Syphilis: Tests verhindern Spätfolgen

©panthermedia.net, Arne Trautmann

Sie hat zwar an Schrecken verloren. Dennoch ist Syphilis (Lues, harter Schanker) gerade heutzutage wieder aktuell, steigt doch die Zahl der Infektionen. Meist bringen einfache Bluttests (Lues-Serologie) Gewissheit.

Sie war lange Zeit eine Geißel der Menschheit und hat auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Heinrich Heine oder Franz Schubert heimgesucht. Doch selbst heute noch ist Syphilis von Bedeutung. Rund zwölf Millionen Menschen sollen sich Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge jährlich mit der Geschlechtskrankheit infizieren. Glücklicherweise ist sie inzwischen gut behandelbar. Wird eine rechtzeitige Therapie verabsäumt, drohen aber Spätfolgen.

Klassische Geschlechtskrankheit

Neben dem Tripper (Gonorrhoe), dem weichen Schanker und dem Lymphogranuloma inguinale gehört die Syphilis (Lues, Lues venerea, Lues aphrodisiaca, harter Schanker) zu den vier klassischen Geschlechtskrankheiten (Venerea), die – hierzulande im Geschlechtskrankheitengesetz juristisch geregelt – bei Vorliegen der jeweiligen Erkrankung einer Melde- (nur die Zahl der Erkrankten) und Behandlungspflicht unterliegen bzw. bei Verdacht darauf einer Untersuchungspflicht. Man spricht auch von sogenannten STDs (sexually transmitted diseases: durch Sexualkontakte übertragbare Krankheiten; auch: STI = sexually transmitted infections), zu denen allerdings mehr Infektionen (z.B. HIV, Hepatitis, Herpes, Chlamydien, Trichomonaden u.a.m.) gehören als nur die vier genannten.

Globales Problem

Die Syphilis ist bereits seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Da wurde sie vermutlich von Seefahrern nach Neapel eingeschleppt, von wo aus sich eine Epidemie in Europa breit machte. Zahlreiche Namen der Lues wie neapolitanische, italienische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit oder Franzosenkrankheit (maladie française) bezeugen, dass die Lustseuche, wie die Syphilis auch genannt wird, seit damals zu einem internationalen gesundheitlichen Problem geworden ist. Lange Zeit entsprach die durch Bakterien der Gattung Treponema pallidum (lat.: bleicher Drehfaden; auch genannt: Spiralen des Todes) verursachte Infektion einer Verurteilung zu Siechtum und Tod, denn sie war nicht behandelbar. Bis zur Entdeckung des Penicillins im vorigen Jahrhundert.

Phasenhafter Verlauf – buntes Erscheinungsbild

Unbehandelt verläuft die Syphilis über mehrere Jahre bzw. Jahrzehnte in vier Stadien, wobei beschwerdefreie und symptomatische Episoden einander abwechseln. Charakteristisch für die Lues sind diverse Hauterscheinungen (Syphiloderma wie z.B. Akne syphilitica, Lichen syphiliticus, Pemphigus syphiliticus, Condylomata lata), die verschiedenen Hautkrankheiten ähneln können, was ihr im englischen Sprachraum die Bezeichnung “the great imitator“ eingebracht hat. Sie kann jedoch auch die unterschiedlichsten Organe befallen und so eine breite Palette an Beschwerden hervorrufen. Deshalb heißt sie auch Chamäleon der Medizin.

Übertragen wird die Lues in der Regel durch sexuelle Kontakte wie Vaginal-, Anal-, Oralverkehr oder auch intensives Küssen. Über kleinste Verletzungen der Schleimhaut oder Haut gelangen die Bakterien in den Körper, wo sie nach einer Inkubationszeit (Tage zwischen Ansteckung und ersten Symptomen) von bis zu 12 Wochen das erste Krankheitsstadium auslösen. Auch eine Infektion ungeborener Kinder im Mutterleib ist möglich.

Primärstadium

Erstes und häufig auch einziges Zeichen der Infektion ist der so genannte Primärkomplex, ein meist schmerzloser Schleimhautdefekt (gerötetes Geschwür mit derben Rändern = “harter Schanker“) an der Eintrittspforte (z.B. Penis, Schamlippe, Gebärmutterhals, After, Rachen) der Keime, der eine klare Flüssigkeit mit reichlich Krankheitserregern absondert. Er heilt – auch unbehandelt – nach drei bis sechs Wochen ab. Begleitend kommt es zu gleichfalls schmerzfreien Schwellungen der benachbarten Lymphknoten (z.B. in der Leiste). Diese Krankheitsphase ist hochgradig ansteckend.

Sekundärstadium

Nach einer unterschiedlich langen Latenzphase (symptomfreie Zeit; meist einige Wochen) breiten sich die Krankheitserreger über die Blut- und Lymphbahnen aus. Dann kann es zu unspezifischen Beschwerden wie Fieber, harten Lymphknotenschwellungen, Müdigkeit, Kopf-, Hals-, Gelenk- oder Muskelschmerzen kommen. Häufig tritt ein masernähnlicher Hautausschlag (Syphilid) auf, der sich innerhalb von Tagen zu rötlich-bräunlichen, teilweise schuppenden (Biett-Collerette) Knötchen wandelt. Er kann den ganzen Körper (oft: Brust, Bauch und Rücken) betreffen, zeigt sich aber charakteristischerweise an Handflächen und/oder Fußsohlen. Ebenfalls möglich sind Schleimhautveränderungen (z.B. Plaques) in der Mund- oder Genitalregion, ein mottenfraßartiger Haarausfall oder Knötchen an der Haargrenze (Corona veneris). Die Affektionen können so mild ausgeprägt sein, dass sie unerkannt bleiben.

Auch in dieser Krankheitsphase verschwinden die Symptome wieder, können jedoch mehrmals auftreten. Ohne Therapie geht das Sekundärstadium in eine jahre- bis jahrzehntelange Latenzphase über (Lues latens). Die Krankheitserreger verschwinden währenddessen nicht aus dem Körper. Damit bleibt die Ansteckungsgefahr erhalten, auch wenn sie mit fortschreitender Dauer der Latenzphase abnimmt.

Tertiärstadium

Typisch für diese späte (Jahre nach der Ansteckung) Krankheitsphase ist die Bildung prall-elastischer gummiartiger Knoten (Gumma, Syphilom), die konfluieren (zusammenwachsen). Sie entstehen an der Haut, aber auch an inneren Organen wie Herz, Leber, Knochen, Gelenken, Gehirn und Rückenmark. Das führt – je nach Ort und Ausmaß der Gewebezerstörung – zu unterschiedlichen Symptomen wie z.B. Lähmungen, Erblindung, Herzversagen oder sogar zum Tod. Besonders gefürchtet sind Gummen (Gummae) an der Hauptschlagader, weil sie ein Aortenaneurysma (Erweiterung der Aorta mit Wandverdünnung) nach sich ziehen können. Wenn das Blutgefäß reißt, verblutet der Betroffene.

Quartärstadium

In dieser letzten Phase einer unbehandelten Syphilis stehen die Veränderungen des zentralen Nervensystems (Gehirn, Rückenmark) im Vordergrund. Dann spricht man von einer Neurolues oder Metalues. Mit Folgen wie etwa einer chronischen Hirnentzündung, Demenz, Schmerzen in den Extremitäten, Gang-, Blasen- und Darmentleerungsstörungen, Lähmungen, Krämpfen, Persönlichkeitsveränderungen oder Koma.

Mit Lues geboren

Eine aktuell glücklicherweise nur noch selten anzutreffende Form der Krankheit ist die Lues connata (angeborene Syphilis), denn im Rahmen der vorgeschriebenen Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen findet ein Syphilis-Screening und – bei positivem Ergebnis – eine rechtzeitige Behandlung statt. Die Ansteckung eines ungeborenen Kindes geschieht über die Plazenta (Mutterkuchen), die ab etwa der 12. Schwangerschaftswoche für Treponema-pallidum-Bakterien durchlässig ist. Bleibt die Therapie aus, kommt es entweder zu einer Fehl- oder Frühgeburt oder zur Geburt eines zunächst unauffälligen Kindes, das aber im Lauf des ersten Lebensjahres bestimmte Symptome entwickelt. Wie beispielsweise einen Pemphigus syphiliticus (Hautausschlag mit Blasenbildung), periorale Parrot-Furchen (narbige Vertiefungen in den Mundwinkeln), eine Hepatomegalie (Lebervergrößerung) und Splenomegalie (Milzvergrößerung). Auch möglich ist eine Spätmanifestation der angeborenen Syphilis erst bis zu vier Jahre nach der Geburt. Sie zeigt sich u.a. in Wachstumsstörungen und der sogenannten Hutchinson-Trias, bestehend aus Tonnenzähnen (charakteristische Zahndeformitäten), einer Innenohrschwerhörigkeit und einer Keratitis parenchymatosa (Hornhautentzündung der Augen).

Syphilis erkennen und behandeln

Antikörper gegen die Krankheitserreger lassen sich per Bluttests (z.B. TPHA-, TPPA-, FTA-Abs-Test) nachweisen (Lues-Serologie). Die zu den Spirochäten zählenden Bakterien zeigen sich – z.B. in einem Abstrich aus einem Primärkomplex oder bei vermuteter Beteiligung des zentralen Nervensystems in einer Probe der Rückenmarksflüssigkeit (Gewinnung per Lumbalpunktion) – unter dem Mikroskop. Bei positivem Nachweis einer Syphilis sind auch der/die Sexualpartner des Infizierten zu untersuchen und gegebenenfalls zu behandeln. Therapiert wird die Infektion mit Antibiotika wie z.B. Penicillin. Danach erfolgen Erfolgskontrollen (z.B. VDRL-Test).

STDs vorbeugen

Der einzige so gut wie vollkommen sichere Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten wäre absolute Enthaltsamkeit. Oder Monogamie nach vorheriger Testung. Ein gangbarer Weg, aber ohne Garantie auf vollständige Ausschaltung des Infektionsrisikos, ist Safer Sex und eine regelmäßige durchgeführte Lues-Serologie.

 

Weiter führende Links:
Österreichisches Geschlechtskrankheitengesetz
Lues-Serologie

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