Hypertrichose & Hirsutismus: Wolfsmenschen und andere haarige Angelegenheiten

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Ein Hirsutismus kommt durch die Einwirkung männlicher Hormone auf Frauen zustande. Eine Hypertrichose kann viele Ursachen haben. Beiden Krankheitsbildern gemeinsam ist eine verstärkte Behaarung, die ihre Träger meistens stört, manchmal sogar zu Außenseitern macht. Wie die sogenannten Wolfsmenschen, die früher auf Jahrmärkten etc. zum Bestaunen ausgestellt wurden.

Mit Ausnahme der Fußsohlen und Handinnenflächen sitzen überall in der Haut Haare, wobei Männer natürlicherweise einen anderen Behaarungstyp (dichtere Behaarung an der Brust, am Bauch, an den Oberschenkeln, im Oberlippen- und Kinnbereich = Barthaare) aufweisen als Frauen. Hinzu kommen ethnische (z.B. Asiaten: oft geringere Körperbehaarung, Südländer: oft dickere und dichtere Haare) und familiäre Unterschiede im Behaarungsmuster.

Geht die Behaarung aber – örtlich begrenzt oder über den Körper verteilt – bei Männern oder Frauen über das normale Maß hinaus, d.h. liegt eine gesteigerte Haardichte vor, spricht man von einer Hypertrichose (griech.: hyper = darüber,  trichon = Haar; Hypertrichosis, Hypertrichiasis, Dasyma). Diese Form von übermäßiger Behaarung folgt nicht dem charakteristischen männlichen Behaarungsmuster. Im Gegensatz zum Hirsutismus (lat.: hirsutus = haarig), bei dem Androgene (männliche Hormone) für eine vermehrte und männertypische Behaarung von Frauen sorgen.

Warum verstärkt Haare sprießen

Eine übermäßige Behaarung kann harmloser Natur, aber auch  Zeichen einer Erkrankung sein. So treten Hypertrichosen auf

  • nach Hautreizungen (z.B. am Rand von Narben, unter einem Gipsverband, bei Durchblutungsstörungen der Beine oder einer Beinvenenthrombose)
  • bei bestimmten Muttermalen (z.B. Naevus pigmentosus et pilosus, Becker-Melanose)
  • begleitend zu Dysraphien (griech.: raphe = Naht), d.h. angeborenen Fehlbildungen durch eine mangelhafte Ausbildung des Rückenmarks bzw. gestörte Schließung der Neuralplatten (z.B. spina bifida aperta = “offener Rücken“)
  • als Hypertrichosis universalis congenita (kongenitale Hypertrichose, “Wolfsmensch“, “Haarmensch“): sehr seltenes Erbleiden, das zu einem gestörten Wachstumszyklus der Haare führt, sodass es zu keinem Übergang von der Wachstums- in die Ruhephase kommt, an deren Ende die Haare normalerweise ausfallen. Mit Ausnahme der Handflächen und Fußsohlen ist der gesamte Körper dicht behaart. Die Erbkrankheit kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an die Nachkommen weitergegeben werden (autosomal dominanter Erbgang).
  • als Hypertrichosis lanuginosa: erblich bedingter Fortbestand der Lanugo-Haare (Wollhaare = Haarflaum Ungeborener, der normalerweise noch vor der Geburt verschwindet)
  • beim Herzberg-Potjan-Gebauer-Syndrom (Hypertrichosis lanuginosa acquisita, malignant down, Hypertrichose-Paraneoplasie-Syndrom, Lanugo-Hypertrichose): Neubildung von Wollhaaren im Rahmen eines paraneoplastischen (im Zusammenhang mit einem Krebsleiden stehenden) Syndroms
  • als Folge hormoneller Störungen (z.B. Schilddrüsenunterfunktion) oder hormonproduzierender Tumore
  • bei bestimmten Blutkrankheiten (z.B. Porphyrie)
  • bei ausgeprägter Magersucht (Lanugo-Haare)
  • als Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten: z.B. Bluthochdruckmittel wie Minoxidil oder Diazoxid, Antiepileptika, Antibiotika wie Streptomycin, Psoralen (in Kombination mit UV-Bestrahlung zur Therapie von Hautleiden wie Schuppenflechte verwendeter Wirkstoff)

Ein Hirsutismus kann idiopathisch (ohne erkennbare Ursache) auftreten oder bei

  • einem polyzystischen Ovarsyndrom (PCO-Syndrom, PCOS): oft verbunden mit einem SAHA-Syndrom (Seborrhö, androgenetische Alopezie, Hirsutismus, Akne)
  • Tumoren in den Nebennieren oder Eierstöcken, die männliche Hormone bilden
  • bestimmten Stoffwechselkrankheiten
  • der Einnahme androgenhaltiger Medikamente (z.B. Anabolika zum Muskelaufbau)

Was tun bei übermäßiger Behaarung?

Tritt eine verstärkte Behaarung plötzlich auf, sollte auf jeden Fall ein Arzt konsultiert werden. Abhängig von der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) und den körperlichen Veränderungen bzw. dem Verteilungsmuster der Behaarung folgen Untersuchungen wie Bluttests (z.B. Hormonspiegel) und bildgebende Verfahren (z.B. Ultraschall, Computertomographie).

Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Hypertrichose bzw. des Hirsutismus. Zeichnet ein hormonproduzierender Tumor dafür verantwortlich, besteht die Therapie in einem chirurgischen Eingriff. Sind Medikamente der Grund für eine vermehrte Behaarung, können sie ev. – nach Rücksprache mit dem Arzt – abgesetzt oder durch andere Arzneien ersetzt werden. Auch eine Hormontherapie zur Unterdrückung der Bildung/Wirkung von männlichen Geschlechtshormonen bei Hirsutismus kann sinnvoll sein.

Aber nicht immer ist eine Überbehaarung von Grund auf behandelbar, denn manchmal ist sie lediglich Ausdruck einer erblich bedingten Neigung zu starkem Haarwuchs. Doch zumindest kann man die Symptome, sprich Haare, mit unterschiedlichen Enthaarungsverfahren kurz- (z.B. Rasur) oder längerfristig (z.B. mit Laser) beseitigen.

 

Weiter führende Links:
Naevus pigmentosus et pilosus
Becker Naevus

Link zu unserem Lexikon:
Polyzystisches Ovarsyndrom

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