immunisierung, d.h. eine Unverträglichkeitsreaktion oder ein Wirkungsverlust bei einer Transfusion infolge der Entwicklung einer Antikörperbildung gegen übertragene Blutbestandteile bei einer vorangegangenen Transfusion.

Da es sich bei der Gabe von Bluttransfusionen um eine heikle Angelegenheit handelt, dürfen diese nur bei nachvollziehbarer Notwendigkeit und nur von einem Arzt angeordnet und verabreicht werden. Zudem erfordert sie eine ärztliche Aufklärung des Empfängers über Notwendigkeit und Risiken und eine ärztliche Überwachung, damit beim Auftreten von Unverträglichkeitsreaktionen rasch eingegriffen wird. Alle Daten zu Konserve, Arzt und Empfänger sowie eventuelle Zwischenfälle sind in der Krankenakte zu dokumentieren.