Neurodermitis & Psyche: die Haut als Spiegel der Seele

© panthermedia.net / Astrid Gast

Viele Neurodermitiker wissen: Am Zustand ihrer Haut lässt sich auch ihre seelische Verfassung ablesen. Denn psychische Strapazen beeinflussen den Krankheitsprozess. Die Hautsymptome wiederum verursachen Turbulenzen im Gemüt. Ein Kreislauf, den es zu durchbrechen gilt.

Die Haut ist nicht nur unser größtes Organ, sondern auch eine von Geburt an wichtige Struktur zur Kontaktaufnahme mit der Außenwelt. Weist sie krankhafte Veränderungen wie z.B. ein Ekzem auf, ist das deshalb nie ein rein körperliches Geschehen. Denn die Seele leidet mit, wenn die Umgebung sich abwendet oder abfällig äußert wegen eines Hautleidens, für das man noch dazu nichts kann. Das bekommen Menschen mit Neurodermitis (atopisches Ekzem, endogenes Ekzem), einer der häufigsten Hauterkrankungen, die auf einer vererbten Veranlagung beruht, regelmäßig zu spüren. Dann entsteht oft ein unseliges gegenseitiges Aufschaukeln: Der Zustand der Haut löst psychische Probleme aus. Die verstärken die Dermatitis, was nun wieder das Seelenleben beeinträchtigt, usw., usf. Dagegen lässt sich jedoch einiges tun.

Zusammenhang Haut & Nerven

Auch wenn der Begriff Neurodermitis (griech.: neuron = Nerv, derma = Haut) suggeriert, dass die Krankheit auf Veränderungen der Nerven zurückgehen könnte, handelt es sich tatsächlich um eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, die ebenso wie z.B. der Heuschnupfen zum atopischen Formenkreis (Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen) gehört. Dennoch haben äußere (z.B. Allergene, Klima, Ernährung) und innere Veränderungen (z.B. Stress, Ärger, Frust) Einfluss auf das Auftreten und die Intensität der Hauterscheinungen. Das hängt u.a. damit zusammen, dass sich die Haut aus denselben embryonalen Strukturen (Ektoderm) entwickelt wie das Gehirn und Nervensystem.

Der besondere Bezug der Haut zum Nervensystem wird auch darin deutlich, dass bestimmte Hautbereiche (sogenannte Segmente) über das Rückenmark enge Verbindungen zu bestimmten Körperorganen (z.B. Herz, Leber usw.) haben, was bei Erkrankungen derselben zu Missempfindungen in diesen zugehörigen Hautarealen führen kann, aber auch die therapeutische (z.B. mit Massagen) Beeinflussung innerer Organe über die Haut erlaubt.

Warum geht Stress unter die Haut?

Chronischer Stress bringt die körpereigene Abwehr aus dem Gleichgewicht. Die normalerweise ablaufenden vielfältigen Anpassungsvorgänge des Organismus auf Belastungen geraten in Schieflage. Die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen trägt dazu bei, dass Entzündungsreaktionen in Gang kommen und bleiben. Inklusive Freisetzung von Botenstoffen wie z.B. Histamin, das die Haut anschwellen lässt und quälenden Juckreiz verursacht. Vor allem, wenn es an adäquaten seelischen Bewältigungsstrategien fehlt. Das ist besonders dann der Fall, wenn bereits in der Kindheit belastende Erlebnisse oder gar traumatisierende Ereignisse stattgefunden haben. Dann genügt üblicher Alltagsstress wie z.B. eine bevorstehende Prüfung oder banale Auseinandersetzung und das Hautleiden “blüht“.

Doch es dürfte auch noch einen direkteren Draht zwischen den Nerven und der Körperhülle als über Hormone oder andere Botenstoffe geben, legen Forschungen über die Haut als neuroimmunologisches Organ nahe. Etwa eine Verbindung zwischen Nervenzellen, die bis in die oberste Hautschicht reichen,  und Immunzellen der Haut, die überschießend reagieren können.

Auf der seelischen Ebene bewirken krankhafte Hauterscheinungen, dass die für eine gedeihliche Entwicklung, für den Selbstwert und das Geborgenheitsempfinden so notwendige körperliche Zuwendung und Zärtlichkeit zum Problem werden kann, wenn Berührungen Unbehagen oder sogar Schmerzen verursachen. Das kann zum Gefühl, abgelehnt zu werden und zu einer ausgeprägten “Nähe-Distanz-Problematik“ führen. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die Hautveränderungen die Teilnahme an sozialen oder sportlichen (z.B. Schwimmen in gechlortem Wasser) Veranstaltungen verhindern können. So ist es kein Wunder, dass chronische Hautkrankheiten wie die Neurodermitis oft mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen einhergehen.

Die Zusammenhänge zwischen dem Innenleben und der Körperhülle hat längst in die Umgangssprache Eingang gefunden, was sich in zahlreichen Redewendungen ausdrückt wie etwa “unter die Haut gehen“, eine “dünne Haut haben“, “sich in seiner Haut (nicht) wohl fühlen“, “blass vor Schreck“ oder “rot vor Scham“ werden usw. Auch die berühmte Gänsehaut ist Ausdruck von auf die Haut einwirkenden Emotionen.

Neurodermitis: Auswirkungen auf das Seelenleben

Neurodermitische Haut ist trocken, rau und schuppt, denn es fehlt ihr an bestimmten Fetten und Wasserbindungsvermögen. Sie kann aufgrund ihrer gestörten Barrierefunktion Belastungen nur begrenzt Paroli bieten, weist ein anderes Keimspektrum auf als gesunde Haut und neigt zu Entzündungen. Vor allem aber: Sie juckt oft zum “aus der Haut fahren“. Kratzen verschlimmert das Problem – und das Hautbild, was oft auch das Selbstbewusstsein zusätzlich “ankratzt“. Der unerträgliche Juckreiz endet nämlich nicht mit dem Zu-Bett-Gehen. Daraus entstehen häufig Schlafstörungen, inklusive Folgen wie Tagesmüdigkeit, Unruhe, Stimmungsschwankungen,  Reizbarkeit und Leistungseinbußen. Das seelische und soziale Klima leidet. Die Haut auch. Und antwortet nicht selten mit einer Verschlimmerung des Ekzems. Und schon schließt sich der Teufelskreis.

Doch auch ohne intensive Kratzspuren wirkt die gequälte Haut wenig einladend. Oft macht sich bei der (unkundigen) Umwelt Unsicherheit breit. Sie fragt sich: „Ist das ansteckend?“. Und zieht sich vorsichtshalber zurück. Besonders “Feinfühlige“ sind gar erbost darüber, dass sich jemand mit so offenkundigen Hautläsionen unter Menschen traut. Das tut so mancher Neurodermitiker auch kaum mehr, macht er solche Erfahrungen und geht in die soziale Isolation. Dort kreisen die Gedanken dann erst recht um die Haut. Häufen sich die Krankenstandstage, kommt auch noch Angst vor dem Jobverlust hinzu.

Was den Stresspegel derart anhebt, dass die Haut mit einem Aufflammen des Ekzems reagiert, erfasst man am besten mit einem “Kratz-Tagebuch“, in dem man z.B. vermerkt, wann Juckreiz auftritt und welche Auslöser vermutlich dafür in Frage kommen. Das hilft auch, psychische von allergischen Einflüssen leichter zu unterscheiden.

Die Seele streicheln = die Haut beruhigen

Um den Negativkreislauf Juckreiz – Kratzen – noch mehr Juckreiz zu durchbrechen, ist es für Neurodermitiker wichtig zu lernen, seelischen Druck wahrzunehmen und mit ihm bewusst umzugehen oder besser noch ihn möglichst zu vermeiden. Indem sie für eine ausgeglichene Psyche sorgen mit Selbsterfahrungs- oder Entspannungsmethoden wie z.B.

Ein wichtiger Punkt dabei heißt Ablenkung vom Geschehen auf der Haut, denn umso mehr Beachtung man den Symptomen schenkt, umso mehr trägt man zu ihrer Verstärkung bei. Die Aufmerksamkeit auf Angenehmes (z.B. Lieblingsmusik) richten baut hingegen Stress ab.

Spezielle Schulungsprogramme wie z.B. das von der Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung (AGNES) für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern machen sich die Erkenntnis, dass Neurodermitis wesentlich durch die Psyche beeinflusst wird, zunutze und bieten neben Anleitungen zur richtigen Hautpflege und Ernährung auch Stressmanagement und Entspannungsverfahren zur Bewältigung mentaler Belastungen im Alltag an. Wissensvermittlung über die Krankheit (z.B. dass sie NICHT ansteckend ist) an die Umwelt dämmt zumindest teilweise unpassende negative Reaktionen ein.

 

Weiter führende Links:
Geburtenkohortenstudie (GINIplus): Zusammenhänge: Neurodermitis in früher Kindheit und späterer psychischer Verfassung
Neurodermitis-Schulung AGNES
Selbsthilfegruppen

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Link zu unserem Lexikon:
Neurodermitis